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Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

06.12.2006



Geschwisterliebe

Adalbert war gar nicht mehr aufgewacht. Jez hatte ihn einfach mitgenommen und ins Bett gebracht, doch davon hatte der kleine Elf nichts mehr mitbekommen. Er war so ausgelaugt gewesen, dass er geschlafen hatte wie ein Stein. Selbst der allmorgendliche Ritus der Kartuschenübergabe konnte den Elf kaum aus seinem komatösen Schlaf wecken.

Erst als die Decke wieder von seinem Körper gezerrt wurde und sich die Kälte in seine Haut schnitt wie scharfe Messer, wälzte sich Adalbert murrend auf seinem Kissen hin und her, ehe er merkte, warum ihm heute kälter war als sonst. Er trug gar kein Nachthemd.

Sichtlich beschämt zog er sein Kissen über die intimsten Stellen seines Körpers und saß nun frierend im Schneidersitz auf der Matratze, das Kissen im Schoß und sah sich verwirrt um.

Sein Zimmer sah heute anders aus. Sonst lagen Klamotten herum und legten eine Spur vom Bad zum Bett, denn so wie Adalbert seine Klamotten fallen ließ, so blieben sie auch liegen, bis sich mal jemand erbarmte und sie weg räumte, ehe sich Staubisaugi noch daran verschluckte.

Adalbert kratzte sich am Kopf und alles andere wurde uninteressant, selbst der vierte Stern, der in einer Schatulle mit den anderen dreien um die Wette blitzte und blinkte. Adalbert suchte seine Klamotten, die fein säuberlich gefaltet auf einem Stuhl lagen, daneben sein Nachthemd. Was genau machte sein Nachthemd denn da drüben? Gehörte das nicht auf seinen Körper, um ihn warm zu halten?

Dann würde der kleine Elf nämlich gerade auch nicht frieren wie ein Schlosshund.

Seine Zähne schlugen aufeinander und Adalbert erschrak sich regelrecht bei dem Geräusch. Irgendwie war das heute nicht sein Tag, Adalbert wusste das, noch ehe er das Bett verlassen hatte. Kurz nur spielte er wirklich mit dem Gedanken, heute einfach wieder die Decke über den Kopf zu ziehen, sich vorher aber noch das Nachthemd anzuziehen, um seine Blöße und seinen... Adalbert kicherte... seinen Schwanz zu bedecken.

Vielleicht hätte er seinen Auftrag für heute auch auf morgen verschieben können, doch das war dann Adalbert doch etwas zu heikel. Einen Stern hatte er schon verbockt. Wenn ihm das noch ein paar Mal passierte, dann war es für immer vorbei und er konnte nie solch ein schöner Engel werden wie Jez.

Jez, na eben!

Da war doch noch was gewesen. Adalbert konnte sich durchaus noch daran erinnern, dass er mitten im Schnee plötzlich das Lächeln des Engels gesehen hatte. Vielleicht hatte der ihn auch nach Hause gebracht. Hieß das aber auch gleichzeitig, dass der Engel das Chaos hier gesehen hatte? Adalbert wollte sich gerade nur so zur Prophylaxe erst mal in Grund und Boden schämen.

Was hatte Jez wohl gedacht, als er das hier gesehen hatte? Überall lag was herum, in der Küche stapelte sich Geschirr, was der Elf, der jeden Tag erst mitten in der Nacht müde und hungrig heim kam, nicht mal mehr in den Spüler geräumt hatte. Am liebsten hätte sich der kleine Elf in ein Mauseloch verkrochen.

Doch dann zuckte er hoch, saß steif wie ein Brett, als ihm eine zweite Erkenntnis wie ein Blitz ins Hirn fuhr - wenn Jez hier gewesen war, dann war er es auch gewesen, der den kleinen, schlafenden Elfen ins Bett gesteckt hatte. Was wiederum bedeutete, dass Jez ihm die Kleider ausgezogen hatte. Was wiederum erklären würde, warum die nicht wie die Spur einer sich häutenden Schlange in seiner Bude lagen, sondern fein gefaltet auf einem Stuhl. Und wenn Jez genau das getan hatte, dann hatte er Adalbert auch nackt gesehen. Es war ein Reflex, auf seinen Schoß zu gucken und nun knallrot zu werden.

„Wie peinlich!"

Adalbert schlug seine Hände im Schoß zusammen und sein Blick ging zum Himmel. Was dachte Jez jetzt bloß von ihm? Hatte er sich über den kleinen, mickrigen Elfen tot gelacht? Und ihm deswegen nicht mehr das Nachthemd übergezogen, weil er sich vor Lachen kaum noch auf seinen Beinen hatte halten können? Der kleine Elf zitterte, er war so aufgeregt, er konnte gar nicht erklären warum.

Er wusste noch viel weniger, warum ihm plötzlich heiß wurde, warum sein Herz raste und warum sich sein Magen so zusammen zog. Er wurde doch nicht zu allem Übel auch noch krank?

„Scheiße, scheiße, scheiße!", fluchte der kleine Elf immer wieder, übrigens ziemlich unelfenhaft. Was sollte er denn jetzt machen? Was, wenn er Jez nie wieder sah, weil der von Adalbert die Nase voll hatte. Aber Adalbert wollte ihn doch wieder sehen! Den schönen Engel mit den sanften Augen und den weichen Schwingen. Das konnte doch nicht einfach so vorbei sein! Nur weil... Adalbert schluckte.

Nach und nach entwickelten sich diese Aufträge zu reinen Katastrophen. Das war doch alles nicht mehr normal. Er bekam Aufgaben gestellt, die fast unlösbar waren. Einen Teil davon hätte er ohne Jez' Hilfe ja nicht einmal zu Ende bringen können. Und selbst dann waren sie nicht von Erfolg gekrönt.

Der Elf merkte, wie er ganz langsam in einen Strudel rutschte, aus Selbstmitleid, Aufgabe und Zweifel. Er wusste genau, wenn er sich nicht gleich am Riemen riss und wieder zu sich kam, dann war der Strudel zu stark und er kam gar nicht mehr raus - mit oder ohne Jez’ Hilfe. Und wenn er schon mal dabei war: er hatte doch nicht umsonst den Ruf des stursten Elfen weit und breit! Wozu war er denn Adalbert, wenn er sich dann so gehen ließ? Also straffte sich der schlanke Körper, auch wenn er nackt war und Adalbert erhob sich. Im Kasten warteten zwei Neue auf ihr Glück und so kam der Elf ziemlich schnell mit sich überein: wenn er Jez wieder sehen wollte, dann nur bei seinen Aufträgen.

Also täuschte er keine Müdigkeit vor, sondern ging duschen, klemmte die Daten wieder hinter den Spiegel, um zu lesen und hob eine Braue, als er durch war. Zwei Brüder, von denen der eine nicht wusste, dass er einen großen Bruder hatte. Das konnte ja nicht so schwer sein! Zudem gingen beide noch auf die gleiche Schule. Das war doch perfekt, kurze Wege.

Doch Adalbert hatte aus seinem gestrigen Debakel etwas gelernt: unterschätze keinen Auftrag. Gestern hatte er auch gedacht - Hey, die Jungs sind ein Paar, einfach ab nach Deutschland und schon ist alles im grünen Bereich. Doch Adalbert hatte ziemlich schnell merken müssen, wie er sich da verschätzt hatte, denn wenn das Wetter nicht wollte, dann ging gar nichts. Errungenschaften der Technik hin oder her, gegen die Natur und ihre Gewalt kam der Mensch und auch ein kleiner Elf einfach nicht an.

Na ja, zumindest das Wetter konnte Adalbert heute eigentlich keinen Strich durch seine Rechnung machen, sobald er eine Rechnung hatte. Wie üblich wollte er sich Til erst einmal ansehen, ihn beobachten und darauf warten, was mit ihm war. Dann würde er ihm seinen Bruder vorstellen und tada! Auftrag erfüllt.

Schon wieder etwas besserer Laune, auch wenn die Tatsache, dass Jez ihn nackt gesehen haben könnte, noch ziemlich an Adalberts Nerven fraß, zog sich der kleine Elf wieder etwas über. Frische Ringelsocken. Ein sauberes Ringelshirt. Trockne Elfenschuhe und eine saubere Zipfelmütze. Nicht zu vergessen die Hotpants - ganz wichtig, wegen der Bedeckung der heiklen Stellen.

Wie gestern schon zog sich Adalbert noch was aus dem Automaten, gab die Koordinaten ein und eine Sekunde später stand er in einer Horde von Kindern, die ihn komisch anguckten. Es brauchte genau einen Wimpernschlag, bis sie in dem Jungen einen Elfen erkannten und nun an ihm herum zerrten, an seinen Flügeln zupften, an der Zipfelmütze. Adalbert wusste in seiner Panik gar nicht, was er sich zuerst festhalten sollte! Wo war er denn hier gelandet?

„Gerrit, lass den Jungen in Ruhe", rief eine erwachsene Stimme und Adalbert sah sich etwas genauer um. Er stand an der Bushaltestelle in einer Horde von Vorschulkindern und hinter ihm war eine Schule. Wenn er Glück hatte und der hohe Rat ihm hold gewesen war, so war das die Schule, um die es ging, weil sich dort Rick und Til herumtrieben. Weil der Kleine, der Adalbert gerade an den Flügeln zerrte, etwas ertappt zu seiner Erzieherin sah, nutzte Adalbert die Chance und türmte erst mal. Abstand zwischen ihm und den Mini-Halbstarken war immer gut.

Und als wäre das Glück heute Adalberts ständiger Begleiter, hatte er auch schon das Objekt des Tages gefunden.

„Til, los! Der Steinmeier bringt uns um, wenn wir wieder Latein schwänzen!", rief ein Junge, doch Til reagierte gar nicht. Er hatte keine Lust, sich schon wieder von diesem alten Sack sagen zu lassen, dass er kein Talent hätte und vielleicht nicht unbedingt das Abitur anstreben sollte. Auch mit einem Realschulabschluss wäre doch sicher eine gute Lehrstelle zu finden.

Früher hatte Til solch ein Schwachsinn nichts ausgemacht. Er hatte den Rückhalt von seinem Vater bekommen, der immer an seinen Jungen geglaubt hatte.

Doch das war vorbei, solange vorbei.

Ein einziger Unfall und nichts war mehr, wie es einmal gewesen war. Eine unaufmerksame Sekunde eines LKW-Fahrers und schon hatte er den schwarzen Porsche so weit zusammen geschoben, dass für Guido Kramer alles zu spät gewesen war. Es war Tils einziger Trost, dass er sofort tot gewesen war, weil sein Genick der Belastung nicht standgehalten hatte und ihm so eine Menge Schmerzen und Qualen erspart geblieben waren. Doch es machte den Verlust auch nicht leichter.

Und als hätte dieser Schicksalsschlag nicht gereicht, hatte man ihn zur Schwester seines Vaters schicken wollen. Ausgerechnet zu Tante Jenny, die streng katholische, vertrocknete Jungfer, die dem Irrglauben erlegen war, nur ein Gott geweihtes Leben sei ein gutes Leben. Zum Glück für Til hatte man dies aber erst einmal abgeschmettert, weil man ihn mitten im Schuljahr nicht aus der Schule reißen wollte.

Nun war er vorerst in einem betreuten Wohnheim unterkommen. Die Eigentumswohnung gehörte aber auch weiterhin ihm. Allerdings durfte er da erst nächstes Jahr wieder einziehen, wenn er gezeigt hatte, dass er in dem betreuten Wohnen, in dem er momentan steckte, gute Ansätze zeigte. Doch das war gar nicht so leicht, wenn man da der Kleinste war und die Freundin eines verurteilten Schlägers einem immer wieder an die Wäsche wollte.

Til saß in einer Zwickmühle. Einerseits mochte er die Schule gar nicht, andererseits war das der Ort, wo Kim und ihr Schlägerfreund sich nicht herum drückten, weil sie auf eine Förderschule gingen. Doch so angenehm war es hier auf der Schule auch nicht und der Grund dafür kam gerade durch den kleinen Park vor der Schule. Geschniegelt, gebügelt und immer korrekt. Rick Schneider, Schülersprecher des Abiturjahrganges und seit Neuestem wohl Tils selbsternannter Gönner und Mentor.

Wenn der ihn hier vor der Schule sah, dann ging das Gezeter wieder los und Rick schleifte ihn eigenhändig in seine Klasse, als hätte der Vogel kein eigenes Leben. Also machte sich Til hinter den Fahrradständern ganz klein und behielt den Kerl immer im Auge. Der war so eklig perfekt, dass es Til nur hoch kam, wenn er diesen Typen auch nur sah.

Der Kerl war ein echter Stachel in Tils Hintern, auch wenn der Rest der Schule ihn geradezu anhimmelte. Ob die Weiber, die ihn vergötterten und ihn wohl schon im Traum als Vater ihrer Kinder sahen, wussten, dass der Kerl schwul war und gar nichts mit einer Frau anfangen konnte? Sicher nicht, sonst würden sie ihm nicht so hinterher schmachten. Til zischte leise, als er sich beim Abstützen einen kleinen Ast in die Hand rammte, doch er verbiss sich jeden Laut. Das tat weniger weh als seine Ohren, wenn Rick wieder mit ihm fertig war. Und gucke da!

Der Grund, warum der perfekte Rick der Damenwelt entsagt hatte, war auch nicht weit. In der Schule taten die Zwei so, als könnten sie kein Wässerchen trüben, doch wenn keiner hin sah, dann, ja dann!

Seit dieser Rick seinen Samariter-Spleen hatte, seit dem hatte Til automatisch auch Jan auf dem Hals, der ihm immer wieder mit einem süffisanten Lächeln erklärte, dass er ihm die Finger brechen würde, wenn er sie an Rick legen würde oder dass er ihm den Arsch aufreißen würde, wenn er sich einfallen lassen sollte, Rick anzumachen.

Hallo?

Machte der blöde Kerl mal seine Glubscher auf? Guckte der mal richtig hin, wer hier wem hinterher stieg? Wer hier wen belästigte? Til könnte sich auch schöneres vorstellen, als jedes Mal in unerwarteten Situationen von dem Kerl abgepasst zu werden und mit Mitschriften, Büchern und guten Ratschlägen vollgelabert zu werden. Fraglich nur, warum Rick das seinem Freund noch nicht verklickert hatte? Oder hatte er es ihm doch verklickert und bei dem sprach die Haarfarbe mal wieder Bände?

Eigentlich war das Til auch ziemlich egal, denn wenn die zwei da drüben gerade ein stilles Fleckchen suchten, um zu knutschen, dann konnte Til heimlich verschwinden und sich im Stadtpark schön die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Das war auf jeden Fall erquickender, als alte Römer und eine tote Sprache und außerdem war er dort seinem Vater ein wenig näher.

Denn dort war Guido oft mit seinem Sohn gewesen, hatte mit ihm Fische und Enten gefüttert oder sie waren Drachen steigen oder Schlitten fahren. Und selbst bei Regen war Guido mit seinem Kleinen zum Pfützenspringen gewesen, weil er wusste, wie sehr Til das liebte, vor allem dann, wenn er bis zu den Knien versank und die kleinen Stiefelchen voll Dreckwasser und Schlamm liefen. Hinterher wurde der Kleine mindestens eine Stunde gebadet und dann war auch das wieder beseitigt gewesen.

Doch diese Zeiten waren vorbei - unwiederbringlich.

Langsam schlenderte Til durch die Straße. Die Sonne ging gerade zögerlich hinter den Häusern auf, doch ihr gelang es nicht wirklich, Licht auch noch in die verwinkeltste Ecke gleißen zu lassen. Alles lag in einem trägen Dämmer, der alles lähmte. Der dreckige Matsch auf den Bürgersteigen, der vor ein paar Tagen noch ein weicher, weißer Teppich aus frischen Flocken gewesen war, taute langsam vor sich hin, weil der Herbst sich noch nicht geschlagen geben wollte und die letzten, warmen Strahlen einen Kampf gegen die kalten Finger führten, die langsam nach allem griffen.

Überall standen Pfützen, doch Til wich ihnen nur aus. Es war einfach nicht mehr das selbe, ohne seinen Vater. Er fehlte ihm.

Auch wenn er sonst den starken Mann gab, wenn er glauben machen konnte, er steckte das einfach so weg, so war es nicht, verdammt. Er war allein, so vaterseelenallein!

An seine Mutter konnte sich Til nicht erinnern. Sie hatte ihn und seinen Vater verlassen, da war Til noch keine zwei Jahre alt gewesen. Außerdem war sie kurz darauf auch gestorben, wie sein Vater ihm einmal erzählt hatte, doch er war Zeit seines Lebens gut ohne eine Mutter ausgekommen, sein Vater hatte ihm völlig gereicht. Sie zwei beide, sie waren das perfekte Team gewesen und nun war er ein Einzelkämpfer geworden.



***



„Ich muss", murmelte Jan nur, als er seine Lippen von denen seines Freundes löste. „Bleib sauber." Er grinste, doch seit er Rick immer öfter in der Nähe von diesem Zehntklässler sah und Rick jeder noch so kleinen Andeutung seitens Jans auswich, war er sich dessen nicht mehr so sicher. Er liebte seinen Freund, er vergötterte ihn geradezu und er vertraute ihm, doch der kleine Kerl aus der Zehnten ging ihm ziemlich gegen den Strich, denn die kleine Kröte war zu allem Übel auch noch ziemlich frech und vorlaut. Allerdings war auch aus dem nicht heraus zu bekommen gewesen, was Rick mit ihm zu schaffen hatte.

„Immer doch, Schatz", sagte Rick nur und strich sich seine Jacke wieder gerade. Seit einem Jahr trug man an dieser Schule Uniformen, eine Neuerung von Rick, die anfangs auf Ärger, zum Schluss aber auf große Begeisterung gestoßen war. Nun trugen die Jungen Hemd, Hose und Jacke und die Mädchen Rock, Strumpfhose und Pullover. Alles in einem modischen, dunklen Grün.

Jan richtete seinem Freund noch den Kragen, dann musste er aber wirklich gehen. Im Gegensatz zu seinem Freund besuchte er nicht mehr die Schule, sondern machte eine Lehre zum Koch und seine Berufsschule startete eine Stunde später als das Gymnasium. So hatte er es sich nicht nehmen lassen, seinen Schatz, wie jeden Morgen, noch zur Schule zu fahren.

Weil er ihn nicht einfach so mit einem Kuss verabschieden konnte, suchten sie sich immer gern ein Eckchen in der Turnhalle oder hinter dem Club, dort, wo sie keiner sah. Rick schämte sich nicht dafür schwul zu sein, doch er malte sich aus, dass seine Beliebtheit rapide sinken könnte, wenn das heraus kam. Er war im Abschlussjahr und wollte dort mit einem guten Eindruck weggehen.

Jan hatte verstanden und es akzeptiert, denn nach der Schule oder abends wurde er immer ausreichend dafür entlohnt, dass er wieder einen Tag Versteckspiel durchgehalten hatte. Es waren nur noch ein paar Wochen bis zu den Prüfungen und dann wollte Rick die Sache sowieso publik machen, denn zum Abschlussball würde Jan ihn begleiten und niemand sonst.

Noch einmal trafen sich ihre Lippen kurz, dann machte Jan auf dem Absatz kehrt und ging über den Hof zu seinem Wagen, winkte noch einmal als er anfuhr und Rick machte, dass er ins Schulhaus kam. Er hatte noch etwas vorzubereiten für seine nächste Stunde, deswegen war er früher da als nötig. Ein prüfender Blick, das Rad seines kleinen Bruders stand wo es hin gehörte, folglich war er sicher auch in seiner Stunde.

Til.

Ein schweres Kapitel. Er hatte gar keinen Schimmer, dass er noch eine Mutter und einen Bruder hatte. Er kam nicht einmal auf die Idee, dass es so sein könnte und Rick wusste auch nicht, wie er es dem Kleinen sagen sollte, ohne dessen Vater, sein ein und alles, noch nach seinem Tod in ein schlechtes Licht zu rücken. Er hatte es einfach noch nicht übers Herz gebracht, ihm zu sagen, dass Guido ihn belogen hatte. Dass seine Mutter nicht tot war und dass er auch kein Einzelkind gewesen war.

Auch zu sagen, warum Tamara sich von ihrem Mann getrennt hatte, der mit seinem wachsenden Erfolg einen Höhenflug bekommen hatte und mit seiner Sekretärin durchgebrannt war, das brachte Rick einfach nicht übers Herz. Wie stand denn der Einzige, zu dem Til je aufgesehen hatte, dann da? Es musste doch im Nachhinein so wirken, als hätte Rick nur vor, Til an sich und seine Mutter zu reißen, dabei war es doch gar nicht an dem.

Tamara schlief noch immer schlecht, auch nach 14 Jahren. Zu wissen, dass ihr Junge da draußen war und ihn nicht sehen zu dürfen, weil es richterlich so geregelt worden war. Guido hatte, zusammen mit seinem kleinen Jungen, in den er all seine Hoffnungen setzen wollte, nichts mehr mit den Versagern zutun haben wollen.

Es hatte wehgetan, es hatte lange wehgetan, doch Rick war den Kinderschuhen entstiegen und hatte begriffen, wie winzig ein Ego sein musste, wenn man es künstlich aufblasen musste. Wie schäbig jemand war, der sich nur erhöhen konnte, indem er andere erniedrigte. Guido war ein Blender gewesen, doch seinen Jungen, den hatte er auf Händen getragen.

Til kannte ihn nicht, wie Rick ihn kannte. Er kannte nicht die weinende Mutter oder das Gefühl, weggeschmissen worden zu sein, weil man nicht mehr nützlich war. Er kannte nur die Sonnenseite von diesem Mann. Dagegen anzukommen, in einer Zeit wie dieser, war so gut wie unmöglich, weil er Til so in die falsche Richtung trieb. Nicht in die Arme der Familie, sondern von ihnen weg.

Es war so schwer!

Alles was er tun konnte, war nicht zuzulassen, dass Til in der Schule versagte. Er kümmerte sich um die Stundenpläne, die Mitschriften, die Literatur und die Bücher. Er half ihm, wo es nur ging, auch wenn er täglich aufs Neue spürte, dass Til diese Hilfe nicht wollte. Doch was sollte Rick sonst tun? Er konnte nicht die Hände in den Schoß legen und sagen: dann eben nicht. Es war doch nicht Tils Schuld, dass er von seiner Familie nichts wusste und er konnte den Jungen doch nicht für seinen selbstherrlichen Vater bestrafen. Das ging nicht.

Mit Jan hatte Rick noch nicht darüber reden können. Er wusste ja selbst nicht warum. Er liebte ihn, er vertraute ihm und er war sich sicher, Jan würde ihn verstehen. Vielleicht musst er aber auch erst selber mit sich und dem Thema ins Reine kommen, ehe er mit einem anderen darüber reden konnte. Er spürte genau, dass Jan misstrauisch wurde, er spürte genau, dass es ihm unter den Nägeln brannte, nicht zu wissen, was Til mit Rick verband.

Doch Rick war einfach noch nicht so weit zu begreifen, dass er wirklich einen Bruder hatte. Doch für heute hatte sich Rick vorgenommen, alles aufzuklären. Er würde Jan sagen, wer Til war und vielleicht konnte er Til auch andeuten, dass der nicht allein war.

Er trug die Kopien einiger Schriftstücke mit sich, die dem Jungen die Füße unter dem Boden wegziehen konnten, die Guido in seinem Hass gegen seine Frau, die es gewagt hatte, sich scheiden zu lassen, nur weil er fremd ging, zeigten und ein Bild von ihm malten, was Til nicht gefallen dürfte. Doch darauf konnte Rick auch keine Rücksicht mehr nehmen. Wenn der Kerl es nicht begriff, wenn man behutsam vorging, dann eben die volle Packung.

Für seine Mutter.

Damit die eines Tages mal wieder ruhig schlafen konnte, weil sie wusste, ihr jüngster Sohn wusste von ihr und hasste sie nicht. Nur für sie schlich er diesem Kerl hinterher und hinterging seinen Freund. Hoffentlich war es das auch Wert.



Weil Rick wusste, dass Til sich für nächste Woche auf ein Referat zum Potsdamer Abkommen vorbereiten musste, hatte er ihm noch ein Buch aus der Bücherei geholt und wollte es ihm geben, doch er war ziemlich überrascht, als aus dem Raum, in dem Til von rechts wegen hätte sein müssen, einfach kein Til kam. Auch als er hinein sah, war der Junge nirgends zu sehen. Dass er aus dem Fenster des dritten Stocks gesprungen war, wollte Rick dann doch nicht glauben, also war die kleine Plage wieder mal getürmt! Klasse!

Warum schmiss der denn einfach so sein Leben weg? Hatte er denn gar kein Ziel mehr? Weil Rick wusste, dass Herr Steinmeier auf den Jungen nicht sehr gut zu sprechen war, fragte er lieber nicht nach. Er wollte Til nicht noch mehr Ärger machen als der sowieso schon hatte. Also ging Rick zurück in seine eigenen Räume und brachte so den Tag mehr schlecht als recht hinter sich.

Jede Pause suchte er Til und jede Pause wurde er aufs Neue enttäuscht. Zu keiner seiner Stunden hatte sich der Bastard heute blicken lassen. Somit hatte er Ricks Wut dermaßen geschürt, dass der kaum noch in der Lage war, klar zu denken. Was bildete der Kerl sich ein? Dass er der Einzige war, der jemanden verloren hatte? Dass er sich gehen lassen konnte, ohne dass jemand sich Sorgen machte? So aber nicht!

Vergessen war, dass er mit seinem Freund vor dem Kino verabredet war. Vergessen war, dass er noch zur Schülerratssitzung gemusst hätte. Er griff sich die Unterlagen, die er mal wieder für Til eingesammelt hatte und stopfte alles in seinen Rucksack und stapfte los. Er konnte sich sehr gut vorstellen, wo er die kleine Landplage fand. Der konnte wirklich ein Stachel im Arsch sein! Glaubte der wirklich, perfekt Super Mario spielen zu können, brachte ihn im Leben weiter als ein guter Abschluss?

Knurrend strebte Rick das Einkaufszentrum an. In der Elektronikabteilung, dort wo man die Videospiele ausprobieren konnte, lungerte sein kleiner Bruder gern bis sehr gern herum, spielte Ballerspiele, deren tieferen Sinn Rick noch nicht verstanden hatte und fragte sich, wie die Ladenbesitzer das mit sich selbst vereinbaren konnten, Kinder, die eigentlich in die Schule gehörten, den ganzen Tag für Lau da spielen zu lassen!

Wütend lief Rick immer schneller. Er wich dem schmelzenden Schnee nicht aus und so spritzte immer wieder Matsch gegen seine Hose, tränkte sie langsam und die Nässe kroch höher und höher, im Gegenzug fiel seine Laune tiefer und tiefer. Und wie erwartet: kaum dass Rick in den Laden kam, sah er Til schon, wie er gerade, umringt von einem Pulk anderer Schulschwänzer, seine Gegner reihenweise niederstreckte.

Rick stand kurz vor einer Explosion. Ohne weiter darüber nachzudenken, was gleich passieren würde, griff er sich seinen kleinen Bruder im Genick und schleifte ihn hinter sich her. Der Sound des Spiels zeigte, dass Til nun tot war und ein anderer machte sich an der Konsole nun zu schaffen.

„Bist du eigentlich total bescheuert!", herrschte Til den Kerl an. Was mischte sich der schon wieder in sein Leben! Er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, dass er darum gebeten hätte, dass dieser Bastard sich so wichtig machte. Er war gerade dabei gewesen, den Rekord zu brechen. Noch lumpige 200 Punkte hatten gefehlt und der Scheißkerl versaute ihm die Tour!

„Solltest du nicht in der Schule sein?", zischte Rick, zerrte Til aber unaufhörlich weiter, auch wenn der Kleine moserte und zeterte. Er strebte die oberste Etage an, dort standen ein paar Bänke, es war ungestört und dort konnten sie reden - und heute würden sie reden. Auf jeden Fall würden sie reden, ob Til das nun hören wollte oder nicht.

Was der Kerl dann mit seinem Wissen anfing, war seine Sache, aber Rick konnte dann wenigstens sagen: er hatte es versucht.

„Was geht es dich an, du Arsch. Du bist nicht mein Vater!", brüllte Til, doch Rick zeigte sich davon gänzlich unbeeindruckt.

Er zog den Kleinen weiter hinter sich her, der gar keine Chance hatte, sich zu wehren, weil er viel kleiner und schwächer war, doch auch er wurde langsam sauer. Der Kerl ging ihm auf die Nerven und er war bereit, alles zu tun, damit der ihn endlich in Ruhe ließ und sich ein anderes Opferlamm für seine heiligen Taten suchte. Ihm ging der Arsch nämlich ziemlich auf den Nerv.

„Soweit ich weiß, herrscht in Deutschland allgemeine Schulpflicht. Sei also froh, dass nur ich dich jetzt aufgreife und wir reden und nicht die Polizei, die dich dann zurück zur Schule bringt", erklärte Rick nur. Er versuchte die Wut in seiner Stimme zu drosseln, denn diese pubertären Gören, die in dem Irrglauben aufwuchsen, ihnen gehöre die Welt und jeder warte nur auf sie, gingen ihm ziemlich gegen den Strich. Da war Til nicht der einzige, aber der einzige, bei dem er hoffte, etwas ändern zu können.

„Du gehst mir auf den Nerv, Wichser, hat dein Stecher keine Zeit oder wo liegt das Problem!", platzte Til plötzlich heraus und schlug sich eine Sekunde später eine Hand vor den Mund. Das hatte er wirklich nicht sagen wollen, doch Rick hatte ihn so gereizt, dass er gänzlich die Haltung verloren hatte.

Rick biss nur die Lippen aufeinander und würdigte diesen Kommentar keiner Antwort. Warum hatte das jetzt wehgetan? Es war doch nun wirklich nicht so, dass er sich vor Til rechtfertigen musste. Die Rothaarige, mit der er ab und an herum zog, war ja auch nicht gerade eine, die Schönheitswettbewerbe gewinnen konnte. Es ging Til nichts an, wen er liebte! Er zog Til nur harscher hinter sich her die Treppen hinauf und der Junge begriff, dass er zu weit gegangen war, doch entschuldigen wollte er sich nicht. War doch Ricks eigenen Schuld, was provozierte er ihn! Mischte sich in Dinge, von denen er keinen Schimmer hatte.

Er zischte leise, als er mit Schwung auf eine Bank geschleudert wurde und aus einem Reflex heraus, wollte er aufstehen und gehen. Solch eine Behandlung musste er sich nicht gefallen lassen! Wirklich nicht.

„Bleib hocken, wenn dir dein Leben lieb ist", zischte Rick plötzlich mit blitzenden Augen und selbst Adalbert, der dem jungen Mann den ganzen Tag gefolgt war, zuckte zusammen und suchte sein Heil in der Flucht, indem er sich unsichtbar machte, aber weiter beobachtete. Wirklich glücklich sah sein Klient ja nicht aus. Schon gar nicht, als er von Rick wieder auf die Bank gepresst wurde.

„Du hast mir gar nichts zu sagen." Til rebellierte nur noch. Er wusste nicht so richtig, was er diesem Kerl entgegen setzen konnte.

„Und ob ich dir was zu sagen habe und wenn du es dir schon nicht für mich anhören willst, dann wenigstens für deine Mutter, denn die macht sich immer noch Sorgen um dich", zischte Rick. Ein Knie stand neben Til auf der Bank und sein rechter Unterarm stützte sich quer über Tils Brust, um ihn zu halten, wo er war. Sie funkelten sich an, maßen sich mit Blicken.

„Was soll die Scheiße. Findest du das lustig? Ich habe keine Mutter und auch keinen Vater, falls du das genau wissen willst", brüllte Til. Er wusste sich nicht mehr zu helfen.

„Oh doch, du kleine Ratte hast sehr wohl eine Mutter, auch wenn Wichser Guido dir da andere Märchen erzählt... ng!" Rick zuckte zusammen, denn eines von Tils Knien hatte ihn in der Seite getroffen.

Wut und Tränen schwammen in den Augen des Jungen und irgendwie tat es Rick leid, aber es ging doch nicht anders. Der Kerl hörte doch gar nicht zu.

„Lass meinen Vater aus dem Spiel. Woher du auch seinen Namen wissen magst, halt dein Maul. Er war der beste Vater, den man nur haben kann!" Til verkniff sich die Tränen. Nein, er würde nicht heulen wie ein Baby und schon gar nicht vor diesem Kerl.

„Blöd nur, dass er seinen großen Sohn wie Müll weggeworfen hat, hm? Der gute Guido, der perfekte Vater." Rick hörte nicht auf. Alles was er Guido nie ins Gesicht hatte sagen können, musste nun Til ertragen und Rick dachte nicht einmal mehr darüber nach, ob der Junge überhaupt in der Lage war, das zu ertragen.

Adalbert war gar nicht wohl dabei. Hier musste jemand ran, der Rick wieder zur Vernunft brachte und so zauberte er eine SMS mit Ricks Absender auf Jans Handy. Er war der Einzige, der hier noch etwas richten konnte.

„Was redest du. Ich war ein Einzelkind." Tils Stimme klang heiser. Er begriff einfach nicht, was dieser Kerl von ihm wollte! Warum redete er so abfällig über seinen Vater und warum war er so verbissen ernst dabei, fast so, als würde Rick das selber glauben, was er da sagte.

„Klar, Einzelkind. Weil er einen richterlichen Beschluss erwirkt hat, dass ich und Mom dir nicht mehr näher kommen durften! Lies!", schrie Rick, gänzlich außer sich und zerrte einen Zettel aus seiner Tasche.

Til begriff nicht gleich und Rick drückte ihn wieder fester gegen die Bank. „Du sollst lesen, hab ich gesagt. Oder hast du das während deiner Schwänzerei verlernt!" Ricks Stimme war bedrohlich leise und ließ Til gehorchen. Mit zitternden Fingern faltete er das Papier auf und erkannte das Briefpapier seines Vaters. Es war eine ältere Version, noch nicht ganz so modern, doch er konnte sich an diese Version noch genau erinnern. Vor circa sieben Jahren hatte Guido dann das Design mal geändert.

Es waren nur wenige Zeilen, keine Anrede, einfach in Guidos Handschrift geschrieben. Wut sprach aus diesen Zeilen, das sah Til an der Federführung.

„Wenn du, Schlampe, nicht endlich die Finger von meinem Jungen lässt und dich ihm noch einmal heimlich näherst, dann werde ich dich verklagen, dass dir Hören und Sehen vergeht. Das Gericht hat mir Til zugesprochen und dabei wird es auch bleiben. Kümmer du dich um deinen verkorksten Bastard, aber halt dich aus unserem Leben raus."

Til wurde blass. Er wusste gar nicht, was er noch sagen sollte.

Das konnte nur eine Fälschung sein! Das konnte nicht wahr sein.

Das war nicht von seinem Vater, wie auch immer dieser Bastard Rick das gemacht hatte, er hatte diesen Brief gefälscht! Ganz genau! „Lüge", brachte er brüchig hervor und Rick nahm ihm nur mit einem gezischten: „Schnauze", den Zettel wieder ab. Er sollte nicht die Chance haben, den Brief zu zerreißen. Den wollte Rick behalten und sich immer vor Augen führen, von was für einem Kerl er abstammte und trotzdem war etwas aus ihm geworden.

„Das ist nicht wahr!" Nun konnte Til die Tränen doch nicht mehr zurückhalten. Was sollte er denn noch glauben? Das konnte unmöglich wahr sein! Weder dass er einen Bruder hatte, noch dass sein Vater jemals in einem solchen Ton mit einer Frau oder überhaupt mit jemandem gesprochen hätte. Sein Vater war ein korrekter Mann gewesen!

„Ja, komm. Mach die Augen zu. Brüll noch eine Weile, dass das alles nicht wahr ist und schon ist alles wieder im grünen Bereich. Du und dein Alter, ihr habt es euch echt leicht gemacht. Frau und Sohn weg und einen auf perfekte Kleinfamilie machen. Es kotzt mich an, wenn ich nur daran denke." Es hatte Rick Unmengen Kraft gekostet, er spürte es erst jetzt, wo die Anspannung langsam von ihm abfiel. So sank er nur neben Til auf der Bank in sich zusammen und wusste nicht mehr, was er noch sagen sollte. Das war wohl gründlich nach hinten losgegangen.

Til saß nur neben ihm und schwieg. Er wusste nicht mehr, was er noch sagen sollte. Mit jedem weiteren Wort von Rick war seine Welt ein klein wenig mehr zusammengefallen. Erst hatte sie nur Risse bekommen, doch dann bröckelte die Fassade, die ersten Brocken gingen zu Boden und diese Mauer, hinter der er gelebt hatte, machte die Sicht auf eine andere Seite frei. Eine Seite, die ihm nicht gefiel, weil sie nicht in sein Weltbild passte.

Sein Vater war ein netter Kerl gewesen. Til konnte und wollte einfach nicht glauben, dass er solch ein gemeiner Kerl gewesen war. Jemand, der seine Frau und seinen Sohn einfach im Stich ließ und als würde das nicht reichen, versagte er seinem Jüngsten noch den Kontakt zu seiner Familie!

Seinem Jüngsten - wie das klang! Es klang geradezu so, als hätte Til geglaubt, was der Kerl gesagt hatte, als hätte er Ricks Lügen für sich selbst einfach so hingenommen.

Doch etwas tief in ihm drinnen schien es zu wissen, schien zu begreifen, dass der Kerl eben nicht log. Aber Til bekam kein Wort über seine Lippen, saß einfach nur da, versuchte zu begreifen, versuchte in Reihe zu packen und den Sinn zu verstehen.

Er war nicht allein. Er hatte einen Bruder und eine Mutter. Seine Mutter war nicht tot! Sie lebte noch. Sie hatte ihn nicht einfach im Stich gelassen, sondern wurde mit einer richterlichen Verfügung daran gehindert, ihn zu sehen. Und am Ende jedes Gedankens stand sein Vater - sein perfekter, geliebter Vater. Verwirrt Blicke Til auf, als Rick ihm nur noch tonlos Unterlagen und Kopien in die Hand drückte und sich erhob. Ganz oben auf lag noch ein Bild, ein Foto. Alt. Vergilbt. Zerrissen und mit Tesafilm wieder geflickt. Es zeigte Tamara, Guido, Rick und Til - kurz nach der Geburt des Kleinen.

Mit zitternden Fingern strich Til darüber. Es war wahr - es war wirklich war! Dieser Kerl war nicht einfach nur aufdringlich, er war sein Bruder und er machte sich Sorgen um ihn. Til versuchte das zu verstehen.

Seine Finger krampften sich um die Kopien und sein Blick lag noch immer auf den Fliesen der Etage. Noch immer waren sie allein, denn hier hin verirrte sich kaum jemand. Langsam sah er Ricks Schuhe aus seinem Blickkreis verschwinden, Schritt für Schritt - immer weiter von ihm weg.

Ließ ihn wieder allein.

Allein.

Er wollte nicht allein sein!

„Warte", forderte Til leise. „Ist sie das, ist das Mom?", fragte er leise und sah zu Rick auf. Der lächelte sanft und nickte. „Ja, das ist Mom und sie sehnt sich sehr nach dir."

Til schluckte, denn Rick war wie ausgewechselt. Er war nett, er war freundlich, er lächelte. Es stand ihm viel besser als die blitzenden Augen, mit denen er vorhin Til fixiert hatte. „Erzähl mir von ihr", sagte Til leise und als Rick sich wieder neben ihn sinken ließ, lehnte er sich einfach dagegen. Es war okay, denn er war sein Bruder. Til war nicht allein, er hatte einen Bruder, der sich um ihn sorgte und eine Mutter, die sich nach ihm sehnte. Er war nicht allein.

Adalbert seufzte zufrieden. So hatte sich doch noch alles zu einem guten Ende gefunden. Doch das währte nur so lange, bis jemand schwer schnaufend die Treppen hoch geflitzt kam. Doch auf der obersten Stufe blieb Jan wie vom Donner gerührt stehen. In der SMS hatte gestanden, dass Rick mit ihm reden müsse. Nun war er hier, hatte alles stehen und liegen gelassen und war hier und wofür? Um zu sehen, dass sein Freund diesen kleinen Bastard im Arm hielt! Er sah so glücklich dabei aus, dass es schmerzte. „So ist das also!", zischte er nur und machte auf dem Absatz kehrt und Rick sprang auf.

„Warte, Jan, das verstehst du völlig falsch!", schrie er und lief ihm nach, hatte aus Instinkt das Foto mitgenommen, doch Jan lief schnell. Er wollte nichts hören. Kein Wort wollte er mehr hören. Das waren doch nur wieder Lügen! Beschwichtigungen, so lange Rick sich nicht sicher war!

„Verdammt, Jan! Jetzt warte doch mal!" Rick musste sich ganz schön sputen, doch Jan war schneller. Immer, wenn Rick einen Absatz erreicht hatte, war Jan schon wieder weiter. Es blieb nur noch eines: er klammerte sich an das Geländer und mit einem Satz war er drüber, kam vor Jan zum Landen, doch er knickte ungünstig um und schrie schmerzverzerrt auf.

Jan riss die Augen auf, er wusste gar nicht, wie ihm geschah, doch als er Rick am Boden sah, wie er sich den Knöchel hielt, da konnte auch er nicht wirklich weiter laufen, auch wenn er verletzt war.

„Da", sagte Rick nur keuchend. Verdammt. Der Schmerz strahlte von seinem Knöchel bis rauf in den Schädel! Verdammt, das tat weh wie die Hölle! Er reichte Jan nur das Foto und der sah es sich an. „Und", wollte er wissen, denn für ihn war das Gezeigte definitiv noch nicht die Lösung der Situation, in der er eben seinen Geliebten vorgefunden hatte.

„Das kleine Scheißerchen in der Windel und mit dem Daumen im Mund ist mein kleiner Bruder, Til!", erklärte Rick. Er hockte noch immer auf dem Absatz und versuchte durch tiefes Atmen den Schmerz etwas zu unterdrücken, doch leicht war es nicht.

Deswegen sah er auch nicht Jans Gesicht, als der langsam begriff. „Bruder? Der Kleine ist dein Bruder? Warum hast du mir das denn nicht gesagt, du Idiot? Ich dachte, du liebst mich nicht mehr und willst mit dem kleinen Bastard durchbrennen", gestand Jan leise und reuevoll.

Er hastete zu seinem Freund, der noch immer mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden saß. Er kniete sich vor ihn und strich ihm sanft durch die Haare, als er Gepolter auf der Treppe hinter sich hörte. Er schoss herum und sah Til, der gerade mit seiner und Ricks Tasche und einem Stapel Papiere unter dem Arm hinter ihnen stand.

„Du bist sein Bruder?", fragte er nun auch Til und der zuckte die Achseln.

„Scheint wohl so." Was sollte er auch anderes sagen? Es war für ihn mindestes so neu wie für Jan auch, der gerade seinem Freund auf die Füße half. Rick zischte immer wieder leise und stützte sich auf seinen Geliebten.

„Ich bring dich zum Arzt", erklärte Jan und griff sich seinen Freund schlussendlich gänzlich und trug ihn langsam die Treppe runter. Til trottete hinterher.

„Nein, Schatz, bring mich bitte heim. Mom wird ihren verlorenen Sohn in die Arme schließen wollen", sagte er leise und sah Til an. „Kommst doch mit zu uns, oder?"

Unentschlossen wackelte Til nur mit dem Kopf, doch dann nickte er grinsend. Er hatte eine Familie und die wollte er kennen lernen.

Er war nicht mehr alleine.

Jan küsste seinen Freund noch einmal ausgiebig auf den Schock und ein kleiner Elf harrte darauf, dass aus diesem innigen Kuss voller Liebe sein Stern entwuchs.

Man konnte vielleicht seine Enttäuschung verstehen, als kein Stern geboren wurde und der Tag heute mal wieder für die Katz gewesen war. Doch da schlossen sich weiche Flügel um ihn und eine sanfte Stimme flüsterte: „Nur wenn dein Klient einen Kuss teilt, bekommst du einen Stern", erklärte Jez leise und seine Nase strich über Adalberts Hals. Der kleine Elf erschauerte und konnte sich dabei kaum auf den Beinen halten. Gut, dass der Engel ihn fest hielt.

Doch sofort kamen die Gedanken von heute morgen wieder. Die gefalteten Kleider, der gesehene, nackte Schwanz, der entblößte Po! Adalbert lief rot an und schloss beschämt die Augen. „A-ach... s-so", stammelte er nur leise und sein Atem ging immer schneller. Ihm wurde heiß.

Doch so plötzlich wie Jez ihn gepackt hatte, so plötzlich ließ er ihn auch wieder los. Etwas stimmte mit dem Engel nicht, Adalbert konnte es spüren, doch als er sich umwandte und fragen wollte, war Jez verschwunden.

Was für ein Reinfall.

Der ganze Tag war ein einziger Reinfall - auf der ganzen Linie.

Deprimiert drückte er den Knopf und ließ sich zurück nach Elfstadt bringen. Er wollte nur noch schlafen und nicht weiter darüber nachdenken.