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Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

04.12.2006



Manchmal werden Träume war...

Glücklich und zufrieden lag Adalbert in seinem frisch bezogenen Bett. Als er gestern Abend noch heim gekommen war, hatte sich seine Mutter wohl seines Hauses angenommen. Das erste Mal war er auch gar nicht böse darüber gewesen, denn seine Mutter hatte ihm nicht nur das Bett bezogen und leckeren Elfenpudding für ihren Ältesten dagelassen, sie hatte auch eine neue Uhr für ihren Spross gekauft und die machte gar keinen Krach. Die war klasse!

Aber selbst seine alte Uhr hätte Adalbert heute nicht aus seiner Ruhe bringen können, denn gestern war Jez nicht gleich abgehauen. Sie hatten beide noch eine Weile im Nirgendwo gesessen und geredet, Jez hatte ihm seine Jacke geschenkt und nun wusste Adalbert auch, dass Jez wirklich ein Weihnachtsengel war und dass er Adalbert gern helfen wollte. Aber warum er das wollte, das hatte er ihm nicht gesagt.

Aber das war auch gar nicht weiter schlimm gewesen, denn er hatte Adalbert versprochen, dass sie sich nicht das letzte Mal gesehen hätten und das stimmte den kleinen Elfen ungemein glücklich.

Er mochte Jez. Er war groß und nett und schön und freundlich und er hatte immer gute Ideen, um Adalbert zu seinen Sternen zu bringen.

Die hatte der Elf dieses Mal wohlweislich nicht mit ins Bett genommen. Sie standen in einer kleinen Schatulle, neben seinem Bett und leuchteten mit ihrem warmen, weichen Licht. So war das Zimmer nur schemenhaft zu erkennen, aber das war ja auch egal. Diese Sterne waren zu Höherem berufen und so guckte der kleine Elf auch wieder ganz vorsichtig hinein, kicherte und machte den Deckel zu, machte ihn wieder auf, machte 'buh' und kicherte. Er wusste selber, wie albern er sich benahm, aber es war mitten in der Nacht, keiner konnte ihn sehen! Warum sich nicht mal über erbrachte Leistungen freuen?

Zwar hatte Jez sich über ihn lustig gemacht, wie er seine Sterne bekomme hatte, doch zum Schluss hatte er Adalbert nur durch die Haare gewuschelt und gelacht.

Na ja, Menschenhandel, Zwangsehe und Rufmord waren nicht gerade die Mittel und Wege, die ein vorbildlicher Elf einschlagen sollte, aber Jez hatte Recht, er hatte sein Ziel erreicht, die Jungs, zumindest vier von sechs, waren ziemlich glücklich. Zumindest das, was Jez ihm gezeigt hatte. Er hatte den kleinen Elf in den Arm genommen und ihm gezeigt, was aus seinen Schützlingen geworden war.

Elias war gerade dabei, sich wirklich eine Lehrstelle zu suchen, während er auf dem Schoß seines Besitzers hockte und sich ausgiebig küssen ließ. Bei Vincent sah das nicht anders aus, doch da hatte der Elf die Augen zugehalten bekommen und Jez hatte ihm erklärt, für kleine, niedliche Elfen wäre das noch nichts, sie wären zu keusch und zu rein dafür.

Ganz hatte Adalbert das nicht verstanden, aber er ließ es geschehen, denn die weichen Finger in seinem Gesicht waren irgendwie schön. Dem kleinen Elf war ganz warm geworden und sein Puls war auch schneller gegangen. Sicher weil es kalt geworden war.

Nur Alec sah momentan gar nicht gut aus. Er ging keiner Schlägerei aus dem Weg, er blaffte seine Freunde an und er machte Jack das Leben zur Hölle, wo es nur ging. Es tat ihm so Leid, dass er sich da eingemischt hatte! Aber Jez hatte ihn getröstet und erklärt, dass es nicht nur die Schuld des Elfen gewesen wäre. Der Auftrag wäre von vorn herein nicht erfüllbar gewesen und Adalbert solle nicht weiter darüber nachdenken.

Doch das konnte der kleine Elf nicht, denn er mochte Jack. Er mochte ihn sogar gern, denn er war ein netter Mensch, der mehr verdient hatte, als sich ein Leben lang für andere abzuschuften. Jez hatte das Gespräch irgendwann abgewürgt, so hatte Adalbert gar nicht mehr fragen können, ob man da nicht noch was machen könne, ob nicht die Engel sich dessen mal annehmen könnten.

Weil es spät war, hatte Jez dann den kleinen Elfen zurück gebracht und war davon geflogen. Den Rest des Weges hatte Adalbert allein gehen müssen, doch das war auch nicht schlimm gewesen, denn er hatte ja seinen Stern und die große, geschenkte Jacke. Außerdem hatte Jez ihm gesagt, er solle vielleicht nicht immer in Elfenklamotten auftauchen, sondern sich mal was anderes anziehen, dann fiel er nicht immer so auf. Aber Adalbert beschloss, das nicht zu tun. Er war ein Elf und er war stolz drauf, auch wenn er lieber ein Engel wäre, mit diesen großen, weißen Flügeln. Die waren ja so toll! Adalbert hatte sie anfassen dürfen! Das war herrlich gewesen, ganz weich.

Und nun saß der kleine Elf in seiner großen Jacke und mit zwei Sternen in der Hand auf dem Bett und wirkte sichtlich zufrieden.

Gestern um diese Zeit war er nur noch frustriert gewesen, die ganze Welt hatte ihn angekotzt, aber heute schien wieder die Sonne in seinem Leben. Von 3 Aufträgen 2 erfüllt, war doch schon mal ein guter Schnitt. Vielleicht hatte er ja heute wieder so viel Glück. Vielleicht sah er auch Jez wieder, denn den mochte Adalbert mittlerweile auch ziemlich gern und das nicht nur, weil der ihm immer half.

Die Sterne legte der kleine Elf wieder in die Schatulle und ließ sich hintenüber sinken und zog endlich seine Decke zu sich. Er war so aufgekratzt gewesen, dass er kaum hatte schlafen können, aber nun packte ihn der Schlaf mit seinen weichen Armen und zog den Elf ins Land der Träume.

So lange, bis die allmorgendliche Prozedur begann, die damit startete, dass ihm die Decke weggezogen wurde, dass der kleine Elfenpo frei lag und Adalbert unsanft mit einer Kartusche geweckt wurde. Das untrügliche Zeichen dafür, dass er sich vielleicht mal aus dem Bett bequemen sollte, wenn er noch einen Stern haben wollte.

Das erste, was der Elf tat, war in die Schatulle zu sehen, doch seine beiden Schätze waren noch da. Alle beide, keiner verloren gegangen - zum Glück!

Also griff sich der Elf wie jeden Morgen seinen Auftrag und begann zu lesen, während er zum Duschen ging. Schließlich wollte er einen guten Eindruck machen, falls Jez doch wieder vorbei kam. Adalbert grinste blöd vor sich hin, der Engel hatte es ihm wirklich angetan. Ob sie sich noch sehen würden, wenn alles vorbei war? Auch wenn Adalbert vielleicht kein Engel geworden war?

Doch dann korrigierte Adalbert seinen Blick wieder auf das Wesentliche und das waren Gary und Roberto, die er endlich zusammenbringen sollte. Einen Autor und einen Studenten - was sollte das denn schon wieder? Aber Adalbert straffte nur seine Gestalt. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt und er hatte schon ganz andere Kinder geschaukelt. Er lachte albern, duschte sich und griff sich ein paar Brote aus dem Kühlschrank, die seine Mutter ihm gemacht und die er gestern nicht mehr gegessen hatte. Kauend zog er sich an, prägte sich wieder seinen Klienten ein und war dann mit seiner neuen Jacke auf zum Elf-Trans und einen Augenblick später stand er schon wieder mitten in New York, langsam kannte er diese Stadt ja auch schon ein bisschen. Ein untrügliches Zeichen waren wohl die grünen Füße der Freiheitsstatue und Adalbert seufzte. Da wurden Erinnerungen wach und vielleicht, wenn er heute schnell war und alles geschafft hatte, konnte er noch mal bei Jack vorbeisehen, einfach nur so, weil ihm der junge Mann ans Herz gewachsen war.

Doch daran konnte er noch später denken, im Augenblick hatte er einen anderen Schützling und den musste er jetzt besuchen. Dieses Mal kaufte sich der Elf einen Stadtplan, denn er hatte irgendwie das untrügliche Gefühl, er wäre nicht das letzte Mal in dieser Stadt und so suchte er sich an einer stillen Ecke seinen Weg. Er suchte Garys Wohnung, die Universität, an der er lehrte und steckte dann seinen Plan wieder weg. Danach machte sich der kleine Elf auf und davon, um Gary erst einmal kennen zu lernen.

Die gleiche Prozedur wie jeden Morgen, also verlor Adalbert erst gar keine Zeit und flatterte los, hatte schnell die kleine Dachwohnung gefunden und siehe da: das Glück war ihm hold! Adalbert landete am offenen Fenster auf dem Balkon und freute ich diebisch, denn Gary war nicht allein, ein junger Mann war bei ihm.

Wenn alles gut ging, dann war das schon Roberto und gleich küssen sie sich und Adalbert musste seinen Stern nur noch einsammeln! Also saß der aufgekratzte Elf auf der Brüstung vom Balkon und lauschte, doch er musste ziemlich schnell feststellen, dass der junge Mann an Garys Seite gar nicht Roberto war, sondern Garys bester Freund Dero, glücklich verheiratet.

„Ich kann's langsam nicht mehr hören, Gary!", knurrte Dero und ließ sich wieder auf den großen, bequemen Sessel fallen, der dem Schreitisch, an dem der Autor saß, gegenüber stand. „Roberto, Roberto, Roberto. Wie wäre es, du hebst mal deinen Arsch und fragst ihn? Lädst ihn ein? Machst ihn sonst in irgendeiner Form darauf aufmerksam, dass du vielleicht noch andere Interessen an ihm haben könntest, als nur als Dozent!" Dero klang ziemlich genervt und das war er auch. Seit sein bester Freund jetzt diese Vorlesung an der Uni gab, gab es für den Blonden kein anderes Thema mehr - Roberto, Roberto, Roberto! Immer wieder nur Roberto. Das war die ersten zwei Monate ja noch ganz witzig gewesen, doch als die Monologe seines Freundes begannen, sich zu gleichen, wurde es Dero zu viel.

Jedes Mal hörte er nur Ausreden, warum Gary den Spanier nicht einfach mal auf einen Kaffee eingeladen hatte. Und wenn sie sich doch mal getroffen hatten, dann im großen Kreis und zwar so groß, dass Gary nicht ein einziges Wort mit dem jungen Mann gewechselt hatte.

Mal davon abgesehen, fragte sich Dero ja schon, warum ein angehender Ingenieur einen Literatur-Kurs besuchte, aber man wusste ja nie, was Ingenieure so für Hobbys hatten.

„Dero, schrei mich nicht immer an!", knurrte Gary nur. Er wusste selber, dass er richtig Mist baute und dass er nicht ewig Zeit hatte, weil irgendwann auch der Kurs enden würde und er dann wenigstens mal die Telefonnummer von Roberto ergaunert haben sollte, wenn er ihn nicht ganz aus den Augen verlieren wollte. Doch er wurde aus dem Kerl nicht schlau.

„Du weißt genau, dass ich da nicht so bin wie du. Ich kann nicht einfach hingehen und sagen: Tach, ich bin Gary und jetzt küss mich. Das geht nicht. Ich weiß ja nicht mal, ob er auf Männer steht!"

Das war eines der Probleme, die sich Gary öfter in den Weg stellen. Er sah Roberto nur mit rassigen, schwarzhaarigen Schönheiten, die nur einen Makel hatten: sie waren keine Männer. Er hatte Roberto noch nie mit einem Mann gesehen, nicht mal in den Pausen vor dem Seminar unterhielt er sich mit den anderen männlichen Teilnehmern. Er umgab sich mit Frauen wo es nur ging. Auch wenn sie auf einen Kaffee gingen, um das Thema noch etwas zu vertiefen, saß er nur eingerahmt von schönen Frauen und würdigte den Dozenten keines Blickes.

Wenn Gary sehr viel Selbstbewusstsein an den Tag legte, dann konnte er sich schon ab und an vorstellen, dass Roberto, wenn er in der Masse der Teilnehmer im Hörsaal saß, einen oder zwei eindeutige Blicke auf den Dozenten warf, doch hinterher gab er sich dann wieder so abweisend, dass Gary fast verrückt wurde.

„Aber so wird das doch nichts, du hockst da und wartest auf einen Kerl, der in der besten aller Welten gerade mal weiß, dass du ihn vielleicht interessant findest. Aber wie findest du ihn interessant? Heute wirst du ihn einladen, mein Lieber. Du wirst zu ihm gehen und ihm sagen: Ich muss mit dir noch was klären, wir gehen auf einen Kaffee und den Tussis sagst du: Allein!" Dero war da weniger pragmatisch. Sein Lebensmotto war: wenn ich nicht sage, was ich will, kann ich mich über das, was ich bekomme, auch nicht beschweren.

Und die Beschwerden seines besten Freundes gingen ihm gerade so richtig auf den Nerv, denn es ging einfach nicht vorwärts. Roberto hier, Roberto da, doch das war es dann auch schon. Und dann immer die Ausreden: es hat sich nicht ergeben, er hat mich nicht gesehen, ich hatte keine Zeit, er war schon weg.

Gary wurde nicht müde, sich immer wieder aufs Neue aus der Affäre zu ziehen und Dero war sich langsam nicht mehr so sicher, ob sein Freund den Mann wirklich, in Fleisch und Blut, besitzen wollte oder nicht doch nur einen Traum, dem er, wie in seinen Romanen, nachjagen konnte, eine Illusion, die er anbeten konnte, ohne sich mit der Realität auseinander zu setzen.

Da gab es so etwas Profanes wie einen Kaffee oder ein kleines Stelldichein gar nicht. Gary hatte manchmal so hochfliegende Ideale, dass sie gar kein Mann erfüllen konnte, so sehr er das auch gewollt hätte. Gary fand an jedem etwas, was ihm nicht passte, was ihn in die Flucht schlug oder sich zurückziehen ließ. Dero hatte noch nicht wirklich begriffen, was genau es war, ob es wirklich daran lag, dass Gary auf seinen Prinzen auf einem weißen Pferd wartete oder daran, dass er nur kalte Füße bekam und keine Lust hatte, sich wirklich mit Leib und Seele einem Mann zu verschreiben.

Wenn einer Dero fragen würde, dann würde er sagen: Gary hatte zu viele seiner eigenen Romane gelesen, der Herzschmerz, mit dem romantischen Happy End. Dafür waren es doch Geschichten! Geschichten passierten nicht einfach so. Gary verlor langsam aber sicher den Boden zur Realität! Und das machte seinem besten Freund wirklich Sorgen.

„Hör auf, mir die Pistole auf die Brust zu setzen", knurrte Gary nur. Er war ja schon froh, wenn er das Seminar überstand, da musste er sich nicht noch unter Druck setzen, weil sein bester Freund der Meinung war, jetzt müsste was passieren, sonst würde nie was passieren. Was war denn so schlimm daran, wenn nie was passierte?

Was war falsch am Träumen?

Was war falsch am Luftschlösser bauen?

„Aber anders begreifst du es doch nicht, Gary. Du willst Roberto? Dann frag ihn! Aber hör auf, mir jede Woche zu erzählen, aus welchen Gründen es wieder nicht geklappt hat, okay? Langsam glaube ich dir das nämlich nicht mehr. Und jetzt muss ich los, im Büro warten sie bestimmt schon auf mich." Damit erhob sich Dero und lehnte sich über den Schreibtisch, küsste Gary kurz und dann war er auch schon verschwunden, sein Freund sah ihm nur hinterher.

Er hatte ja Recht! Verdammt, Dero hatte immer Recht.

Gary litt selber unter der aktuellen Situation, aber er selbst hatte es ja erst so weit kommen lassen. Er hatte zugelassen, dass er sich in Roberto Sanchez verliebte und das nur, weil er gut aussah. Er wusste gar nichts über diesen Mann. Er war Spanier, er studierte Ingenieurwissenschaften - das war's. Mehr wusste Gary nicht.

Zwar hieß es immer, eine Schlange erkenne die andere, aber er konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, ob Roberto nun auf Männer stand. Ihm schien es, als wären vollbusige, schwarzhaarige Mädels das Geschlecht seiner Wahl.

Doch es brachte nichts, sich das Hirn zu zermatern, in einer Stunde begann sein Seminar und dann musste er hundert Prozent geben, schließlich hatte er nicht nur den einen Teilnehmer, sondern dreißig. Vielleicht sollte er sich ein wenig mehr auf die Anderen konzentrieren und sich ganz langsam von Roberto entfernen. Doch wie oft hatte sich Gary das schon vorgenommen. Es war immer fast so, als riefe sich der Spanier wieder in seine Gedanken, wenn er merkte, er war nicht mehr aktuell. Natürlich bildete sich Gary das nur ein, das wusste er selber, doch er kam einfach nicht dagegen an.

Seufzend griff er sich seine Unterlagen für heute. Das Thema der Stunde machte es auch nicht gerade einfacher. Wie schreibe ich Erotik, in eine unerotische Situation. Vielleicht hatte Gary Glück und Roberto war nicht da, doch er wusste, dass der junge Mann noch nicht eine seiner Vorlesungen geschwänzt hatte.

Drei Kreuze, wenn er diese Stunde unbeschadet hinter sich gebracht hatte!

Er stopfte seine Aufzeichnungen und Folien in seinen Rucksack, schlüpfte in seine Schuhe und griff sich die Jacke. Es war kalt geworden in New York, wenn sie Pech hatten, gab es wieder so viel Schnee in den nächsten Tagen, dass ein Durchkommen kaum noch möglich war. Nur ganz kurz wünschte sich Gary ein solches Schneechaos für die nächste Stunde, doch dann begriff er selbst, wie kindisch er war. Nein, Dero hatte Recht: er war ein hoffnungsloser Fall, einer von der aussterbenden Rasse der Romantiker, die immer noch an den Prinzen in der strahlenden Rüstung glaubten.

Adalbert folgte ihm nachdenklich, als sie wie eine kleine Karawane zur U-Bahn zogen. Ab und an riefen ihm die Menschen 'Merry Christmas' zu, Adalbert erwiderte das höflich, sah aber immer zu, dass er Gary nicht aus den Augen verlor, denn er spürte, dass er heute wieder viel zu tun haben würde. Dieser Kerl war ja wirklich ein hoffnungsloser Fall, da musste er diesem Dero mal Recht geben. Am liebsten hätte sich Adalbert jetzt mit Jez beraten, vielleicht hätte der wieder eine solch tolle Idee, aber er konnte sich ja nicht immer auf andere verlassen.

Es war seine Aufgabe, diesen Menschen glücklich zu machen, doch wie machte man einen Träumer glücklich? Der schien doch regelrecht Angst vor der Realität zu haben. Nachdenklich hechtete der kleine Elf mit in den Wagon, in dem auch Gary saß und brütete weiter darüber, wie man den Mann noch glücklich machen konnte. Bis jetzt hatte Adalbert ja das Gefühl, der war nur glücklich, wenn er sich in seiner Rolle als tragischer Held seiner eigenen Geschichten sehen konnte und seine Niederlagen zelebrierte. Irgendwie gefiel sich Gary genauso wie er gerade war. Leidend, verliebt.

Nervös knabberte Adalbert auf seiner Unterlippe herum. Wie sollte man diesen Mann aus seinem Schneckenhaus holen? Der wollte doch gar nicht da raus geholt werden, er hatte seinen Spaß. Nun, Adalbert würde noch nicht so weit gehen wollen, zu behaupten, er wäre glücklich, aber wirklich unglücklich konnte Gary auch nicht sein, denn sonst hätte er schon längst etwas dagegen getan. Das war schwer.

Mittlerweile hibbelte Adalbert auf seinem Sitz herum, er merkte es nicht einmal, doch der Kerl neben ihm schien das als Aufforderung zu sehen. Ziemlich schnell landete die Hand des Mannes auf Adalberts Schenkel. Im Gewühl der Leute fiel das gar nicht auf, nur der Elf fühlte sich plötzlich gar nicht mehr wohl. „Lassen sie das!", erklärte er und wollte sich zurückziehen, doch der Kerl kam hinterher. Nicht gut, gar nicht gut! Also murmelte Adalbert schnell einen Spruch, wurde unsichtbar und weil er ein genervter Elf war, den gerade keiner sah, trat er dem Kerl, als er sich durch die Massen quetschte, noch mal so richtig schön und mit Genuss auf den Fuß und ärgerte sich gerade darüber, nur die leichten Elfenschuhchen zu tragen.

Zum Glück musste er die Nächste raus, weil Gary auch den Wagon verließ. Der kleine Elf musste sich ganz schön beeilen, denn Gary, mit seinen langen Beinen, war im Großstadtgewühl viel schneller als Adalbert.

Immer wieder sah Gary auf die Uhr, doch er lag gut in der Zeit. Hier um die Ecke war die Uni und der Hörsaal lag gleich am Eingang des Geländes, also konnte er wieder einen Gang zurückschalten und tat es auch, doch da lief derjenige, der hinter ihm gelaufen war, in ihn hinein, weil er nicht damit gerechnet hatte, dass der hetzende Bonde plötzlich langsamer wurde.

"Pardón", hörte Gary es plötzlich hinter sich, dunkel und leise, außerdem machte der Mann auch nicht gerade den Eindruck, als wäre es ihm sonderlich unangenehm, auf dem Blonden aufgelaufen zu sein. Gary schluckte hart und sah sich um, denn er kannte diese Stimme. Wie erwartet blickte er in schwarze, freche Augen, die ihn lustig anfunkelten.

„Roberto, tut mir leid, ich...", fing Gary an. Er musste diesem Mann nur nahe sein, da setzte bei ihm alles aus. Sein Mund wurde trocken und er wurde sichtlich nervös.

„Herr Heinemann. Ich freu mich, sie zu sehen. Gehen wir doch den Weg gemeinsam", sagte Roberto. Sein spanischer Akzent in seiner Aussprache war geradezu animalisch.

Zu leicht verlor sich Gary darin, denn es ließ ihm immer wieder Schauer über den Rücken laufen. Er konnte sich kaum konzentrieren und so kam es auch, dass Roberto fast die ganze Zeit redete und Gary einfach nur zuhörte. Immer wieder wanderte sein Blick neben sich, doch Roberto sah ihn gar nicht an. Er sah sich in den Straßen um, erklärte hier, erzählte dort, immer schweifte sein Blick quer durch die Gassen und Straßen. Gary seufzte lautlos, das wurde doch nie was.

Angenommen, er würde wirklich über seinen Schatten springen können und Roberto fragen, ob sie sich nicht einmal außerhalb des Unterrichts trafen, dann würde es doch bestimmt genauso laufen, wie hier auch. Gary würde nervös werden und keinen Ton herausbringen und Roberto würde reden und Gary dabei nicht einmal ansehen. Warum sich die Mühe machen und eine Abfuhr holen, wenn er das einfacher und schmerzfreier haben konnte? Das hier durfte er Dero gar nicht erzählen, der würde wohl den Kopf auf den Tisch schlagen und das Möbelstück zertrümmern darüber, dass Gary einfach zu blöde war, die sich bietende Chancen auch zu nutzen.

„Finden sie nicht auch, Herr Heinemann", fragte Roberto plötzlich und Gary zuckte auf. „Wie bitte?", fragte er etwas verwirrt nach und blickte sich nach Roberto um. Der funkelte ihn schon wieder mit diesem schelmischen Grinsen an.

Das erste Mal bemerkte Gary, dass der Spanier ein Stückchen größer war als er selbst. Fast unmerklich, doch jetzt musste Gary nach oben sehen und Roberto lächelte auf ihn hinab.

„Herr Heinemann, haben sie nicht selbst gesagt, das Zuhören und Aufmerksamkeit das Wichtigste ist für einen Autor? Sich Bilder zeigen zu lassen, die sich zu ganzen Sequenzen vereinen oder ausbilden?"

Gaby schluckte. Machte sich der Kerl gerade über ihn lustig? Was sollte das? Er konnte dieses zufriedene Grinsen und das Strahlen in den Augen einfach nicht einordnen.

„Ja", sagte er nur und wandte sich wieder zum Gehen. „Tut mir leid, ich war mit den Gedanken wo anders", fügte er noch hinzu, um zu erklären, dass es keine böse Absicht gewesen war. Doch er hätte es besser gelassen, als dem Affen schon wieder Zucker zu geben.

„Da versuche ich, sie ganz in meinen Bann zu schlagen und sie nur auf mich zu konzentrieren und dann schaffe ich es doch nicht. Wie beschämend für mich", sagte Roberto. Noch immer sah er Gary dabei tief in die Augen.

Dem schoss das Blut in den Kopf, weil er wirklich nicht mehr wusste, was er noch sagen sollte. Das hatte er doch gerade geträumt, oder nicht? Das war doch jetzt alles nicht wahr! Das hatte Roberto nicht gesagt oder zumindest nicht so gemeint, wie es bei Gary angekommen war.

Doch anstatt nachzufragen und die Karten auf den Tisch zu legen, machte er nur auf dem Absatz kehrt und tauchte in der Menge unter, so schnell, dass Roberto ihm nicht folgen konnte. Enttäuscht blieb er zurück und sah Gary nur hinterher. „Estupidez."

Was hatte er falsch gemacht? Seit Wochen hatte er auf diese Chance gewartet, hatte gehofft, ihn endlich einmal allein zu treffen, ohne dass seine beiden Cousinen ihn anbettelten, ihnen den schmucken Dozenten einmal vorzustellen. Das war nicht fair! Er hatte viel investiert, soviel Zeit, soviel Herz und dann ging Gary einfach. Hatte er den Mann völlig falsch eingeschätzt? Dabei hatte er Gary noch nie mit einer Frau gesehen, nicht mal, wenn er ihm abends über den Weg gelaufen war. Zwar hatte er sich dann nie zu erkennen gegeben oder sich gezeigt, sondern Gary nur beobachtet, doch aus seinen Beobachtungen war Roberto auch nicht schlau geworden. Wenn der Kerl nicht so sexy wäre, würde er fast behaupten, der Typ wäre asexuell. Er küsste keine Männer, keine Frauen, hielt sich alles und jeden nett und höflich auf Distanz, gerade so, als hätte er kein Interesse an anderen Menschen, als wäre er sich selbst genug.

Adalbert beobachtete ihn genau und mit einer gewissen Form von Neugier. Eines musste man dem jungen Spanier lassen, er sah verdammt gut aus, irgendwie konnte er Gary ja verstehen. Was er nicht verstand, war der Abgang, bei dem Gary den jungen Mann einfach hatte stehen lassen! Er hatte ihn zum Greifen nah! Ein Kuss und alles wäre gegessen. Adalbert hätte seinen Stern und könnte nach Jack sehen und die beiden würden aufhören, einander zu umkreisen wie... wie... Adalbert schnaubte.

Jetzt musste er sich wohl vorstellen und sich mal einmischen, doch noch ehe der kleine Elf sich durch die Massen geschoben hatte, war auch Roberto seinem Dozenten hinterher, schließlich wollte er nicht zu spät kommen. Er hatte noch so das eine oder andere auf Lager, er würde nicht mehr aufgeben. Zu lange hatte er nur beobachtet und gehofft, dass ein Mann wie Gary mal den Mund aufmachen würde, doch vielleicht hatte seine Schwester Recht. Wenn er wollte, dass etwas getan wurde, dann musste er es selber machen, also würde er das auch tun. Gary gehörte zu ihm, auch wenn der Amerikaner das noch nicht begriffen hatte. Sie würden schon sehen, wer hier die größere Ausdauer hatte: Roberto im Flirten oder Gary im Weglaufen!

Zufrieden mit sich und seinem Entschluss schlenderte Roberto auf das Uni-Gelände. Hier war er heute schon einmal gewesen und hatte sich nach seiner Vorlesung beeilt zur U-Bahn zu kommen, um Gary abzufangen. Alles hatte ganz gut geklappt, bis Gary aus unerfindlichen Gründen einfach die Flucht angetreten hatte. Doch wie auch immer, noch war ja nicht alles verloren. Das heutige Thema der Stunde könnte es ihm einfacher machen, das eine oder andere über Gary herauszufinden.

Vielleicht halfen ihm auch die Damen etwas auf die Sprünge? Erst mal aber verhalfen sie Roberto dazu, wieder wie ein Pascha in seinem Harem zu wirken, weil seine beiden Cousinen auf ihn zu kamen und sich eine nach der anderen an ihn hefteten. So bekam er praktischerweise immer gleich die neusten Informationen, nämlich, dass Gary schon da war und wie gut er wieder aussehen würde und dass er wieder gar kein Auge für sie gehabt hätte, egal wie sexy sie sich anziehen würden. Zwar heuchelte Roberto Mitleid, doch innerlich jubilierte er, denn wenn er Glück hatte, waren Frauen wirklich nicht Garys Beute!

Doch Roberto musste sich das Grinsen sichtlich verkneifen, denn sonst gab es nur wieder dumme Fragen, auf die er keine wirklichen Antworten wusste. Nämlich die Frage danach, warum er über ihre Misserfolge lachen würde, denn das tat er ja gar nicht, er freute sich doch nur für sich selber.

Wie auch immer, die Pause währte nicht ewig und so suchten sie sich wieder ihre Plätze in der zehnten Reihe. Sie war weit genug oben, um nicht gleich aufzufallen, aber tief genug, um den Dozenten noch durchaus bewundern zu können und wenn man etwas sagte, hörte das jeder. Perfekt.

Ein kurzer Blick wechselte zwischen Dozent und Schüler, als sich ihre Augen trafen. Roberto lächelte und Gary wendete sich beleidigt ab. Warum endete das immer so? Roberto begriff es nicht. Alles was er wollte, war ein Lächeln, eine sanfte Erwiderung seiner Geste. Was war daran denn nun schon wieder so schwer?

Gary begann seine Lesung mit einem kurzen Ausschnitt aus einem seiner Bücher, in dem das einfache Öffnen einer Milchpackung, mit den richtigen Gedanken untermalt, wirklich Herzklopfen und Pulsrasen hervorrufen konnte, weil die gezeichneten Bilder wahre Explosionen des Hormonhaushaltes hervorrufen konnten.

Dagegen konnte sich auch Roberto nicht wehren. Er spürte eine Welle von Hitze durch seinen Körper rasen und das war hier und jetzt definitiv nicht gut. Er war ganz froh, als Gary endlich dazu überging, die Szene zu analysieren und er mit seinen Schülern ins Gespräch kam.

Nach und nach änderte sich das Thema der Unterhaltung und irgendwann waren sie dort angekommen, wo Roberto gern in die Unterhaltung einsteigen wollte, denn es ging darum, was der Unterschied zwischen Erotik und Romantik wäre und wie man sich eine romantische Szene aufbauen würde.

„Herr Heinemann", rief Roberto nach vorn und man sah deutlich, wie der Dozent zusammenzuckte. Es war, als ahnte er bereits, dass das Folgende nicht schön werden würde, doch er hatte beschlossen, professionell an die ganze Sache heran zu gehen und blickte auf.

„Womit kann ich helfen, Herr Sanchez?", sagte er, doch die Ruhe, die er nach außen hin ausstrahlte, kam nicht aus seinem Inneren, sie war aufgezwungen.

„Wenn wir schon bei Romantik sind. Wie könnte man sie..." Roberto spürte die Blicke seiner Kommilitonen und stoppte kurz. Nein, das ging gerade in die ganz falsche Richtung! Alles was er wollte, waren ein paar Informationen, mit denen er arbeiten konnte und nicht Gary vor seinen Schülern bloßzustellen. Das war ganz bestimmt nicht sein Ziel, denn das wäre dem eigentlichen Vorhaben ziemlich gegenläufig und kontraproduktiv. Also korrigierte er sich.

„Angenommen, sie wären eine Frau", begann er nun seinen Gedankengang, auch wenn ihm das gar nicht behagen würde. Er mochte Gary so wie er war, aber er war zu verklemmt und schüchtern, weswegen Roberto seine Sätze etwas überlegte, wie er sie formulieren musste. „Wie könnte es einem Mann gelingen, ihnen den Hauch von Romantik zu vermitteln, der sie weich kochen würde?" Dieses Mal schob er keines seiner Herzensbrecherlächeln hinterher, denn auf die schien Gary irgendwie allergisch zu reagieren.

Der Dozent sah auf und konnte nur mit sehr viel Beherrschung vermeiden, dass ihm Blut in den Kopf schoss. Was stellte der Kerl denn für Fragen? Das gehörte doch gar nicht hier her. Hier ging es um die Wirkung von Worten, um geschriebene Bilder, die das Gefühl wach rufen sollten und nicht darum, was er als romantisch einstufen würde.

„Herr Sanchez, ich glaube nicht, dass dies Teil des Themas ist", versuchte sich Gary aus seiner misslichen Lage zu winden, doch seine weiblichen Schüler schienen daran mindestens so interessiert, denn es ging ein Murren durch die Reihen, als Gary einfach weiter machen wollte.

„Sagen sie doch schon, was würde sie in romantische Stimmung versetzen, wenn sie eine Frau wären!", wollten sie wissen und Gary seufzte leise. Das war doch ein Alptraum. Das hatte doch dieser Mistkerl mit Absicht gemacht. Saß da in seinem Harem und würgte Gary nun eines rein. Nein, der war nicht nett! Der war vielleicht hübsch, aber dann hörte die Liste der positiven Eigenschaften auch schon auf!

Gary warf Roberto noch einen wütenden Blick zu, der ihm durch und durch ging. Roberto konnte die Kälte und die Verachtung darin regelrecht auf seiner Haut spüren, wie sie in seine Arme schnitt, ihm die Rippen brach und das zuckende Herz heraus riss. Er schluckte hart und begriff innerhalb einer Sekunde, dass er gerade alles kaputt gemacht hatte. Es war wie ein Klumpen, der sich in seinem Magen bildete. Schwer und kalt zog er Roberto nach unten.

Warum war es mit diesem Kerl nur so schwer?

Gary wandte sich ab und ging langsam zur Tafel vor. Er konnte sich da nicht mehr raus winden, also musste er sich etwas einfallen lassen. „Was würde mir gefallen, wenn ich eine Frau wäre", sagte er nur und war eigentlich noch ganz froh darüber, dass es nicht hieß, was ihm als Mann gefallen würde, denn dann wäre er mit seinem heimlichen Traum wohl ziemlich in den Kugelhagel aus Spott und Gelächter geraten. Aber so?

„Tja, dann hätte ich wohl den Traum jedes kleinen Mädchens, von einem strahlenden Ritter auf einem weißen Pferd, der mich aus meiner Welt in seine entführt", sagte er lachend, um klar zu machen, dass es nur ein Scherz sein sollte. Doch so albern war das gar nicht, denn genau so stellte er sich das vor. Ein einsamer Park, ein hübscher Reiter auf einem stattlichen Ross. Vielleicht alles in weiß, das wäre perfekt und der ritt mit ihm zusammen in den Sonnenuntergang. Doch sag das mal als Mann! Dann war man unten durch. Vor allem, wenn man nicht gerade Wert darauf legte, als schwul geoutet zu werden und dann vielleicht der Verfolgung durch intoleranter Idioten anheim zu fallen. Darauf hatte er keine Lust. Er machte sein Ding, so wie es war, und drehte nun den Spieß um.

„Malt mir Bilder", forderte er, „Ich gebe euch jetzt mal 10 Minuten. Was ist für euch romantisch. Schreibt es auf und tragt es vor." Gary stützte sich auf seinen Tisch, blickte seine Schüler an, doch einen sparte er aus. Roberto hatte ihm gerade den Krieg erklärt und das konnte er ihm nicht so leicht vergeben. Er hatte ihn lächerlich machen wollen, schon allein mit der Frage, wenn er eine Frau wäre. Verdammt, er war keine Frau und Frauen interessierten ihn nicht. Wenn der Kerl das nicht begriff, war das nicht Garys Problem. Zumindest war es ziemlich leicht, sich das einzureden, ob sein Geist es auch für bare Münze nahm, stand auf einer anderen Seite.

Kurz ging er vor die Tür, denn er musste sich erst einmal wieder sammeln. Er wusste, dass er sich auf seine Schüler verlassen konnte. Das hier war kein Pflichtseminar, wer hier her kam, der bezahlte dafür, der wollte etwas lernen und der machte auch seine gestellten Aufgaben, wenn Gary kurz auf dem Flur war. Ab und an brauchte er das einfach, wenn Roberto ihn wieder aus dem Konzept gebracht hatte. Der Kerl schaffte das aber auch immer wieder und es gelang ihm nur, weil Gary das zuließ. Er wollte das nicht mehr! Dero hatte Recht, es musste etwas passieren.

So stand er am Fenster zum Hof und sah auf die Rasenflächen hinaus. Im Sommer lagen dort die Studenten in ihren Pausen, doch jetzt war es zu kalt. Das Wetter war ungemütlich und man wusste nie, wann der nächste Regenschauer hernieder ging. Vielleicht sollte er wirklich mal wieder mit Dero so richtig auf die Piste gehen und Adam anrufen. Von dem wusste Gary mit Sicherheit, dass der ihn wollte und der Makler war nett und hübsch anzusehen. Wie Gary auch war er etwas zurückhaltend und so konnten sie sich vielleicht einmal richtig beschnuppern, ohne dass Gary immer ein rassiger Spanier durch den Kopf geisterte.

Adalbert, der die ganze Zeit vor der Tür des Hörsaals auf und ab gelaufen war, wollte näher kommen, doch als er kurz hinter Gary auch Roberto aus dem Raum kommen sah, wollte er vorerst nicht stören. Zur Not konnte er sie immer noch betäuben und aneinander fesseln, dann kam seiner Liste von Delikten eben noch Freiheitsentzug, das machte den Kohl nach Menschenhandel und Zwangsehe auch nicht mehr fett.

„Gary, es tut mir Leid, ich wollte dich nicht bloß stellen", erklärte Roberto nur. Er hatte die Nase voll, von diesem unpersönlichen 'sie'. Gary sollte endlich begreifen, dass Roberto mehr wollte, als einer unter vielen zu sein.

„Herr Sanchez", keuchte Gary erschrocken, als er sich umwandte, fasste sich aber wieder. „Ich glaube nicht, dass wir schon einmal zusammen Schweine gehütet hätten oder in welcher Situation hatte ich Ihnen das Du angeboten?", fragte er spitz. Auf Robertos Entschuldigung ging er gar nicht erst ein. Er wollte sich von dem Kerl nicht wieder einlullen lassen, denn Gary hatte seinen Entschluss gefasst. Es hatte sich aus-Roberto-t!

„Gary bitte, lass es doch nicht so enden!" Roberto wusste nicht, was er noch tun sollte, also griff er sich den Blonden im Genick und drückte seinen Lippen fest auf das andere Paar. Er spürte seine Felle davon schwimmen und das konnte er einfach nicht zulassen. Harsch rieben seine Lippen über die von Gary und Adalbert frohlockte hinter seiner Ecke, war schon herbei gelaufen, um den Stern in Empfang zu nehmen, doch nichts passierte.

Gar nichts.

Warum? Adalbert war verwirrt. Sie küssten sich. Er wusste, dass Roberto Gary wollte und dass der Roberto wollte, da bestand doch gar kein Zweifel. Warum entstand aus diesem Kuss dann kein Stern? Was sollte der Mist? Ziemlich fassungslos starrte Adalbert auf die sich küssenden Männer und zuckte im nächsten Augenblick zusammen, als Garys Hand fest auf Robertos Wange klatschte und sich der Blonde ohne ein weiteres Wort umdrehte.

„Machen sie das nie wieder, Herr Sanchez, wenn sie keinen Ärger haben wollen", zischte Gary mit schmalen Augen und ging wieder in den Hörsaal, ließ Roberto allein zurück. Tränen standen ihm in den Augen, doch er blinzelte sie weg und warf sich wieder voller gespieltem Elan in seine Vorlesung, arbeitete mit seinen Schülern das Thema ab und gab noch den einen oder anderen Hinweis.

Roberto hatte sich nicht mehr blicken lassen und Gary wusste noch nicht, ob er das nun gut oder schlecht finden sollte. Noch weniger wusste er das bei der kleinen Runde, die sich mit ihm in die Cafeteria zurückzog.

Weil er selbst nichts vor hatte und weil er jetzt noch nicht nach Hause wollte, um allein zu sein und nachzudenken, stimmte er zu und saß nun mit einer kleinen Runde von Studenten an einem Tisch. Die Stimmung war ausgelassen und man diskutierte rege über Romantik und kam - oh welch Wunder - zu der Übereinkunft, dass das, was eine Frau romantisch findet, noch lange nicht von einem Mann auch so gesehen werden musste. Die Männer in der Runde waren da pragmatischer, was die Frauen noch romantisch fanden, war für sie nur kitschig und unerträglich. Einfach nur einen Sonnenuntergang anzusehen, ohne Sinn und Verstand, war für sie nicht romantisch, das war verschwendete Zeit. Doch Gary sah das gar nicht so. Er saß gern auf dem Balkon, wartete am Morgen auf das gleißende Licht, wenn die Sonne beim Aufgehen die Dächer für wenige Sekunden in verschwenderische Farben tauchte und den Abend mit einem glühenden Himmel in den Armen des Liebsten ausklingen zu lassen, was gab es Schöneres?

Er konnte nicht vermeiden, dass er immer wieder an Roberto dachte, nicht nur an die starken Arme und die glühenden Augen, vor allem auch an den Kuss. Er konnte ihn noch immer auf seinen Lippen spüren, die Härte und die Dominanz. Was hatte er sich nur dabei gedacht, Roberto von sich zu stoßen? War das nicht genau das Zeichen gewesen, auf das Gary so gewartet hatte? Zu wissen, dass er Männer mochte, zu wissen, dass ihm etwas an Gary lag? Warum sonst hätte er das wohl getan?

Gary knurrte leise und seine Tischnachbarin sah ihn verwundert an. Also beteiligte er sich wieder etwas lustlos an der Diskussion, doch er kam nicht so richtig rein, weil er selber es gar nicht wollte. Er war viel zu verwirrt, viel zu aufgebracht. Je länger er darüber nachdachte, umso klarer hatten die Karten doch gelegen!

Roberto hatte ihn geküsst!

Nicht um ihn zu ärgern! Dann wäre er wieder in den Saal gekommen, doch er war ohne seine Tasche einfach gegangen und hatte sich nicht mehr blicken lassen. Seine beiden ständigen Begleiterinnen, die noch hier am Tisch saßen, hatten seine Klamotten gegriffen und mitgenommen. Auch seine Jacke. Roberto musste frieren. Hoffentlich wurde er nicht krank!

Doch was machte sich Gary darüber noch Gedanken! Er hatte ihm mitten ins Gesicht geschlagen. Was sollte Roberto noch von ihm halten? Sicher glaubte er jetzt, Gary würde ihn hassen, würde ihn ablehnen, weil er auf Männer stand. Ach verdammt! Er hatte wirklich Mist gebaut!

„Sorry, Leute, ich muss weg!", erklärte er nur plötzlich, legte das Geld für seinen Kaffee auf den Tisch und erhob sich. Ohne ein weiteres Wort machte er sich auf den Weg zu seinem Lieblingsplatz: eine Bank am Ufer des Pond im Central Park. Wenn Gary nicht mehr weiter wusste, wenn er seine innere Mitte und Ruhe suchte, dann machte er sich dorthin auf, um einfach nur das Gezwitscher der Vögel zu hören und sich an dem grünen Herzen satt zu sehen.

So viel Mist wie heute hatte er noch nie gebaut, er konnte sich Dero gar nicht unter die Augen wagen. Seit Monaten litt sein bester Freund unter Garys Heulattacken wegen Roberto und jetzt, wo er den Mann zum Greifen nah hatte, da stieß er ihn von sich! Das war, gelinde gesagt, wirklich verrückt und es wäre verständlich, wenn Dero ihn nach dieser Aktion in die Geschlossene einliefern lassen würde.

Quer unter der Stadt durch ließ er sich von den U-Bahnen bringen und war auf dem Weg zu seiner Bank.

Ein hochgradig deprimierter Elf war an seine Fersen geheftet, der gerade wieder mit seinem Stern abgeschlossen hatte. Roberto war nicht der Mann, der Gary glücklich machen konnte, der Kuss hatte es doch gezeigt. Die Informationen vom Elfenrat waren völlig falsch gewesen. Das war nicht fair!

Als Gary auf seiner Bank saß und Adalbert ein paar Bänke weiter mit seinem Schicksal haderte stellten beide fest, dass sie ganz allein waren. Die Sonne senkte sich langsam dem Horizont zu und wieder stellte Gary fest, dass er endlich aufhören wollte, allein zu sein. Er wollte nicht mehr allein hier sitzen und in den Abendhimmel sehen, er wollte sich an jemanden anlehnen, wissen, dass man erwartet wurde, wenn man nach Hause kam. Jemanden, der seine Fantasien teilte.

Er lächelte, als er einen weiß gekleideten Reiter auf einem weißen Pferd erkannte, das war fast wie im Märchen. Sicher ritt er, um seine Prinzessin aus dem Turm der bösen Hexe zu befreien. Gary lächelte leise, irgendwie passte das Bild zum heutigen Tag. Eine kleine Illusion auf den Nachhauseweg.

Er lächelte schmerzlich. Er war eben doch ein hoffnungsloser Romantiker.

Als der Reiter allerdings vom Weg abkam und direkt auf Gary zu hielt, wurde dem doch etwas mulmig. Er sah sich um, sah kurz den kleinen Elfen, der sich in seine Jacke kuschelte, doch dann stand das Pferd schon vor ihm. Als Gary den Reiter erkannte, musste er schlucken. Was sollte das denn jetzt werden?

„Herr... Sanchez", murmelte er und wusste gar nicht, was er sagen sollte. Langsam stand er auf und ging von der Bank weg. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut.

Roberto saß ab und hielt den Zügel fest, schließlich war Snow nur geborgt. „Strahlend genug, Gary?", wollte er lächelnd wissen. „Ich wäre gern der strahlende Ritter hoch zu Ross, der deine Träume durchreitet und dich begleitet", erklärte Roberto, wieder das weiche Lächeln auf den Lippen. „Und wenn du mir vorhin zugehört hättest, anstatt mich stehen zu lassen, dann wüsstest du, dass ich dich liebe und dass ich es leid bin, dich immer nur anzusehen."

Gary stand noch immer einfach nur da und starrte Roberto an. Er bekam kein Wort über seine Lippen, denn seine Gedanken fuhren Achterbahn. Kreuz und quer schossen sie durch seinen Kopf und alles was er wollte, war sich an den Hals des jungen Spaniers zu werfen und um Vergebung zu bitten.

Roberto seinerseits wurde auch langsam nervös. Warum sagte Gary denn gar nichts? Hatte er ich so geirrt, ihn missverstanden?

„Bekomm ich endlich ein Date mit dir? Ohne deine Schüler? Nur wir beide und du hörst mir zur Abwechslung auch mal zu?" Roberto wusste langsam nicht mehr, was er sagen sollte, so kratzte er sich nur verlegen am Ohr und senkte den Kopf. „Und wenn du nicht gleich was sagst, dann zerfließe ich hier vor Scham, weil ich gerade den größten Mist meines Lebens gebaut habe."

Mit offenem Mund stand Gary nur da. „Verarsch mich nicht", flüsterte er nur und fing an zu zittern. Das war doch alles viel zu schön um wahr zu sein! Das war wie in seinem Traum - ein schöner Mann auf einem weißen Pferd, der ihn zu einem Date einlud, der ihm seine Liebe gestand und der... „Das wäre jetzt zu viel für mich."

„Gary, sag’ mal!" Roberto blickte wieder auf und grinste ihn frech an. „Ich leihe mir ein Pferd von der berittenen Polizei. Weißt du, was diese Pferde wert sind und was die kosten? Der Anzug gehört meinem Vater. Einen Fleck und er bringt mich um. Dazu habe ich noch nie im Sattel gesessen. Weißt du, wie mir der Hintern weh tut? Und dann sagst du, ich mach das nur, um dich zu verarschen?"

Die Augen des Blonden wurden immer größer, langsam wurde er blass. Roberto schien das richtig ernst zu meinen. „Tut mir leid", stammelte er nur und seine zitternden Hände gruben sich in die Rückenlehne der Bank, hinter der er noch immer stand.

„Das reicht mir nicht", sagte Roberto nur und grinste schon wieder so frech. Dieses Grinsen würde noch einmal Garys früher Herztod werden. „Ich will einen Kuss, ohne gleich wieder verprügelt zu werden."

„Es tut mir so leid! Roberto, bitte. Das war ein Reflex, ich... du..."

„Ich... du... sag doch einfach wir. Das klingt doch viel schöner." Langsam streckte Roberto die Hand nach Gary aus und strich ihm über die Wange. „Lauf nicht wieder weg, bitte. Ich kann langsam nicht mehr." Seit Monaten bestimmte der Mann sein Leben, seit Monaten versuchte er ihm nah zu sein und lief immer wieder gegen eine Wand. Er war die Beulen leid! Er wollte zarter angefasst werden, er wollte diesen Mann endlich haben! Mit wild schlagendem Herzen fühlte er sich seinem Ziel so nah!

„Bitte, nicht weglaufen", flüsterte er nur noch, als er seinem Angebeteten immer näher kam.

Endlich berührten sich ihre Lippen. Nicht wie heute Mittag mit einem harschen Druck und der Dominanz des Besitzes, sondern weich und zart und unheimlich schön. Es kribbelte im Bauch, es kribbelte in den Fingerspitzen, als sich endlich ihre Zungen berührten und sich zaghaft bekannt machten.

Nur ein kleiner Elf schlich näher, griff sich mit einem breiten Grinsen den leuchtenden Stern, der sich über ihnen bildete und verschwand mit einem triumphalen Geschrei. Viel hatte er gar nicht tun müssen. Solche Aufträge waren ihm die Liebsten.

Doch das bemerkten die beiden nicht mehr, denn die Welt um sie herum hatten sie vergessen.

Märchen konnten wahr werden... wenn auch anders als gedacht.