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Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

05.12.2006



The long way home

Wie jede Nacht schlief der kleine Elf ziemlich schlecht, denn er war viel zu aufgekratzt über die Ereignisse. Allein gestern, wenn er sich nur daran zurück erinnerte. In einem Augenblick, da musste Adalbert mit ansehen, wie Gary Roberto schlug und Adalbert seinen Stern in Hunderte kleinster Teilchen zerspringen sah und im nächsten Augenblick sagte Roberto: „Dann mach ich deinen Traum eben wahr."

Der kleine Elf war nicht böse darüber gewesen, dass er nicht Teil der Idee gewesen war. Genaugenommen hatte er gestern keinen Finger rühren, sich seinem Klienten noch nicht einmal zeigen müssen! So leicht verdiente er gern seine Sterne. Adalbert kicherte frech und fiel wieder hinten über. Nun lagen schon drei Sterne in seiner Schatulle. Und der von gestern hatte ja wohl mal ganz entschieden die meisten Nerven gekostet. Dieses hin, dieses her.

Es war nur schade gewesen, dass er gar keine Zeit mehr gehabt hatte, noch einmal bei Jack vorbei zu sehen. Der junge Mann ging ihm einfach nicht aus dem Kopf. Solch eine charakterstarke Persönlichkeit war ihm noch nie über den Weg gelaufen und ausgerechnet ihm hatte Adalbert nicht helfen könnten. Das wurmte ihn ungemein.

Missmutig gestimmt kugelte sich der kleine Elf in seiner Decke ein und knurrte vor sich hin. Ob er nachfragen sollte? Vielleicht bekam er eine zweite Chance. Nun kannte er Alec und Jack ja besser und er konnte viel intensiver eingreifen. Zumindest Alec dürfte ja wenigstens nach seinem Abgang mit Jez bemerkt haben, dass er wirklich ein Elf war und ihm nun etwas mehr zuhören.

Und dann war da ja auch noch Jez. Adalbert knurrte leise, denn der Engel hatte sich gestern den ganzen Tag nicht blicken lassen. Kam der etwa nur, wenn der kleine Elf Hilfe brauchte? Irgendwie war Adalbert enttäuscht gewesen. Warum kam Jez nicht einfach mal nur so, weil er Adalbert sehen wollte? Mochte er ihn etwa gar nicht? Tat der Engel auch nur seine Pflicht und passte auf, dass der Kleine nicht auch noch das letzte versaute?

Autsch, irgendwie tat das dem kleinen Elfenherzchen ganz schön weh! Irgendwie hätte Adalbert es schön gefunden, für Jez so wichtig zu sein, dass er ihn einmal besuchen kam, einfach nur, um zu gucken, wie es Adalbert so ging. Aber nichts. Der kleine Elf wusste ja selber nicht, warum ihm das so gefiel oder warum er wollte, dass Jez bei ihm war. Er wusste nur, dass er es wollte und das alleine zählte doch, oder etwa nicht?

Mürrisch warf sich Adalbert auf die andere Seite und zog die Decke wieder höher. Er hatte zwar den ganzen Tag zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt verbracht, was ganz schön an seinen kleinen Elfennerven gefressen, gezogen und gerissen hatte, doch nun war er gar nicht müde, denn er war immer noch aufgepuscht.

Ein ganz kleines bisschen hatte er gehofft, nach dem weißen Ritter auf dem weißen Pferd kam noch ein weißer Engel, der den kleinen Elf ein bisschen in den Arm nahm, einfach für etwas Wärme und Geborgenheit, damit er sich nicht mehr ganz so einsam fühlte. Es war doch so herrlich, sich an Jez anzuschmiegen, der straffe Körper, die Kraft, die darinnen schlummerte. Adalbert hatte keinen Schimmer, was gerade mit ihm passierte, aber er wollte sich nicht so alleine fühlen. Das war doof.

Das Schlimme an seiner Situation war ja, dass er sich nicht einmal mit einem Blick auf seine Sterne aufheitern konnte! Nicht mal die drei kleinen, leuchtenden Belohnungen für seine Mühen konnten ihn auf andere Gedanken bringen. Er war enttäuscht von Jez und das tat weh, ohne dass der kleine Elf eigentlich begriff warum.

Das verwirrte ihn zusätzlich.

Zu allem Übel hatte seine Familie im Augenblick auch keine Zeit. Nikolaustag stand vor der Tür und die erste Ladung kleiner Geschenke musste raus. Da schufteten alle verfügbaren Elfen von morgens früh bis abends spät in den Fabriken, in den Büros und der Koordination. Nur Adalbert nicht, weil der einen anderen Auftrag hatte, der ihm im Augenblick so gar keinen Spaß machte.

Er wurde nicht müde, sich selber dafür zu verfluchen, die letzten Jahre so eine faule Penntüte gewesen zu sein. Hätte er jede Woche mal einen Auftrag gemacht, wäre das sicher toll gewesen, aber jetzt täglich, von morgens früh bis abends spät und jedes Mal nur eine einzige Chance. Wenn es schief ging, war der Stern weg. Das war mies!

Aber vielleicht war es auch nur mies, weil Adalbert nicht mit seinen Freunden Blödsinn machen konnte, weil er jede Minute des Tages voll konzentriert sein musste und nicht einen Augenblick Schwäche zeigen durfte. Er musste auf jedes Ereignis reagieren und seine Spontaneität wurde ganz schön auf die Probe gestellt. Das war mal ganz schön und man fühlte sich wichtig, aber im Augenblick fand Adalbert sowieso alles nur blöd - und das lag bestimmt nicht nur daran, dass Jez sich nicht hatte blicken lassen, um den kleinen, romantisch angehauchten Elfen an sein Herz zu ziehen.

Etwas mürrisch drehte sich Adalbert auf den Bauch. Sein Elfennachthemd erwürgte ihn fast dabei und mit ziemlicher Wut auf das Ding, das ihn jedes Mal fast um den Schlaf brachte, zog er es sich einfach kurzerhand aus und warf es auf den Boden. Hinterher streckte er ihm noch mal die Zunge raus, so!, das hatte das blöde Ding jetzt davon, dass es Adalbert so gereizt hatte. Am besten vergrub er es gleich neben seiner Uhr - ihre Seele ruhe in Frieden.

Wenn diese Wochen vorbei waren, dann hatte Adalbert wohl seinen kompletten Hausstand vor dem Häuschen vergraben und musste sich entweder als Goldgräber verdingen oder eine neue Einrichtung kaufen, je nachdem.

Völlig befreit von allen Zwängen rollte sich Adalbert wieder in seine Decke und versuchte noch etwas Schlaf zu finden, ehe er wieder quer durch die Welt gejagt wurde, um Menschen glücklich zu machen. Er hatte gerade mal drei Sterne, er brauchte noch siebzehn! Das musste man sich auf der Zunge zergehen lassen. Er brauchte noch sechsmal so viele Sterne und war jetzt schon mit den Nerven am Ende. Wie sollte das erst am Ende seiner Zeit sein? Zu seinem Geburtstag war Adalbert auf jeden Fall ein Wrack! Entweder eines mit Elfenflügeln oder eines mit Federn, aber auf jeden Fall ein Wrack.

Warum war er auch die letzten zwei Jahre so faul gewesen? Das war nun eben die Strafe dafür. Aber er wollte ein Engel werden, seit er Jez kannte, mehr denn je. Er wollte bei ihm sein, auch wenn dieser Auftrag beendet war, er wollte, dass Jez ihn in den Arm nahm, dass er ihn tröstete und ihn aufheiterte, mehr wollte Adalbert nicht.

Aber bis dahin war es noch ein weiter Weg, ein nervenaufreibender, steiniger... und dann war Adalbert doch noch endlich eingeschlafen.

Das allmorgendliche Ritual kannte er schon. Decke weg - Kartusche her.

Lesen.

Duschen - anziehen - weg.

So war es auch dieses Mal. Adalbert hatte gerade noch die Zeit, zu ergründen, was sein Ziel war.

Das Ziel lautete nur: Nils zu seinem Freund nach Taufkirchen zu bringen. Das konnte doch nicht so schwer sein, überlegte Adalbert, als er die Koordinaten in den Elf-Trans eingab und sich schnell noch für unterwegs aus dem Automaten ein Hotdog holte. Auch Elfen hatten Hunger und vor allen Dingen die, die noch im Wachstum waren und bald ein großer, wichtiger Elf/Engel sein würden. Genau die!

Adalbert futterte noch sein Frühstück und fing langsam an, das Frühstück seiner Mutter zu vermissen und war eigentlich für den heutigen Tag ganz guter Dinge, denn Nils und Kay waren bereits ein Paar und sehr verliebt! Wenn es da keine Küsse - innig und heiß und tief und voller Zuneigung - gab, wo dann!

So leicht hatte sich der Elf seine Sterne wohl noch nie verdient und erinnerte sich an einen ziemlich blöden Spruch seines Opas: Man solle den Tag nicht vor dem Abend loben. Na ja, Adalbert war das fast egal. Er hatte den Sieg und somit den Stern schon vor Augen, denn dank Flugzeug und Bahn war die Entfernung London München doch ein Kinderspiel!

Mit einem zufriedenen Grinsen wischte er sich die Finger an der kurzen Hose ab, zupfte die Strümpfe noch mal zurecht und schloss die Jacke. Vielleicht war er wütend auf Jez, weil der sich nicht blicken ließ, aber das hieß noch lange nicht, dass Adalbert sich auch gleich von seinem Geschenk trennte, schließlich war er ein praktisch denkender Elf.

So, Klamotten saßen, Code war eingegeben - ab ging's.

Doch was war das? Plötzlich fand sich Adalbert mitten auf dem Picadilly Circus wieder! Mutter- und vaterelfenallein in einer Masse von Menschen. Sein Stadtplan von New York half ihm jetzt auch nicht wirklich weiter. Warum bekam er eigentlich nie die richtigen Koordinaten? Gehörte das zu diesem perfiden Spiel, den kleinen Elf noch um den Verstand zu bringen und den Stresslevel, der wohl noch nicht hoch genug war, noch etwas mehr zu steigern?

Doch mittlerweile war Adalbert ja ein Großstadtelf und so bewegte er sich auch.

Doch geben wir der Wahrheit den Vorzug: er versuchte sein Bestes, aber es war nicht gut genug. Jeder starte ihn an, ein paar tuschelten, ein paar lächelten. Zweimal wurde er fotografiert, weil er ja so niedlich war in seinem Kostüm und noch drei "what a cutie" später hatte Adalbert endlich einen Laden aufgetan, wo er sich einen Stadtplan erwerben konnte, um sich zu orientieren.

Da saß er nun und suchte sich durch die Straßen und Gassen, um endlich die Straße zu entdecken, in der Nils seine Wohnung hatte. Er musste den jungen Mann jetzt nur einsacken, mit nach Deutschland nehmen und schon hatte Adalbert seinen Stern und konnte für den Rest des Tages seine Füße hochlegen. Darauf freute sich der kleine Elf schon am meisten und er grinste ziemlich zufrieden.

Als er auch endlich die Straße gefunden hatte, faltete er seine Karte wieder zu und beschloss zu fliegen, so wie immer.

Das ging am schnellsten, ehe er sich im Wirrwarr von Metro und Bus noch gänzlich orientierungslos machte. Was nicht bedeuten sollte, dass Adalbert einen guten Orientierungssinn hatte. Er war gelinde gesagt der schlimmste Beiflieger, den man sich nur vorstellen konnte.

Kartenlesen konnte er, aber das Gesehene in die Realität übertragen war auch nicht wirklich sein Geschick, aber er gab sein Bestes. Und so erreichte er auch das kleine Wohnhaus, in dessen Dachgeschoss Nils sitzen sollte und gleich dem Elf um den Hals fallen, denn in seinem Auftrag hatte er auch Tickets gefunden, damit Nils' Abreise gar nichts mehr im Weg stehen konnte. Adalbert spürte, der Tag würde perfekt laufen.

Doch er musste einsehen, dass er sich wohl ein ganz kleines bisschen zu früh gefreut hatte, denn als er in Nils' Wohnung sah, egal ob Wohnzimmer oder Küche, da war sie leer.

Wo war der Kerl? So war das jetzt aber nicht geplant gewesen, verdammt! Adalbert wollte sich Mittag seinen Stern holen und denn Rest des Tags relaxen, sich zurücklegen und den fehlenden Schlaf nachholen, damit er nicht noch Ringe unter den Augen bekam und aussah wie ein Waschbär!

Konnte sich der Kerl nicht mal an das Drehbuch halten? Adalbert knurrte wütend, als er sich auf dem kalten Dach nieder ließ. Der blöde Kerl warf doch des Elfen ganzen Zeitplan über den Haufen, was dachte sich der Kerl? Wo sollte er den Typen denn jetzt suchen? Adalbert war schon wieder ziemlich bedient, doch dann fasste er sich ein Herz, ging durch die Tür in das Haus und klingelte bei Nils.

Wie erwartet passierte gar nichts, denn der war ja nicht da. Also klingelte Adalbert noch mal, solange bis aus der Nachbarwohnung eine junge Frau den Kopf raus streckte. Sie grinste, als sie Adalbert sah und erklärte ihm höflich, wenn er Nils suchen würde, dann wäre er hier völlig falsch. Der wäre in der Uni, mache seine Arbeit fertig und wollte dann gleich zum Flughafen, weil er nach Deutschland fliegen wollte. Er käme also die nächsten Tage nicht nach Hause.

Adalbert nickte nur und bedankte sich. Er musste seine Strategien überdenken. Langsam ging er die Treppen hinab und trat vor die Tür. Sein wütender Blick ging gen Himmel, denn es hatte begonnen zu schneien. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Mit nassen Flügeln konnte der kleine Elf doch nicht fliegen. Ach verdammt, das war nicht fair! Er musste bis zur Universität und dann zum Flughafen und sowieso und überhaupt.

Erst hatte Adalbert ja überlegt, er überließ die Zwei sich einfach selbst, doch dann war ihm siedend heiß aufgegangen, dass er ja gar nicht an den Stern ran kam, wenn er nicht dabei war, wenn die Zwei sich küssten. Das hieß jetzt für den kleinen Elf, er durfte Nils nicht von der Seite weichen. Was wiederum bedeutete, der kleine Elf musste Nils erst mal finden, ehe er ihm nicht mehr von der Seite weichen konnte - und da biss sich die Katze in den Schwanz, denn das war Adalberts Problem. Er musste Nils finden.

Und nun schneite es. Also schlang der kleine Elf die Arme um sich und fing an, sinnlos zu suchen. Er irrte über weiße Gehsteige und Straßen, bis er die Nase voll hatte. Wozu hatte ein Elf ein Spesenkonto? Also ab in ein Taxi und sich schnell zur Uni fahren lassen, das war doch viel besser. Es war schnell, es war trocken, es war warm. Herrlich!

Doch viel zu schnell war die Fahrt zu Ende und Adalbert musste wieder ins Freie. Brrr, Mistwetter! Aber wenigstens war er seinem Ziel schon ein ganzes Stück näher gerückt. Das konnte doch jetzt nicht so schwer sein, auf dem Campus einen bestimmten Studenten zu finden. Und ehe er noch länger herum irrte und Nils ihm doch noch durch die Finger schlüpfte, suchte sich Adalbert gleich einen Pförtner und erkundigte sich, ob der Herr wisse, wo Nils Deller zu finden wäre.

Der Mann war sehr nett, er telefonierte herum und als er es in der Bibliothek versuchte, hatte er Erfolg, dort war sein Ausweis eingelesen und noch nicht wieder ausgelesen worden, also bekam Adalbert einen Besucherausweis und flitzte los. Nils war also noch da! Das war gut, das war sehr gut. Jetzt musste sich der kleine Elf nur noch an dessen Fersen heften und ihm folgen, warten, bis er auf Kay traf und den Stern holen.

Okay, langsam wurde Adalbert wieder zuversichtlicher. Es war noch nicht einmal Mittag, sie lagen gut in der Zeit.

Der Elf schlenderte also zur Bücherei, doch der Übersicht wegen war es leichter, sich als Fliege umzusehen, um weniger Aufsehen zu erregen. Das tat Adalbert auch und hatte Nils ziemlich schnell an einem der hinteren PCs gefunden.

Dort saß er, den Kopf in die Hände gestützt und wirkte ziemlich verzweifelt. Das sah nicht gut aus! Gar nicht gut! Adalbert summte tiefer und lauschte auf Nils, denn der murmelte nur vor sich hin. Immer wieder und wieder.

„Ich schaff das nie, in einer Stunde!" Es war zum Mäuse melken. Seit drei Wochen war er dabei, seine Belege im Akkord zu schreiben, seine Arbeiten fertig zu machen und alle, bis auf eine, waren fertig. Nur an der hier saß er noch und fand kein richtiges Ende und dabei lief ihm die Zeit durch die Finger.

Alles war gepackt, die Tasche stand im Schrank, er konnte dann direkt nach Heathrow fahren, doch vorher musste er seine Arbeit wenigstens in digitaler Form abgeben.

Das war das einzige Entgegenkommen, das man ihm gewährt hatte. Doch diese scheiß Arbeit war noch nicht fertig und zu allem Übel ging sein Flieger in nicht mal mehr drei Stunden! Das war nicht fair. Er hatte Tag und Nacht geschuftet, um sich ein paar Tage frei räumen zu können, weil sein Schatz Geburtstag hatte, und nun? Scheiterte alles an einer bescheuerten Arbeit, zu einem Thema, was keine Sau interessierte? Das war echt nicht fair!

Er hatte ihn überraschen wollen, Kay wusste gar nicht, dass Nils ihn besuchen wollte. Das war doch echt nicht fair. Wieder suchte er das Buch durch. Er wusste ganz genau, dass er das, was er suchte, darinnen gelesen hatte und jetzt, wo es schnell gehen musste, da fand er diese doofe Seite nicht wieder! Zu allem Übel war eines der Bücher, das er noch brauchte, verliehen und kein anderes Exemplar mehr verfügbar.

Irgendjemand wollte nicht, dass er zurück nach Taufkirchen fuhr. Irgendjemand wollte ihm das bisschen Glück, endlich wieder in Kays Armen aufzuwachen, einfach nicht gönnen. Am liebsten hätte er jetzt losgeheult, so elend fühlte sich Nils, doch er wollte noch nicht aufgeben. Er arbeitete gegen die Uhr, doch noch konnte er gewinnen.

Wie wahnsinnig suchten seine Finger die Seiten durch, überflogen seine Augen die Seiten nach der gesuchten Information. Vom scharfen Papier waren seine Finger schon zerschnitten, doch er leckte nur das Blut weg und suchte weiter.

Es war nicht zu übersehen, dass er Kopfschmerzen hatte, sein Schädel hämmerte geradezu und jede noch so kleine Erschütterung ließ Nils zusammenzucken.

Adalbert sah das genau und er konnte den Schmerz fast selber spüren. Er musste helfen. So billig, wie er gedacht hatte, kam er leider nicht davon, doch Nils war sein Klient und an dessen Glück hing Adalberts Glück. Also nahm er wieder seine normale Gestalt an und machte sich ein paar kleiner Tricks verdingt. Von der Rezeption mopste er ein paar Tabletten und etwas Wasser, auch wenn Getränke in der Bücherei verboten waren. Nun kam zu seiner Straftatenliste auch noch Diebstahl, aber das war egal. Der Zweck heiligte hoffentlich die Mittel.

Beides stellte er ungesehen neben Nils ab und tippte ihm auf die Schultern. Erschrocken schoss der junge Mann herum und Adalbert tat es gleich leid, ihn so erschreckt und aus seiner Konzentration gerissen zu haben.

„Tut mir leid", stammelte der Elf nur. „Ich dachte, du könntest ein paar Kopfschmerztabletten gebrauchen." Er schob den Becher mit Wasser etwas dichter, immer darauf bedacht, ihn nicht umzuwerfen und vielleicht noch die ganze Arbeit von Nils zu sabotieren, dann würde sich Adalbert ja selber ins Fleisch schneiden.

„Ähm... danke." Nils hatte den komischen Kauz in seinem Kostüm noch nie auf dem Campus gesehen, doch wenn er Kopfschmerztabletten verteilte, dann konnte das nur ein Engel sein! Er griff sich die Pillen, spülte sie runter und ließ die Wirkstoffe die Arbeit für sich tun. Dann fing er wieder an zu suchen, denn er musste fertig werden. Adalbert setzte sich leise ihm gegenüber und sah ihm einfach nur zu.

„Kann ich helfen? Soll ich auch was suchen?", wollte er leise wissen und Nils sah auf. Was war das für einer? Niedlich war er ja, wie er da so saß und sich nützlich machen wollte, doch er schüttelte nur den Kopf. „Ehe ich dir das erklärt habe, ist mein Flieger weg und ich sitz auf dem Trocknen hier, kann nicht nach Hause und mein Freund feiert ohne mich", murmelte er auf Deutsch und Adalbert machte nur: „Aha".

Er überlegte kurz, dann antwortete er ebenfalls auf Deutsch: „Aber ich bin ein Elf, ich kann dir helfen und dann siehst du Kay noch, ehe sein Geburtstag vorbei ist!" Adalbert ließ es wirken und es wirkte wirklich! Nils sah auf und starrte den Kleinen einfach nur an. „Woher weißt du das?"

„Ich sagte doch, Nils, ich bin ein Elf. Ich bin hier, um dir zu helfen, also lass mich dir doch einfach helfen. Gib mir eine Chance", bettelte Adalbert, denn Nils tat ihm leid. Er hatte besseres verdient, als nur hier zu hocken, Bücher zu wälzen und auf die Uhr zu sehen, nur um noch mehr Panik zu bekommen.

„Sehr witzig", knurrte Nils nur, er hatte gerade für so was gar keinen Nerv! Wild blätterte er wieder in seinem Buch, schnitt sich erneut und zuckte zusammen. Adalbert konnte das gar nicht mit ansehen! Er griff sich das Buch und funkelte Nils wütend an. Wenn der Kerl nicht anders wollte, dann musste er eben zu seinem Glück gezwungen werden! „So, was suchst du?"

Nils, der mit so viel Dreistigkeit gar nicht gerechnet hatte, schob nur seinen Zettel rüber und Adalbert las. Zwar hatte er keinen Schimmer, was das war, aber er hatte die Gabe der Elfen, er konnte Bücher in Windeseile durchkämmen und das finden, was er suchte. Natürlich war Zauberei im Spiel, aber das war egal. Es war seine Aufgabe zu helfen und das tat er. Hastig durchblätterte auch er das Buch und legt es dann mit der gefundenen Seite strahlend vor Nils ab. Der sah nur ungläubig auf die Seite und die Information, die er gesucht hatte.

„Du... bist unglaublich!", stammelte Nils und mit einem Lächeln fing er an, die Information in seine Arbeit einzugliedern. Voller Elan flogen seine Finger über die Tasten und Adalbert war sichtlich zufrieden. Die Ellenbogen auf den Tisch gestemmt lag sein breites, zufriedenes Grinsen in seinen Händen.

„Ich bin eben ein Elf und heute nur für dich da", erklärte Adalbert, ließ den leeren Becher noch ein bisschen schweben und grinste wieder. Nils machte fast den Eindruck, als wäre er bereit, ihm zu glauben und irgendwie machte das auch Adalbert ein bisschen glücklich, es gab noch Menschen, die an Elfen glaubten. Das war schön. „Was kann ich noch machen", wollte er wissen, denn er langweilte sich und wollte lieber noch ein bisschen nützlich sein. Er ließ den Becher unter dem Tisch verschwinden, als eine Aufsicht durch die Reihen ging. Nicht dass noch dumme Fragen gestellt wurden, die nur zu Verwicklungen geführt hätten.

Nils schob ihm einen weiteren Zettel hin. Auf dem waren fast alle Titel abgestrichen, nur einer war mit einem Fragezeichen versehen und Adalbert ahnte schon, was zu tun war. Also wuselte er los, durchforstete die Regale und musste ziemlich schnell feststellen, dass das Buch nicht zu finden war. Deswegen war Nils also so niedergeschlagen. Da half nur eines. Magie musste her, auch wenn die Anzeige an Adalberts Handgelenk ihm deutlich machte, dass er nicht mehr viel Vorrat hatte. Junge Elfen konnten zwar zaubern, aber nicht unbegrenzt, damit sie damit keine größeren Schäden anrichten konnten.

Doch da von diesem Buch der ganze Tag abhing, war der Elf der Meinung, es war okay, den Rest aufzubrauchen. Also murmelte er ein paar magische Worte und hielt dann das Buch in der Hand, wie ein Schlüssel, der Schlüssel zu Nils' und somit auch zu seinem Glück. Ganz schön schwer für einen Schlüssel.

Also schleppte Adalbert den Wälzer zum Tisch und freute sich diebisch, als er Nils' aufgerissene Augen sah. „Wo hast du den her?" Er konnte nicht fassen, was er sah. Da lag es!

„Elf!", lachte Adalbert nur und strahlte über das ganze Gesicht. Seine Zipfelmütze hing ihm dabei frech ins Gesicht und er kicherte. „Und wenn du mir noch sagst, was du suchst, dann kommen wir noch schnell genug zum Flughafen und vor allen Dingen noch viel schneller zu deinem Freund. Na?", lockte der Elf, übermütig geworden, weil nun wohl doch noch alles gut wurde.

Nils konnte es nicht fassen. Der kleine Kerl - wer war er? Wer war das? Woher kam er? Nicht nur, dass er von Kay wusste, keiner wusste hier von Kay. Die meisten wussten noch nicht einmal, dass er auf Männer stand. Er wusste, dass Kay Geburtstag hatte und dann fand er mühelos Stellen in Büchern und dann trieb er Bücher auf, die in der ganzen Bibliothek vergriffen waren.

Nils war Realist, er glaubte nicht an Hexen und Feen oder sonst was, er glaubte ja nicht mal daran, dass es einen Gott gab, denn wenn es so wäre, müsste er sich mit seiner Liebe nicht verstecken, sondern könnte auch hier offen zugeben, dass er Männer liebte und das wäre okay.

Und plötzlich kam so ein kleiner Kerl und behauptete, er wäre ein Elf und Nils war versucht es zu glauben. Das war doch verrückt. Total verrückt.

„Wenn du mich noch lange anstarrst, dann wird der Flieger doch noch ohne uns fliegen. Also mach!" Adalbert lachte leise. Nils sah richtig niedlich aus, wie er ihn so anstarrte, wie er mit offenem Mund zwischen Buch und Elf hin und her guckte.

„Wenn dir das Glück winkt, dann frag nicht lange was es kostet, Nils, nimm es an und freu dich drüber", sagte Adalbert und griff sich das Buch, fing auf gut Glück an zu suchen und hatte ziemlich schnell das Kapitel gefunden, das Nils interessieren könnte.

Der Blonde wusste nicht mehr, was er noch sagen sollte, er wunderte sich nur noch darüber, doch er tat, was Adalbert sagte: er nahm sein Glück an und schrieb wie ein Verrückter weiter, während Adalbert, so gut es nur ging, alles von Nils fern hielt, was ihn hätte stören können.

Er schrieb und schrieb, Satz um Satz strömte das Wissen aus seinem Hirn in seine Hände und die Finger ließen es auf dem Bildschirm sichtbar werden, greifbar. Er kam seinem Ziel mit jedem Satz näher. Er spürte schon das Vibrieren der Flugzeugmotoren unter seinen Muskeln und ein Lächeln lag auf seinen Zügen.

Egal woher der kleine Kerl gekommen war, ohne ihn hätte Nils wohl keine Sonne mehr gesehen und hätte Kay anrufen müssen, um seine geplante Überraschung abzusagen. Aber nun konnte er es noch schaffen. Der ganze Stress in den letzten Tagen war nicht umsonst gewesen. Zwar hatte er nur noch zwei Monate in London, dann war er wieder zuhause bei Kay, doch die letzten Wochen zogen sich.

Anfangs war die Zeit hier, als alles noch neu gewesen war, wie im Fluge vergangen und Nils hatte Sorge gehabt, dass er viel zu schnell wieder zu Hause war, doch nun häufte sich der Stress, die Zeit saß ihm im Nacken, glitt ihm durch die Finger und auf der anderen Seite zog sie sich mit jedem Tag, den er von Kay getrennt war, mehr.

Ein Auslandsjahr war schön, aber wie hieß es beim Zauberer von Oz? Es ist nirgends schöner als daheim - so war es nun einmal. In seinem Bett, in seinem Bad, mit seinem Freund. Abends das letzte, was er sah, morgens das erste, was er sah. Kay fehlte ihm an allen Ecken und Enden. Es gab so viele kleine Situationen, wo Nils bei sich dachte: Kay hätte jetzt dies getan, Kay hätte jetzt jenes gesagt, doch er tat es nicht, weil er nicht bei ihm war.

Er vermisste ihn von Tag zu Tag mehr und seine Heimreise heute war eigentlich nicht nur ein Geschenk für Kay, sondern auch für sich selbst. Er schenkte sich ein paar Tage Ruhe, in den Armen seines Freundes. Wenn es nach ihm ging, würden sie drei Tage lang das Bett nicht verlassen. Nicht weil ihm der Sex fehlte, das vielleicht auch, aber ihm fehlte das Gefühl von Nähe, das Wissen, die Augen zu schließen und nicht allein zu sein. Einfach nur reden, egal worüber und zu wissen, dass der andere einem zuhörte, einen verstand, weil er einen kannte.

Erst hier hatte Nils begriffen, was er alles aufgegeben hatte, ohne es vorher wirklich einschätzen zu können. Das Jahr in London hatte ihn näher an seinen Freund heran getrieben, als es in Deutschland je hätte passieren können. Man wusste eben erst, was man hatte, wenn man es nicht mehr hatte und schmerzlich vermisste. Es war sowieso ein großes Glück, dass Kay ihm treu geblieben war, dass er lieber nächtelang mit Nils telefonierte, als auf die Piste zu gehen und sich auszutoben.

Er hatte zuhause den besten Mann den er sich nur wünschen konnte und für den musste er heute seinen Zeitplan schaffen, denn sonst war er bestimmt sehr allein zu seinem Geburtstag. Kay hatte ihm erzählte, dass er nicht viel feiern wollte, er wollte warten, bis sein Freund wieder da war und dann mit ihm alles nachholen.

Wieder ein Blick auf die Uhr. Es wurde knapp, wirklich knapp. Er musste auch noch mal drüber lesen.

Adalbert bemerkte den Blick und nickte sich zu. „Ich räume die Bücher weg und schlepp deine Tasche zum Pförtner. Ich muss meinen Ausweis abgeben und du machst das fertig und kommst hinterher gelaufen. Okay?", fragte der Elf und Nils sah ihn an. Er wusste selber nicht warum er diesem kleinen Kerl vertraute, so vertraute, dass er ihm den Schlüssel vom Schrank gab, in dem er seine Tasche mit allen Dokumenten und den Tickets eingeschlossen hatte. Er konnte es wirklich nicht betiteln, warum er dem Kleinen glauben wollte, doch er tat es. „Okay", war alles, was er sagte. Er legte den Schlüssel auf die Bücher und schob sie zu Adalbert, während seine Augen am Bildschirm klebten.

Adalbert, stolz darauf, heute so richtig wichtig zu sein, räumte also das Buch weg, ließ das andere wieder verschwinden und holte die schwere Tasche aus dem Spind. Es war toll, dass Nils ihm so vertraute. Er wusste nicht, warum der Mensch das tat, doch es war herrlich, es war ein unbeschreibliches Gefühl, das Vertrauen eines anderen gewonnen zu haben. Endlich hatte Adalbert auch mal etwas aus eigener Kraft geschafft. Und wenn es nur der Flug war, den sie erreichten, dann war das schon ein großer Schritt.

Unter Aufbietung seiner ganzen Kraft schleppte der kleine Elf also die große Tasche quer über den Campus.

Auf was hatte er sich da nur eingelassen. Nur kurz schweiften seine Gedanken zu Jez und dass der ihm mit der Tasche helfen konnte, doch dann wollte der Elf wieder stur sein und das ganz alleine machen. Wenn Jez es nicht für nötig hielt, nach Adalbert zu sehen, dann konnte der Engel bleiben, wo der Pfeffer wuchs.

Allerdings war es da bestimmt um einiges wärmer als hier, denn Adalbert fing langsam an, in seinen dünnen Strümpfen ziemlich zu frieren. Wer hatte sich nur für arbeitsame Elfen solch ein Gewand ausgedacht? Das war doch wirklich Elfenverachtend! Man fror sich doch alles ab, was irgendwann noch mal wichtig werden könnte.

Auch das Zwischenbein-Körperteil, das Schwanz hieß und was in letzter Zeit komische Dinge machte, die Adalbert noch nicht wirklich begriff. Heute Morgen, unter der Dusche, hatte es ganz komisch abgestanden. Das hatte vielleicht blöd ausgesehen! War gar nicht so leicht gewesen, das in die enge, kurze Hose zu stopfen!

Weh hatte das auch getan, aber er konnte ja schlecht ohne Hose herum laufen, denn das war noch peinlicher. Also hatte der tapfere Elf den Schmerz ertragen und irgendwann war der ja sowieso wieder verschwunden, weil Adalbert gar keine Zeit mehr gehabt hatte, sich darum zu kümmern. Aber es war definitiv ein komisches Körperteil, dessen tieferen Sinn der Elf noch nicht ganz begriffen hatte.

Zwar hatte er bei Elias das eine oder andere gesehen, doch einen tieferen Sinn hatte das für ihn nicht ergeben - nicht wirklich. Vielleicht sollte er sich in einer ruhigen Minute etwas intensiver informieren, wozu das Ding eigentlich gut war. Und während der kleine Elf über so schwerwiegende Dinge nachdachte, hatte Nils seine Arbeit beendet, auf Fehler durchsucht und abgeschickt. Nun war er auf dem Weg zum Pförtner, wo der Kleine warten wollte und so war es auch.

Schon von weitem sah er den kleinen Elfen mit seiner großen Tasche und grinste. Der Kleine musste sich doch einen Bruch gehoben haben! Es war selten, heutzutage noch jemanden mit einem so guten Herzen zu finden. Egal ob der Kleine ein Elf war oder nur ein verdammt gut informierter Junge, er hatte Nils den Arsch gerettet und er hatte nicht einmal die Zeit, sich gebührend bei ihm zu bedanken. Vielleicht, wenn er wieder hier war?

Nils nickte sich zu für diese Idee und griff sich die Tasche. „Danke, Kleiner. Du hast was gut bei mir", sagte er und flitzte schon los. Adalbert flitzte hinterher zur U-Bahn.

„Mach ich doch gern", keuchte der kleine Elf und holte auf, lief neben Nils her. „Ich hab auch ’nen Flugticket, ich komm mit", erklärte er und Nils sah ihn etwas irritiert an. Doch er hatte keine Zeit zu diskutieren, er war schon hinter seiner Zeit. Schnell waren sie im Untergrund, doch der Schaffner erklärte ihnen nur, dass die Bahn nicht fahren könne. Kurz vor der Station wäre ein Zug liegen geblieben und so lange der nicht wieder fit wäre, wäre nichts zu machen.

Das durfte doch jetzt alles nicht wahr sein! Nils konnte gar nicht fassen, was er hörte und ließ schockiert die Tasche fallen. Wie sollte er denn jetzt noch pünktlich zum Flughafen kommen?

„Scheiße!", fluchte er nur und konnte es sich nicht verkneifen, seine gestaute Wut mal an einem Pfeiler auszulassen. Doch das tat nur dem Zeh weh und so musste Adalbert handeln. Er griff sich den Beamten, quetschte ihn so lange aus, bis der die Buslinie hatte und nickte. Es fuhren also auch Busse zum Flughafen.

„Los, komm!", zischte er Nils nur an und flitzte los, etwas irritiert folgte der Mensch. Sie hetzten nach oben und zur Busstation, winkten den Bus ran und fuhren erst mal so lange mit, bis sie auf den eigentlichen aufspringen konnten. Es war ein fliegender Wechsel und doch dauerte es fast eine Ewigkeit, bis auch nur das Flughafengelände mal in Sicht kam.

Sicht war auch so ein Problem. Es hatte sich ziemlich schnell eingeschneit und die dicken Flocken tanzten im Wind, dass man kaum noch etwas sah. Es war doch zum verrückt werden.

Das hatte der hohe Rat gewusst. Adalbert war sich sicher. Der Job hatte nur so leicht geklungen, aber das war er gar nicht! Mit den Wetterwidrigkeiten kämpfend war auch noch die Uhr ihr Feind. Das konnte haarig werden. Der kleine Elf seufzte. Jedes Mal, wenn er aus dem Fenster sah, stürmte es mehr. Hoffentlich war das Rollfeld noch frei, dass sie wenigstens in die Luft kamen und von der Insel runter!

Nils war nicht weniger nervös, denn sein Ticket war auf einen Flug gebucht und als sich vor dem Bus plötzlich der Verkehr staute, war Nils einem Heulkrampf nah. Das durfte doch echt alles nicht mehr wahr sein? Was hatte er verbrochen? Was hatte er falsch gemacht? Wem hatte er in die Suppe gespuckt, dass er heute so auf die Probe gestellt wurde? Ein Blick auf die Uhr, es wurde immer knapper. Das Bording ging in einer halben Stunde los und sie standen mitten auf der Straße, in einem angehenden Schneesturm und kamen nicht von der Stelle.

„Ich dreh durch!", knurrte er immer wieder. Seine Finger bogen sich schmerzlich. Immer wieder stand er auf, setzt sich. Adalbert neben ihm war auch nicht wohler bei der Sache. Und das Schlimmste war, er hatte all seine Magie schon aufgebraucht und konnte nun auch nichts mehr tun als zu warten. Das war nicht fair, ganz bestimmt nicht fair. Sie hatten sich solch eine Mühe geben, das erste Mal, dass ihm einer seiner Klienten geglaubt und ihm vertraut hatte und dann wurden sie vom Wetter so in die Pfanne gehauen.

Wer hatte je behauptet, Elfen waren nette, freundliche Wesen? Die, die gewusst haben, was das für ein Tag würde und Adalbert diesen Auftrag gegeben hatten, waren jedenfalls keine von der Sorte. Doch dann wurde Adalbert ruhiger, denn er spürte die Verzweiflung neben sich. Nils war einer Krise nahe. Vielleicht war das heute auch Adalberts Aufgabe? Nils zur Seite zu stehen, egal was passierte? Vielleicht war der heutige Tag gar nicht dafür gedacht, einen Stern zu bekommen, sondern einfach nur nett zu sein?

Gerade schämte sich Adalbert in Grund und Boden. Nur mit dem Gedanken an seine Sterne und seine Engelsflügel beseelt, hatte er den eigentlichen Sinn der Elfen fast schon vergessen. Wie peinlich! Aber das kam davon, wenn man so in Zeitnot war. Vielleicht war es ganz gut, mal hier zu stehen und darüber nachzudenken, weswegen er eigentlich auf die Erde gekommen war, nämlich um Menschen glücklich zu machen. Die Sterne waren nur ein schöner Nebeneffekt, den der kleine Elf leider in seiner Gier viel zu hoch geschätzt hatte.

Er blickte auf, als der Bus wieder anruckte und, wenn auch langsam, bis zum Terminal durchfuhr. So schnell konnte Adalbert gar nicht gucken, wie Nils aus dem Bus war und im Terminal. Doch sein Flug nach München wurde nicht mehr angezeigt.

„Scheiße!", fluchte er nun ziemlich ungehalten und warf die Tasche auf den Boden. Nun hatte er so gehetzt und nun? Alles um sonst. Auch das Geld für das Ticket war weg und für ein Neues musste er jetzt alle Kröten zusammenkratzen, die er noch hatte. Er konnte nicht mehr, die Tränen standen ihm in den Augen und seine Lippen zitterten. Er musste sich erst einmal fassen und überlegen, was zu tun war.

Als erstes Kay anrufen, dann einen neuen Flug suchen, auf dem noch Plätze frei waren und dann...

„Komm mit." Adalbert griff Nils am Arm und zog ihn hinter sich her. Die Tasche schleifte hinterdrein. Mit den beiden Tickets in der Hand wedelte er und grinste Nils an. „Elfentickets, die gelten immer", lachte er leise und sah sich verschwörerisch um. „Unser Flug geht in 40 Minuten."

Nils begriff gar nichts mehr, doch das war heute nicht das erste Mal. Er sah nur die Tickets und wie Adalbert auf einen Schalter zu stürmte. Instinktiv holte er seinen Pass aus der Jackentasche und gab ihn Adalbert. Der kümmerte sich um alles, Nils gab seine Tasche auf und dann waren sie gerade noch rechtzeitig für das Boarding. Adalbert war total aufgeregt, denn er war noch nie geflogen! Also zumindest nicht mit einem Flugzeug.

Mit Rentieren, ja.

Mit eigenen Flügeln, ja.

Mit dem Schlitten vom Weihnachtsmann, wenn auch unberechtigterweise, ja.

Aber noch nie mit einem von diesen Dingern, gegen die er mal fast den Schlitten gesteuert hätte. Einmal nicht hingeguckt, da bretterte so ein Ding an einem vorbei und brachte die ganzen Rentiere durcheinander.

Das hatte Ärger gegeben!

Adalbert kicherte leise, doch da zog ihn Nils in eine Ecke. „So, Kleiner, und jetzt sagst du mir endlich, wer du bist und woher du die Tickets hast und das Buch und woher du weißt, das Kay Geburtstag hat." Nils hielt es nicht mehr aus, die Neugier zerfraß ihn schier und das machte ihn noch komplett irre.

Doch der Kleine grinste nur. „Elf. Hab ich doch gesagt. Ich bin Adalbert, Weihnachtself Nummer 29245 in Ausbildung. Ich bin heute dein Glücksbringer."

Nils schnaubte. „Okay, du willst 's mir nicht sagen!"

„Aber ich hab doch gesagt, ich bin..."

„Ja, ja, ein Elf. Schon klar. Aber seit wann fliegen Elfen mit Flugzeugen!" Nils, der langsam wieder etwas positiver in seinen Tag blicken konnte, wollte noch nicht aufgeben.

„Fliegen sie ja eigentlich auch nicht. Aber ich habe noch keinen eigenen Schlitten und den vom Weihnachtsmann, den darf ich auch nicht mehr nehmen, seit sich Donner seinen Puschel am Strahl eines Flugzeugs versengt hat und eigentlich fliegen wir ja selber. Guck." Er wedelte kurz mit seinen Flügeln. „Aber das ist bei dem Wetter einfach zu weit. Diese Dinger sollen voll cool sein." Adalbert machte große Augen, man sah ihm an, wie aufgeregt er war und Nils lachte leise. Der Kleine mochte ein totaler Spinner sein, aber er war ein netter Spinner und süß. Schade, dass er und Kay keine Kinder haben konnten, so einen wie diesen Kleinen hier hätte er gern gehabt.

„Okay, kleiner Elf. Ich nehme das einfach mal so hin und wenn wir wieder in London sind, hast du was gut bei mir", sagte Nils und richtete sich wieder auf, doch Adalbert schüttelte den Kopf.

„Da werd ich schon ganz wo anders sein und jemand anderem helfen. Lass mich am Fenster sitzen, dann sind wir quitt", lachte der Elf nur und flitzte los, zeigte seine Papiere, die neuerdings auch Elfen bei sich führen mussten und rief Nils zu sich, der nur lachend folgte.

Sie suchten sich ihre Plätze und wie versprochen durfte der kleine Elf am Fenster sitzen. Sie hatten Glück, es war ein besonders schöner Fensterplatz, denn Adalbert musste sich nicht verbiegen, um etwas sehen zu können und der Flügel verdeckte nicht die Sicht. Er war schon ganz aufgeregt und beobachtete gerade, wie das Gepäck im Schneesturm eingeladen wurde. Jetzt musste der Vogel nur noch abheben und sie nach München bringen und dann war alles gut! Alles würde gut sein. Adalbert konnte es noch gar nicht fassen.

Nils neben ihm lächelte nur. Der Kleine war wirklich süß und er hatte ihm eine Menge zu verdanken. Vielleicht fing er doch wieder an, an Wunder zu glauben, wenn er diesen Tag endlich hinter sich lassen und mit einem Glas Wein und Kay vor dem Kamin sitzen konnte. In ein paar Felle gekuschelt und dieser Tag, mit seinen ganzen, neuen Überraschungen war dann nur noch eine Erinnerung.

Die Stewardessen bereiteten alles für den Start vor, die Maschinen wurden gezündet und die Maschine rollte vom Gate, auf die Bahn. Adalbert machte nur noch große Augen, das war alles so aufregend. Und dann ging es los - die Triebwerke wurden gestartet und dann sausten sie hinauf in den schneebedeckten Himmel.

„Cool!", jauchzte der kleine Elf und seine Nase klebte an der Scheibe. Zwar sah er durch den Schnee kaum etwas, doch das brachte ihn noch lange nicht davon ab, nicht weiter nach unten zu sehen, wo rasend schnell alles immer kleiner wurde.

Die ganze Zeit hockte Adalbert am Fenster, ab und an konnte er durch die Wolkendecke sehen, aber nicht sehr oft. Trotzdem war es faszinierend, hinter Glas zu sitzen und durch die Wolken zu sausen. Es war nicht so kalt wie auf dem Schlitten oder auf dem Rücken der Rentiere.

„Sehr geehrte Reisende, eine Information", meldete sich plötzlich die Stimme des Piloten über das Bordmikrofon und Nils stöhnte. Nein, bitte, bitte nichts sagen!, bettelte er im Kopf, doch schon im nächsten Augenblick wurde seine Hoffnung wie mit einem Hammer zerschlagen. „Aufgrund heftiger Schneetreiben ist der Flughafen München vorübergehend geschlossen. Unser Ausweichflughafen wird Frankfurt sein", erklärte er und Nils sank in sich zusammen. Das war's dann. Ade Geburtstagsüberraschung.

„Ich glaub's ja nicht", knurrte er nur und seine Hand schlug auf die Armlehne. Was war das nur für ein Tag, da war doch von Anfang an der Wurm drinnen gewesen. Auch Adalbert sah ziemlich niedergeschlagen aus, denn er hatte sich schon seinem Ziel so nah gefühlt. Das war gemein!

„Und nun?", murmelte er leise und sah Nils an. Er zuckte nur die Achseln.

„Wir werden als erstes mal einen Steward greifen, ihn fragen, wie wir noch nach München kommen und uns dann noch in den Zug setzen. Wenn wir Glück haben, dann sind wir vielleicht noch ein bisschen pünktlich", war es nun Nils, der versuchte die Hoffnung noch nicht aufzugeben. Die ganze Zeit hatte der kleine Kerl ihn aufgebaut, nun war der Junge zusammengesunken. Er konnte nicht mehr. Da war es eben Nils, der für sie beide optimistisch war. Sie waren doch schon mal in Deutschland, was will man mehr.

Es gab einen Weg nach Hause, egal wie lange es dauerte und wie weit er dafür gehen musste. Er würde Kay wieder in die Arme schließen und dann mit ihm alles nachholen.

„Meinst du?", murmelte der Elf nur. Ein Ticket für den Zug hatte er nicht, doch Nils hatte sich gerade eine Stewardess geangelt und sie gefragt.

Sie erklärte, dass es normal wäre, dass das Flugticket unter diesen Umständen auch für die Bahn gelten würde und dass es keine Probleme geben würde, wenn sie sich in den ICE nach München setzen würden. Nils nickte, okay. Kein Problem.

Der ICE von Frankfurt fuhr bis München durch, das wusste er, alles kein Problem.

Dort nur noch in die S5 und tada! Er war da! Alles kein Problem. Ein Blick auf die Uhr machte Nils noch zuversichtlicher, doch Adalbert war da noch nicht ganz so zuversichtlich. Wenn der Flughafen im Schneesturm lag, wer sagte denn, dass nicht auch die Schienen unpassierbar waren? Doch weil Nils gerade wieder so ein zufriedenes Gesicht machte, wollte Adalbert das gar nicht erst aussprechen. Vielleicht ging ja wirklich alles gut!

Doch kaum waren sie gelandet und erblickten die Massen an Schnee, die sich hier türmten, wurde beiden mulmig und es wurde auch nicht besser, als sie sich mit der Masse wütender Passagiere aus dem Flugzeug in das Terminal schoben, sich ihre Tasche holten und dann erst einmal anstanden, um sich die Notlandung quittieren zu lassen. Während Adalbert in der Reihe stand und wartete, machte sich Nils an einem Terminal der Bahn über den nächsten Zug kundig. Der ging gegen fünf von den unteren Gleisanlagen, das konnten sie gut schaffen.

Wenn nur der Konjunktiv nicht wäre. Der hatte die seltsame Angewohnheit, Dinge, die möglich waren, auch eintreten zu lassen!

Erst als sie mit ihrem Ticket im Zug saßen und der ICE anrollte, atmeten beide wieder etwas befreiter. Sie hatten kaum ein Wort gewechselt, hatten sich stumm und blind verstanden, vielleicht weil sie nun Leidensgenossen waren, vielleicht weil sie ein gemeinsames Ziel hatten.

Vielleicht aber auch nur, weil der Kleine eben doch kein einfacher Mensch war. Nils lachte leise bei seinem Gedanken und deckte Adalbert mit seiner Jacke zu, der neben ihm eingeschlafen war.

Noch immer stürmte und schneite es vor den Fenstern. Der ICE machte lange nicht so viel Fahrt wie man es von einem Zug dieser Bauart gewohnt war, aber das war wohl auch der Witterung geschuldet. Aber lieber langsam vorankommen, als gar nicht vorankommen. Nils hatte seine innere Ruhe endlich gefunden und harrte der Dinge, die da noch kamen. Ab und an schickte er eine SMS an seinen Kay, damit der nicht dachte, Nils hätte ihn vergessen und ansonsten sah er aus dem Fenster, in diese seltsam anmutende Mischung aus weiß und schwarz, nur unterbrochen, wenn eine Stadt ihren Weg kreuzte.

Die Zeit kroch genau wie der Zug. Man hatte die Anzeige der Reisegeschwindigkeit deaktiviert, es wäre eines ICEs wohl nicht würdig gewesen. Nils kaute an seinen Nägeln, sah sich um, stand auf, ging herum, setzte sich wieder. Seine inner Ruhe schwand mit jeder Stunde, die sie unterwegs waren. Es war mittlerweile halb 11 und München kam noch immer nicht in Sicht.

Nach weiteren nervenaufreibenden 20 Minuten endlich die erlösende Ansage: „In wenigen Minuten erreichen wir den Bahnhof München Hauptbahnhof. Sie haben Anschluss..."

Nils atmete sichtlich erleichtert auf und weckte den Kleinen, der friedlich geschlafen hatte, so als wäre gar nichts passiert. Beneidenswert, denn Nils hatte kein Auge zubekommen, obwohl er es versucht hatte. Viel zu sehr hatte der Tag an seinen Nerven gerissen. Wenn er endlich in der S-Bahn war und sein Ziel erreicht hatte, wollte er drei Kreuze machen. Er sehnte sich nur noch nach einer innigen Umarmung, einem sanften Kuss und einem warmen Bett. Am liebsten alles dreis auf einmal.

Etwas benommen rappelte Adalbert sich auf. Langsam war ihm sowieso alles egal. Er wollte nur noch Nils abliefern, hoffen, dass ein Sternchen abfiel und dann nach Hause gehen. Wenn Adalbert müde wurde, dann wurde er maulfaul, er redete kein Wort, knurrte nur oder murrte, je nachdem, ob er nun ja oder nein sagen wollte.

Als sie endlich in der tiefen Ebene des Bahnhofes standen, war es bereits 11, aber die nächste S5 sollte gleich kommen. Vielleicht konnte es Nils gerade noch zu Mitternacht schaffen und in der letzten Minute von Kays Geburtstag noch einen sanften Ehrentagskuss loswerden. Zu viel mehr wäre er nach diesem Tag wohl auch gar nicht mehr fähig.

Langsam steckte ihm die Müdigkeit in den Knochen, das Adrenalin hatte ihn lange wach gehalten, doch nun, als er seinem Ziel immer näher kam, versagte langsam der puschende Hormoncocktail. Er spürte auch die ganzen Schnitte an seinen Fingern, sie pulsierten leicht und stetig in seiner Tasche. So stand er zusammen mit einem halb schlafenden Jungen in einer kurzen Hose und langen Socken am Bahnsteig und wartete.

Die S-Bahn war verblüffend pünktlich. Nils zog den Jungen mit sich auf eine Sitzbank und je näher sie dem Ziel kamen, umso müder wurde auch Nils. Er konnte die Augen nur noch schwer offen halten, denn die Wagons waren gut geheizt. Immer wieder sah er auf die Uhr, ging im Kopf die Stationen durch.

Der nächste Halt war Unterhaching und der übernächste endlich Taufkirchen - mehr wollte Nils doch gar nicht. „Sag mal, Kleiner, wo willst du eigentlich hin? Ich kann dich doch nicht mitten in der Nacht alleine lassen", fragte er Adalbert und der sah ihn nur träge an, kaum dass er noch die Augen offen halten konnte.

„Komm schon heim - kein Problem, nicht weit", murmelte er vor sich hin und legte seinen Kopf wieder auf Nils' Schulter. Der sah nur aus dem Fenster und wunderte sich, warum es nicht weiter ging, doch da kam auch schon die Ansage, dieser Zug würde hier enden. Der Zug vor ihnen sei auf der Strecke liegen geblieben. Fahrgäste sollten aussteigen und warten.

Das durfte doch alles nicht wahr sein, so kurz vor dem Ziel. So wenige Kilometer und die Uhr zeigte ihm auch, dass es nur noch ein paar Minuten waren. Das war nicht fair. Definitiv nicht fair!

So vielen Widrigkeiten hatten sie getrotzt und jetzt, ein paar Kilometer, ein paar lumpige Minuten vor dem Ziel war alles vorbei?

Das Leben stank - aber gewaltig. Wütend griff sich Nils seine Tasche und feuerte sie auf den verschneiten Bahnsteig, Adalbert taumelte nur hinterher. Fast wäre er gestolpert, doch er wurde aufgefangen. „Jez", murmelte Adalbert nur im Halbschlaf und kuschelte sich an den Engel, während Nils tobte wie ein Rumpelstilzchen, bis sich starke Arme um ihn legten und er gegen einen vertrauten Körper gezogen wurde.

„Kay", murmelte Nils nur fassungslos. Mit allem hatte er gerechnet, aber nicht damit. Nicht damit, dass sein Geburtstagsschatz ihn hier mitten im Schnee auflauerte, um ihn einzusammeln. „Was machst du denn hier?", fragte der Blonde fassungslos und strich seinem Freund einfach nur durch die verschneiten Haare, über die Wangen, so als müsste er erst begreifen, dass Kay wirklich da war.

„Der Blonde da drüben meinte, du wolltest mich besuchen und alles wäre schief gelaufen und weil die S-Bahn nicht durchfahren würde, sollte ich dich hier einsammeln. Wie es schien, hatte er Recht." Nils folgte nur dem Kopfnicken und grinste. Aha, der gehörte also zu Adalbert. Langsam wunderte ihn gar nichts mehr.

„Ich hab den beiden viel zu verdanken, aber jetzt erst mal herzlichen Glückwunsch auch wenn du nicht mehr lange Geburtstag hast", flüsterte Nils nur und seine Lippen legten sich endlich wieder auf Kays. Er hatte ihn so sehr vermisst.

Jetzt, wo er seine Wärme und seine Nähe spürte, wurde Nils erst bewusst, wie sehr er ihn vermisst hatte. „Alles, alles Gute", murmelte Nils immer wieder und küsste sanft die weichen Lippen und endlich tauschten sie den Kuss, auf den sich Nils schon seit Wochen freute.

„Hey, nicht verschlafen, Elfchen", flüsterte Jez nur. Nun hatte Adalbert so lange durchgehalten und verschlief seinen Stern? Er war der Einzige, dem dieser Triumph zustand. Adalbert blickte kurz auf, dann sah er, was Jez meinte. Langsam kam er auf die beiden sanft erstrahlenden Gestalten zu, die sich innig umarmten. Er griff sich den Stern, der langsam zu Boden in den Schnee zu sinken drohte und schloss ihn mit einem sanften Lächeln in seine Hand.

Es war doch noch alles gut geworden, doch dann sanken ihm die Knie weg und Jez hob ihn auf seine Arme. Er breitete seine Flügel um sie beide aus und lächelte Nils und Kay noch einmal an.

„Wundert mich gar nicht, dass er ein Engel ist", murmelte Nils nur und winkte, als die beiden Gestalten unsichtbar wurden.

„Lass uns gehen, mein Engel. Ich würde gern mein Geschenk auspacken", flüsterte Kay nur und zog ihn langsam mit sich zum Wagen. Morgen hatte er Urlaub, wenn das kein glücklicher Zufall war.