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Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

08.12.2006



Tanz mit dem Teufel II

Viel geschlafen hatte Adalbert in der letzten Nacht nicht, doch das erste Mal in seinem Leben war ihm das so richtig egal. Er hatte noch lange mit Jezzy, seinem Jezzy!, im Wohnzimmer der Blockhütte gesessen und sich einfach nur in den Arm nehmen lassen. Sie hatten lange geredet und viel geschmust und es war einfach nur wunderschön gewesen. Plötzlich war Jez nicht mehr einfach nur irgendein Engel, dem Adalbert am Bein hing, weil er seine Aufgaben vergeigte, nein, er war der schönste Engel, den Adalbert nur kannte und er liebte ihn! Er hatte sich in ihn verliebt! Allein daran zu denken war wunderschön. Es flimmerte so lustig im Bauch und kribbelte und prickelte. So wie viel zu viel Brausepulver im Bauch.

Etwas peinlich berührt hatte Adalbert auch ein paar Fragen gestellt, weil er sich doch in den letzten Tagen auch so komisch gefühlt hatte, immer wenn er an Jez gedacht hatte. Doch der hatte den kleinen Elfen nur in den Arm genommen und ihm erklärt, dass es gar nicht so schlimm wäre, sondern ganz normal, wenn man jemanden gern hatte und Jez hatte er wirklich gern. Er hatte ihn ja schon gern gehabt, als sie noch zusammen im Elfenkindergarten gewesen waren. Schon da war Jez sein bester Freund gewesen und nun wusste Adalbert auch warum Jezzy dann einfach verschwunden war. Er war losgezogen, Gutes zu tun und Sterne zu sammeln, weil er groß und stark werden und seinen Adalbert beschützen wollte.

Der kleine Elf fand ja immer noch, dass es nicht fair war, dass Engel nicht ins Elfenreich kommen durften, auch wenn Jezeriel sich vorletzte Nacht eingeschlichen hatte, um Adalbert wohlbehütet ins Bett zu bringen. Deswegen hatte Jezzy nämlich auch nicht zurückkommen und Adalbert alles sagen können, sondern musste darauf warten, bis der kleine Elf endlich mal raus kam und sich in der Menschenwelt rumtrieb.

Da erst hatten sie sich begegnen können. Adalbert seufzte leise. Wenn er das doch nur alles früher gewusst hätte? Wenn er gewusst hätte, was mit Jezzy passiert war und was aus ihm geworden war. Er konnte es immer noch nicht fassen, dass der kleine, mickrige Elf von einst so ein schöner Engel geworden war und so groß. Die weichen, weißen Federn fühlten sich schön an, wenn sie über das Gesicht strichen. Nichts kam dieser Berührung gleich.

Immer hatte Adalbert gedacht, das Volk der Elfen wäre aufgeschlossen und freundlich, doch dass es verboten war, Fremde ins Reich zu lassen, dass ausgerechnet die reinen Engel hier nichts verloren hatten, das war Mist. Aber gewaltiger! Er fing an, sich zu fragen, warum das wohl so war. Auch, warum ein Elf einen Engel nicht lieben durfte? Hieß es nicht immer, die Liebe wäre das Schönste, was einem passieren würde und es wäre egal, wen man liebte, solange man nur liebte? Oder galt das nur für die Menschen, die sie glücklich machen sollten? Galten diese hohen Ideale gar nicht für die Elfen selber?

Knurrend warf sich Adalbert auf die Seite und starrte in das dunkle Zimmer. Staubisaugi hatte sich auf dem Teppich vor Adalberts Bett zusammengerollt und schlief friedlich. Der kleine Kerl war wohl ziemlich einsam, seit Adalbert jeden Tag weg war. So streckte er eine Hand aus dem Bett und streichelte das kleine Tier ein bisschen, bis es leise schniefte.

Wieder wanderten Adalberts Gedanken zurück - zu gestern Abend. Wie er mit Jez vor dem Kamin gesessen hatte, wie sie geredet hatten, sein Rücken an Jez' Brust. Die Flügel wie ein schützender Schild um sie beide geschlungen. So waren sie für die Menschen unsichtbar, hatte Jez ihm erklärt.

Im Gegensatz zu den Elfenflügeln konnte man Engelsflügel sogar einfach verschwinden lassen und Jez fiel unter den Menschen gar nicht mehr auf. Adalbert konnte das nicht. Er sah immer aus wie ein Elf und musste sich dann auch immer für dumm verkaufen lassen. Er war es leid, er wollte ein Engel werden - so schnell wie nur möglich! Mehr noch, seit er wusste, dass Jezeriel, wie Jezzy jetzt hieß, auf ihn wartete.

Wenn auch Adalbert erst ein Engel war, dann stand ihnen nichts mehr im Weg, sie konnten zusammen sein, wann immer sie wollten - doch dann stutzte Adalbert. Wenn er ein Engel war, dann konnte er nicht zurück ins Elfenreich. Dann sah er seine Eltern auch nicht wieder. War das der Preis, den er zahlen musste? Nach und nach bröckelte die Fassade des heilen Elfenlebens. Es war nicht alles zuckersüß und rosarot, es gab hinter den Kulissen der immer fröhlichen kleinen Gesellen Dramen, die nie ans Tageslicht kamen.

Dass junge Elfen, die zu Engeln wurden, verbannt wurden. Sie stiegen zwar auf und waren etwas Besonderes, doch wenn man es auf das reduzierte, was es war, war es ein Rauswurf aus dem Elfenreich und eine Trennung von den Eltern. Vielleicht war das der Grund, warum so wenige junge Elfen wirklich Engel werden wollten. Oder nein, anders formuliert: werden wollte fast jeder ein Engel, aber die meisten taten es nicht. Adalbert hatte immer gedacht, es lag daran, dass sie die Prüfung nicht geschafft hatten, nun aber sah er noch ein paar andere Punkte, die diesen Schritt für den einen oder anderen ungehbar machten.

Adalbert knurrte. Was machte er sich darüber Gedanken? Er wollte lieber an etwas Schönes denken, an Jez. Und nicht daran, dass er sich in zwei Wochen zwischen ihm und seinen Eltern entscheiden musste. Dass er sein Ziel schaffte, daran zweifelte Adalbert nun gar nicht mehr. Er hatte Hilfe von Jez, er hatte ihm schon zu fünf Sternen verholfen, die letzten Paar konnten da doch auch kein Problem mehr sein. Positiv denken und alles wurde gut.

Ein kurzer Blick auf die Uhr und mit einem schiefen Grinsen stellte Adalbert fest, dass er es plötzlich kaum noch erwarten konnte, seinen Auftrag zu bekommen und in die Welt der Menschen zurückzukehren. Jez hatte versprochen, so oft es nur ging, bei ihm zu sein und darauf freute sich Adalbert am meisten. Dabei rutschten sogar die Aufträge etwas in den Hintergrund, aber nur etwas, denn schließlich waren die Sterne, die er bekam, der Weg zum Glück.

Und selbst wenn er es nicht schaffen sollte, ein Engel zu werden, so wusste er doch jetzt, dass er in der Menschenwelt immer auf Jez treffen konnte und dann musste er eben nur noch einen Weg finden, sich oft dorthin schicken zu lassen. Ach, wenn man nur wollte, dann öffneten sich überall Türen! Rosarote Türen, wie Adalbert lachend feststellte. Irgendwie konnte er schon gar keinen Gedanken mehr fassen, ohne nicht gleich wieder an Jez zu denken. Jeder noch so abstrakte Gedanke formte sich irgendwann zu einem weichen Gesicht und sanften Augen. Albern, aber schön.

Ungeduldig schoss Adalbert irgendwann aus dem Bett, er konnte nicht mehr liegen. Das Nichtstun machte ihn wahnsinnig. Er konnte nicht noch länger liegen und warten, also ging er duschen und zog sich an, massakrierte die Uhr fast, als er glaubte, sie wäre stehen geblieben. Aufgeregt lief Adalbert hin und her. Warum schickte der hohe Rat die Aufträge nur immer so spät? Das ging doch alles von seiner Zeit ab!

„Wah!" Wieder wendete Adalbert und lief zurück. Er war dazu übergegangen, seinen Teppich vor dem Elf-o-phon durchzulaufen. Manchmal hob er den Hörer ab und lauschte, vielleicht war das Ding ja in der letzten Minute kaputt gegangen und der hohe Rat konnte ihm gar nichts schicken! Doch das monotone Tuuuut zeigte, dass alles in Ordnung war, also tigerte Adalbert nervös weiter.

Was würde er heute erleben? Wo würde es ihn heute hin verschlagen? Wieder so eine kalte Ecke? Er zog die Lederjacke, die er sich wieder gegriffen hatte, fester. Gestern hatte er sich von Jez ganz schön was anhören müssen, weil er nur in seinen dünnen Sachen im verschneiten, schwedischen Wald unterwegs gewesen war. Heute sollte ihm das nicht passieren. Mit den Händen in den Taschen und der Nase im weichen Kragen wendete Adalbert abermals und schoss herum, als das Signal für eine eingehende Nachricht kam. Er riss die Kartusche fast aus der Halterung und zog die Papiere raus.

Jetzt konnte er zu Jez!

Und als würde diese Überraschung nicht reichen: sein Klient war wieder Alec! Er bekam eine zweite Chance, ihn und Jack zusammenzubringen. Keinen Schimmer warum er diese Chance bekam, aber Adalbert war einfach nur froh darüber, denn er mochte Jack, er dachte oft an ihn, wenn er nicht gerade an Jez dachte. Er war ein guter Junge und er hatte das Glück seines Lebens wirklich verdient. Dieses Mal wusste Adalbert auch was los war und er konnte ordnend eingreifen. Er würde nicht zulassen, dass Alec noch einmal Jack so demütigte!

Es folgte die gleiche Prozedur wie jeden Morgen in der letzten Woche und schon war er da, wo er sein wollte. Dieses Mal war er nicht zu Füßen der Freiheitsstatue erschienen, sondern gleich im Flur vor Alecs Gemächern. Was sehr praktisch war, weil es in New York nämlich regnete und Adalbert so wenigstens nicht nass geworden war. Weil ihm warm wurde, öffnete er die Jacke, doch die Türklinke, die er schon in der Hand hatte, drückte er nicht runter, denn er hörte aufgebrachte Stimmen hinter der Tür.

So machte sich Adalbert einfach unsichtbar, damit ihn nicht einer vom Personal erwischte und vor die Tür setzte oder die Polizei rief, und lauschte.

„Ach, halt doch die Klappe, Rich!", knurrte Alec nur. Langsam ging ihm sein Freund auf die Nerven. Jedes Mal die gleiche Leier. Begriff er es nicht? Ihn - bzw. seiner Familie - gehörte die Schule. Wenn sich einer wegen Fehlstunden keine Sorgen machen musste, dann war das Alec und das nutzte er seit ein paar Tagen auch schamlos aus. Seit dem Abend mit Jack wusste Alec nicht mehr, was mit ihm los war.

Er schlief kaum, er aß schlecht und jeder Gedanke, den er formte, endete irgendwann auf Umwegen bei Jack. Es war zum verrückt werden, doch seine Freunde waren da keine große Hilfe. Sie sorgten sich nur darum, dass er nicht zu Schule kam und sie die ganze lästige, Speichel leckende Bande auf dem Hals hatten, die nun täglich wissen wollte, wo Alec wäre, ob er krank wäre, ob man ihn vielleicht besuchen und gesund pflegen sollte.

Nur einer fragte nicht nach ihm und als Peter ihm das erzählt hatte, war Alec ziemlich wütend geworden. Daraus hatte Peter dann auch etwas gelernt und jedes Mal, wenn Alec nun nach diesem Jack fragte, sagte er einfach gar nichts. Das war immer noch besser, als das Falsche zu sagen, wenn man vorher nie wusste, was eigentlich das Falsche war.

„Was genau soll der Mist, Alec? Egal was ich sage, du redest nur noch von Jack, Jack, Jack? Was ist mit dem Vogel? Du hast auch noch nicht erzählt, was eigentlich an dem Abend noch passiert ist, als du uns rausgeschmissen hast. Warum nicht? Habt ihr euch gefetzt? Geprügelt? Ist er ausfallend geworden? Was war los?", drängte Richard auf eine Antwort und Alec sah ihn wütend an. In einem bequemen Shirt und einer zerfetzten Jeans saß er auf dem breiten Sofa im Wohnzimmer und sah seine beiden Freunde nur missgelaunt an. Jeden Morgen das Gleiche: sie kamen hier her und versuchten ihn dazu zu bringen, in die Schule zu kommen. Wann begriffen sie endlich, dass er darauf keinen Bock hatte?

„Geht dich einen Scheiß an, was passiert ist, Rich, und wenn ich nicht in die Schule will, dann will ich eben nicht, klar soweit?", knurrte Alec nur, er war es leid, sich dafür auch noch erklären zu müssen. Er wollte diesen Kerl, von dem Alec nicht wusste, was er von ihm halten sollte, einfach nicht sehen und Punkt. Warum, ging keinen was an.

„Hast du etwa schiss vor dem? Versteckst du dich?", fragte Richard, er wusste genau, dass er provozierte und so macht er auch einen Satz zur Seite, als Alecs Faust auf ihn zu geschossen kam. Auch wenn der junge Mann nichts sagte, Alec hatte sich gerade verraten.

Es hatte also wirklich etwas mit diesem Jack zu tun. Alec wollte wegen dem nicht in die Schule. Blessuren hatten beide nicht, geprügelt konnten sie sich also nicht haben. Doch was war es dann? Er wollte noch nicht aufgeben, auch wenn sein Freund ihn warnend ansah. „Noch ein Wort, Rich, und die Firma deines Vaters geht Pleite", knurrte er und wandte sich ab. Angst! Pf!

Das war doch lächerlich! Er hatte keine Angst, vor nichts und niemandem. Schon gar nicht vor diesem Kerl. Der machte ihm keine Angst, der machte ihn nur nervös und das auf eine Weise, die Alec verwirrte. Er träumte ja mittlerweile schon von diesem Bastard.

Wie Alec ihn auf den Boden drückte, sich über ihn beugte, ihn küsste. Das war doch verrückt. Wenn er eines bestimmt nicht wollte, dann war es diesen Kerl zu küssen! Das war doch eklig. Das war nicht nur eklig, das war abartig!

„Ja, ja, ich kenn die Leier. Aber ich bin dein Freund, wenn was los ist, rede mit mir, verdammt und mit Peter kannst du auch reden. Du weißt, dass er immer gute Lösungen hat!" Richard wollte noch nicht aufgeben. Er griff sich den Kaffee, den das Mädchen serviert hatte und leerte die Tasse, weil er langsam mit seinem Latein auch am Ende war. Alexander wollte nicht reden und das war selten. Viel zu selten. Sie besprachen alles! Vielleicht sollte er sich diesen Jack mal vornehmen und ihn fragen, auf höfliche, direkte Weise. Der Kerl würde schon ausspucken, was er wusste und dann konnten sie Alec vielleicht auch helfen.

„Dafür gibt es keine Lösungen", sagte Alec nur nachdenklich und sah seine Freunde dann undeutbar an. „Verstanden? Es gibt keine Lösung dafür. Ich will den nicht mehr sehen und gut. Dann wird alles wieder ins Reine kommen."

Alec sprach in Rätseln, die Gesichter seiner Freunde zeigten das deutlich, doch er selber hatte keine Lust, sich zu erklären. Es ging keinen was an, dass er träumte, er würde diesen Kerl küssen, sich ihm aufdrängen. Oder dass sein Magen sich zusammenzog, wenn er nur an diesen Kerl dachte. Das ging keinen was an, das ging definitiv bald vorbei und dann konnte Alec auch wieder in die Schule gehen. Und wenn alles nicht half, dann ließ er diesen Bastard eben an eine andere Schule versetzen. War doch mit seinen Beziehungen alles kein Problem.

Auch wenn das dann eigentlich eine Niederlage war, ein erkaufter Sieg. Aber egal wie, Alec hatte noch nie verloren! Und schon gar nicht gegen diese Straßenratte. Das waren doch nur die langen Beine gewesen, die ihn so verwirrt hatten, die Jack hatten fast feminin wirken lassen! Das waren schmutzige Tricks, also war es auch Alecs gutes Recht, schmutzige Tricks anzuwenden. Ganz einfache Rechnung. Die dürfte Wunderschüler Jacob Webber auch begreifen.

Warum guckte Richard ihn jetzt eigentlich so komisch an? „Was!", wollte Alec deswegen schroff wissen und musterte seinen Freund. Doch der wimmelte nur ab. Er wäre ja verrückt, auszusprechen, was er gerade gedacht hatte. Er hing ja schließlich noch an seinem Leben, auch wenn sich Alec gerade wirklich wie ein liebeskranker Idiot aufführte.

Er ging dem Kerl aus dem Weg. Keinem Mann ging Alec je aus dem Weg. Er schlug sie sich aus dem Weg, aber weggelaufen war er noch nie. Dieser Kerl war anders, völlig anders als alle, an die Alec je geraten war oder die an ihn geraten waren, je nachdem, wie rum man das gern sehen wollten. Alec lief nicht weg, Alec versteckte sich nicht und er sagte auch nicht einfach: es gibt keine Lösung. Das war nicht Alec. Da war etwas vorgefallen, mit dem ihr Freund nicht klar kam, womit er nicht gerechnet hatte und was ihn selbst überforderte. Etwas, was er mit seinen Freunden nicht teilen konnte oder nicht teilen wollte. Vielleicht weil er sich schämte und je länger Richard darüber nachdachte, umso intensiver drängte sich da ein einziger Gedanke auf, denn wirklich hässlich war der Kerl ja nicht. Arm wie eine Kirchenmaus und selbstsicher, aber nicht hässlich. Für einen Kerl.

Na ja, er konnte das auch gar nicht beurteilen, er stand nicht auf Kerle und von Alec war er auch immer davon ausgegangen, dass er das nicht tat.

„Was!", herrschte ihn Alec wieder an, denn Richard starrte immer noch, ohne es zu merken. Er hatte sich so in seine Gedanken vergraben und dabei Alec immer wieder gemustert, ob sich nicht doch irgendetwas an ihm verändert hatte. Hatte es aber nicht, außer vielleicht, dass er noch schneller reizbar war als früher.

„Okay, du willst ja nicht ehrlich sein, ich schon. Hast du ihn geküsst? Bist du deswegen so durch den..." Weiter kam Richard nicht, weil er die Gefahr nicht hatte kommen sehen. Er spürte deutlich die kräftige Hand seines Freundes am Hals und die schmalen Augen funkelten Richard an. Zu spät begriff er, dass er wohl zu weit gegangen war.

„Sag das noch einmal und ich bring dich um, egal ob du mein bester Freund bist, klar?", zischte Alec ungehalten. Was erlaubte sich dieser Kerl? Er hatte diese Straßenratte ganz bestimmt nicht geküsst! Was war er denn? Ein Homo? Eine Schwuchtel? Ganz bestimmt nicht und selbst wenn, dann könnte er bessere bekommen als diesen Bastard! Viel bessere!

„Is' ja gut." Richard konnte nur röcheln. Er umklammerte mit beiden Händen Alexanders Handgelenk, doch er hatte nicht die Kraft, diese Hand von seinem Hals zu lösen. Erst als Peter eingriff und Alec mit einer schallenden Ohrfeige dazu brachte, sich verwirrt umzusehen, ließ er los und Richard schnappte nach Luft. Das war knapp gewesen. Er hatte da wohl wirklich in eine Wunde gestochen, die langsam eiterte.

„Lass den Mist, ja?!", brüllte Peter nur und schubste Alec zurück auf die Couch, wo der immer noch verblüfft liegen blieb. Es war das erste Mal, dass Peter die Hand erhoben hatte. Er war noch nie dafür gewesen, Probleme mit den Fäusten zu lösen. Er war eigentlich der Kopf ihrer Truppe, denn er fand immer eine andere, eine meistens auch lustigere Lösung. Doch besondere Situationen erforderten auch besondere Maßnamen.

„Rich hat dich etwas gefragt, was ich mich auch schon frage. Du bist total anders als sonst. Du rennst nicht weg, du versteckst dich nicht. Das hast du noch nie getan. Und nun warst du mit diesem Bastard alleine, du warst an dem Abend schon so beschissen drauf und plötzlich, da gehst du ihm aus dem Weg, wo es nur gehst. Du räumst einfach das Feld und dann redest du nicht mal mehr mit uns, verdammt. Alec, wir machen uns Sorgen, auch wenn das vielleicht weibisch und total unmännlich klingt. Aber du bist unser Freund und du hast dich verändert und wir wissen nicht warum."

Peter redete laut und schnell, seine zitternden Hände zeigten deutlich, wie nah ihm das alles ging. Bis auf seine Freunde hatte er doch niemanden. Seine Mutter war gestorben und sein Vater reiste durch die Welt, weil er eine Hotelkette leitete. Alec und Rich waren alles, was er hatte, und er wollte nicht einfach zusehen, wie er das verlor. Nicht wegen solch einer Straßenratte.

Alec hatte diesem Monolog einfach nur gelauscht und wandte sich ab. Wie erbärmlich. So weit war es mit ihm gekommen, dass man sich um ihn sorgen musste? Was war er denn? Ein kleines Kind? „Ich hab ihn nicht geküsst, klar?", sagte er nur das, was ihm am wichtigsten schien und zog einen Arm über seine Augen. Dass er es gern getan hätte, spielte keine Rolle. Er war durch das Kleid verwirrt gewesen, das war alles. Konnte ja mal passieren!

„Okay, dann ist ja gut. War nur so eine Vermutung gewesen", sagte Richard nur und zog Peter, der noch immer stand, auf die Couch zurück, die Alecs Liegstatt gegenüber stand.

„Dann lass mich mit deinen Vermutungen zufrieden klar? Ich bin keine Schwuchtel, falls du das damit andeuten wolltest", knurrte Alec zurück. Er musste sich erst mal wieder beruhigen. Das war gerade selbst für ihn zu viel gewesen. Er war auf seinen besten Freund losgegangen, das war doch alles nicht mehr normal! Und alles nur wegen dieser Straßenratte. Er musste noch einmal mit ihm reden! Er musste Jack sehen und er wollte wissen, ob er auf ihn auch so reagierte, wenn er kein Kleid trug und Beine bis zum Hals zeigte, wenn er nicht aussah wie ein Weib, sondern in seiner Schuluniform wie ein Kerl.

Aber das konnte er in der Schule nicht machen. Das Problem war nämlich, dass Alec selbst sich gar nicht so sicher war, wie er sich gab, ob er nicht doch auf diesen Kerl reagieren würde.

„Nein, das wollte ich damit nicht andeuten", mehr sagte Richard nicht. Es hatte im Augenblick einfach keinen Sinn, mit Alec darüber reden zu wollen. Er griff sich nachher einfach mal diesen Jack und fühlte dem auf den Zahn, vielleicht spuckte der ja was aus. Wenn es allerdings rauskam, dass Richard sich da eingemischt hatte, dann hatte er schneller Alecs Faust im Gesicht als ihm lieb war. Richard wurde unschlüssig.

„Dann ist ja gut. Und jetzt geht, ihr kommt sonst noch zu spät!", erklärte Alec nur, die Augen immer noch geschlossen und den Arm darüber gelegt. Er fühlte sich unsicher, wegen Richs Worten. Sah man ihm also an, dass er mit Jack... na ja, er hatte mit ihm ja gar nichts getan, zumindest nicht außerhalb seiner Träume. Sah man ihm etwa schon seine Träume an? Sah man ihm an, dass er das brennende Verlangen hatte, einen anderen Kerl zu küssen? Und alles nur, weil er Weiberklamotten trug? Oder war es schlimmer? Lag es gar nicht an den Klamotten? Lag es wirklich an Jack?

„Yo, okay. Dann... halt die Ohren steif." Peter erhob sich und griff sich seine Tasche. Das hatte heute Morgen keinen Sinn gehabt, noch weniger als die letzten Tage. Alec war verbohrt, er wirkte unsicher und das versuchte er mit Gemeinheiten und Gewalt wieder wettzumachen. Warum ließ er sich denn nicht helfen? „Wir kommen heute Nachmittag noch mal lang, okay?", fragte er vorsichtig, doch Richard erklärte gleich, dass er keine Zeit hätte. Heute wäre eine Zeremonie im Familientempel, der er beiwohnen musste, weil er neben seiner Schule auch eine Ausbildung zum Priester machte. Schließlich sollte er nicht nur eines Tages die Firma leiten, sondern auch den Familienschrein. Da musste er auch die Schrittfolgen der Zeremonien beherrschen.

Stillschweigend war Richard das auch ganz lieb, denn er wusste nicht, was er heute Nachmittag mit Alec anfangen sollte. Es gab nur zwei Wege.

Er dachte über das nach, was eben auf den Tisch gekommen war und suchte den Wahrheitsgehalt in den Worten oder er leugnete weiter. Aber dann saßen er und Peter hier nur ihre Zeit ab, das war es nicht wert.

Alec wollte nicht, dass man ihm half, das sollten sie vielleicht akzeptieren. Es war doch gut möglich, dass Alec Recht hatte. Er brauchte einfach nur ein bisschen Zeit für sich selber und dann kam alles wieder von ganz alleine ins Lot.

„Ach so." Peter wirkte etwas geknickt. Alleine wollte er sich mit einem solch mies gelaunten Alec auch nicht herum schlagen.

Sein Freund spürte das auch, deswegen kam er ihm zur Hilfe. „Lass mal, ich werde ein bisschen in die Stadt gehen oder so. Ich bin gar nicht da!", erklärte Alec und strich sich mit den Händen durch die schwarzen Haare. Vielleicht machte er das ja wirklich? Vielleicht ging er jetzt in die Wanne, entspannte sich, ohne an die Straßenratte zu denken und dann machte er eine Shoppingtour. Er brauchte mal wieder was Nettes zum Anziehen. Schließlich sollte es bald in den Winterurlaub gehen, da konnte er unmöglich mit den Klamotten vom letzten Jahr auftauchen. Außerdem brauchte er ein neues Snowboard, seines hatte den Geist aufgegeben und gegen eine Baumwurzel den Kürzeren gezogen.

Obendrein hatte er seine Einrichtung langsam echt über. Es wurde Zeit für was Neues!

Er hörte nur noch, wie Peter und Richard leise "tschüss" riefen und die Tür hinter sich schlossen.

Atemlos stand Adalbert vor der Tür. Na, der war ja scheiße drauf. Er hätte nicht gedacht, dass Alec so aus der Bahn geworfen worden war von diesem Samstag. Was sollte Adalbert denn jetzt machen? Der Kerl hatte ja so schlechte Laune, dass es lebensgefährlich war für einen kleinen Elf, sich dem überhaupt noch zu nähern! Nervös trat er von einem Fuß auf den anderen. Was sollte er nur tun? Jez schien auch noch keine Zeit zu haben, denn sonst wäre er wohl schon längst hier.

Warum hatte nicht Jack sein Klient sein können? Mit dem konnte Adalbert einfach viel besser umgehen. Er war nett und freundlich und man konnte mit ihm reden. Aber mit dem Arsch? Verzogener Rotzbengel. Wie der schon mit seinen Freunden umgegangen war! Nein, einfach würde das nicht werden. Ganz bestimmt. Aber Adalbert sah keinen anderen Ausweg, er musste mit Alec reden, wenn er wissen wollte, was los war und wie er helfen konnte.

Wenn doch nur Jez hier wäre? Dann wäre alles viel einfacher! Jez war groß und kräftig und nicht so ein kleiner, schmächtiger Kerl wie Adalbert. Der könnte sich gegen einen wütenden Alec durchsetzen, aber doch nicht der Mickerelf!

Adalbert seufzte, doch es nutzte ja alles nichts. Also klopfte er und trat ein, wurde sichtbar und schloss die Tür, dabei sah er Alec einfach nur an und der starrte ungläubig zurück. „D-Du", brachte er brüchig über die Lippen, als er sich erhob und den Elfen anstarrte. „Du bist doch der Kleine von neulich. Was bist du? Du bist kein Mensch, richtig?" Er erinnerte sich noch gut daran, wie der Kleine mit dem anderen verschwunden war. Wie der Engel die Flügel um den Kleinen gelegt hatte und einfach verschwunden war - vor seinen Augen!

„Ein Weihnachtself", sagte Adalbert leise, drückte sich aber - zur Flucht bereit - an die Tür in seinem Rücken. Ihm war gar nicht wohl. Wenn doch nur Jez hier sein würde und auf seinen kleinen Elfen aufpassen könnte.

Doch da musste Adalbert wohl alleine durch. Also holte er tief Luft und kam einen Schritt näher. „Ich bin in die Menschenwelt geschickt worden, weil ich dich glücklich machen soll und... aber das hat ja das letzte Mal nicht geklappt", fing er mit zitternder Stimme an zu reden und musterte Alec, der ihn einfach nur anstarrte. Mit offenem Mund.

Er besah sich den seltsamen Jungen von oben bis unten. Er sah aus wie viele andere Kinder zu dieser Zeit, die die Kostüme von Elfen trugen und zu vorweihnachtlichen Partys gingen, aber keiner von denen verschwand in den Armen eines Engels!

„Und dieser andere, was war das für einer? Der große Blonde, mit den Federn?", wollte Alec wissen und Adalbert legte den Kopf schief. Er konnte ja mal davon ausgehen, dass er nicht Jack meinte und so erklärte der kleine Elf kurz, wer Jez war, was er war und warum er da war.

„Ein richtiger Engel und du erwartest, dass ich dir das glaube?" Alec kam sich vor wie in einem schlechten Film. Engel, Elfen! War er hier bei Disney oder wo?

„Ich erwarte gar nichts, Alexander, ich weiß nur, dass es mein Job ist, dich glücklich zu machen und dass ich einen Weg finden muss, das zu schaffen, weil ich sonst meinen Stern nicht bekomme und kein Engel werden kann. Also, sag mir, was dich glücklich machen würde... außer Jack." Adalbert wusste, dass er das Falsche gesagt hatte, als Alecs Augen sich verengten und der junge Mann ihn wütend anfunkelte.

„Sag mal hackt's dich? Schickt dich Richard? Der mir unterstellen wollte, ich würde mich mit dieser Transe herum knutschen?", zischte Alec, er bekam gerade eine zu viel. Warum glaubte eigentlich alle Welt, er würde auf diese Straßenratte stehen? Verdammt noch mal, so war das nicht! Er stand auf Mädels! Hübsch, schlank, klein, vollbusig! Und keine Kerle, die für Geld alles taten!

„Idiot", rief Adalbert aufgebracht. Das konnte er nur ganz schlecht haben. Jack war ein so netter Kerl und permanent wurde er von diesem Arsch nur niedergemacht. Warum hatte ihm der hohe Rat noch einmal diesen Spinner hier aufs Auge gedrückt? Warum hatte er nicht Jack bekommen und glücklich machen können? Es gab bestimmt genügend Menschen auf dieser Welt, die gern mit Jack zusammen sein wollten, außerhalb dieser bescheuerten, oberflächlichen Schule.

Der kleine Elf zitterte. Es war ihm egal, dass er schon wieder dabei war, gegen einen Klienten ausfallend zu werden. Er hatte schon größere Delikte begangen, als Beleidigung und dieser Arsch hatte es doch nun einmal wirklich verdient. „Das Kleid hat er getragen, weil du es verlangt hast. Jetzt dreh mal nicht die Fakten und schiebe ihm deine Vorlieben unter, klar?" Adalbert war auf Krawall gebürstet und er machte da auch keinen Hehl daraus. Den Stern für heute hatte er sowieso schon in den Wind geschrieben. Mit dem Bastard hier wurde das doch nichts. Aber das hieß ja noch lange nicht, dass man dem Kerl nicht mal die Meinung sagen konnte.

„Meine Vorlieben? Sag mal, du kleine Knalltüte, geht es noch? Willst du mir gerade erklären, ich hätte eine Vorliebe für Straßenratten in Hochzeitskleidern? Geht’s noch?" Alec war aufgesprungen und kam auf den kleinen Elfen zu. Groß und bedrohlich.

Adalbert zitterte. Wo war Jez? Panisch sah er sich um, doch mutig kämpfte er weiter. „Du hast ihn als Engel verlangt. Menschen bilden sich nun mal ein, dass Engel immer Kleider tragen, auch wenn das gar nicht so ist. Jez trägt ja auch keine Kleider... Aua!" Adalbert schrie, denn Alec hatte nach einem seiner Flügel gegriffen und daran gezogen und stellte nun ziemlich verblüfft fest, dass die ja wirklich angewachsen waren.

„Ja, was glaubst du denn? Dass ich die mir umschnalle?" Der kleine Elf war außer sich und im nächsten Augeblick hatte er nur noch weiße Federn im Gesicht, weil sich Jezeriel plötzlich zwischen ihm und Alec materialisierte.

„Nimm die Finger von dem Kleinen, ansonsten guck ich mal, was bei dir alles angewachsen ist, klar?", zischte der Engel, kein bisschen so, wie man sich einen Engel vorstellte. Von wegen Sanftmut und vergeben, bei seinem kleinen Elfen kannte Jez keine Gnade. Wer Adalbert wehtat, der hatte schon so gut wie verloren. Mit einem Schubs trieb er Alec wieder zurück auf die Couch und zog Adalbert in seine Arme, küsste ihn kurz auf die Wange und funkelte Alec dann an. „Wenn ich so was noch mal sehe, dann hast du ein Problem, das größer ist, als die Tatsache, dass du nicht weißt, ob du Jack nun schlagen oder küssen willst. Ist das klar!"

Alec war viel zu perplex darüber zu staunen, was dieser Engel wusste, als sich darüber zu erbauen, wie man hier mit ihm umging. „W-Was?", brachte er nur brüchig hervor und drückte sich fester in die Ecke seiner Couch. Der Kerl wusste es? Der wusste von dem Kampf in seinem Inneren? Das konnte nicht sein, das war geraten! „Lass den Mist, ich bin nicht so einer!", erklärte er und versuchte seiner Stimme Kraft und Festigkeit zu geben. Doch leicht war es nicht. Er war nervös, er musste nur an Jack denken, da kamen all diese widersprüchlichen Emotionen zurück, von denen Alec nicht wusste, welchen er den Vorzug geben sollte.

„Was, du bist nicht so einer, der davon träumt, Jack unter sich in die Matratze zu drücken und ihn zu küssen? So einer bist du also nicht?", ätzte Jez und verschmälerte die Augen. Dieser Kerl war ihm zuwider. Er hatte schon das letzte Mal versucht, Adalbert zu schlagen und viel mehr konnte diese Knalltüte wohl auch nicht. Er schlug sich und er beleidigte, mehr hatte Jez von Alexander noch nie gesehen. Er war dagegen gewesen, dass Adalbert ein zweites Mal mit diesem Bastard konfrontiert wurde, doch jetzt war er Adalberts Klient, nun mussten sie das hier auch zu einem guten Ende für den Elfen bringen.

„Ach, halt doch die Klappe!", knurrte Alec nur, während Adalbert gerade versuchte zu verstehen, was ‚in die Matratze drücken’ heißen könnte, doch er wagte nicht zu fragen. So schlimm konnte das ja nicht sein. Matratzen waren weich und gaben nach, das tat bestimmt nicht weh und küssen war ja gar nicht so verkehrt, dann bekam Adalbert wenigstens seinen Stern. Er klammerte sich an Jez' Seite einfach fest und guckte immer wieder zwischen ihm und Alec hin und her, spielte mit den Federn, die ihn schützend umgaben und für Alec fast unsichtbar machten.

Doch der kleine Elf war sowieso Nebensache geworden, seit dieser Engel genau in die Wunde gestochen hatte. Er wusste nicht, was er noch tun sollte, denn dementieren brachte nichts. Dieser Kerl wusste ganz genau Bescheid, verstecken half nicht mehr.

Alec wollte sich erheben und einfach gehen, die zwei Spinner zurück lassen und sich nicht mehr darum scheren, was die hier wollten und was nicht. Er hatte weiß Gott andere Sorgen! Doch Jezeriel ließ es nicht zu, er schubste Alec zurück auf die Couch. Er war es leid, dass dieser Kerl sich quer stellte und mit seinem sturen Schädel versuchte, alles zu verdrängen.

„Jez, du tust ihm weh. Lass ihn doch", sagte Adalbert nur. Mittlerweile tat ihm der Kerl sogar leid und von Jez hatte er ein ganz komisches Bild. Es war nicht abstoßend, eher wirkte diese herrische Ausstrahlung geradezu anziehend. Adalbert bekam rote Schatten unter den Wangen, als er nur daran dachte.

„Nein, ich werde ihn nicht lassen. Seit einer Woche schleppt er sich damit herum. Er weigert sich zu begreifen, was sein Herz verlangt. Wie lange will er sich denn noch quälen?", sagte Jez, gar nicht mehr laut, sondern sehr sanft und strich seinem kleinen Elfen über die Mütze. „Manche begreifen es eben nur auf die harte Tour, Kleiner."

Alec sah den beiden nur zu. Was sollte das denn? Sie unterhielten sich ja, als wäre er gar nicht da. Was bildeten diese Vögel sich ein? Und dann zu behaupten, er würde nicht begreifen wollen? Verdammt noch mal, was denn? Was sollte er begreifen? Dass diese Straßenratte ihn ankotzte? Dass er keinen Bock darauf hatte, ihn zu sehen? Das hatte er doch alles schon begriffen. Die Typen konnten also gerne wieder gehen und ihn in Ruhe lassen, schließlich war er ja auch nicht auf den Kopf gefallen. Es gab eben Leute, die konnte man nicht leiden und gut.

„Nicht leiden?", ätzte Jez nun wieder in die Richtung des Menschen und zog seinen Elfen noch dichter zu sich. „Nicht leiden? Du willst mir allen Ernstes immer noch erzählen, du könntest Jack einfach nicht leiden? Bist du blind oder bist du blöd?" Langsam riss dem sonst so geduldigen Engel wirklich der Geduldsfaden. Dieser Kerl war sturer als jeder, den er je erlebt hatte und er hatte schon mit einigen Dickschädeln zu tun gehabt. Aber die hatten sich dann wenigstens von der Erscheinung eines Engels beeindrucken lassen und begriffen, was los war. Im Gegensatz zu diesem Exemplar.

„Ja, ich kann ihn nicht leiden!", brüllte Alec und erhob sich abermals, wollte den Engel schubsen, doch der wurde einfach unsichtbar, Alec tauchte durch ihn hindurch und sah ihn dann vor der Couch materialisieren.

„Sag mal, was bist du denn für einer? Noch nie gehört, dass man sich nicht mit Engeln anlegt? Hm?" Jez ließ sich auf die Couch fallen und zog den kleinen, faszinierten Elfen mit sich, schlang aber wieder den Flügel um ihn, damit er Adalbert schützen konnte. Der Kerl hier war einfach nur unberechenbar. Jezeriel mochte ihn von Minute zu Minute weniger.

Alec sah ihn nur wütend an. „Ach, leck mich!", knurrte er und Jez konnte es sich dann doch nicht verkneifen zu erklären, ob er sich das vielleicht noch mal überlegen und dieses Angebot nicht Jack machen wolle. Dabei grinste er ziemlich zufrieden und Adalbert fragte sich gerade wieder, warum Alec und Jack sich lecken wollen würden. Für den kleinen Elfen ergab das irgendwie keinen tieferen Sinn. Es war doch viel lustiger, Eis zu lecken, das schmeckte nämlich. Menschen schmeckten doch bestimmt gar nicht.

„Okay, Flatterdepp. Spuck's aus. Was willst du mir sagen?" Alec hatte den schalen Geschmack von Aufgabe auf der Zunge, doch gegen diesen Engel hatte er einfach keine Chance, auch wenn er das gar nicht gern zugab.

„Mein Name ist Jezeriel, aber benutz ihn nicht zu häufig, ich habe nur den einen und der nutzt sich so schnell ab", erklärte der Engel und verwirrte den kleinen Elfen nun gänzlich. Seit wann nutzten sich Namen ab? Waren die so wie Seife, die immer kleiner wurde, je öfter man sie benutzte? Hieß Jezzy deswegen nicht mehr Jezzy, weil sein erster Name schon aufgebraucht war und Jezeriel einen neuen bekommen hatte? In Adalberts Kopf drehte sich alles. Er war so verwirrt und keiner achtete auf ihn, weil gerade zwei wilde Stiere damit begannen, sich zu umtänzeln.

„Na, dann nenn ich dich weiter Flatterdepp, das schont deinen Namen", knurrte Alec nur und sah den Engel herausfordernd an. Keine Spur von Respekt, was den Engel nur noch wütender machte.

„Du komm erst mal damit klar, dass du dich in einen Kerl verliebt hast und nicht genug von ihm bekommen kannst, dann können wir weiter reden." Das ließ Jez dann erst einmal wirken und strich derweil seinem kleinen Elfen etwas über die Seite, um ihm zu zeigen, dass er ihn noch nicht vergessen hatte. Doch dieser Kerl war für einen zarten Elfen zu viel, mit dem wurde Adalbert nicht fertig. Der war einfach zu sanftmütig dafür.

„Ich... das... Lüge!" Alec lief aufgebracht durch sein Zimmer. In seinem Kopf kreiste alles. Was redete dieser Typ? Er war nicht verliebt. Ganz bestimmt nicht. Er war definitiv nicht verliebt! Und schon gar nicht in diese Straßenratte. Nicht nur, dass es ein Kerl war, er war auch noch arm und passte gar nicht hier her! Nein, er war nicht verliebt! Alecs Körper zitterte und sein Kopf kreiste, gerade so, als würde er ihn die ganze Zeit schütteln, weil er nicht einsehen wollte, was der Engel da erzählte. Doch er spürte tief in seinem Inneren, dass er gerade verzweifelt versuchte, sich zu belügen. Er spürte es deutlich, aber sein Kopf wehrte sich.

Er war nicht schwul. Er war keine Schwuchtel! Er stand nicht auf Kerle in Kleidern! Und am wenigsten stand er auf diesen Kerl! „Nein!", murmelte er immer wieder vor sich hin, wie ein Mantra, als er sich auf dem Fell vor dem Kamin zusammensinken ließ, so als wäre sämtliche Kraft aus ihm geflossen. „Das kann nicht sein. Das darf nicht sein!", erklärte er immer wieder, versuchte sich zu straffen.

Er tat Adalbert so leid! Dieses Bild passte gar nicht zu dem Duke. So sollte das nicht sein.

„War das wirklich nötig gewesen?", flüsterte er leise zu Jez und krabbelte etwas auf seinen Schoß, um Alec besser sehen zu können. Jez strich ihm nur über den Rücken und die Flügel. „Ja, Kleiner, das war nötig gewesen. Anders hätte er es nicht begriffen. Er ist ein Naturtalent darin, sich zu belügen, denn für ihn hängt davon viel ab. Wenn das die Runde macht, dann hat er mehr als ein Problem und die Firmen seiner Mutter auch. Er ist nicht irgendjemand, er ist der Rotherby-Erbe. Milliarden von Dollar hängen daran", erklärte der Engel und Adalbert sah ihn groß an.

„Dann war es nicht richtig, Jez", sagte der Elf leise. „Wenn er solche Probleme deswegen bekommt, dann war es nicht richtig, das zu machen. Kannst du es nicht rückgängig machen?" Die großen, blauen Augen sahen den Engel nur bettelnd an, doch der schüttelte den Kopf. „Nein, es ist wichtig, dass er das begreift. Alles hat einen tieferen Sinn, Kleiner, auch wenn er dir vielleicht noch verschlossen ist. Und außerdem brauchst du doch noch deinen Stern, hm?" Sanft strich Jez seinem Elfen mit dem Finger über die Lippen. Es war verlockend, doch er musste sich zurückhalten.

„Aber er ist nicht glücklich, er leidet. Das ist kein Stern wert." Adalbert wirkte ziemlich geknickt und erhob sich, lief langsam auf Alec zu und strich ihm über die Haare. Doch was sollte er sagen? Er wusste es nicht, also schwieg er, so wie Alec mittlerweile schwieg. Seine Gedanken fuhren nur noch Karussell, er konnte ihnen schon lange nicht mehr folgen, sie waren viel zu schnell, als dass er sie hätte greifen können. Er ließ es geschehen. Es waren so viele unwichtige Gedanken dabei, so viele, die ihm eigentlich egal sein sollten. Was seine Mutter dachte, was es anrichtete, wenn es publik wurde.

Alexander William of Rotherby liebt einen Kerl, einen aus der untersten Schicht, eine Straßenratte ohne Stammbaum und Geld.

„Er ist hübsch", brachte er irgendwann einfach so hervor. Er hatte den Gedanken gegriffen, der ihm am greifbarsten erschien und ihn einfach ausgesprochen. Es war nicht gelogen, Jack war hübsch, selbst für einen Kerl. Die blonden Strubbelhaare, die bis zu den Schultern reichten, sein markantes Gesicht, der trainierte Körper. Er war wirklich hübsch.

Verblüfft sah Adalbert zu seinem Engel und der grinste nur ziemlich zufrieden, verschränkte die Arme vor der Brust und legte einen Blick auf, als wolle er sagen: Hab ich es nicht gesagt?

„Meine Mutter bringt mich um", sagte Alec irgendwann und blickte auf. Langsam kam er wieder zu sich und begriff allmählich. Er ging Jack nicht aus dem Weg, weil er ihn nicht sehen wollte, sondern weil er Angst davor hatte, was passierte, wenn er ihn wieder sah. Was passierte, wenn Jack ihn wieder so ablehnend behandelte. Er wusste, dass es wehtun würde und diese Blöße wollte sich Alec nicht geben.

„Selbst wenn es also so wäre, dass ich ihn... mag, meine Mutter flippt aus, wen sie das raus bekommt und sie wird einen Riegel vor schieben wo es nur geht." Dass Alec den zweiten Schritt vor dem ersten machte, bemerkte er gar nicht. Er ging einfach stillschweigend davon aus, wenn er begriffen hatte, dass er Jack mochte, dann mochte der ihn auch. Etwas anderes konnte es ja gar nicht geben.

„Aber sie ist nicht da, sie wird es vorerst nicht erfahren!", überlegte Alec weiter. Die beiden anderen hatte er ausgesperrt. Er war für sich allein, in seiner kleinen Welt, die er soeben in Scherben geschmissen hatte und die Teile nun neu zusammensetzte. Er wollte Jack gern sehen, aber nicht in der Schule. Er wollte ihn wieder hier haben, wollte sich ihm nähern können, ohne von hunderten Augenpaaren beobachtet zu werden, ohne dass jeder seiner Schritte protokolliert wurde und ohne dass sich jemand das Maul zerriss. Er musste Jack noch einmal zu sich bestellen, anders ging das einfach nicht.

Die Straßenratte brauchte Geld, das war kein Geheimnis. Er konnte ihn wieder hier her bestellen. Aber wenn doch mehr im Spiel war? Ob Jack vielleicht auch von allein zu ihm kam? Nur weil es Alec war? Weil er das gleiche empfand? Alec seufzte, er konnte sich kaum noch an ihn erinnern. Er wollte ihn wieder sehen, doch er beschloss auf Nummer sicher zu gehen. Er wollte ihn wieder über die Agentur ordern, so konnte er sicher gehen, dass Jack auch wirklich kam und dann konnte Alec ihm immer noch sagen, warum er eigentlich hier war.

Der Duke nickte sich selbst zu. Ja, so wollte er es machen. Er wollte Jack her bestellen, für ein paar Stunden, wollte ihn mit einem Dinner for two überraschen und den Abend zu zweit vor dem Kamin ausklingen lassen. Ihn einfach nur sehen, ihm nahe sein, so wie letzte Woche auf der Theke. Alec musste nur daran denken, wie Jack unter ihm gelegen hatte, mit diesem frechen Grinsen, den weichen Lippen, den schwarzen Augen und es ging ihm schon wieder durch und durch. Dieser Kerl hatte ihm wirklich komplett den Kopf verdreht.

Dass Adalbert und Jez gegangen waren, hatte Alec noch nicht einmal bemerkt. Er war einfach nur zufrieden mit seinem Entschluss, zufrieden damit, dass er nun wohl doch noch begriffen hatte, was mit ihm los war. Alles, was ihm jetzt noch fehlte, war Jack, der ihm erklärte, dass es ihm nicht anders ginge und dann war alles in bester Ordnung. In allerbester Ordnung.

Alec grinste siegessicher. Keiner konnte ihm widerstehen, reihenweise lagen ihm die Mädels zu Füßen. Jack würde da keine Ausnahme bilden.

Die richtigen Klamotten, ein wenig Charme und schon fraß ihm die Straßenratte aus der Hand.

Dass Jack vielleicht gar nicht auf Männer stand, dass Jack nicht der Mensch war, der jemandem aus der Hand fraß, überging Alec in seinen Fantasien einfach großzügig. Er hatte bis heute immer bekommen, was er wollte, und die Straßenratte würde da keine Ausnahme machen.

Schnell war die Agentur kontaktiert und Jack für drei Uhr herbestellt. In normaler Kleidung. Er solle nur ein wenig Gesellschaft leisten, hatte Alec am Telefon erklärt und nun war er auf dem Weg ins Bad. Er schickte seine Bediensteten nach draußen, denn er wollte allein sein. Er musste das alles noch einmal für sich selber durchgehen. Er wollte Jack bewirten und dann umgarnen, wenn er ihn an der Angel hatte, wollte er ihn einholen. Wie einfach es plötzlich war, sich das zu gestehen, wie leicht es ihm über die Lippen ging, dass er diesen Mann haben wollte, weil nun sein Ehrgeiz geweckt war. Keiner konnte ihm widerstehen, es war wie ein Wettkampf mit sich selbst. An die eigenen Grenzen gehen und dann die Latte noch höher legen und sich selbst übertreffen.

Zufrieden mit sich selbst tauchte Alec in seiner großen in, Marmor gefassten Wanne ab. Sein Kopf lag auf einem weichen Kissen und er fing langsam an, sich das erste Mal in dieser Woche wirklich zu entspannen, denn nun wusste er, was mit ihm los war. Ein Fakt, mit dem er arbeiten konnte, ob er sich dessen nun annahm oder nicht, war die andere Frage. Ob die Gesellschaft ihn annahm, noch mehr. Aber nur weil er einen Mann geil fand, hieß das ja noch lange nicht, dass er schwul war. Sonst würde er ja nicht auf Mädels mit großen Brüsten abfahren - ganz klar, schwul war er nicht und so war eine Sorge schon einmal gebannt.

Alecs Gedanken gingen kreuz und quer, mal positiv, mal negativ, es schien, als hätte er es noch immer nicht wirklich begriffen. Allen Konsequenzen war er sich ganz gewiss noch nicht bewusst, doch das würde kommen, wenn Jack vor ihm stand, wenn er ihn in seiner Schuluniform sah und vielleicht war Alec ja dann auch von seiner Liebelei kuriert?

Konnte ja auch sein.

Denn noch wollte er den Gedanken, dass es nur das Kleid gewesen war, was ihn so aus der Bahn geworfen hatte, nicht ganz aufgeben, auch wenn Alec wusste, dass er sich selber belog. Zu begreifen, dass er wirklich in einen Mann verliebt war, war nicht so leicht, wie es vielleicht fallen sollte, auch wenn Jack wirklich nicht hässlich war. Wenn er nicht gerade der Freund ihres Sohnes war, dann würde er vielleicht sogar seiner Mutter gefallen.

Alec lachte, was dachte er denn da? Hatte er keine anderen Sorgen? Mal davon abgesehen, dass er den ganzen Mist, den er die letzte Woche in der Schule versäumt hatte, aufarbeiten musste, das dürfte ziemlich mühselig werden. Aber er war gut, er war clever, Alec sah es nicht als Problem. Lieber tauchte er ab und entspannte noch etwas in der wohl temperierten Wanne, ehe er sich ein paar Klamotten suchte und eine Stunde später dann mit frisch gefönten Haaren und einem engen, schwarzen Shirt dabei war, seine Hüfthose mit den vielen Taschen zuzuknöpfen. Also, er selber fand sich gerade ziemlich unwiderstehlich und so schlüpfte er noch in die schweren Boots und hastete zur Tür, als es schellte. Sein Butler aber war schneller und als Alec die breite Barock-Treppe hinab lief, trat Jack schon durch die Tür, ein fragender Blick in den Augen und die perfekt sitzende Schuluniform auf dem Leib.

Alec blieb auf der Mitte der Treppe stehen und ließ das Bild auf sich wirken. Er horchte in sich hinein, um zu sehen, was nun war.

Nichts.

Erst als er langsam näher kam und die frechen Augen ihn anblitzten, die weichen Lippen wieder anfingen zu locken, ohne auch nur ein Wort verloren zu haben, fing Alecs Herz wieder an zu rasen, er spürte es deutlich, denn seine Hände zitterten. Also schob er sie in die Hosentasche, zog so den Bund der tief sitzenden Hose noch etwas weiter nach unten und überwand schnell die letzten Stufen.

„Schön, dass du da bist", sagte Alec unverfänglich und Jack kam sich gerade vor wie im falschen Film.

Normalerweise hieß es 'hey, Straßenratte', aber nicht 'schön, dass du da bist'. Irgendwas stimmte hier nicht und Jack wurde misstrauisch. "Du hast mich her bestellt, richtete meine Agentur mir aus", erklärte er knapp sein Hiersein und sah Alec offen an. Jack war auf alles gefasst. Er wusste genau, dass er für Alec ein Splitter im Hintern war. Wenn Feinde freundlich wurden, dann sollte man wirklich gewarnt sein und nicht blind in die Falle laufen.

„Ist alles vorbereitet?", wollte Alec nur wissen und wandte sich an seinen Bediensteten. Der nickte nur.

"Ja, Master. Der kleine Salon ist hergerichtet. Ich werde euch und euren Gast gleich geleiten", und ging langsam vor. Alec folgte und nickte Jack zu, ihm ebenfalls zu folgen, doch der wirkte noch ziemlich misstrauisch. Was wollte der Kerl dieses Mal? Jack mit seinen Butlern und Dienstmädchen und der Größe des Anwesens beeindrucken? Da war er bei Jack an der falschen Adresse. Besitz und Reichtum war nichts, was ihm imponierte. Für ihn zählten andere Dinge im Leben mehr als Besitz. Doch er folgte, schließlich bezahlte Alec dafür, dass er ihm heute Gesellschaft leistete, so wurde es ihm von der Agentur vermittelt. Nur wobei, diese Antwort war Alec noch schuldig geblieben. Was hatte sich der Bastard dieses Mal ausgedacht, um ihn zu demütigen?

Der junge Duke ging seinem Butler hinterher und sah sich immer wieder nach seinem Gast um. „Nun komm schon, ich hoffe, du hast Hunger?" Dann wandte er sich wieder um und Jack sah nur noch seinen Rücken.

Wie bitte? Hunger? Was war er denn? Ein Waisenkind, was gefüttert werden musste und dann seinem Wohltäter in ewiger Dankbarkeit ergeben war? Was bildete dieser Kerl sich ein? Bestellte ihn hier her und dann so was? Schon auf dem Weg zum Anwesen war Jacks Wut langsam pulsiert, weil er genau gewusst hatte, dass wieder etwas Peinliches für ihn gedacht war. Noch mehr, als ihm heute Morgen dieser Richard mal auf den Zahn gefühlt hatte, was er mit Alec gemacht hätte.

Warum immer er? Warum war immer er an allem Schuld, wenn etwas schief ging? Hatte der Mistkerl nicht den Arsch in der Hose gehabt, seinen Freunden zu sagen, was noch passiert war? Auf der Bar? Nein? Jack schnaubte leise. Es war ja auch nichts, mit dem man hausieren gehen sollte. Jack jedenfalls würde das nicht tun. Er hatte eigentlich gehofft, dass sich danach ihre Wege nicht mehr kreuzen würden, doch da hatte er Alec wohl gänzlich unterschätzt.

„Hm? Keinen Hunger?", fragte der nur, als er wieder über die Schulter zurück sah und grinste Jack an.

Dem ging das durch und durch. Er kam sich schon wieder vorgeführt vor und er konnte nicht einmal sagen: „Vergiss es, Arschloch!“, und gehen, denn er brauchte das Geld einfach. Und Alec schien das zu wissen. Schien sich darin zu weiden und zu suhlen, der Bastard. Wenn Jack so gedurft hätte, wie er gern gewollt hätte, würden sie sich jetzt prügelnd über den Boden rollen und er hätte seine würgenden Hände um Alecs Hals. Aber das ging nicht, er brauchte das Geld.

„Danke, ich habe eben gegessen", erklärte er also ungerührt und folgte weiter. Er zählte die Minuten, bis er hier wieder raus war und er würde diese Adresse sperren lassen. Er wollte von Alec keine Aufträge mehr annehmen, das brachte doch immer nur Ärger. Geld hin oder her. Es gab noch mehr Leute, die ihn gern buchten, für richtige Arbeiten, nicht für solche Machtspielchen.

„Schade, ich hatte gedacht, du würdest mir beim Dinner etwas Gesellschaft leisten. Aber nun gut, vielleicht ist ja noch etwas Platz für ein kleines Dessert oder einen Kaffee." Alec hatte nicht vor, sich aus der Fassung bringen zu lassen. Er hatte sich vorgenommen, Jack auch von seiner anderen Seite zu überzeugen, charmant und galant. Auch wenn sich der Blonde sträubte, Alec war das vorerst gleich. Er genoss nur die Blicke in seinem Rücken, die er deutlich spüren konnte. Wie Klingen sezierten sie ihn, suchten nach Antworten, doch noch sollte Jack die nicht bekommen - dafür liebte Alec es zu sehr, sich in seiner Macht zu baden und seine Dominanz auszuschlachten. Er saß am Hebel, er traf die Entscheidungen und das genoss er.

„Ich werde dir Gesellschaft leisten, denn du hast mich schließlich dafür angefordert", erklärte Jack nur kalt. Er hatte nicht vor, sich von der Nettigkeit einhüllen zu lassen. Er musste wach sein, auch wenn der Tiger seine Krallen eingezogen hatte.

Eigentlich war Alec kein Tiger, er war im Zeichen der Schlange geboren, die für ihre Intelligenz und ihre Hartnäckigkeit bekannt waren. Sie konnten selbst einem stolzen Drachen wie Jack gefährlich werden.

„Immer nur das Geschäft im Kopf, hm?", lachte Alec nur, doch eigentlich fand er das gar nicht lustig. Jack machte nicht mal den Ansatz, auf ihn einzugehen. Unterkühlt wie immer ließ er jeden Versuch von Alec, sich ein wenig zu unterhalten, einfach abprallen. Wie an einem Eispanzer.

„Aus welchem Grund sollte ich sonst hier sein?", entgegnete Jack nur unterkühlt und ließ Alec innerlich zusammenzucken.

Was bildete der Kerl sich ein? Da ließ sich Alec dazu herab, ihn hier her einzuladen, ihm ein Dinner zu bereiten und ihm die Hand zur Versöhnung zu reichen und der schlug sie immer wieder aus. Er musste sich selbst gestehen: Wäre der Kerl nicht so hübsch und hätte er Alec nicht so den Kopf verdreht, er hätte schon längst eine Faust im Gesicht und wäre vor die Tür gesetzt worden. Aber das konnte Alec nicht tun. Er hätte es nicht übers Herz gebracht. Allein der Gedanke, ihn zu verletzen, schmerzte. So albern und abgedroschen es auch klingen mochte, so war es nun einmal.

„Da wären wir", sagte er lieber und öffnete die großen Flügeltüren, gab so den Blick auf eine Tafel frei, an der nur zwei Plätze gedeckt waren. Sie lagen sich gegenüber und dazwischen drei Meter ungenutzter Tisch. Jack schnaubte. Was wollte der Kerl damit beweisen? Dass er noch mehr Kohle hatte? Dass er die Almosen an Jack abdrücken konnte, ohne es zu spüren? Arschloch.

„Nimm bitte Platz", wies Alec mit einer Hand auf den freien Platz und rückte dann persönlich Jack den Stuhl zurecht. Doch der griff sich selbst den Stuhl und erklärte, er wäre kein Mädchen und er würde es auch nicht schätzen, so behandelt zu werden. Dann setzte er sich und ließ den wütenden Alec hinter sich stehen, rechnete aber in jeder Minute damit, gewürgt und vor die Tür gesetzt zu werden. Doch nichts dergleichen geschah. Alec ging nur auf seinen Platz und ließ den ersten Gang auftragen.

Schweigen breitete sich aus. Immer wenn Alec etwas fragte, kam eine knappe Antwort, aber ein Zuspielen von Bällen und Sätzen wurde das nicht. Ein Gespräch kam einfach nicht in Gang, weil Jack das nicht wollte. Er wusste noch immer nicht, warum er hier war und was Alec damit bezweckte und als das Dessert aufgetragen wurde und die Dienerschaft sie wieder allein ließ, legte er die Karten auf den Tisch.

„Was willst du von mir", wollte Jack wissen und legte Serviette und Gabel beiseite. Der Kuchen war ein Gedicht, doch er war Nebensache. Er war aus einem Grund hier und den wollte er endlich erfahren, vielleicht konnte er hinterher den Kuchen genießen.

„Was meinst du", stellte Alec sich dumm, doch Jack ließ sich nicht hinters Licht führen.

„Du hast mich herbestellt. Doch sicher nicht nur, damit ich dir beim Essen Gesellschaft leiste. Du bist alt genug, alleine zu essen", provozierte der Blonde und fixierte Alec mit seinen schwarzen Augen. Was ging hinter Alecs Stirn vor?

„Ich wollte dir etwas sagen, deswegen habe ich dich kommen lassen. Das ging nicht in der Schule, ich wollte, dass wir allein sind und...", fing Alec etwas unbeholfen an zu erklären, was ihn bewogen hatte, verwirrte Jack damit noch viel mehr, weil er nicht im Traum daran gedacht hatte, dass der Kerl sich wirklich erklären würde. Deswegen sah er ihn auch etwas überrascht an.

„Dann sag es", forderte er ihn auf.

„Ist nicht so einfach."

„Versuch's eben." Irgendwie wurde Jack langsam mulmig. Hier braute sich etwas zusammen, von dem er noch nicht wusste, was er davon halten sollte. Irgendwas stimmte hier gerade gar nicht, denn der Kerl, der ihm gegenüber saß, war ganz bestimmt nicht Alexander! Wie er ihn schon ansah? So verletzlich, so sanft! Das passte doch alles gar nicht zusammen.

„Ich hab mich in dich verliebt, Jacob."

Nun stand der Satz im Raum, Alec senkte den Kopf und Jack wusste nicht, was er sagen sollte. Wie ein Fisch auf dem Trocknen klappte er den Mund auf und zu, doch kein Wort verließ seine trocknen Lippen. Immer und immer wieder hallte der Satz in seinem Kopf und plötzlich sprang Jack auf. „Das ist nicht witzig." Sein Stuhl kippte und als er auf dem Boden aufschlug, tat es Alecs Stuhl wie ein Echo ebenfalls. Sie standen an den Tisch gelehnt, die Finger in die Tischplatte gekrallt.

„Nein, das ist es wirklich nicht. War eine scheiß Woche, das kann ich dir sagen", knurrte Alec und plötzlich wirkte er wieder so, wie Jack ihn in Erinnerung hatte.

„Was soll der Mist!", schrie Jack. Man sah ihm deutlich an, dass er sich verarscht vorkam. War doch gut gewesen, dass er auf der Hut gewesen war! Was bildete dieser Kerl sich ein.

„Mein Gott, Jack. Nun komm mal wieder runter. Ich fand's auch nicht so prickelnd, das herauszufinden. Aber so ist es nun mal. Ich finde dich... na ja, ich habe mich eben verliebt. Drum geprügelt hab ich mich auch nicht." Es tat weh, wie Jack reagierte und Alec war es leid, sich von seiner besten Seite zu zeigen. Der Kerl war es doch gar nicht wert gewesen. Hatte er sich so in ihm getäuscht?

„Ich finde diesen Witz nicht komisch, Alec. Ich bin deine blöden Scherze und deine Machtspielchen leid. Ich werde jetzt gehen und dann möchte ich dich bitten, mich nie wieder zu bestellen!", erklärte Jack sachlich, auch wenn sein Herz bis zum Hals schlug. Er musste das hier erst mal verdauen und dazu wollte er Alec ganz bestimmt nicht sehen.

„Was soll das heißen?" Alec war wie vor den Kopf geschlagen. Was sagte Jack da? Wollte er ihm wirklich verbieten, ihn wiederzusehen?

„Das heißt, dass ich deine Scherze leid bin, Alexander. Das heißt, dass ich mir dessen bewusst bin, dass ich jetzt in der Schule noch mehr mit Dreck beworfen werde und wieder Prügel beziehen werde, aber all das ist immer noch besser, als von dir auf unterster Ebene so verarscht zu werden. Ich hätte nicht gedacht, dass du so tief sinkst." Jack war immer leiser geworden und sein Blick lag auf dem Tisch, auf dem der Scheck seit Beginn lag. Es war schwer, ihn liegen zu lassen und zu gehen, doch er kam nicht dazu, weil plötzlich Alec vor ihm stand und sein Kinn gegriffen hatte, sein anderer Arm lag um Jacks Taille. Er spürte den warmen Atem dicht an seinem Gesicht.

„Jack, bitte, geh nicht so!", sagte Alec leise. Er konnte ihn nicht gehen lassen. Sein ganzer Körper schmerzte, wenn er nur daran dachte. Sein Kopf legte sich auf Jacks Schulter und der wusste gar nicht, was er tun sollte. Noch weniger, als sich weiche Lippen auf seine legten.

Das war zu viel für ihn. Er begriff einfach nicht, was das hier sollte. Er spürte deutlich, dass Alec ihn nicht auf den Arm nahm, doch er konnte damit nicht umgehen. Nicht so.

Also löste er sich vorsichtig und strich Alec einmal durch die Haare. „Aber ich liebe dich nicht, Alec. Tut mir leid", sagte er leise und schluckte hart. Die Worte taten ihm selbst weh und er wusste nicht einmal warum. Er ging nur langsam zur Tür und Alec zog ihn noch einmal zurück, steckte ihm den Scheck in die Jackentasche und schob ihn wieder von sich, auch wenn es noch so schwer war. Er hatte einen Kloß im Hals, er schnürte ihm regelrecht die Luft ab. Als Jack den Scheck wieder auspacken wollte, drückte Alec die Hand mit dem Papier nur zurück und schüttelte den Kopf.

„Danke", sagte der Blonde noch und ging, sah sich noch einmal um. „Komm wieder zur Schule, bitte!" Dann war er weg.

Der kleine Elf in seiner Ecke starrte ihm nur fassungslos hinterher. Sie hatten sich doch geküsst, wo war sein Stern?

Doch er war nicht der einzige, der enttäuscht war. Ohne einen Blick zurück ging Alec aus dem Raum und in seine Gemächer. Er wollte nichts und niemanden mehr sehen.

Adalbert schniefte leise. So viel Aufregung und dann für nichts? Alec tat ihm leid. Das war doch einfach nicht fair, ihm erst klar zu machen, dass er Jack liebte und dann solch ein Fortgang der Ereignisse. Was dachte sich der hohe Rat bei solchen Spielchen? Das war doch echt das Letzte.

„Lass uns gehen, Kleiner, ich lad dich auf einen heißen Kakao ein", sagte Jez leise. Auch er war sich nicht sicher, was er von diesem Tag halten sollte. Er wusste nur, dass sie hier nicht das letzte Mal gewesen waren.