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Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

07.12.2006



Das Glitzern von Schnee

Das war doch gemein. Traurig lag Adalbert in seinem Bett. Da hatte er Jez endlich wiedergesehen und anstatt dass er noch etwas blieb und dafür sorgte, dass der kleine Elf sich wieder etwas besser fühlte, mit ihm reden, ihn in den Arm nehmen - nichts! Jez war einfach wieder verschwunden, war nur kurz aufgetaucht, hatte seinen Spruch abgelassen, Adalbert verwirrt und war dann einfach verschwunden. Das war so gemein.

Wie in Trance legte Adalbert seine Hand auf seinen Nacken, da, wo er Jez noch immer spüren konnte. Warum war er gegangen? Hatte ihm der kleine Elf nicht gefallen? Fand er ihn hässlich? War er nicht gut genug für einen Engel? Nicht gut genug, ein bisschen in den Arm genommen und getröstet zu werden? Das war einfach nur so richtig gemein. Wie konnte der hohe Rat es zulassen, dass ein Engel ihn unterstützte, der ihn so verwirrte! Wie sollte Adalbert sich denn da noch auf seinen Job konzentrieren. Das wurde doch nichts! Das mussten die hohen Elfen doch einsehen.

Aber was würde das als Konsequenz bedeuten? Was würde passieren, wenn Adalbert sich darüber beschwerte. Man würde Jez auswechseln und dann sah er ihn nie wieder. Nein, das wollte Adalbert auch nicht. Er wollte jede sich nur bietende Gelegenheit nutzen, den Engel wieder zu sehen. Er wusste selber nicht warum. Er musste nur an Jez denken, da schlug sein Herz ungesund schnell, sein Bauch flackerte, ein Klumpen bildete sich in seinem Magen und als würde das nicht reichen, da brannte die Haut wie Feuer und die Knie zitterten. Er wurde doch nicht wirklich noch krank!

Warum passierte das nur, wenn er sich an Jez erinnerte oder wenn der Engel in seiner Nähe war? Was war das? Das viel zitierte Strahlen der Engel, das jedes andere Wesen in die Knie zwang? Sie dazu brachte, das Haupt zu beugen und ihnen die Ehre zu erweisen? Adalbert seufzte. Er fühlte sich elend. Am liebsten würde er nur noch die Decke über den Kopf ziehen und der Welt nie wieder ins Antlitz sehen. Es brachte doch sowieso nichts. Jez wollte mit ihm nichts mehr zu tun haben. Er machte seinen Job und verschwand. Er brachte Adalbert nicht mehr nach Hause, gab ihm nicht mehr das Gefühl von Geborgenheit und der kleine Elf begriff einfach nicht, was er falsch gemacht hatte.

Okay, er hatte sich anfangs ganz schön auf Jez verlassen und ein oder zwei Sterne hatte er wirklich nur bekommen, weil der Engel helfend eingegriffen hatte. Aber Adalbert hatte ihn doch nicht darum gebeten. Er war es nicht gewesen, der gesagt hatte: los hilf mir! Jez hatte sich eingemischt! Adalbert schoss hoch und schlug mit einer Hand auf die Matratze. Genau! Er war nicht Schuld daran, dass der Engel sich nicht mehr um Adalbert scheren wollte. Er hatte nichts falsch gemacht. Ganz genau!

Und außerdem hätte ihm auch mal vorher jemand sagen können, dass es nur Sterne gab, wenn sich der Klient auf dem Auftrag mit jemanden küsste und nicht andere Beteiligte! Der Job gestern war für Adalbert ja eigentlich fast ein Selbstläufer gewesen. Viel hatte er nicht machen müssen, weil Rick schon wusste, was er vor hatte und seinen kleinen Bruder zurück in die Familie holen wollte.

Nur dass er Jan darüber noch nichts gesagt hatte, war ein kleiner Wermutstropfen, da hatte Adalbert helfend eingreifen müssen - ansonsten war nicht viel zu machen gewesen. In sofern war es okay, auch wenn er gern seinen fünften Stern in seine Schatulle gelegt hätte. Doch es waren nur vier und daran war nichts zu ändern. Musste er eben heute noch mehr ranklotzen. Half ja alles nichts.

Am besten strich er Jez komplett aus seinem Kopf, machte seine Jobs alleine und der Engel konnte ihm mal gepflegt den kleinen Elfenrücken runterrutschen. Er war auf den Engel nicht angewiesen, mit seinen mächtigen Schwingen und den sanften Augen.

„Ah!" Adalbert schüttelte den Kopf, so als wolle er etwas abschütteln und erhob sich. Sich noch mal Schlafen zu legen brachte doch sowieso nichts mehr. Er war viel zu aufgekratzt und die Stille in seiner Bude machte ihn fast wahnsinnig. Er konnte sich denken hören. Das war ja eklig! Also erhob sich Adalbert aus seinem Bett. Heute trug er wieder ein Nachthemd, denn er hatte sich ja allein umgezogen. Das sah man übrigens deutlich, denn man konnte der Klamottenspur vom Bett bis ins Bad folgen. Doch das tat Adalbert nicht, er kochte sich lieber einen heißen Kakao, um wieder auf die Beine zu kommen und seine Gedanken anders zu spuren.

Er hatte noch eine Stunde Zeit, die er tot schlagen musste, bis sein Auftrag kam und so tat der kleine Elf, was alle Teenager taten, wenn sie vor Langeweile fast starben und mit ihrer Kreativität nicht wussten wo hin. Man machte die Mattscheibe an und killte diese Kreativität, damit ja nicht noch mal eine Gefühlsdebatte über diesen verlogenen Engel dabei raus kam.

Da saß er also, in seinem Sessel zusammengekugelt und schlürfte seinen Kakao, während er den Elfenkanal schaute und sich berieseln ließ, was es Neues auf dem Spielemarkt gab, welcher Elf besonders gut gearbeitet hatte, wo Nachwuchs anstand. Eben alles, was in Elfstadt passierte und keinen wirklich interessierte.

Doch irgendwie musste Adalbert ja Zeit totschlagen. Nach einer halben Stunde hatte der Elf allerdings dann auch die Nase voll und was lag näher, als schon einmal vorzuarbeiten?

Also machte sich der Elf auf in die Dusche. Er hatte sie schon lange nicht mehr genossen, sondern war nur drunter gesprungen, hatte sich abgerubbelt und los zum Job. Heute aber stand er unter dem warmen Wasser und genoss es sichtlich. Herrlich. So ähnlich hatte er sich gefühlt, als Jez ihn umarmt hatte, als er sich in die weichen Schwingen hatte kuscheln können und noch ehe Adalbert merkte, was er tat, strich seine Hand über seinen Schritt, umgriff sein bisher unauffälliges Körperteil und drückte ein bisschen daran herum, weil es sich irgendwie gut anfühlte.

Er strich darüber, die Augen geschlossen und er konnte gar nicht verhindern, dass seine Gedanken wieder bei Jez landeten. Das war doch verrückt, total verrückt! Warum musste er jetzt an ihn denken und warum konnte er das nicht abstellen?

Was passierte hier mit ihm? Es war, als würde seine Hand nicht mehr zu ihm gehören, als würde sie tun, was immer sie für richtig erachtete. Es machte Adalbert Angst und gleichzeitig war es absolut aufregend. Immer flinker wurde seine Hand und die Hitze, die in dem kleinen Elfen aufstieg, verbrannte ihn fast. Es schmerzte in jeder Faser, seine Haut war übersensibel und doch konnte er nicht aufhören. Es war wie ein Rausch, sein Atem flog, sein Herz schlug wild und immer wieder hatte er Jez' Gesicht vor sich, wie er ihn anlächelte. Die weißen Schwingen, die sanften Augen.

Adalbert spürte, dass er auf die Erlösung zulief, hastete und plötzlich spürte er alle Anspannung aus sich fließen, in hoch aufschlagenden Wellen. Das Wasser wusch alle noch so verräterischen Spuren weg und der Elf lehnte nur noch mit der Stirn an den Fliesen und keuchte schwer. Was auch immer passiert war, jetzt fühlte er sich besser. Gerade so, als könnte jetzt erst der Tag beginnen. Träge und noch etwas wacklig wusch er sich, trocknete sich mit seinem flauschigen Handtuch ab und zog sich frische Klamotten an.

Frühstück wollte er sich wieder vor der Abreise holen. Wenn man erst mal seine Ansprüche an das Essen herabgeschraubt hatte und nicht wirklich Geschmack und Nährstoffe erwartete, dann war das Zeug aus dem Automaten gar nicht so übel. Man konnte damit gut überleben und wenn alles vorbei war, dann würde er sich wieder von seiner Mutter bekochen lassen. Denn dann war Weihnachten vorbei und alle hatten wieder Zeit für sich, weil erst im neuen Jahr wieder angefangen wurde zu arbeiten.

Diese Zeit im Jahr mochte Adalbert immer am meisten, weil er und seine Eltern dann Zeit für sich hatten. Sie machten Ausflüge, besuchten andere Elfen oder die Großeltern. Es war herrlich. Überall wurde geredet und gelacht und gegessen und getrunken und eigentlich musste Adalbert zu der Überzeugung kommen, dass es nun auch wieder nicht so schlecht war, ein Elf zu sein. Was machte es schon, wenn er kein Engel wurde? Wenn er nicht so wurde wie Jez? Na und? Er wollte das ja sowieso nicht! Jez wollte nichts mit ihm zu tun haben - dann wollte Adalbert das eben auch nicht. War doch ganz einfach.

Seine Hetztirade gegen den Engel wurde jäh unterbrochen, als sich sein Elf-o-phon meldete und wieder mal ein Auftrag erteilt wurde. Adalbert griff ihn sich und las ihn während er sich seine Schuhe anzog. Bei der Jacke stutzte er kurz. Wie selbstverständlich hatte er jeden Tag Jez' geschenkte Jacke getragen. Sie hielt warm und sie sah cool aus, aber er wollte doch mit Jez nichts mehr zu tun haben. Also hing er sie zurück an den Haken, nahm sein Elfchenjäckchen und hatte keinen Schimmer, dass er das in schon ein paar Minuten bereuen würde. Wirklich bereuen!

Denn der Elf-Trans brachte ihn und sein industriell gefertigtes Frühstück plötzlich in einen verschneiten Winterwald. Da stand der kleine Elf nun, fror und zitterte und war völlig alleine. Das war doch jetzt alles nicht wahr, oder? Warum hatte keiner in den Auftrag rein geschrieben, wo er sich befand? Er hätte sich doch was Dickeres anziehen können!

Der Tag war für den kleinen Elf schon wieder gelaufen und als würde das nicht reichen, musste er zwei Typen finden, die sich nicht mehr sehen wollten und ihnen einen Kuss entlocken! Klasse. Er hätte im Bett bleiben sollen - aber echt mal. Mit klappernden Zähnen stapfte der kleine Elf also durch den Schnee. Er hatte keinen Schimmer wo er war!

Schweden?

Norwegen?

Kanada?

Adalbert hatte in seinem Auftrag nichts gelesen und auch die Namen ließen auf nichts schließen. Verdammte Kacke, wo war er denn hier? Das durfte doch alles nicht wahr sein. Frierend stapfte er weiter, wütend über sich selber, weil er aus Stolz die dicke Jacke wieder an den Haken gehängt hatte. Zu Hause im warmen Zimmer, da hing die dicke Lederjacke wirklich gut!

Hatte man schon einmal davon gehört, dass ein Elf erfroren war? Wenn nicht, Adalbert war dann eben der Erste. Egal wo er sich hin wandte - nichts. Nur weiße Bäume und Kälte. Wind, der durch die Bäume fauchte und an den dünnen Kleidern zerrte. Adalbert spürte die Kälte, wie Nadeln in seine Haut stechen, wie Klingen in seine Haut schneiden. Er hätte nie gedacht, dass sterben so weh tun konnte!

Tapfer stapfte Adalbert weiter. Er musste doch erst mal einen Anhaltspunkt finden.

Trügten ihn seine Augen? Adalbert rieb sie, denn die Tränen, die durch die Kälte in sie getreten waren, machten ihn fast blind.

Doch wirklich, das da vorn sah aus wie eine kleine Hütte! Sicher war es dort nicht viel wärmer, aber der Wind würde nicht so an dem kleinen Elfen zerren und er konnte sich überlegen, was er nun tun wollte. Vielleicht fand er auch eine Decke, die er sich ausborgen konnte, um endlich seine Schützlinge zu finden. Dann kam eben noch Einbruch und Diebstahl zur Liste seiner Delikte. Neben Menschenhandel und Zwangsehe war das doch fast verschwindend gering.

Tapfer stapfte Adalbert auf das Haus zu und war erstaunt, als er Licht in einem der Fenster sah. Vor der Tür ein Schneemobil und drinnen schien es warm. Ein Feuer brannte in einem Kamin und jemand saß davor.

Seine Rettung!

Adalbert suchte die Tür. Das war gar nicht einfach, denn die Hütte war von allen Seiten eingeschneit. Erst als er über die ebenfalls eingeschneite Treppe stolperte und mit einem entsetzten Schrei in den Schnee fiel, hatte er die Tür gefunden. Doch er musste nicht mehr klopfen, denn die Tür wurde geöffnet und Adalbert merkte gar nicht mehr, wie er auf Arme gehoben wurde, denn seine Sinne schwanden langsam, genauso wie seine Körpertemperatur.

Craig hatte nur ein seltsames Geräusch in der sonst absoluten Stille vernommen und musste nun erst einmal nachsehen, ob seine Fantasie ihm nicht doch noch einen Streich gespielt hatte. Hier draußen hörte man normalerweise nichts, zumindest nichts, was auf einen anderen Menschen hinweisen könnte. Nur das Heulen des Windes und die kleinen Schneelawinen, die vom Dach auf den Boden rutschten, ansonsten war diese Ecke einfach nur menschenleer.

Umso erstaunter war Craig, als er etwas vor der Tür liegen sah, was bestimmt kein Elch war und auch kein Ren. Eher sah der durchgefrorene Junge aus wie ein Elf, mit Mütze und Stiefelchen und Flügeln. Ganz so, wie man sich Elfen klischeebehaftet immer vorstellte. Auch er wusste, dass dies kein Elf sein konnte, aber was tat der Junge hier draußen alleine?

Es gab in der Nähe kaum Häuser, nur zwei Höfe, aber selbst die waren mit dem Auto oder dem Schneemobil nur schwer zu erreichen und zu Fuß, bei dem Wetter, gar nicht. Doch darüber konnte er sich auch noch den Kopf zerbrechen, wenn der Kleine wieder zu sich gekommen war, im Augenblick brauchte er Hilfe, ein warmes Bett und intensive Betreuung, bis er wieder zu sich kam.

Hastig schloss Craig die Tür hinter sich wieder und trug den kleinen Elfen in die Hütte. Früher war er oft hier gewesen - mit Joe und die Erinnerung daran, dass sein Freund ihn einfach über Nacht verlassen hatte, schmerzte noch immer. Aber er konnte Joe nicht die alleinige Schuld geben. Einen Grossteil daran trug seine intrigante Schwester, die geglaubt hatte, wenn Joe sich von ihrem Bruder trennte, dann war der Weg frei für sie, weil Joe ja nicht, wie Craig, schwul war, sondern bi. Sie hatte sich in ihn verliebt und angefangen, ihn bei Craig madig zu machen und blöd wie er gewesen war, hatte er den Mist auch noch geglaubt. Das war ja das, wofür er sich am meisten hasste.

Anstatt seiner Schwester zu sagen: „Hör mal zu, Carry, erzähl diese Märchen deinem Friseur!“, hatte er Joe, wo es nur ging, misstraut, ihn der Lüge bezichtigt und verletzt, nur weil er immer wieder behauptet hatte, es gäbe keinen anderen außer Craig. Doch der hatte das nicht begriffen. Er hatte nicht gesehen, wo die Wurzel des Übels eigentlich lag. Und anstatt, wie geplant, hier in Südschweden diese Hütte zu kaufen, war Joe einfach ausgezogen, hatte seinen Job und seinen Wohnort gewechselt und alle Spuren hinter sich verwischt.

Craig seufzte. Er merkte nur nebenbei, wie er den kleinen Elfen die nassen Kleider ausgezogen hatte, ihn in ein warmes Hemd gestopft und ihn in das dicke Federbett gesteckt hatte. Er stopfte die Decke rings herum schön fest und griff sich nun einen der kalten Füße, um ihn vorsichtig etwas zu massieren. Aus Erfahrung wusste Craig, wie es schmerzte, wenn kalte Füße auch noch drangsaliert wurden und er versuchte seine Kraft in den großen Händen etwas zu zügeln, damit er dem Kleinen nicht noch die Füße brach.

Wieder sank er in seine Gedanken zurück, an den Abend, als er auf einer Party Joe gesehen und sich verliebt hatte. Er hatte sein Glück kaum fassen können, als er auf spontane Gegenliebe gestoßen war und ziemlich schnell waren sie unzertrennlich gewesen. Es war der Himmel auf Erden. Sie waren so glücklich gewesen. Nichts hatte zwischen sie kommen können - bis Carry dieses Glück ein Dorn im Auge gewesen war, denn ihre Beziehungen hielten nie länger als ein paar Monate. Sie selber gab sich keinerlei Schuld daran, sondern ihren Lovern und deswegen wollte sie einen, der so war wie Joe. Was lag da näher, als ihn einfach ihrem Bruder auszuspannen.

„Und ich Arsch hab das auch noch geglaubt. Ich gehöre wirklich geschlagen", knurrte Craig nur und steckte den ersten Fuß in eine dicke Socke, griff sich nun den zweiten.

Er konnte sich noch ganz genau daran erinnern. Sie hatten sich mal wieder heftig gestritten, weil einer von Joes Freunden sich etwas bei ihm ausgeborgt hatte und gerade die Treppe zu ihrer Wohnung runter ging, als Craig aus der Werkstatt kam. Er hatte seinem Freund wieder eine Szene gemacht, die ihres Gleichen gesucht hatte und am nächsten Tag hatte er auf einen Lehrgang gemusst, für seinen Meisterbrief.

Er hatte schon ein ungutes Gefühl gehabt, als er immer wieder versucht hatte, Joe über das Telefon zu erreichen und immer nur den freundlichen Hinweis erhalten hatte, der Teilnehmer wäre vorübergehend nicht zu erreichen, aber man könne gern eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Dazu hatte Craig in seiner damaligen Wut keine Lust gehabt, heute schalt er sich dafür einen Idioten.

Sein Stolz hatte verweigert, dass er seinem unguten Gefühl getraut hatte und heimgefahren war. Vielleicht hätte er Joe noch aufhalten können.

Doch als er nach fünf Tagen wieder da gewesen war, war die Wohnung leer gewesen. Nicht leer an Möbeln oder Inventar. Nein, das war alles noch da. Doch das, was diese Wohnung ausgemacht hatte, ihr Leben eingehaucht hatte, das fehlte. Joe war weg. Nur ein kurzer Zettel, mehr eine Notiz als ein Brief.

Craig holte das Stück Papier aus seiner Tasche. Er hatte es bei seiner Mutter heimlich vakuumiert, damit es nicht vergilbte oder verschliss, wenn er es täglich mit sich herum trug. Es stand auch gar nicht viel drauf, nur dass Joe am Ende seiner Kräfte war. Dass er Craig noch immer lieben würde, doch wenn er nicht an dieser Liebe zerbrechen wollte, musste er jetzt gehen und nicht zurück sehen. Craig sollte ihn nicht suchen, denn er würde ihn nicht finden. Wenn das Schicksal sie eines Tages wieder zusammenführte, dann sahen sie sich wieder - sonst nicht.

Egal wie oft Craig diese Worte las, egal wie oft sein Blick auf dem letzen Relikt ihrer Liebe lag, es tat immer wieder aufs Neue weh. Vor allen Dingen, wenn man wusste, dass er selbst daran schuld war. Egoistisch wie er war, hatte er nur sich selber gesehen. Er war der Betrogene, denn Carry hatte Joe schließlich mit den Männern knutschen sehen und nicht ein einziges Mal hatte er danach gefragt, wie Joe sich bei diesen Vorwürfen gefühlt hatte. Nicht ein einziges Mal. Nun, heute war er auch schlauer. Er hatte ja auch ein elend langes Jahr Zeit gehabt, darüber nachzudenken, was er schon wieder angestellt hatte. Und er hatte eine Menge angestellt! An manchen Abenden hatte er sich aufgeführt wie ein Berserker, war tobend und wütend durch ihre Wohnung gelaufen.

Und heute, da lag sie so leer. Craig hatte das Gefühl, Joes Geist war langsam aus ihr verschwunden. Er hatte das Gefühl, ihm entglitt alles, was ihn noch an Joe erinnerte, denn sein Freund war gründlich gewesen. Er hatte Briefe, Fotos und alles was persönlich gewesen war, einfach mitgenommen, hatte Fotos, auf denen sie beide waren, säuberlich zerschnitten und geteilt. Nichts hatte bleiben sollen und nach einem Jahr war es wirklich so. Joe war weg - endgültig weg. Craig konnte ihn nicht mehr spüren, nicht mehr riechen, nicht mehr sehen.

Nur hier in der Hütte fühlte er sich ihm noch nahe, deswegen hatte er sie schlussendlich doch gekauft. Sie war nicht sonderlich groß. Ein kleiner Keller für Vorräte und Heizöl, was nur im Sommer angeliefert werden konnte und ein Regal für das trockne Brennholz für den Kamin. Oben ein kleines Bad mit Dusche und WC, eine niedliche Küche, ein Wohnzimmer mit Terrasse, die aber gerade eingeschneit war und ein Schlafzimmer.

Sie waren hier immer sehr glücklich gewesen. Auch wenn hier nicht viel zu machen war, gelangweilt hatten sie sich nie. Taglang waren sie durch die Wälder gestreift, hatten Elche beobachtet und Rehe und Füchse, hatten im Schnee gerauft, sich vor dem Kamin gewärmt. Es war perfekt gewesen.

Craig hatte diese Hütte einfach kaufen müssen. Vielleicht war sie sein Schicksal, vielleicht fand Joe eines Tages hier hin zurück, wenn ihm ihre Urlaubstage hier oben auch so viel bedeutet hatten wie Craig.

„Hm", hörte Craig plötzlich und sein Blick korrigierte sich wieder zu seinem kleinen unbekannten Gast.

„Hey, wie geht’s dir?", wollte er leise wissen und strich dem Jungen die blonden Haare aus den Augen. Es interessierte ihn langsam wirklich brennend, wie der kleine Junge hier her kam! Er war zu Fuß gewesen, in diesen dünnen Klamotten. Das war doch nicht normal. „Alles klar, Kleiner? Verstehst du deutsch? Jag talar bara lite svenska.[1]"

Adalbert hörte die Stimme wie durch einen Nebel. Sie drang zwar zu ihm durch, aber ihr Sinn erschloss sich ihm noch nicht wirklich. Er spürte seine Füße kaum noch und sein ganzer Körper zitterte. „K-kalt!", brachte er über die Lippen und versuchte die Augen zu öffnen. Die Lider waren schwer wie Blei.

Craig rubbelte weiter über den kleinen Körper und versuchte die Durchblutung anzuregen, damit das warme Blut auch wieder in die entlegendsten Körperteile floss, aber der Kleine zitterte wie Espenlaub. Jetzt, wo er wach war und der Kreislauf wieder in Schwung kam, schien der Körper den Temperaturabfall erst wirklich zu bemerken und leitete Gegenmaßnahmen ein. Die kleinen Zehen wackelten ein bisschen, das war's aber auch schon und trotz der Socken waren sie eiskalt.

So konnte das nicht weiter gehen. Also griff er sich den Jungen und Adalbert stöhnte leise auf. Was sollte das denn jetzt?

In eine dicke Decke gehüllt wurde er auf einen Sessel gesetzt. „Wir machen ein Fußbad und du bekommst jetzt Brühe!", erklärte Craig und Adalbert nickte nur. Wegen ihm? So lange es half. Er würde sich nicht dagegen wehren. Seinen Auftrag konnte er heute sowieso in die Tonne treten, er musste die falschen Koordinaten eingegeben haben und war mitten im verschneiten Nirgendwo gelandet. Schön blöd, aber wirklich mal!

Träge dämmerte Adalbert in dem Sessel und war ziemlich froh darüber, dass der so hohe Lehnen hatte, so konnte der Elf, als er wieder einschlief, nicht runterfallen.

Craig indes machte schnell Wasser heiß, brühte Suppe und Tee auf und machte erst mal nur lauwarmes Wasser in die Schüssel. Das dürfte für die kalten Füße schon genügen. Heißes wurde nachgegossen, wenn sich die Füße daran gewöhnt hatten.

Beladen mit allem, was er brauchte, kam er zu dem Kleinen zurück und der hing nur noch in seinem Sessel und schlief. Craig grinste. Der war bestimmt total fertig nach einem solchen Trip durch den Schnee. Ein Wunder, dass er überhaupt noch am Leben war! Was waren das nur für Eltern, die ihr Kind bei dem Wetter so dünn bekleidet aus dem Haus ließen? Oder war der Kleine gar weggelaufen?

Wie auch immer. Er zog dem Jungen die Socken wieder aus und stellte die kalten Füße langsam in das Wasser.

Gleich war Adalbert hellwach, denn die Hitze stieg durch seinen Körper und landete schließlich im Schmerzzentrum. Er zog seine Füße zurück.

„Zu heiß? Warte." Craig mischte das Wasser ab. Der Kleine brauchte nun seine ganze Aufmerksamkeit, das war gut, denn so kam er nicht dazu, ewig und drei Tage über Joe nachzugrübeln und zu hoffen, dass irgendwann ein Engel vom Himmel kam und ihm seinen Freund wiederbrachte. Er hatte es verbockt und dafür musste er nun die Konsequenzen tragen. So einfach war das.

Nach einer Weile war für Adalbert das Wasser erträglich. Die Füße schmerzten nicht mehr und so schlürfte er seine Brühe. Mittlerweile hatte er zumindest begriffen, dass er wohl nicht die falschen Koordinaten eingegeben hatte. Er war da, wo sein Klient war. Nur dass der sich eben in einer Hütte mitten im schwedischen Wald herumtrieb. So viel hatte Adalbert dann schon in Erfahrung gebracht.

Wie sollte er ihn denn hier mit seinem Ex versöhnen?

Über das Telefon machte sich das ja wohl richtig schlecht! Und dass ausgerechnet dieser Joe plötzlich mitten im Nirgendwo vor der Tür stand und sagte: „Da bin ich, nimm mich zurück!“, das war auch eher unrealistisch, sogar wenn ein Elf mit im Spiel war. Es war deprimierend, aber wirklich.

Ab und an, denn er saß mit Blick zur Terrassentür hinaus, fiel ihm etwas Blinkendes zwischen dem Schnee auf. Vielleicht hatte er das sogar schon gesehen, als er um das Haus geschlichen war, doch sicher war sich der kleine Elf auch nicht. Es wurde zu einer fixen Idee, er starrte nur noch auf die Stelle und wartete darauf, doch er sah nichts mehr, die Flocken waren zu dick. Nun saß er da, wurde langsam wieder warm, die Füße waren schön durchblutet und der Tee und die Brühe hatten Adalbert wieder aufgetaut. Craig saß nun neben ihm und sah ihn eindringlich an.

„Was macht ein deutscher Junge, in dünnen Klamotten, mitten im schwedischen Wald?", wollte er nun endlich wissen, was ihm unter den Nägeln brannte und Adalbert überlegte. Sollte er wieder seine Geschichte erzählen und wieder nicht ernst genommen werden? Aber ein Elf log nicht, zumindest nicht einfach so leichtfertig, also erklärte er mal wieder, wer er war und warum er hier war. Craig musterte ihn eine Weile, man sah ihm deutlich an den Augen an, dass er nicht wusste, ob er das glauben sollte oder nicht. Ein Elf, gekommen, um ihn glücklich zu machen und einen Stern zu bekommen? Alles etwas weit her geholt, aber wenn der Kleine das glaubte, sollte er das auch weiterhin glauben.

Doch er kam nicht dazu, etwas zu sagen und dem Kleinen über die blonden Haare zu streichen, denn Adalbert brüllte plötzlich: „Da! Wieder!", und deutete vor die Tür. Ganz aufgeregt hüpfte er hoch. Er hatte es gesehen. Da war doch was. Es blinkte fast wie ein Blinklicht von einem Auto. Durch den blöden Schnee sah man nur nichts! Das war doch zum Verzweifeln. „Da draußen war was. Das hab ich schon ’ne ganze Weile gesehen. Immer an der gleichen Stelle." Er sprang auf den Handtüchern herum, die Craig rund um die Schüssel ausgelegt hatte, damit das schöne Parkett nicht nass wurde und Flecken bekam. Und so trat auch er an die Scheibe und starrte hinaus. Es war schwer, etwas auszumachen, die weißen Flocken bildeten fast eine dichte Wand. Doch dann sah auch er es.

„Ich geh gucken, was los ist, du bleibst hier und steck die Füße wieder ins Wasser!", mahnte Craig und strich sich die schwarzen Strähnen aus dem Gesicht und stülpte eine Mütze drüber. Er sprang in seine dicken Stiefel, stopfte die Hose richtig fest, damit kein Schnee rein fiel und zog sich seine Jacke über. Handschuhe und Schal und dann raus in den Schnee. Er hatte deutlich das Blinken eines Wagens gesehen, das hatte er sich nicht eingebildet.

Was, wenn dort einer Hilfe brauchte?

Besser er sah nach. Es war schwer, gegen den Wind anzukämpfen. Er blies ihm kalt ins Gesicht und die Flocken, die zielstrebig seine Augen anpeilten, machten es auch nicht gerade leicht, zu sehen, wo hin man trat. Der Schnee lag knietief. Craig hatte aufgehört, den Schnee täglich zu schieben, es brachte nichts. Es schneite immer wieder zu. Jetzt verfluchte er sich dafür.

Er kam nur langsam voran, doch das Blinken wurde deutlicher, bis es plötzlich erstarb.

Entweder war der Wagen weiter gefahren oder die Batterie war alle. Wenn es allerdings letzteres war, dann musste der Wagen schon lange dort stehen! Schwer atmend, weil der Schnee so viel Widerstand bot, kam Craig endlich beim Wagen an und durch die Scheibe sah er schemenhaft, wie der Fahrer über das Lenkrad gebeugt saß, eine Hand auf der Hupe, doch bei dem Wind hatte das so gut wie keinen Sinn. Der Wind riss die Töne weg, noch ehe sie erzeugt worden waren. Craig klopfte an die Scheibe, musste sie erst vom Schnee richtig befreien, doch dann stockte er. Er kannte diesen Nacken, dieses weiche Braun der Haare, diese Jacke. Er kannte sie!

„Hey!", rief er und riss die Tür auf, der Fahrer reagierte noch immer nicht. Die Hände waren kalt und die Augen geschlossen. „Joe!", rief Craig nur. Er begriff nicht. Er sah nur und konnte es nicht glauben. Ein Jahr hatte er ihn gesucht, deutschlandweit. Im Internet, auf Behörden, hatte seine Kontakte spielen lassen, die für ihn recherchiert hatten und dann? Mitten im Wald?

Wollte Joe zur Hütte?

Craigs Herz schlug wie wild, als er seine Jacke auszog und Joe einhüllte, dann zog er ihn auf seine Arme und schloss die Wagentür. Den klaute hier schon keiner! „Joe, komm schon. Sag was, bitte!", rief er immer wieder, um den Sturm zu überwinden. Doch er riss die Worte von seinen Lippen. Craig drückte den kalten Körper fest an seinen, stapfte zurück. Er war voller Adrenalin, er war total aufgeputscht. Joe war wieder da! Er hielt ihn in seinen Armen! Er konnte sein Glück noch gar nicht fassen. Kurz nur kam ihm der Kleine in den Sinn, der behauptete, ein Elf zu sein und Glück zu bringen. Vielleicht war ja was dran, an dieser Spinnerei. Joe war zurück!

„Halt durch, bitte. Ich hab dich zu lange gesucht. Ich hab dir so viel zu sagen, mach nicht schlapp!" Doch eigentlich motivierte sich Craig damit nur selber, noch schneller zu laufen, noch weitere Schritte zu machen! Die letzten paar Meter waren eine Tortur. Seine Arme wurden schwer, die Kälte schnitt durch den Pullover und seine Finger waren eiskalt, trotz der Handschuhe.

Mit einer Fußspitze trat er gegen die Tür und Adalbert öffnete. Er war ja selber viel zu überrascht gewesen, um wirklich Craigs Order zu folgen und sich die Füße zu wärmen. In dicken Socken hopste er aufgeregt durch den Flur und lotste Craig gleich zum Bett. Er hatte die Heizdecke angesteckt und so konnte der Mann seinen Freund gleich dort rein stopfen. Adalbert musste gar nicht gucken, wen Craig mitgebracht hatte, er konnte es sich denken!

Der hohe Elfenrat tat nichts ohne Grund, weder Adalbert hier her zu schicken, noch einen Blinker im Sturm Zeichen geben zulassen. So viel hatte der kleine Elf schon begriffen.

Craig legte den kalten Körper auf die Decke, zog ihm die Kleider aus. So oft hatte er das getan, er konnte es im Schlaf und es war schwer, seine gierenden Lippen nicht auf die schmale Brust zu legen, sich nicht endlich, nach so langer Zeit, wieder an ihm zu reiben und ihm seine Liebe zuzuflüstern, sie ihn spüren zu lassen. Im Augenblick hatte er ganz andere Sorgen!

„Ins Bad, bitte", orderte er und Adalbert griff die nassen Kleider, hängte sie im Bad neben seinen auf der Heizung auf und wirkte schon wieder viel zuversichtlicher. Craig war hier, Joe war hier, jetzt musste der nur noch aufwachen, Craig vergeben und sie küssten sich und schon war Adalbert wieder um einen Stern reicher! Er grinste ziemlich zufrieden.

Craig hingegen war alles andere als das. Er hatte so dafür gebetet, Joe endlich wieder sehen zu dürfen, aber doch nicht so! Nicht mehr tot als lebendig und durchgefroren am Ende der Welt! Das war nicht fair! Er konnte nicht anders, er konnte die Tränen, die ihm in die Augen traten, nicht mehr zurückhalten. Joe war wieder da. Er lag hier vor ihm und sah so elend aus! Es tat weh, ihn zu sehen. Schon allein sein Anblick tat weh, aber zu wissen, was er dem Mann alles angetan hatte, schmerzte tiefer.

„Joe, bleib bei mir, bitte. Nicht schlapp machen." Er rubbelte über Arme und Beine, sparte auch die Füße nicht aus. Er rubbelte wie wahnsinnig darüber, er war der Verzweiflung nahe.

„Joe, bitte, mach die Augen auf - bitte, bitte, bitte!" Seine Stimme war leise und erstickt. Er kämpfte noch immer mit dem Kloß in seiner Kehle. Sie bebte, arbeitete, immer wieder musste Craig schlucken. Er legte Joe so auf das Bett, dass er die Füße ins Wasser stecken konnte, von Adalbert her wusste er ja nun, mit welcher Temperatur er anfangen musste. Er deckte seinen Freund dick zu und widmete sich als erstes den Füßen.

Wie oft hatte er sie in der Hand gehalten, sie massiert, wenn Joe nach einer langen Nacht in der Bar heim kam und kaum noch stehen konnte, weil die Füße schmerzten. Wie oft hatte er diese Füße auf seinem Hintern gespürt, wenn sie sich geliebt hatten. Er wollte diese Zeit zurück haben! Er wollte, dass alles wieder gut wurde und Joe begriff, dass Craig darunter litt, wie sehr er bereute und wie sehr er ihn immer noch liebte.

„Joe, bitte", murmelte er immer wieder. Adalbert machte sich derweil in der Küche zu schaffen. Er wollte die beiden alleine lassen. Das mussten sie unter sich ausmachen. Er kochte lieber eine Suppe, die konnte Joe sicher gebrauchen, wenn er wach war.

Craig saß auf dem Boden und rieb immer wieder über die kalten Füße. Ab und an gab er warmes Wasser dazu, rieb wieder darüber. Wieder und wieder und wieder. So lange, bis Joe einen Fuß zurückzuckte. Das Wasser war wohl doch etwas zu warm gewesen. „Ng", entrang es sich seiner Kehle und sofort zuckte Craig hoch, setzte sich neben Joe und sah ihn erwartungsvoll an.

„Hey, Joe. Mach bitte die Augen auf, hm?", fragte er leise und strich ihm ein paar Haare aus dem Gesicht.

Joe legte nur den Kopf schief. Diese Finger auf seiner Haut waren schön, sie waren so vertraut.

Er hatte sie vermisste. Jeden Tage, jede Nacht, jede Stunde. Und diese weiche Stimme dazu. Er mochte diese Träume.

Sie waren selten geworden, doch er mochte sie noch immer. Craig, wenn er liebevoll zu ihm war, wenn er nicht wieder glaubte, Joe würde ihn betrügen. Wenn er ihn einfach nur liebte, sich um ihn sorgte, leise zu ihm flüsterte. Der Craig, in den er sich einmal verliebt hatte. Er lächelte und ließ sich wieder tiefer in diesen Traum sinken.

Craig strich weiter durch das Gesicht, flüsterte leise, doch sein Freund reagierte nicht. Vielleicht war er eingeschlafen. Ein kurzer Griff unter die Decke zeigte, dass er noch immer fror. Er war kalt. Die Arme, der Rücken. Das Beste war immer noch Körperwärme, aber wie reagierte Joe darauf, wenn er zu sich kam und den Kerl, den er nicht mehr sehen wollte, nackt neben sich erblickte. Das Risiko, eine geklebt zu kriegen, war groß, aber das war immer noch besser, als Joes Augen nie wieder offen zu sehen.

Also packte Craig seinen Freund kurzerhand richtig ins Bett, zog sich aus und kroch dazu. Er zog Joe ganz fest an sich, kümmerte sich mit seinen Beinen um die kalten Füße, während seine warmen Hände anfingen, den Rücken aufzuwärmen, die Heizdecke alleine reichte da wohl nicht aus. So verging eine ganze Stunde. Joe reagierte nicht.

Mittlerweile war Craig von der Wärme und der hohen Adrenalindosis müde geworden und nickte langsam weg und je tiefer er in den Schlaf sank, um so mehr wurde Joe wach.

Er versuchte sich zu orientieren, momentan spürte er nur. Er spürte, dass seine Füße schmerzten, dass seine Fingerspitzen prickelten und er spürte auch, dass er sich lange nicht so geborgen gefühlt hatte. Er wagte nicht die Augen zu öffnen, er wollte sich noch etwas dieser Illusion hingeben. Doch schlussendlich ging es nicht anders, er musste wissen, wo er war. Als er die Augen öffnete, blickte er in Craigs schlafendes Gesicht und fast wäre sein Herz stehen geblieben. Was tat Craig hier?

Der Vermieter hatte doch erklärt, dass die Hütte nicht mehr zu mieten war, weil sie verkauft worden wäre. Was machte Craig dann hier? Hatte der sich an den neuen Eigentümer gewandt?

Neugierig strich einer seiner prickelnden Finger Craigs Wange nach, die Schläfe. Er hatte ihn so vermisst und nun war er wieder da. Es war alles so bekannt und doch war es aufregend. Joe konnte gar nichts dagegen tun, dass sein Herz schneller schlug. Er war im Augenblick bereit, alles, was geschehen war, zu vergessen. Der Verlust hatte mehr geschmerzt als die Verdächtigungen, doch sein Stolz hatte ihn nicht zurückkehren lassen.

Und nun lag Craig wieder in seinen Armen, schlief ruhig, kuschelte sich näher. Es war so schön. Langsam senkte Joe seine Stirn gegen Craigs, seine Hand wurde mutiger und strich über den Hals in den Nacken. „Dummer, eifersüchtiger Idiot", murmelte Joe nur und rutschte noch näher. Er konnte von dieser Hitze nicht genug bekommen. Er zog sie in sich auf, wie ein Schwamm das Wasser. Es war nicht irgendeine Wärme, es war Craigs. Sein Atem, sein Puls, seine Hitze.

„Craig, ich... ups... Hi" Adalbert hatte nur Bescheid sagen wollen, dass die Suppe fertig war, doch da guckte ihn Joe an und nicht Craig.

„Wer bist du?", wollte Joe wissen. Dieser Junge, der Craigs Hemden trug, passte nicht in sein Weltbild. Als Liebhaber war der Kleine doch viel zu jung! Als Kind viel zu alt. Joe war sich eigentlich sicher, alles über seinen Freund gewusst zu haben. Ein Kind war nie im Spiel gewesen.

„Ich bin Adalbert, ich hab auch eben vor der Tür gelegen und er hat mich gerettet. Deswegen ist er wohl auch so fertig. Die Suppe ist fertig. Wenn einer Hunger hat." Und schon war der Kleine wieder weg. Na da war er ja mal wieder in was rein geplatzt! Die Zwei sollten sich doch versöhnen und sich küssen! Um nicht wieder zu stören, verzog sich der kleine Elf mit einem Buch ins Wohnzimmer, kuschelte sich vor dem Kamin in eine Decke und fing an zu lesen.

„Hey, Bärchen", flüsterte Joe immer wieder leise und lachte, als Craig darauf im Schlaf reagierte. Er brummte leise, so wie früher und schob sich langsam über Joe. Der seufzte zufrieden. So hätte es immer sein sollen. Nicht die einsamen Nächte in seiner neuen Wohnung, in der er einfach nicht heimisch geworden war, nicht die langen Abende in der Bar, die unzähligen Anmachen. Begehrt zu werden mag ein schönes Gefühl sein, aber geliebt zu werden, daran kam dieser lauwarme Abklatsch eines Gefühls nicht heran.

„Bärchen, komm schon", murmelte Joe leise und seine Lippen legten sich auf Craigs. Er rieb zart darüber und wartete darauf, dass auch sein Freund endlich reagierte.

Craig spürte den Druck und noch im Halbschlaf gab er einfach nach. Egal was jetzt mit ihm passierte, er fühlte sich wohl, er wollte, dass es so blieb und als die fremde Zunge in sein Reich drang und er sie erkannte, weil sie sich hier ziemlich gut auskannte, riss er die Augen auf. Joe!

Er lag noch immer vor ihm, mehr unter ihm und küsste ihn. Er konnte die vertrauten Hände in seinem Nacken spüren, den vertrauten Körper an seinem. Es war wie ein Traum, nur viel schöner. Viel, viel schöner, denn er spürte jede Faser, jeden Nervenblitz, der durch seinen Körper jagte.

„Es tut mir so leid", flüsterte er gegen die anderen Lippen und er spürte das Lächeln darauf.

„Halt die Klappe", sagte Joe nur. Er wollte das nicht hören. Er wollte das nicht aufwärmen. Er wollte da weiter machen, wo sie eben aufgehört hatten und wieder drang seine Zunge tiefer, nahm Craig geradezu im Sturm, er hatte ihn so sehr vermisst!

Was er nicht bemerkte, war der blonde Mann, mit den weißen Schwingen, der sich den kleinen, funkelnden Stern griff und lächelnd das Zimmer verließ. Leise schlich er sich in das Wohnzimmer, wo der kleine Elf noch immer in sein Buch vertieft war. Er stellte sich leise neben ihn und ließ den Stern in das Buch fallen.

Adalbert zuckte zusammen und blickte verwirrt auf. Er nahm den Stern auf und starrte Jez an. Wo kam der denn her? Verwirrt wich er zurück und brachte Abstand zwischen sich und den Engel, wandte sich ab. „Danke", mehr sagte er nicht, denn seine Kehle war zu. All seine guten Vorsätze waren dahin. Er musste Jez nur sehen und sein Magen flimmerte wieder so komisch.

„Pass besser auf, Kleiner. Du brauchst sie doch noch." Jez lächelte und kniete sich neben den kleinen Elfen, doch der wich nur zurück.

„Was ist denn los mit dir, Kleiner, bist du sauer auf mich?", fragte Jez etwas verwirrt. Er verstand nicht, warum Adalbert plötzlich so abweisend zu ihm war. Und warum er gar nichts sagte. Er sah ihn nur so feindselig und verletzt an. „Adalbert, komm schon. Sag was."

Doch der Elf schwieg. Er presste die Lippen fest aufeinander und wandte betont den Kopf ab, wollte wieder lesen, doch Jez nahm ihm das Buch aus der Hand. „Bitte, Adalbert, sag doch was."

Knurrend sah der Elf ihn an. „Was soll ich noch sagen? Ich hab's begriffen, ich bin ein Klotz am Bein. Ständig musst du mir aus der Klemme helfen. Dem kleinen, dummen Elfen. Ich verstehe schon. Dein Job ist getan. Geh!" Adalberts Stimmte war schneidend. Sie tat weh und das konnte Jez auch nicht verbergen. Ihn verletzten die Worte. Was hatte er falsch gemacht? „Adalbert, was soll der Mist? Was redest du da?", fragte er deswegen und setzte sich auf den Boden. Er begriff einfach nicht, was hier passierte. Er hatte sich so auf ein paar Minuten mit Adalbert gefreut und nun war alles so kalt und frostig und es tat weh.

„Du hast mich gestern einfach stehen lassen", half der Elf ihm auf die Sprünge und sah ihn erwartungsvoll an. Doch alles was Jez sagte war: „Ja."

„Mehr hast du dazu nicht zu sagen?", fragte Adalbert völlig fassungslos. Sein Herz stolperte in seiner wilden Hatz und der Elf musste hart schlucken. Das war doch ein Alptraum!

„Doch."

„Und was?" Adalberts Stimme ätze wie Säure. Musste man diesem Kerl alles aus der Nase ziehen?

„Es ist verboten", sagte Jez nur und Adalbert machte große Augen. Was redete der Kerl denn nun schon wieder?

„Bitte?", fragte er deswegen, als wolle er wissen, ob er sich nur verhört hatte. Konnte ja passieren.

„Es ist verboten, dass Engel und Elfen sich lieben. So lange du kein Engel bist, solange kann ich dir nicht wirklich nah sein. Deswegen helfe ich dir, wo es nur geht und so gut es nur geht, damit es schneller geht und ich dich endlich haben darf, wenn du mich willst", erklärte Jez und atmete tief durch. Nun war es raus. Eigentlich hatte er gehofft, dass Adalbert das selber herausfand, was Jez für ihn empfand, warum er bei ihm sein wollte, doch der kleine Elf war wohl viel zu naiv, um an so was zu glauben, an so was zu denken.

Es herrschte Schweigen, denn Adalbert versuchte das Gehörte zu verstehen, zu begreifen und für sich zu verarbeiten. Schritt für Schritt. Als es endlich dort angekommen war, wo es verarbeitet werden konnte, lief der kleine Elf nur noch rot an. „Hä?", machte er etwas verwirrt und starrte den Engel an. Hatte der wirklich gerade gesagt, er würde ihn lieben und das wäre nicht erlaubt?

„Ach Adalbert, ich hab dich doch schon gemocht als du noch ein kleiner Elf warst. Als wir zusammen im Elfenkindergarten waren und jede Menge Blödsinn gemacht haben. Damals habe ich mir geschworen, ich will groß und stark werden und immer auf dich aufpassen können. Also bin ich ein Engel geworden und jetzt..."

„Stopp!" Adalbert hob eine Hand und unterbrach den Redefluss des rot schattierten Engels. Seine Wangen selber sahen aber auch nicht besser aus. „Du willst mir weiß machen, du wärst Jezzy? Mein kleiner Jezzy...", murmelte Adalbert nur und sah sich den Engel noch einmal genauer an. Die feinen Züge hatte er noch immer, auch wenn das Gesicht erwachsener geworden war. Die Augen waren noch immer braun und die Haare blond.

„Jezzy", murmelte Adalbert noch mal, dann warf er sich, ohne nachzudenken, dem Engel in die Arme. Er wollte das jetzt nicht verstehen, er wollte nur beschützt werden, wollte spüren, dass er nicht alleine war und dass er Jez nicht nur ein Klotz am Bein war, sondern dass der Engel zu ihm gekommen war, weil er das wollte.

Und so war es ja auch. Jez schloss einfach die Flügel um sie beide und ließ sich unsichtbar werden. Seinen Auftrag hatte Adalbert erfüllt, sollten die beiden zusehen, wie sie sich wieder zusammenrauften. Das war nicht mehr der Job des Elfen. Die beiden waren alt genug. Für ein paar Minuten gehörte der kleine Elf nur ihm, ehe sich ihre Wege wieder trennen mussten.


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[1] Ich spreche nur ein bisschen schwedisch [zurück]