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Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

09.12.2006



Be Beautiful


Als Adalbert an diesem Morgen zu sich kam, war es wie üblich noch dunkel. Nur das Licht der Laternen auf den Straßen zeugte von Leben und davon, dass er noch nicht von seinen schweren, dunklen Gedanken verschlungen worden war. Immer wieder war er mit seinen Gedanken bei Alec gewesen und je länger er darüber nachgrübelte, umso klarer wurde ihm, dass es einfach falsch gewesen war, was Jez getan hatte, auch wenn er die besten Absichten hatte und vielleicht auch etwas mehr wusste, als der kleine Elf. Der Blick des jungen Mannes, der Schmerz, in den sonst so kessen Augen - nein, das war einfach nicht richtig gewesen!

Noch lange hatte Adalbert mit seinem Engel in einem kleinen Café gesessen und immer wieder hatte jemand „Oh guck mal, ein Elfchen“ oder „Wie süß der Kleine ist“, gesagt, wenn er an ihrem Tisch vorbeigekommen war. Doch sonst hatte sie keiner für voll genommen, was wohl zum Glück auch daran lag, dass der Engel seine Flügel hatte verschwinden lassen und sie nur leise redeten.

Fast den ganzen Abend hatten sie sich nur über Alec unterhalten, aber Adalbert verstand den Standpunkt des Engels immer noch nicht. Wie konnte sein jetziger Zustand besser sein als vorher?

Seufzend schüttelte Adalbert den Kopf und setzte sich auf. Seine Wohnung lag völlig leer und still, unter dem Bett hörte er nur ab und an Staubisaugi, der leise im Schlaf schniefte. Sich in sein Kissen krallend lehnte sich der kleine Elf gegen sein Kopfteil des Bettes und zog die Beine an. Was hatte Jez noch gesagt? Lieber geliebt und enttäuscht, als nie geliebt zu haben - das war Blödsinn, davon war Adalbert immer noch überzeugt.

Ihm ging der traurige Blick einfach nicht mehr aus dem Kopf. Alec war so ein großer, gestandener Kerl und sie hatten ihm, anstatt ihm zu helfen, sprichwörtlich das Genick gebrochen, hatten auf ihn eingeredet, mit Phrasen und Worten auf ihn eingeprügelt und erwartet, dass dann plötzlich alles so lief, wie es laufen sollte. Doch das war es nicht, weil Jack Alec nicht liebte.

Was nutzte Alec nun also sein Wissen darum, dass er anders als die meisten Jungs war und doch nicht die Erfüllung fand, die er suchte. ‚Aber ich liebe dich nicht, tut mir leid', hatte Jack gesagt und war dann einfach gegangen.

Adalbert glaubte noch immer, dass in diesem Augenblick das Bersten von Alecs Herz in der Luft gelegen hatte. Ein lautes Brechen, wie von schwerem Glas.

Nun hatte er gehofft, wenn man die beiden nur mal so richtig allein ließe und sie reden könnten, dann würde das schon werden, doch so leicht war es wohl nicht. Das erste Mal machte sich Adalbert nicht nur Sorgen darum, dass er genügend Sterne bekam und ein Engel werden konnte, er sorgte sich auch um seinen Klienten, den er im tiefen Schmerz zurückgelassen hatte.

Er musste zum hohen Rat, er musste fragen, ob er noch eine letzte Chance bekommen konnte. So konnte er Alec unmöglich lassen. Und wenn er einen anderen oder eine andere für den jungen Adligen fand, das war egal. Jack kam auch alleine durchs Leben - keine Frage. Alec hingegen wohl nicht, nicht nach dieser Erkenntnis und der angeschlossenen Niederlage.

„Ach, Menno!“, knurrte der kleine Elf, zog die Ärmel seines Hemdes weiter über die Hände und ließ sich mit seinem Kissen auf die Seite fallen, zog mit einem Zeh die Decke so weit hoch, bis er sie mit den Fingern packen konnte und zog sie wieder über sich, schließlich war es kalt.

Er wusste wenig über die Menschen, viel zu selten war er unter ihnen gewesen und hatte sie studiert und beobachtet. Die wenigen Male, die er in der Menschenwelt gewesen war, zählten ja kaum. Warum hatte ihm keiner früher gesagt, wie wichtig diese Erfahrungen waren? Sie rissen einem kleinen Elfen die rosarote Brille von den Augen, zumindest war es Adalbert so ergangen. Die Menschen waren eine seltsame Rasse, teils herzensgut und freundlich zu jedermann, teils zerfressen von Gier und Neid und Schmerz. Keiner war wie der andere und sie reagierten so unvorhersehbar. Es war schwer, sie zu verstehen oder ihr Handeln zu erklären. Elfen waren viel einfacher gestrickt.

Wenn doch nur schon alles vorbei wäre - Adalbert wünschte sich nichts sehnlicher. Es zehrte an seinen Nerven, vor allen Dingen, wenn er seine Klienten nicht glücklich machen konnte. Aber Alec war bis jetzt der schlimmste Fall gewesen, wenn auch fast der einzige. Adalbert konnte dieses Schicksal einfach nicht vergessen. Vielleicht auch, weil es noch so frisch war. Er musste lernen abzuschalten, wenn ein Fall abgeschlossen war, das hatte auch Jez gesagt, doch das war einfacher gesagt als getan. Adalbert konnte nicht einfach so abschalten, er konnte nicht einfach vergessen, dass sie gerade einen jungen Mann in einen Abgrund gestoßen hatten und ihn dort jämmerlich leiden ließen.

Je länger Adalbert darüber nachdachte, was passiert war, umso tiefer zog er sich selber in ein schwarzes Loch. Er brauchte Urlaub. Er brauchte ein paar Tage frei! Doch ihm lief die Zeit durch die Finger. Keine Chance, sich zu drücken und sich zu bemitleiden. Er hatte viel zu viel zu tun und als würde das nicht reichen, so hatte sein Jezzy heute gar keine Zeit für ihn, weil er auf eine eigene Mission berufen worden war.

Das ärgerte Adalbert schon ziemlich, denn wenn sie sich wirklich nur außerhalb der Elfenwelt sehen konnten, dann wollte Adalbert seine Ausflüge auch nutzen. Warum nicht das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden und sich ab und an ein bisschen in den Arm nehmen lassen? Das fehlte ihm jetzt schon. Es war so ganz anders, als bei seiner Mutter. Aber es war viel schöner, aufregender. Der kleine Elf bekam richtig Herzklopfen und rote Bäckchen. Jez fand das auch noch niedlich.

Der kleine Elf seufzte wieder. Eigentlich sollte er schlafen und Kraft tanken für morgen. Nicht dass er wieder im Schnee zu sich kam oder noch schlimmeres. Wer ahnte schon, was der hohe Elfenrat sich wieder ausgedacht hatte, um Adalbert an seine Grenzen zu führen. Oder zu welch illegalen Mitteln er wieder greifen musste, um sein Ziel zu erreichen. Es war fraglich, ob Menschenhandel und Zwangsehe noch zu toppen waren. Der kleine Elf bezweifelte das ja stark, aber das war auch egal, er hatte seine Sterne dafür bekommen und keine Rüge, er hatte sie nicht abgeben müssen wegen unlauterer Praktiken, da konnte es Adalbert doch egal sein.

Er lächelte, als er sich an eine kurze Gesprächssequenz erinnerte, die ihn wieder etwas aufgeheitert hatte, denn Jez hatte berichtet, dass Vincent und Joshua, die beiden zwangsverheirateten Schauspieler, ziemlich glücklich waren, dass der Manager fast geplatzt wäre vor Wut und dass Joshua doch nicht gefeuert worden war, weil seine Fans ihm treu geblieben waren. Außerdem waren die beiden zu einem Kurzurlaub in die Flitterwochen aufgebrochen und das freute Adalbert. Er liebte es, wenn Menschen glücklich waren, auch wenn deren Glück Alecs Unglück nicht ausgleichen konnte.

Doch genug davon. Adalbert wollte sich nicht mehr mit seinen wirren Gedanken im Kreis drehen, das brachte doch keinen tieferen Sinn, außer, dass er morgen Früh dann nicht aus dem Bett kam und er vor Müdigkeit nicht aus den Augen sehen konnte, weil er sogar noch Ringe unter den Ringen haben würde. Also zog er die Decke bis über die Ohren und schloss die Augen, fing an, rückwärts zu zählen und dabei immer eine Zahl zu überspringen.

So musste er sich mehr konzentrieren und keine störenden oder ablenkenden Gedanken konnten sich mehr dazwischen schmuggeln und so schlief der kleine Elf auch wirklich wieder ein und wurde erst wieder von seinem Elf-o-Phon geweckt, das ihm die Decke klaute und ihm eine Rolle in die Hand drückte.

Gähnend kam Adalbert wieder zu sich, die Sonne wagte sich gerade über den Horizont und so kam der Elf langsam in die Gänge. Erst streckte er sich wie eine Katze in alle Richtungen, dann kroch er aus dem Bett, griff sich, wie üblich, die Dokumente und die Bilder und klemmte sie hinter den Spiegel, während er sich duschte. Er grinste etwas schief, wieder suchte jemand seinen Schwarm, das war ja hier wie der Ball der einsamen Herzen. Andauernd brachte er Pärchen frisch zusammen. Nur Nils war bereits in guten Händen gewesen und Craig hatte bekommen, was er schon immer gewollt hatte. Aber sonst?

Okay. Er wollte sich darüber nicht auch noch den Kopf zerbrechen, der wurde in den letzten Tagen sowieso schon mehr strapaziert als ihm lieb war. Die Tage vor Weihnachten waren eben für flimmernde und rosarote Romantik geradezu prädestiniert und warum auch nicht? Wer war Weihnachten schon gern allein? Man begab sich vorher auf die Suche und der kleine Elf gab eben etwas Starthilfe.

Heute war es ein Zimmermann, der zu schüchtern gewesen war, den hübschen Blonden in der Disco anzusprechen und ihn nun suchte ohne Unterlass. Zum Glück hatte er das Bild des jungen Mannes auf dem Flyer einer Wellness-Oase wieder gefunden und wollte nun heute - an einem flauen Samstag - dorthin, um ihn zu suchen.

Das klang gar nicht so schwer, vielleicht lief das ja auch von ganz allein und Adalbert musste gar nicht weiter eingreifen, nur beobachten und etwas lenken. Das waren ihm immer die liebsten Fälle, weil er sich dann nicht so schlecht vorkam, wenn die Jungs es selber vermasselten. „Wah!“ Adalbert raufte sich die Haare. Was dachte er denn schon wieder? Hier wurde nichts mehr vermasselt. Er hatte keine Zeit mehr, etwas zu vermasseln. Die Zeit ran ihm durch die Finger und die Sterne vermehrten sich spärlicher, als dem kleinen Elfen lieb war.

Doch nichtsdestotrotz: neuer Tag, neues Glück - sieh nach vorne, nie zurück! Also schlüpfte Adalbert in seine Kleider, griff sich die warme Jacke und war mit dem Code für den Elf-Trans im Kopf schon aus der Tür. Schnell noch das obligatorische Automatenfrühstück, dann ging es los und Augenblicke später stand der kleine Elf auf einem Platz, blickte ehrfürchtig an einem großen Dom in die Höhe, auf zwei spitze, lange Türme.

„Boah“, konnte sich Adalbert doch nicht verkneifen, heute kam er also im verschneiten Köln wieder zu sich. Gut, hier war er noch nicht gewesen, wollte er mal sehen, was ihn erwartete. So schön der Dom auch war, er brachte Adalbert erst mal nicht weiter, denn er musste Phillip finden. Etwas suchend sah er sich um und stellte sich die Frage, wo er wohl wäre, wenn er ein verliebter Zimmermann wäre, auf der Suche nach einem blonden Engel.

Adalbert grinste blöd. Er hatte seinen blonden Engel ja schon gefunden, auch wenn der heute leider keine Zeit hatte. Doch alles Jammern nutzte nichts, davon bekam man keine Sterne, also lief der kleine Elf erst einmal etwas durch die Gegend, wieder von den Blicken der Passanten begleitet. Dieses Mal hatte man ihm keine Adresse gegeben, was vielleicht bedeuten konnte, dass Adalbert die zu allem Übel auch noch heraus bekommen musste oder dass sie nicht nötig war, weil sein Klient sich irgendwo am Dom aufhielt.

Und tatsächlich.

Am Fenster eines Cafés saß ein junger Mann, der konnte nur Phillip sein. Verträumt starrte er auf seine Tasse und schien in Gedanken versunken, also schlich sich Adalbert näher und betrat das Lokal.

Seit fast einer Stunde saß Phillip nun schon hier und versuchte sich wieder etwas zu beruhigen. Seine letzte Nacht war furchtbar gewesen, vor lauter unkeuscher Gedanken, die ihn belagerten wie eine Rattenarmee den Kornspeicher, hatte er kaum ein Auge zugemacht und alles hatte vor zwei Wochen angefangen. Immer wieder gern erinnerte er sich an den Abend zurück, den er eigentlich vor dem Fernseher hatte verbringen wollen, weil er fix und fertig gewesen war.

Im Augenblick arbeitete er an einer Restaurierung mit, die ein altes Herrenhaus wieder herrichten sollte, um es bewohnbar zu machen. Tagtäglich flitzte er steile Treppen hoch und runter, hämmerte und schraubte in den unbequemsten Stellungen, weil das Gebälk es nicht anders zuließ. Da taten einem abends schon mal die Knochen weh und bis auf ein Bad, ein warmes Essen und vor dem Fernseher einschlafen passierte da nicht mehr viel am Abend.

Deswegen hatte André ihm ja auch klar gemacht, dass er vielleicht mal wieder unter Leute, vielleicht auch unter ganz spezielle sollte und so blöd dabei gegrinst. Na ja, Phillip lachte in sich hinein bei der Erinnerung. André hatte nicht ganz unrecht gehabt, sein letztes Abenteuer war auch schon ein paar Wochen her und sein Körper verlangte eben nach etwas Zuwendung und einem ordentlichen Hormonstoß. Also hatte er sich überreden lassen, mit ins Schulz zu gehen.

Der Abend startete eher träge, was wohl an Phillips Verfassung gelegen hatte. Es war ja nicht so, dass er keine Chancen hätte. Ganz im Gegenteil. Er musste nur die Arme ausbreiten und die Männer stolperten nur so rein. Aber er selber war von den meisten nicht wirklich angetan. Nicht weil sie hässlich wären, sondern weil sie einfach nicht sein Typ waren - das schlimmste daran war ja, er wusste selber nicht, was genau sein Typ war. War er braun oder blond, groß oder klein, behaart oder doch lieber nicht?

Doch seit diesem Samstag wusste Phil sehr wohl, was sein Typ war - er war groß, kräftig, aber nicht aufgepumpt, hatte strahlende Augen und blonde Haare in halber Länge. Er trank am liebsten Whisky pur und sah in engen Lederhosen anbetungswürdig aus. Und genau das hatte Phillip leider auch den ganzen Abend getan. Er hatte diesen Mann angebetet, war ihm überall hin gefolgt und hatte ihn beobachtet. Es war wie ein Wahn, wissen zu müssen, wo er war, was er tat und vor allen Dingen mit wem er es tat.

Wen er küsste, wer ihn anfasste, wen er anfasste. Jede getauschte Berührung war ein Stich in Phillips Brust gewesen, doch er war zu feige, zu fragen. Und da hieß es immer, fragen koste nichts? Das war ja wohl der größte Schwachsinn, den Phillip je gehört hatte! Klar kostete Fragen was! Mut, Überwindung, die Bereitschaft zu einer Absage. Das alles kostete Fragen und Phillip hatte einfach nicht genug davon gehabt, um es zu riskieren. Also war es dabei geblieben, dass er seinem Typ hinterher geschaut hatte, so lange, bis er mit einem Deutsch-Türken, den Phillip aus einigen Nächten leider nur zu gut kannte, entschwunden war.

Ohne dass Phil auch nur in Erfahrung hätte bringen können, wer das gewesen war, ob er öfter hier her kam oder ob er einen Freund hatte. Dazu hätte er nämlich wieder fragen müssen und wie schon festgestellt, hatte er leider nicht genügend Zahlungsmittel dafür gehabt.

Trocken lachte Phillip auf, nahm einen Schluck aus seiner Tasse und zündete sich eine Zigarette an. Er hatte das Rauchen aufgegeben, als er aus der Schule gekommen war und als Zimmermann hatte anfangen wollen. Feuer und Holz vertrug sich einfach nicht, das hatte er schnell eingesehen. Doch seit er diesen Mann nicht mehr aus dem Kopf bekam, war Rauchen das einzige, was ihn einigermaßen beruhigen konnte. Man besiegte seine Sucht eben wohl doch nie ganz und erst im allergrößten Stress zeigte sich die wahre Stärke.

Phillip jedenfalls hatte wohl keine. Sacht legte er das Feuerzeug zurück, bemerkte noch nicht einmal den kleinen Elfen, der an einem Tisch saß und eine Milch trank. Wieder rutschten seine Gedanken zurück, zurück zu dem Abend, zu den nächsten Abenden. Doch egal wie oft er auch ins Schulz ging, diesen Blonden fand er dort nicht wieder. Es war zum Verzweifeln gewesen. Stundenlang lief er einfach durch die Fußgängermeilen, saß in Cafés, fuhr mit dem Bus oder mit dem Wagen ziellos und suchte.

Er wusste nicht wo, er wusste nicht wen, er wusste nur wie er aussah - und das half in einer solch anonymen Welt wirklich nicht weiter. Er hatte schon mit André darüber gesprochen, doch der kannte den Kerl auch nicht. Vielleicht war er neu, vielleicht war er auch gar nicht wirklich schwul? Doch das bestritt Phillip, denn seine Studien des Objekts hatten da ganz anders lautendes zutage gebracht.

Der langen Rede kurzer Sinn war, er hatte den Blonden nicht wieder gesehen - bis vorgestern. Er war bei seiner Mutter gewesen, die ihn zum Abendessen eingeladen hatte und als Phillip bei ihr angekommen war, kniete sie gerade über dem umgefallenen Papierständer und sortiere Altpapier aus. Ganz der liebe Sohn, der er war, hatte Phillip das dann übernommen und war an einem Flyer vom „Badehaus“ am Römerturm hängen geblieben.

Nicht weil ihm diese Institution neu wäre, sondern weil sie für ein paar Wochen einen besonderen Service anboten: Wellness für die grauen Tage. Abgebildet war ein Masseur und Kosmetiker, der sich um die Kunden kümmern sollte und genau dieser Kosmetiker, der Dylan Patterson hieß, war der heilige Gral für Phil, der lang gesuchte, verschollen geglaubte, angebetete und verehrte Blonde aus dem Schulz.

Noch ehe seine Mutter ihm den Tee bringen und fragen konnte was los war, war ihr Sohn schon zum Telefon gestürzt, hatte die Nummer gewählt und nach einem Termin gefragt, weil dieser Dylan nur nach Termin arbeitete. Und tschaka!

Samstag um elf - deswegen saß Phillip nämlich auch morgens um halb neun in einem Café und hypnotisierte seine Kaffeetasse. Er war so nervös, dass es ihn Zuhause nicht mehr auf dem Stuhl gehalten hatte. Erst war er versucht gewesen, dort aufzutauchen, sobald das Bad geöffnet hatte, doch dann war ihm wieder eingefallen, wie peinlich er sich schon in der Disko aufgeführt hatte. Nur war das dort im Dunkeln und der Masse der Menschen nicht aufgefallen.

Im Badehaus dürfte er dieses Glück nicht haben. Also wollte sich Phillip heute in Geduld üben, auch wenn es schwer war. Seit Tagen legte er sich unverfängliche Fragen zurecht, seit Tagen fuhr er in die Friesenstraße zum Badehaus. Einfach nur um etwas zu tun. Es grenzte schon an Besessenheit, wie er diesen Blonden suchte, als hinge sein Leben davon ab. Na ja, Phillip lachte, das klang ganz schön dramatisch. Sein Leben hing ja nun nicht gerade davon ab, aber sein Seelenheil vielleicht schon.

Wieder sah er auf die Uhr. Es war gerade mal halb 10. Von hier bis zum Badehaus brauchte er nicht mehr als eine halbe Stunde.

Wieder zündete er sich eine Zigarette an und Adalbert verzog schon etwas angewidert das Gesicht. Wer wollte denn den noch küssen, wenn er schmeckte wie ein Aschenbecher? So kam er doch nie zu seinem Stern! Frechheit. Kurz nur war er versucht, Magie anzuwenden und aus diesem Laden eine rauchfreie Zone zu machen, doch er wusste nicht, wann er seine Magie noch brauchte. Er durfte sie nicht einfach so verschwenden.

Das hatte ihn schon einmal fast den Stern gekostet, noch einmal sollte ihm das nicht passieren. Also schlürfte er weiter an seiner Milch und wunderte sich darüber, wie hartnäckig er von seinem heutigen Klienten ignoriert wurde. Adalbert beschloss einfach, dem Mann zu folgen, schließlich stand ja in der Beschreibung, dass er seinen Schwarm heute sehen würde. Dann konnte Adalbert immer noch eingreifen.

Besser er stellte sich nicht wieder vorher vor, das gab doch wieder nur Zank und böse Worte oder Verwirrung. Nein, nein, Albert hatte aus den Kapriolen der vergangenen Tage gelernt.

Phillip leerte die Reste seiner Tasse und schob sich den Rest seines Frühstücks in den Mund. Das lag nun auch schon eine ganze Weile hier herum. Noch eine letzte Zigarette, dann orderte er den Keller, sah dabei das erste Mal seit über einer Stunde wieder in den Raum und zuckte etwas zusammen, als er einen Jungen an seinem Tisch sitzen sah. „Hallo“, grüßte er kurz angebunden, dann war der Kleine auch schon wieder Geschichte, auch wenn er etwas seltsam angezogen war, jedoch nicht seltsam genug, um Phillips Gedanken wirklich zu beherrschen. Er zahlte, suchte seinen Wagen auf und war eine Minute später schon auf dem Weg in die Friesenstraße.

Der kleine Elf musste ganz schön hetzen, um ihn nicht zu verlieren. Erst in der Luft fiel ihm ein, dass er gerade mal wieder Mist gebaut hatte, denn Zechprellerei war kein Kavaliersdelikt, auch nicht für Elfen im Einsatz. Kurz ließ der kleine Elf den Kopf hängen, straffte sich dann aber und gelobte Besserung, während er versuchte, den blauen Wagen unter sich nicht aus den Augen zu verlieren.

Mit quietschenden Reifen nahm Phillip die letzte Kurve und landete auf einem freien Parkplatz vor dem Badehaus. Er hatte noch immer Zeit bis zu seiner Behandlung, aber es sprach ja nichts dagegen, sich erst einmal die Örtlichkeiten anzusehen, auch wenn er hier nicht zum ersten Mal war. Er grüßte, zahlte seinen Obolus und machte sich dann erst einmal daran, sich aus seinen Klamotten zu schälen und einen bequemen Bademantel überzuziehen. Eine Badehose steckte er in die Manteltasche, falls die gebraucht wurde und verschwand erst einmal unter der Dusche.

Vielleicht konnte ihn die Dusche ein bisschen entspannten und seine Nervosität wegwaschen, denn je näher die Stunde rückte, umso aufgekratzter war Phillip. Er erkannte sich selbst kaum wieder. Noch nie hatte ihn ein Kerl so aus der Bahn geworfen, schon gar nicht, wenn Phillip noch nicht einmal seine Qualitäten kannte. Und schon war Phillip wieder kein bisschen beruhigt.

Also ließ er das Duschen bleiben, sah auf die Uhr an seinem Handgelenk und seufzte. Immer noch fast eine Stunde. Also warf er sich den Mantel wieder über und bemerkte gar nicht die kleine Fliege, die sich in seinen Kragen geschummelt hatte. So war der kleine Elf immer live am Ort des Geschehens und versuchte nie genau hinzusehen, wenn ihnen wieder einer ohne Hose entgegen kam.

Phillip suchte sich einen Platz auf den Ruheliegen unweit der Räume, in denen Dylan seine Dienste anbot. Phillip grinste, das klang aber auch wieder schlüpfrig. Aber bestimmt verstanden sie darunter wieder zwei verschiedene Dinge. Er beschloss sich erst einmal Dylans wissenden Händen hinzugeben, sich massieren zu lassen und einer gründlichen Gesichtspflege hinzugeben und dann konnte er immer noch anfangen etwas zu flirten, etwas, was Phillip leider nicht besonders gut beherrschte. Meistens wurde er angeflirtet und musste nur reagieren, nicht agieren. Hoffentlich ging das gut.

Und Schwups - die Nervosität wuchs wieder um ein paar Skalenpunkte. Also versuchte er sich wieder abzulenken und beobachtete die Männer, die vorbei kamen, mal nur in Badehose, mal im Mantel, so wie er selbst, aber keiner interessant genug, dass Phillips Blick ihm länger als eine Sekunde gefolgt wäre.

Immer wieder wanderte sein Blick zu der Uhr. Der Zeiger fraß sich über das Stundenblatt und langsam wurde Phillip mulmig. Er wusste, er könnte gehen, wenn er wollte, das hier war keine Pflicht.

Doch er wollte, er wollte Dylan sehen, wollte wissen, wer er war und ob Phillip bei ihm überhaupt eine Chance hätte. Wer zog schon mit Muhrat ab, wenn er was Besseres haben könnte? Denn dass Dylan mit Muhrat fest liiert war, wollte er einfach nicht glauben - dazu kannte er selbst diesen Deutsch-Türken viel zu gut. Der wilderte nur, er schlug Beute, fraß sich satt und ließ die Reste liegen. Für einen einzigen Mann war sich Muhrat, laut seiner eigenen Worte, viel zu schade.

Wieder waren 10 Minuten vergangen und es waren nur noch weitere 10, bis es elf Uhr war und sich die Tür öffnen würde. Dann würde er Dylan endlich wieder sehen, die blonden Haare, den strammen Hintern, die hellen Augen - ein Bild von einem Mann. Einem nordischen Göttersohn nicht ganz unähnlich. Phillip lachte über sich selber, er war ja in seinem Verliebtheitstaumel total verklärt. Langsam erhob er sich und ging zu den Räumen rüber, an denen provisorisch „Be beautiful“ stand.

In einer eleganten Handschrift, wenn man das mal so bemerkten wollte.

Wie ein Tiger im Käfig fing Phillip also nun an, vor der Tür auf und ab zu laufen. Wäre es nicht so albern, würde er vielleicht auch sein Ohr an die Tür legen und lauschen, nur um seine Stimme zu hören. Das war krank, definitiv, aber leider nicht heilbar. Wieder lachte er über sich selbst. Er erkannte sich immer noch nicht wieder.

Als Phillip abermals die Richtung seines Laufs wechselte, lief er fast in den vorherigen Kunden von Dylan hinein, denn die Tür hatte sich geöffnet. Abrupt blieb er also stehen und sah sich verstohlen um. Der Graumelierte mittleren Alters, der gerade den jungen Kosmetiker zu komplimentierte, interessierte Phillip dabei weniger als der Kosmetiker selber. Da stand er - so wie Phil ihn in Erinnerung gehabt hatte, groß, kräftig, lächelnd und schön.

„Hallo, bist du der Nächste?“, erkundigte sich Dylan und sah sich seinen nächsten Kunden eindringlich an. Ein hübscher Kerl, die Haut etwas trocken und schuppig, aber dagegen ließ sich was machen, dafür war er ja da.

„Öhm... ja... ich“, stammelte Phil nur vor sich hin und Dylan hob amüsiert eine Braue.

„Dein erstes Mal?“, fragte er und musste sich ein Grinsen verkneifen, weil sein Gegenüber wohl etwas in den falschen Hals bekommen hatte und rot anlief, dann eilig erklärte, dass er das schon lange hinter sich hätte und erst als Phillip doch allen Ernstes darüber nachdachte zu erklären, wann und wo sein erstes Mal gewesen war, fiel ihm auf, dass er da etwas ziemlich falsch verstanden hatte und sein Hirn ihm wohl mit seinen ganzen unkeuschen und anzüglichen Gedanken gerade einen riesengroßen Streich gespielt hatte. Etwas aus der Fassung geraten senkte er nur den Kopf. Was für ein Einstieg. Was musste Dylan denn nur von ihm denken?

„Das hatte ich eigentlich nicht gemeint“, lachte der Kosmetiker nur weich auf und geleitete seinen nächsten Kunden am Ellenbogen in die Räume und auf einen bequemen Sessel, der ein bisschen an einen Zahnarztstuhl erinnerte, aber bei weitem nicht so viel Angst einflößte. „Ich nehme es mal als Kompliment, dass du mich dafür in Betracht ziehst“, lachte Dylan nur und Phillip wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken. Wenn das kein beschissener Einstieg war, was dann!

„Nein, nein- tut mir leid, ich... hab nur...“ Doch sein Gestammel machte es auch nicht wirklich besser und seiner Nervosität konnte er damit auch keinen Einhalt gebieten.

„Ganz ruhig. Hier passiert nichts Schlimmes“, erklärte Dylan nur und deutete auf den Stuhl. Er konnte von Glück reden, dass er Phillips Gedanken nicht lesen konnte, denn sonst wäre er sich dessen nicht mehr so sicher gewesen. „Du kannst auch den Mantel ausziehen“, bot Dylan an, während er eine Schüssel mit warmem Wasser und Kompressen auf den kleinen Tisch neben dem Stuhl stellte.

„Ich hab aber... nein, nein, schon gut.“ Hastig hielt sich Phil den Mantel zu. Warum hatte er auch nicht daran gedacht, vielleicht etwas drunter zu ziehen? Er hatte doch nun wirklich genügend Zeit gehabt, die er sinnlos versucht hatte totzuschlagen. Aber nein, er hatte sich ja lieber mit obszönen Gedanken herumgeschlagen.

Dylan grinste ihn an. „Ich hab Handtücher. Kannst dir eines umbinden“, bot er an und richtete weiter den Tisch mit den Utensilien, lachte leise, als er Phillip nur leise seufzen hörte. „Ich guck auch nicht hin“, neckte er noch und ging zu seinem anderen Kunden in den Ruheraum, um nach ihm zu sehen.

Phillip wusste gar nicht mehr, ob er nun weglaufen sollte oder es doch wie ein Mann ertragen sollte.

Der Kerl machte ihn wahnsinnig, obwohl sie noch keine fünf Minuten miteinander verbracht hatten. Seine Haut kribbelte und seine Fingerspitzen zuckten immer wieder in Dylans Richtung. Phillip wurde heiß, doch er behielt den schweren Mantel lieber an, nicht das noch Peinliches passierte und sein Verräterkörper kleine Begrüßungszelte mit Dylans Handtüchern baute. Nicht auszudenken.

Vielleicht... wenn er die Badehose drunter zog. Der feste Stoff konnte womöglich das Schlimmste verhindern. Doch da war es schon zu spät, Dylan stand wieder hinter ihm und so ließ sich Phillip auf den Stuhl fallen und lehnte sich langsam an, während Dylan den Stuhl in die richtige Position brachte, um Phillip zu bearbeiten.

„Wie heißt du eigentlich“, begann er ein ungezwungenes Gespräch, denn einen solch nervösen Kunden hatte er noch nie in seinen wissenden Händen gehabt. So schlimm war ein Peeling ja nun auch nicht. Er konnte diese Aufregung ja noch verstehen, wenn danach der Schmerz der Enthaarung mit Wachs folgen würde, aber das hatte dieser junge Mann ja nicht bestellt. Er wollte gern eine Gesichtsbehandlung haben.

„Phil... Phillip Goebel“, erklärte sich Phil und versuchte durch tiefes Atmen seinen Puls etwas zu drosseln. Das sah ja alles so was von gar nicht gut aus. Dylans Gesicht war so nah und die Hände. Phillip zuckte, als eine warme Kompresse auf sein Gesicht gelegt worden war und versuchte sich zu entspannen.

„Hallo Phil, ich bin Dylan.“ Eigentlich hatte Dylan den Namen schon gekannt, von der Voranmeldung, doch irgendwie musste man den jungen Mann ja wieder beruhigen und die meisten wurden ruhiger, wenn man sie über Dinge reden ließ, wo sie sicher waren. Viele redeten von Haus und Familie oder vom Job. Man lernte in seinem Job unwahrscheinlich viele verschiedene Typen kennen: Männer, Frauen, Kinder, Greise, wer auch immer den Weg zu ihm fand.

Unverfänglich fragte er weiter. „Und? Was hat dich hier her verschlagen?“ Nicht im Traum hätte Dylan gedacht, dass er Phillip damit so auf die Pelle rückte, denn, wenn der nun die Wahrheit sagte, dann flog er auf und wenn er log auch, weil er nämlich nicht lügen, sondern nur stammeln konnte. Wieder beschleunigte sich sein Puls, Blut stieg ihm in den Kopf, was die Kompresse zum Glück verbarg.

„Neugier?“, versuchte er sich herauszureden und atmete tief durch. Er wollte Dylan doch so viel sagen, soviel fragen und nichts kam über seine Lippen. Gar nichts. Er war so feige. So erbärmlich, doch Dylan schien das nicht zu bemerken.

„Ach so? Worauf denn?“, fragte er nur und Phillip stöhnte innerlich auf. Ja, Finger in offene Wunden legen, das war wirklich ein Heidenspaß! „Ist wohl wirklich deine erste Gesichtsbehandlung, oder?“ fragte Dylan einfach weiter. Es klang von etwas weiter weg, sicher sah er noch einmal nach dem anderen Mann. Dadurch, dass Phillip nichts sah, kam er sich noch verlorener vor als sowieso schon.

Doch er straffte sich und erklärte, dass er so was noch nie versucht hätte und sich jetzt einfach mal überraschen lassen wollte. Na ja, ganz gelogen war es nicht, aber wäre Dylan nicht Kosmetiker, sondern Bibliothekar, dann würde auch er vielleicht mal wieder ein Buch in die Hand nehmen, und wenn es nur war, um sich von dem Bibliothekar dann alles erklären zu lassen.

„Na, dann hoffe ich mal, dass ich nichts verkehrt mache und dich dann für immer für die Kosmetik verderbe“, lachte Dylan, als er zurückkam und sich wieder setzte. Kurz wechselte er die Kompresse, erkundigte sich nach dem Wohlbefinden und bedeckte dann wieder vorsichtig das Gesicht.

Phillip sehnte sich regelrecht danach, dass die Hände mal seine Haut berührten, doch das geschah leider viel zu selten. Er spürte nur die Wärme und den weichen Stoff, mehr nicht. Vielleicht noch die Hitze, die durch seinen Körper raste und von dem dicken Frotteemantel zusätzlich eingeschlossen wurde. Langsam wurde ihm etwas unwohl und er öffnete den Mantel, zumindest über der Brust. Dabei hätte er fast die kleine Fliege von seinem Kragen geschubst. Nur gut, dass Adalbert so geistesgegenwärtig gewesen war, sich zu erheben und sich einen sichereren Platz zu suchen.

Dylan lachte leise. „Heiz ich dir so ein?“, wollte er wissen und noch ehe Phillip nachdenken konnte, welche Konsequenzen das haben würde, bestätigte er das nur.

„So?“, fragte Dylan auch noch nach und als er die Kompresse abnahm, grinste er seinen Kunden freundlich an. „Am besten fangen wir mit einem Gesichtspeeling an“, wechselte er aber sofort das Thema, als er sah, dass Phillip sich irgendwie ertappt fühlte. Das lief wohl gerade in eine Richtung, die nicht ganz so gut war. Also zog er sich seine Cremes heran und fing an, das Gesicht vorsichtig zu bearbeiten, sanft zu rubbeln und zu reiben und Phillip hatte hart zu kämpfen, seine tobende Libido in den Schlaf zu singen. Begeistert war sie nicht, zuckte schon ab und an und Dylan versuchte das einfach zu übersehen.

Nach der Haut waren die Brauen dran und langsam taute sein Kunde auch etwas auf, erzählte ein bisschen von seiner Arbeit. Trotzdem elektrisierte sich die Luft zusehends, die Atmosphäre wurde immer schwerer, bis Phillip nicht mehr konnte. Seine Behandlung war fast vorbei und alles, was er von Dylan wusste, war der Name. Also sah er den Blonden eindringlich an und fragte: „Würdest du mit mir ausgehen? Ich suche dich seit zwei Wochen, ich konnte kaum noch schlafen. Gib mir wenigstens eine Chance.“ Gut, es war raus, er hatte es gesagt, sich nicht verschluckt, sich nicht verhaspelt. Nun sah er Dylan erwartungsvoll an, doch der begriff erst gar nicht.

„Du suchst mich seit zwei Wochen? Was soll das heißen?“, fragte er etwas verwirrt und ließ die Hände sinken, um Phillip nicht aus Versehen zu verletzen.

„Das heißt, dass ich dich im Schulz gesehen habe und du mit Muhrat abgezogen bist und ich nicht die Chance hatte, dich zu fragen und dann warst du nie wieder da und ich... dann hab ich den Flyer und da... deswegen...“ War Phil eben noch selbstsicher durch seine Sätze geschritten, verhedderte er sich nun an jeder Silbe nur noch schlimmer, strauchelte und fiel sprichwörtlich auf die Nase.

„Warte, warte. Phillip, du bringst da gerade was durcheinander.“ Langsam schien Dylan ein Licht aufzugehen. Er grinste etwas schief und lachte dann leise. „Erstens. Meine Verlobte würde mich wohl schon etwas komisch ansehen, wenn ich ins Schulz ginge. Zweitens...“

„Verlobte!“ Das traf Phillip jetzt doch etwas überraschend. Der Kerl war bi! Der Kerl war verlobt und machte mit Kerlen rum und dann konnte er nicht mal dazu stehen? Dabei sah er doch so nett aus. Musste er sich immer in die falschen Kerle verlieben? Konnte es nicht Gesetze gegen so was geben?

„Ja, meine Verlobte, die mir übrigens alles abreißen würde, was mir wichtig ist, wenn ich mit einem Muhrat abziehen würde... aber mir geht da gerade ein Licht auf, weil nämlich mein Zwillingsbruder Warren letztens mit einem Deutsch-Türken etwas hatte, der Muhrat hieß und ziemlich schlecht gewesen... ach, was erzähle ich dir das eigentlich!“ Dylan schüttelte nur den Kopf und grinste. „Ich jedenfalls war's nicht, sondern mein älteres Brüderchen. Vielleicht solltest du ihn mal fragen, ob er mit dir ausgehen möchte.“

Wie vom Bus gestreift saß Phillip auf dem Stuhl, sah Dylan fragend an und versuchte zu verstehen. Das hier war gar nicht sein Göttersohn, das war dessen kleiner Bruder, der wohl mit Männern nichts anfangen konnte. Dafür flirtete der Kerl aber ganz schön oder hatte Phillip sich das jetzt nur eingebildet? Nachdenklich sah er Dylan an. Der steckte ihm eine Visitenkarte in die Tasche.

„Ist die Adresse von unserem Laden. Er ist auch Kosmetiker, aber ich bin hier, weil ich gegen Anmachen von Männern resistent bin und Warren sich zu schnell verliebt. Kannst ja nachher vorbei fahren und einen Termin machen, dann versuch bei ihm mal dein Glück. Wird Zeit, dass er mal einen anständigen Kerl findet.“ Vorsichtig drückte Dylan seinen Kunden wieder auf den Stuhl zurück. „Und jetzt machen wir erst mal deine Brauen zu Ende, sonst kann ich mir nächste Woche dann anhören, was für eine Schluderarbeit ich abliefere.“

„Ich ruf an, ich muss das erst mal verdauen“, murmelte Phillip nur. Er ließ sich lenken, sein Kopf war voll mit Gedanken und seine Hand legte sich auf die Visitenkarte in seiner Tasche. Heute war er gescheitert, aber er bekam noch eine Chance. Es war noch nicht vorbei und dieses Mal war es bestimmt der Richtige. Ganz bestimmt.

Er hatte keinen Grund, enttäuscht zu sein, anders als Adalbert, der nun vor der Tür stand und an der Wand herunter rutschte und zu verstehen versuchte, was passiert war. Der hohe Rat hatte ihn auf den Falschen angesetzt! Der Kerl war gar nicht schwul, das hätte nie was werden können! Da verschwendeten die einfach einen von Adalberts kostbaren Tagen und das auch noch ausgerechnet heute, wo kein Engel weit und breit da war, um seinen kleinen Elfen zu trösten.

Die Welt war ungerecht und dieses Leben war echt eines der Schwersten.

Dass Phillip heute noch in den Laden fuhr, um Warren zu treffen, das konnte sich Adalbert aus dem Kopf schlagen, dazu war der Kerl viel zu feige. Ob der eigentlich ahnte, was er einem kleinen Elfen eigentlich mit seiner Feigheit antat? Frustriert beschloss er heim zu gehen und sich mit einem Rentier im Schnee auszutoben. Das hier hielt doch kein Elf aus! So ein Scheißtag!

Phillip hingegen genoss nun den Rest seiner Behandlung und ließ sich von Dylan noch ein bisschen über Warren erzählen. So konnte er seine Träume nähren, bis sie sich endlich trafen.