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Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

10.12.2006



Sushi-Röllchen - Liebe geht durch den Magen

Ein ziemlich frustrierter Elf saß mit seinem Kuschelkissen auf dem Bett und starrte in das Dunkel vor sich hin. Auch wenn Adalbert es nur ungern zugab, so fehlte ihm sein Engel ziemlich. Gestern hatte er den ganzen Tag auf ihn verzichten müssen, hatte den Auftrag allein erledigen müssen. Zwei Tage hintereinander hatte Adalbert keinen Stern bekommen - langsam sah er seine Chancen schwinden, wirklich ein Engel zu werden. Warum bekam er auch so schwere Aufträge? Drückten ihm die Elfen vom hohen Rat einen Hetero aufs Auge, den er mit einem Homo verkuppeln sollte. Waren die noch ganz dicht? War er ein Zauberer, oder was?

Heute war schon der zehnte Tag, der zehnte Auftrag und er hatte gerade einmal fünf Sterne. Wie sollte er denn da sein Limit schaffen und ein Engel werden? Das war doch so gut wie unmöglich!

Adalbert knurrte nur und schleuderte das Kissen von sich. Wehe Jez musste heute wieder arbeiten! Das war doch echt elfenverachtend! Wie sollte Adalbert denn seinen Job richtig machen, wenn er einfach den Engel weggenommen bekam? Es war ja nicht so, dass er Jez brauchte, damit die Aufträge klappten. Er brauchte Jez für sich selber, zum Aufmuntern, zum Ankuscheln, zum Fluchen und zum Lachen. Er brauchte seinen Jez einfach, den durften sie ihm nicht wegnehmen! Das war nämlich echt gemein.

Mit einer großen Portion Selbstmitleid kroch der Elf wieder unter seine Decke, denn als würde es nicht reichen, dass er den Engel weggenommen bekam, dann war es auch noch so, dass Engel nicht ins Elfenland durften. Jezeriel konnte ihn also nicht einmal besuchen kommen. Gestern hatte er sich bei seinem Vater darüber aufgeregt, doch der hatte das geltende Gesetz mit den Worten verteidigt: Junge, das war schon immer so gewesen, rüttle nicht an Althergebrachtem. Da war sein Herr Vater dann immer schnell fertig mit ihm. Das war eben schon immer so und so muss es auch bleiben. Bloß keine Veränderungen, bloß nichts Neues. Es schien Rüdiger noch nicht einmal zu stören, dass er - wenn Adalbert doch noch Erfolg haben sollte - seinen Sohn nicht wieder sah. Es war okay für ihn, weil es das Gesetz war. Daran hatte der kleine Elf immer noch zu knabbern.

Er zuckte hoch, als sich das Elf-o-phon bemerkbar machte, weit vor seiner Zeit, war das schon sein Auftrag? Warum so zeitig? Hastig sprang Adalbert auf und hastete durch seine Wohnung, stieß sich den Zeh an einem Elfenstiefelchen, das einfach so von irgendjemandem ausgezogen und in den Raum geworfen worden war. Adalbert fluchte leise, aber nur ganz leise, weil er ja selber daran schuld war. Auf einem Bein hüpfte er also zum Elf-o-phon und griff sich den Zettel, der aus dem Informationsschlitz hing. Keine Kartusche oder so was, nur ein Zettel. Neugierig machte Adalbert Licht und blinzelte erst einmal schmerzverzerrt. Eine Dimmfunktion wäre vielleicht nicht die schlechteste Idee. Doch dann sah er mit kleinen Augen auf das Papier.

„Mach dich fein, heute gehen wir essen“, las Adalbert. „Hab dich lieb und warte sehnsüchtig auf dich, Jez.“

Blöd grinsend drückte Adalbert den Zettel an sich und taumelte wieder zum Bett. Vergessen war der Schmerz im Zeh oder der Frust über die Sterne. Wie wenig es doch bedurfte, um einen Elfen glücklich und zufrieden zu machen. Er kuschelte sich mit seinem Zettelchen wieder ein und seufzte immer wieder zufrieden. So lange, bis der nächste Job ihn endgültig aus dem Bett lockte und Adalbert wieder unter der Dusche die erste Bekanntschaft mit seinem nächsten Klienten machte, einem Sushi-Meister, der sich in einen seiner Kunden verguckt hatte und irgendwie alleine wohl nicht zu Potte kam.

Adalbert grinste, als ihm bewusst wurde, dass Jez wohl schon wusste, wo Adalbert heute arbeiten musste, denn sicher wollte er mit seinem kleinen Elfen dort in dem Restaurant essen, in dem Takuto arbeitete. Mit einer ganz neuen Hotpants und besonders schön geringelten Socken putzte sich Adalbert raus, packte alles Wichtige in die Lederjacke und hastete wieder zum Elf-Trans. Sicher wartete Jez schon auf ihn.

Und so war es auch, kaum dass der Elf mitten in einer U-Bahn-Station wieder zu sich kam, schlossen sich auch schon Arme um ihn. „Hab dich vermisst“, flüsterte Jez leise und entlockte seinem Elfen mit einem zarten Kuss auf die Wange ein Stammeln und Glühen und Rotanlaufen, was ihn nur noch niedlicher machte.

„Komm mit, heute kann ich dir wieder helfen“, lachte Jez leise und griff Adalbert bei der Hand. So gingen sie durch die Stadt bis zum 'Rodin'.

+++

„Shimatta[1]" Takuto fluchte und strich sich das lange, schwarze Haar, was seinem lose gebundenen Zopf entkommen war, über die Schulter zurück. Irgendwie gelang ihm heute gar nichts, nicht das einfachste Sushi-Röllchen. Das sah doch aus wie hingeworfen! Aber nicht, als hätte ein Meister seines Faches sich daran versucht, ein kleines Kunstwerk aus Gurkenstreifen und Reis zu schaffen. „Verdammt noch mal, jetzt roll dich endlich so, wie ich das will!“, brüllte er schlussendlich die wehrlose Rolle an und sein Bruder lachte nur frech vor sich hin. Sonntage waren ihm die liebsten, denn sonntags war Takuto, der sonst alles im Griff hatte, regelmäßig mies drauf, schlecht gelaunt und unausgeglichen.

„Ach, ani-sama[2]“, flötete er seinem Bruder zu, dafür dass er genauso alt war wie Takuto, war er um einen ganzen Kopf kleiner. In seiner Patchwork-Familie hatte sich eben der Westen mit dem Osten verbunden, er und seine Mutter auf der einen Seite und Takuto mit seinem Vater auf der anderen Seite. Die Eltern hatten sich gesehen und verliebt und so war es eben gekommen, wie es kommen musste. Nun lebten sie - zusammen mit der gemeinsamen Tochter Aiko, in den oberen Räumen über dem japanischen Spezialitätenlokal - und da lag dann auch schon im weiteren Sinne das Problem des jungen Japaners.

Das Restaurant - er liebt es, er liebte seinen Job als Sushi-Koch und vor allem mochte er es, wenn die Kundschaft ihn lobte. Am liebsten aber mochte er es, wenn ein bestimmter Kunde ihn lobte, der junge Mann von der Bank gegenüber, der jeden Tag zur gleichen Uhrzeit kam, jeden Tag das gleiche bestellte und jeden Tag mit seinem sanften Lächeln Takuto Schmetterlinge in den Bauch zauberte.

Nur war am Sonntag keine Bank geöffnet, was wiederum bedeutete, dass der junge Mann heute nicht zum Mittag kam, was wiederum bedeutete, dass Takuto mies gestimmt seine Gurkenstreifen misshandelte, was wiederum bedeutete, dass Chris, sein Bruder, sich amüsierte und auf der Theke saß, um Takuto noch etwas zu piesacken, sein Lieblingssport, seit er einen Bruder hatte.

„Chris, schieb ab - wenn ich einen gerade nicht gebrauchen kann, dann dich!“, knurrte der Japaner und schob den Blonden ein Stück weiter weg, die Versuchung, ihm das scharfe Messer in die Hand zu stechen, war einfach zu groß.

„Was ist denn hier schon wieder los!“, wollte plötzlich eine ältere, männliche Stimme hinter ihnen wissen. Chris grinste, Takuto zog den Kopf zwischen die Schultern und knurrte leise. „Ach weißt du, chichi[3]!“, flötete Chris auch schon, noch ehe Takuto hätte eingreifen können, „Taku-chan ist unausgeglichen, weil sein Liebling heute nicht zum Essen kommt und er sich nicht an seinem Gesicht satt sehen und nicht von seiner Nähe zehren kann. Ach, muss verliebt sein schön... aua!“

Etwas perplex zog Chris seine Hand zu sich und beguckte sich die Einstiche der Gabel. Das hatte sein bescheuerter Bruder doch gerade nicht wirklich getan! „Sag mal, spinnst du, Takuto, du hättest mich verletzen können!“, ereiferte er sich und Takuto knurrte wieder. „Schon mal auf die Idee gekommen, dass genau dieses Ziel der Antrieb meiner Intention gewesen sein könnte?“

Was bildete sich der Bastard eigentlich ein? Er wusste doch genau, dass Hitome es ganz und gar nicht gut hieß, dass Takuto die arrangierte Ehe in Kyoto abgelehnt hatte, weil er sich für das gleiche Geschlecht interessierte. Es war seinem Vater peinlich gewesen, die Hochzeit lösen zu müssen, doch seiner Frau zuliebe, die für Takuto und seine Neigung gesprochen hatte, war er dann doch bereit gewesen, es zu tun.

Was aber noch lange nicht hieß, dass Hitome es auch gut hieß, dass der Junge so gegen die Art war, so wider die Natur. Er ließ es nur durchgehen, weil er hier in Deutschland lebte und der Deutsche an sich dem ganzen gegenüber etwas liberaler eingestellt war als der Japaner, doch ganz konnte er auch nicht aus seiner Haut. Er schwieg es tot und so lange das Thema nicht auf den Tisch kam, solange war es auch nicht existent. Wäre da nicht Chris, der nicht müde wurde, Takuto immer wieder damit aufzuziehen und sich eine blutige Nase zu holen. Und wenn es nur die Nase war, dann konnte er noch von Glück reden.

„Takuto. Ogyôgi yoku shiroyo[4]. Du bist nicht irgendein Koch in einem billigen Stehimbiss. Du bist Sushi-Meister im 'Rodin'. Lass deine Probleme draußen, wenn du meine Küche betrittst!“, erklärte er und wandte sich ab. Takuto knurrte abermals und ein wütender Blick traf Chris, der noch immer auf der Anrichte hockte und seinem Bruder dabei zusah, wie er den Reis rollte und die Gemüsestreifen arrangierte. Was bildete der Blonde sich ein? Jedes Mal provozierte er Ärger, jedes Mal bekam es sein Vater mit und jedes Mal war es Takuto, der zur Ordnung gerufen wurde. Er war es leid! Vor allem dieses blöde Grinsen.

„Lass Taku-chan ja in Ruhe!“, kam es plötzlich mit einer feinen, weichen Mädchenstimme aus der Richtung, in der Hitome gerade verschwunden war. Der Effekt entlockte sogar Takuto ein kurzes Grinsen. Aiko kam auch sofort zu ihrem großen Bruder gelaufen, ignorierte gern die Tatsache, dass Chris auch ihr Bruder war und schmiegte sich an Takuto, der die Arme um die junge Dame legte.

Aiko war die jüngste, mit ihren zarten fünfzehn Jahren auch noch zehn Jahre jünger als ihre Brüder und ihres Zeichens vernarrte Mangaleserin himmelte sie ihren Takuto geradezu an, als sich herausgestellt hatte, dass er schwul war. Mit solch einem Pluspunkt konnte Chris freilich nicht trumpfen, ganz banal war seine Leidenschaft für Frauen. „Wenn dich mal wieder eine Tussi hat sitzen lassen, dann bist du auch nicht zu genießen!“, versuchte sie zu helfen und Takuto verdrehte nur die Augen.

I love my family!

„Ai-chan, nur für den Fall, dass es noch nicht durchgedrungen ist. Tim hat mich nicht sitzen lassen, klar soweit?“ An seiner Schläfe zuckte langsam die Ader. Er war es leid, dieses Thema ausschlachten zu müssen.

„Ach, stimmt ja“, mischte sich Chris wieder ein, räumte aber gerade alle scharfen und spitzen Gegenstände vorsorglich aus Takutos Reichweite. „Du bist ja so ein feiges Weichei, das nicht mal fragt, ob der Mann seiner Träume ihm vielleicht mal den... oh, oh!“ Chris schluckte den Rest seines Satzes lieber runter. Takutos Augen verschmälerten sich bedrohlich, ein gutes Signal dafür, das Weite zu suchen.

„Chûi shimokushiroyo[5]. Christian Felix Maximilian.“ Takuto genoss es sichtlich, die albernen, peinlichen Namen seines Bruders über seine Zunge rollen zu lassen. „Ich mag feige sein und Tim noch nicht gefragt haben, aber ich geh wenigstens nicht mit dem schwer verdienten Geld meiner Mutter los und kaufe mir eine Domina, die mir den Arsch blutig schlägt, nur damit ich mal einen hoch kriege!“ Es war herrlich, wie das Gesicht seines Bruders erst erstarrte, dann weiß wurde und dann rieselte der Mörtel, als es bröckelte und zu Boden fiel.

Sichtlich zufrieden wandte sich Takuto wieder seiner Arbeit zu, suchte sich sein Werkzeug wieder zusammen, hoffend, dass er nun seine Ruhe hatte und endlich arbeiten konnte, ohne dass Chris ihm auf den Nerv ging. Doch es kam noch besser. Das begriff Takuto, als er Sonja leise quietschen hörte. Huch? Hatte Mama gerade mit angehört, was ihr kleiner Liebling so trieb? Takuto grinste ziemlich zufrieden, während Chris gerade in einem mittelschweren Erklärungsnotstand hockte, während seine Mutter mit einer Menge peinlicher Fragen auf ihn zukam.

„Das zahl ich dir heim!“, knurrte Chris nur, als er lieber die Flucht antrat. In einer halben Stunde öffnete das Lokal, da fand sich schon etwas, wo er sich nützlich machen konnte und gleichzeitig der Mutter entkommen. Er hastete durch die Küche, Sonja hinterher und Aiko, die nun neugierig geworden war, ob das wirklich stimmte, folgte der kleinen Karawane. So hatte Takuto endlich wieder seine Ruhe und konnte sich ein weiteres Mal daran versuchen, die Gurke dorthin zu rollen, wo sie von Rechts wegen auch hin gehörte.

So ungern er es zugab, mit einem hatte Chris wirklich recht - er war zu feige, Tim anzusprechen, er war zu feige, einfach nur hinzugehen, zu fragen, ob Interesse bestand. Es war, als müsste man einen Traum aufgeben, das konnte Takuto einfach nicht. Er hatte sich so in Tim verrannt, er träumte von ihm und es war besser für alle, dass keiner wusste, was Takuto da träumte! Es war ein wunderschönes Luftschloss, in das er sich zurückziehen konnte. Wie sollte er das aufs Spiel setzen?

Mit einem einzigen Satz würde er dieses filigrane Gebilde zum Einsturz bringen, in Tausende kleiner Scherben, die sich in sein verletztes Herz schneiden würden. Nein, das konnte Takuto nicht. Ihm genügte es, Tim zu sehen, ihm seine Bestellung zu bringen und mit ihm zu flirten. Er war genügsam, er nahm, was er bekam.

Auch er hatte sich schon oft ausgemalt was passieren würde, wenn es nicht schief ging, wenn Tim auch auf Männer stand und vielleicht sogar auf Takuto, doch die Wahrscheinlichkeit auf dieses Glück schien Takuto einfach zu gering, um es zu riskieren. Nein, er war kein mutiger Mensch. So lebte er von Tag zu Tag, beobachtete Tim und suchte sich, wenn es gar nicht mehr ging, einen Kerl für die Nacht, damit er sich wieder über eine Woche mit Tim retten konnte, ohne wahnsinnig zu werden. Es war erbärmlich, aber Takuto hatte sich daran gewöhnt.

Tief in seine Gedanken versunken richtete er die ersten Teller für das Karussell, Bestellungen von den Tischen wurden sowieso erst frisch zubereitet. Das bedeutete Stress, doch Takuto hatte an seinem Job irgendwie auch Spaß. Er mochte es, mit Lebensmitteln zu arbeiten, daraus kleine Kunstwerke zu schaffen und es machte ihn glücklich, wenn seine Gäste ein Lob über das vorzügliche Essen zurückschickten. Dann hatte er seinen Job gut gemacht.

Tim hatte auch jedes Mal ein Lob zurückgeschickt, gepaart mit einem sanften Lächeln und etwas Trinkgeld. Seit über einem Jahr kam er nun jeden Mittag hier her, sogar samstags, weil er noch einen kleinen Nebenjob hier in der Nähe hatte. Nur an den Sonntagen darbte Takuto und musste von der Woche zehren.

Die Türen des Lokals hatten sich schon geöffnet und nun gingen die Bestellungen ein. Mit seinem Tresen stand Takuto im Gästeraum, hinter sich die verglasten Kühlschränke, so dass die Gäste sahen, was das Angebot so hergab und Takuto auch bei seinen Fingerfertigkeiten beobachten konnten. Dabei war der junge Mann so in seinem Element, dass er fast alles um sich herum vergaß. Heute aber bildete sich keine Traube um seinen Arbeitstisch, nur Aiko sprang aufgeregt davor herum und versuchte auffällig unauffällig Takutos Aufmerksamkeit zu erringen, was gar nicht so leicht war.

„Taku-chan!“, zischte sie und wurde immer hibbeliger, so lange, bis auch ihr Bruder aufsah und zu ergründen versuchte, was sie wollte. Doch sie musste kein Wort sagen, er hatte es selbst schon gesehen.

An einem der Tische saß Tim - doch er saß da nicht alleine. Eine schwarzhaarige Schönheit an seiner Seite versetzte Takuto einen Stich ins Herz.

„Nein“, flüsterte er fast tonlos und senkte den Blick wütend, als Tim ihm grüßend zunickte. Was bildete dieser Kerl sich ein? Kam hier her mit einer Frau? Noch deutlicher konnte man einen Korb ja wohl nicht mehr vergeben. Warum die Blicke? Warum Jahr aus Jahr ein diese sanften Blicke, das zarte Lächeln? Warum hatte Tim das getan, wenn er doch gar kein Interesse an Takuto gehabt hatte. „Dieser Bastard!“ Stur den Blick auf die Arbeitsplatte gerichtet, kümmerte sich Takuto nur noch um seine Bestellungen. Nichts interessierte ihn mehr, am wenigsten der junge Mann, gleich am Fenster, der mit entsetzt geweiteten Augen auf ihn sah und nicht fassen konnte, was passiert war.

„Tim“, flüsterte Kerstin leise. Ihr Bruder gefiel ihr gar nicht. Sie waren doch hier, weil Tim ihr jemanden zeigen wollte und heute vielleicht auch einen kleinen Schritt weiter gehen wollte, als immer nur zu schauen, zu seufzen und zu hoffen - doch so wie es aussah, war das hier gerade eher einer Katastrophe gleich als einer Herzensangelegenheit. „Tim, was ist los?“

Doch ihr Bruder schüttelte nur fassungslos den Kopf, starrte immer wieder auf den jungen Mann hinter der Sushi-Theke und schien seine Schwester völlig zu ignorieren. „Warum tut er das?“ Fassungslos sah Tim seine Schwester plötzlich an und die zuckte nur die Schultern. Sie hatte ja keinen Schimmer, was hier eigentlich gespielt wurde.

„Was?“, fragte Kerstin also etwas unglücklich und begriff ihren Fehler schon, als Tim nur Luft holte, um sich erbost zu äußern.

„Was?“, wiederholte Tim etwas gereizt. „Der Mistkerl ignoriert mich einfach. Sonst sieht er mich jeden Tag an, lächelt, zwinkert. Was bildet der Kerl sich ein, wer er ist? Ich will mit dem doch eh nichts anfangen, so ein Arsch, aber echt mal!“, maulte Tim und Kerstin lachte leise. Das war so typisch für ihren Bruder. Wenn was nicht nach seinem Kopf ging, dann wurde er bockig wie ein kleines Kind, aber nicht wie ein fast dreißigjähriger Filialleiter einer Bank. Und genau das machte ihn ja auch so niedlich. Gleich schob er bestimmt wieder die Unterlippe vor und schmollte. Kerstin lachte leise und Tim knurrte.

Nun hatte er sich so darauf gefreut, heute doch noch hier her zu gehen, weil er einen Grund hatte. Er wollte Kerstin schließlich zeigen, wo er nun arbeitete. Dabei konnte man gleich mal, ganz zufällig natürlich, auch mal ins Restaurant sehen und sich den netten Koch etwas betrachten und der Schwester mal zeigen, was so der aktuelle Lieblingsschwarm ist und was tat der Kerl? Anstatt sich von seiner besten Seite zu zeigen und bei Kerstin einen guten Eindruck zu hinterlassen, da wandte er sich ab, ignorierte Tim und tat so, als wäre der junge Mann gar nicht da!

„Mistkerl, elender!“, fluchte Tim immer noch vor sich hin. Er war so enttäuscht. Er hatte endlich seinen Mut zusammengenommen und war bereit Takuto nach einem Date zu fragen. Endlich hatte Tim so viel Rückgrat und was passierte? Takuto hatte das Interesse verloren! Na ja, er selber hatte ja auch noch nie Interesse an diesem Kerl gehabt. Zumindest redete Tim sich das ein und für ein paar Sekunden konnte er sich das sogar glauben. Doch als er wieder in das weiche Gesicht sah, die schwarzen Haare, die dunklen Augen, wem wollte er etwas vormachen?

„Das gleiche wie immer oder möchten sie heute die Karte?“ Chris war neben den ganz speziellen Gast getreten und lächelte ihn warm an. Tim sah auf. „Und heute in so wunderschöner Begleitung.“ Er nickte Kerstin freundlich zu und die kicherte albern.

„Ja, ja, mein Brüderchen hat mich heute mal quer durch seinen neuen Wohnort geschleift und mich aus unerfindlichen Gründen dann hier her gezerrt!“

„Kerstin!“ Tim wurde ja nicht wieder. Konnte diese blöde Gans nicht einfach mal nur den Mund halten? War das vielleicht zu viel verlangt? Laberte hier ungeniert und ungefragt über so was. Doch Kerstin zeigte sich von der Rüge völlig unbeeindruckt.

„Sie müssen wissen, es ist eine Sucht, hierher zu kommen. Täglich immer wieder aufs Neue. Ist mir auch ganz was Neues, dass mein Bruder Fisch isst. Jahrelang hat unsere Mutter für ihn extra was anderes gekocht, wenn es Fisch zu Hause gab und jetzt, da kann er nicht genug davon bekommen. Woran das wohl liegen könnte?“ Sie zwinkerte dem Kellner zu und Tim wäre am liebsten im Boden versunken!

Warum war Familie immer so peinlich?

Warum?!

Ob jemand eine vierundzwanzigjährige Schwester haben wollte? Kaum gebraucht? Tim senkte beschämt den Kopf, während Chris gerade Informationen sammelte, die er vielleicht, unter Umständen, teuer an seinen Lieblingsbruder verkaufen würde. Was würde der zahlen, wenn er wüsste, dass die hübsche Lady nicht Tims Freundin, sondern seine Schwester ist und dass er nicht wegen des Sushis hier her kommt, weil er Fisch eigentlich ungern isst?

„Vielleicht wegen der gesunden Omega-3-Fettsäuren?“, fragte er scherzhaft und Kerstin nickte.

„Ja, da haben sie recht. Das wird der Grund sein, warum er hier her kommt.“ Und als würde die Demütigung nicht reichen, wanderte ihr Blick auch noch auffällig unauffällig zu Takuto, der noch immer stur auf seine Zutaten starrte, als gäbe es nichts anderes auf dieser Welt.

„Was können sie denn heute empfehlen? Ich war ja noch nie Sushi essen, müssen sie wissen“, begann Kerstin nun und flirtete ein bisschen mit dem blonden Kellner, der auch gern bis sehr gern drauf einging.

„Also, der junge Herr bekommt von unserem Sushi-Meister immer ein spezielles Menü. Normalerweise weigert er sich ja, den guten Fisch zu braten, doch für seinen Lieblingsgast macht er da gern mal eine Ausnahme. Ich würde ihnen allerdings die Thunfischröllchen empfehlen, auch der Lachs ist vor einer Stunde erst fangfrisch geliefert worden. Aber wir führen nicht nur Sushi. Sie können auch gern Tagesgerichte bestellen.“

Chris legte die Karte endlich auf den Tisch, während Tim immer noch ein kleines, handelsübliches Loch suchte, um darin zu versinken - unter Adalberts prüfendem Blick übrigens, der von seinem Engel heute zum Essen eingeladen worden war und nun seine beiden Pfleglinge des Tages beobachtete. Er hatte zwar alles gehört, sowohl das, was in der Küche passiert war, als auch das, was nun am Tisch geäußert wurde, doch schlau wurde der kleine Elf daraus leider nicht.

Sollte er eingreifen? Sollte er es lassen? Er war sich unsicher. Immer wieder wanderte sein Blick zu Jezeriel, doch der las nur in seiner Karte, lächelte seinen Elfen verliebt an und zauberte so einen zarten, niedlichen Schatten unter die leuchtenden Elfenaugen.

Tim seinerseits starrte noch immer auf den Tisch vor sich und wünschte sich ganz weit weg, als er es wagte, wieder aufzusehen, da war Takuto dann plötzlich weg. Da wo eben noch der junge Mann mit geschickten Handgriffen Fisch portioniert und in Reis gerollt hatte, da stand nun ein Herr mittleren Alters und tat das gleiche. Von Takuto war weit und breit nichts mehr zu sehen. „Hä“, entfuhr es Tim, ohne dass er das wirklich gewollt hatte und er streckte den Hals, alles, ohne wirklich zu merken, was er tat.

„Er hat heute Schicht in der Küche!“, erklärte Chris freimütig und amüsierte sich innerlich auf das köstlichste, als er sah, wie peinlich Tim diese Auskunft war. Irgendwie passten die zwei doch wirklich zusammen - wie zwei Königskinder, die einfach nicht zueinander fanden. Dabei waren sie - so wie es schien - doch beide bis über die Ohren verknallt. Da konnten sie leugnen wie sie wollten. Zehn Minuten alleine im Raum und einer hätte den anderen über die Bar gevögelt, aber so? Chris zuckte nur die Schultern.

„Überraschen sie mich“, sagte Kerstin nur und war so mit ihrer Bestellung fertig, während Tim nur murmelte, er hätte gern dasselbe wie immer. Als der Kellner gegangen war, sah seine Schwester ihn nur fragend an. „Geht’s? Oder sollen wir doch lieber wo anders hin gehen?“, wollte sie wissen. Tim sah wirklich nicht gut aus und er benahm sich auch nicht mehr normal. Er war ja völlig von der Rolle.

Doch der schüttelte nur den Kopf. Er zog nicht den Schwanz ein, er zog das jetzt durch.

Währendessen erklärte Chris in der Küche mit Genugtuung einem angepissten Takuto, dass Tims Begleitung gern überrascht werden wollte und Chris da den Fischteller empfehlen würde. Er würde den Teufel tun und erklären, dass sie nur dessen Schwester war. Er liebte es, Takuto zu quälen und wenn alles aufflog und sein Bruder endlich begriff, dann würde Chris gern das blöde Gesicht sehen wollen.

„Und dein Liebchen hätte gern das gleiche wie immer. Mit viel Liebe zubereitete...“

„Schnauze, Chris, er ist nicht mein Liebchen, ist das klar?“, erklärte Takuto zornig und knallte mit viel Schwung das scharfe Messer in das Hackbrett, auf dem er gerade den Fisch zurechtgeschnitten hatte. „Noch ein Wort in der Richtung, und ich dreh dir den Hals um, egal ob du ein Verwandter bist oder nicht. Okâsan[6] hat noch zwei Kinder, da fällt dein Verlust gar nicht auf!“ Nein, gut gelaunt war der junge Japaner wirklich nicht. Seit Monaten machte dieser Mann da draußen ihm Hoffnungen und als würde das nicht reichen, jagte er ihm noch den Dolch ins Herz und brachte seine Freundin hier her, nein, fair war das nicht. Aber, hey - wo stand, dass das Leben fair wäre?

„Ist ja schon gut, Taku-chan!“ Chris betonte die letzte Silbe besonders, weil er wusste, dass Takuto diese Bezeichnung nicht mochte, aber für dessen Verleumdung vorhin hatte Chris Rache geschworen. „Mach einfach der Schönheit von Tisch drei einen Fischteller und ihrer Begleitung ein Sushi-Teller mit gebratenem Fisch. Wo ist das Problem?“ Und dann ging er wieder, denn es gab noch mehr Gäste, die bewirtet werden wollten.

Takuto blieb mit seiner schlechten Laune allein zurück und er verspürte den unbändigen Drang, die Röllchen scharf zu würzen, weil er wusste, dass Tim das nicht vertrug.

Doch er war darüber erhaben und bereitete die Speisen, so wie sie gewünscht wurden, während Tim immer noch in seinem Stuhl hockte und sich den Hals ausrenkte.

Dafür, dass ihm besagter Mistkerl ja so was von egal war, war er ganz schön auf der Suche nach dem hübschen Japaner, doch Kerstin verkniff sich jeden Kommentar diesbezüglich. Lieber fing sie an, Tim auszufragen, wie es denn so um den Job bestellt wäre und er fing an zu erzählen. Das Essen wurde gebracht und sie redeten weiter. Zwar wanderte Tims Blick immer wieder mal zur Sushi-Theke, doch an dem Bild änderte sich nichts. Takuto war nicht zurückgekehrt. Also fing er an zu essen und stockte erst, als er plötzlich etwas Papier auf seinem Teller fand.

Etwas irritiert legte er die Stäbchen weg und nahm den kleinen Zettel auf, starrte drauf, doch bis auf seinen Namen, konnte Tim nichts lesen - augenscheinlich war es japanisch, was er nicht beherrschte.



Was sollte das? Tim drehte und wendete das Stück Papier in seiner Hand. Es musste für ihn bestimmt sein, denn schließlich stand ja zwischen den ganzen Zeichen sein Name. Etwas irritiert sah er sich um. Hatte Takuto ihm diesen Zettel in das Essen gesteckt? Doch wenn ja, hätte er nicht wissen müssen, dass Tim dies nicht lesen, geschweige denn übersetzen konnte?

„Was ist das?“, wollte Kerstin wissen. Doch Tim konnte ihr den Zettel nur zeigen, ihre Neugier aber nicht befriedigen.

Allerdings war Kerstin dann doch etwas schmerzfreier als ihr Bruder und lockte den blonden, netten Kellner zu sich, zeigte ihm den Zettel. „Kannst du uns helfen?“, wollte sie wissen und legte den Zettel auf den Tisch, doch Chris streckte gleich die Waffen.

„Tut mir Leid, Gnädigste, ich bin der Sprache nur verbal mächtig. Lesen und schreiben kann ich sie nicht“, erklärte er, doch ehe die nette Dame sich grämte, fügte er an: „Aber mein Bruder sollte es beherrschen.“ Also machte sich Chris mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht auf in die Küche und flötete Takutos Namen.

„Was willst du schon wieder? Hängst du nicht an deinem Leben? Hast 'ne komische Art, um Prügel zu betteln, du Nervbruder!“ Der Japaner rührte gerade in einer Pfanne, in der er Fischstücke kurz anbriet. „Entweder es ist wichtig oder ich breche dir die Beine!“

„Oh wie grob du doch heute wieder zu deinem einzigen Bruder bist, zu dem Bruder, der dir die Kunde bringt, dass der, der nicht dein Liebchen ist, dringend deine Hilfe benötigt.“ Chris gab sich Mühe, seine Stimme besonders nett klingen zu lassen, lächelte und blinkerte seinem Bruder auch noch mit den langen Wimpern zu. „Er hat eine japanische Botschaft in seinem Essen gefunden und würde gern wissen, was es heißt und freilich weißt du sicher wieder gar nicht, wovon ich eigentlich rede!“

Takuto blickte auf und zog die Pfanne vom Feuer, denn er wusste wirklich nicht, wovon der Blonde schon wieder redete. Sollte er diese Anspielung verstehen? Schließlich hatte er doch gar nicht das Essen für den Mann zubereitet. Sein Vater hatte die Sushi-Bar übernommen, weil Takuto heute nicht mehr zu gebrauchen und noch weniger vorzeigbar war. Ihm war es recht gewesen, doch nun war auch er neugierig, was sein Vater für Botschaften verschickte.

„Wenn's sein muss!“, erklärte Takuto nur und versuchte sich zu straffen. Eigentlich hatte er gehofft, dass er Tim heute nicht mehr sehen musste, am wenigsten mit seiner Tussi, doch der Gast war nun einmal König und wenn eine Übersetzung gewünscht wurde, dann wurde auch diesem Service entsprochen. Also band sich Takuto die Schürze ab, stellte das Feuer kurz aus und kam aus der Küche.

Mit stoischer Miene kam er auf den Tisch zu und grüßte förmlich mit einer Verbeugung, doch das Lächeln auf seinen Lippen erreichte die Augen nicht. Es schmerzte Tim, dies zu sehen, doch er sagte nichts dazu. Was hätte er auch sagen sollen? Es stand ihm nicht zu.

„Hier wird meine Hilfe gebraucht?“, fragte Takuto nur, weil das Schweigen, was eingetreten war, schon zu lange dauerte, um Zufall zu sein und Tim nickte hastig.

„Ja, ähm...“, fing er an, „Das hier lag in meinem Essen. Ich kann es nicht lesen. Kannst du es?“, fragte er und reichte mit zitternder Hand das Stück Papier weiter, was Takuto ebenso unsicher entgegen nahm. Die Versuchung war groß, wie sonst, beim Wechselgeld, ihre Hände einander berühren zu lassen, doch er beherrschte sich, schließlich hatte Tim seine Freundin dabei.

„Mada sutto kimi ga suki desu, Tim, yatto chansu o kudasai“, las Takuto vor, dann wurde er blass. Wer um alles in der Welt hatte das geschrieben? Sein Blick schoss zu seinem Vater herum, doch der schien gar nichts zu bemerken, denn er rollte und schnitt und richtete an, ohne aufzusehen. Hitome war kein guter Lügner, man erwischte ihn immer. Takuto konnte sich also fast sicher sein, dass sein Vater da keine Schützenhilfe leistete. Doch wer dann? Denn außer ihm selbst und Hitome beherrschte keiner der Familie Kanji.

„Und was bedeutet das?“, wollte Tim ungeduldig wissen, denn das Mienenspiel auf Takutos Gesicht hatte ihn neugierig gemacht.

Der Japaner sah ihn an, immer noch mit großen Augen. „Diese Worte sollte ihnen lieber ihre Freundin sagen und nicht ein wildfremder Mann“, erklärte er nur und legte den Zettel wieder auf den Tisch. Die Worte gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf, sie sprachen ihm aus der Seele und sie trafen genau ins Schwarze.

„Wie bitte?“ Tim kam sich gerade ziemlich verarscht vor. Warum war Takuto plötzlich so kalt zu ihm? Warum behandelte er ihn so? „Alles was ich will, ist wissen, was auf dem Zettel steht, der in meinem Essen war. Ist das zu viel verlangt?“ Tim verschmälerte die Augen. Wut blitzte in ihm auf. Warum hielt der Mann ihn so hin? Was stand darauf, was er ihm nicht sagen konnte oder wollte?

Adalbert an seinem Tisch konnte sich gar nicht auf das Essen konzentrieren, denn er beobachtete nur seine beiden Schützlinge, die sich gerade wie zwei Kampfhähne im Ring gegenüber standen. Konnte er nicht einmal einen einfachen Fall bekommen? Zwei die sich mochten, die einfach nur zusammenfinden mussten? War das denn zu viel verlangt? Nein, da hatte er wieder zwei Kerle, die in ihrem Stolz verletzt waren und sich nicht die Blöße geben wollten, den ersten Schritt zu gehen.

„Gyah!“, machte der kleine Elf nur noch, als er sah, wie Tim sein Geld auf den Tisch knallte und mit einem: „Verbohrtes Arschloch!“, das Lokal verließ. Am liebsten wäre der kleine Elf in Ohnmacht gefallen, doch er kam nicht dazu, denn Takuto stand wie angewurzelt, ehe Bewegung in seinen Körper kam und er Tim folgte. Doch als er endlich auf die Straße trat, lag sie leer. Takuto blickte nach rechts, nach links. Nichts - Tim war wie vom Erdboden verschluckt. Warum hatte das passieren müssen?

Mit gesenktem Kopf betrat er wieder das Lokal, alle Augen waren auf ihn gerichtet und so ging er nur zurück in die Küche, wo seine Mutter den Job übernommen hatte. Mitleidig sah sie ihn an, doch Takuto schüttelte nur den Kopf. „Ich mach heute die Auslieferungen!“, erklärte er noch und war dann auch schon wieder verschwunden.

Tim hingegen lehnte um die nächste Ecke an der Hauswand und versuchte zu verstehen, wie er hier gelandet war. War er wirklich gerade ausfallend geworden und hatte sich dazu hinreißen lassen, Takuto zu beschimpfen? Was hatte er sich nur dabei gedacht? Nun war es vorbei. Er brauchte sich auf diesen Mann keine Hoffnungen mehr zu machen. Warum war er eigentlich nicht in der Lage, anstelle von Ausflüchten mal die Wahrheit zu sagen?

Anstatt 'du Arschloch' wäre ein 'geh aus mit mir und vögel mich bis zur Bewusstlosigkeit' doch viel angebrachter gewesen. Aber nein, er musste ja wieder die Etikette wahren! Tim fluchte auf sich selbst. Warum war er nur so feige? Er wollte Takuto, da bestand doch gar kein Zweifel - sie hatten geflirtet, dass die Luft im Lokal sich aufheizte, aber anstatt zu sagen: „heute Abend um neun im ’Jimmys Diner’“, sagte er immer nur „Danke und bis morgen!“.

Er war erbärmlich, nichts bekam er auf die Reihe. Langsam rutschte Tim an der glatten Fassade hinab und kauerte auf dem Boden. Wie lange hätte er sich noch etwas vormachen wollen? Zu ihrem alten Tun konnten sie nicht zurück, dafür war nun zu viel böses Blut geflossen, doch aufgeben konnte und wollte Tim diesen Mann nicht, deswegen blieb auch nur eine Chance. Er musste zurück - nicht nur, weil er seine kleine Schwester dort hatte sitzen lassen, auch weil er Takuto wollte! Der Kerl sollte ihm ins Gesicht sagen, dass er an Tim keinerlei Interesse hatte. So lange Takuto das nicht konnte, solange wollte Tim jetzt sein Glück probieren.

Er war dreißig.

Er musste langsam einmal sesshaft werden und Takuto wäre der ideale Mann dafür. Er konnte ihn nicht durch seine Finger gleiten lassen, ohne es nicht wenigstens versucht zu haben. Auch auf die Gefahr hin, dass er sich jetzt zum Clown machte und ab morgen vielleicht besser an der Currywurst-Bude drüben in der Querstraße essen ging, er musste dort noch einmal hin und Takuto zur Rede stellen.

Immer noch den Zettel in seiner Hand erhob sich Tim also langsam wieder und atmete tief durch, ehe er langsam zurück zum Lokal ging. Weil Kerstin noch nicht davor stand und auf ihn wartete, ging er davon aus, dass sie seine Eskapaden schon kannte und sich daran nicht weiter störte, sondern in Ruhe zu Ende aß.

Mit jedem Schritt, mit dem Tim dem Lokal wieder näher kam, wurde er langsamer. Er fühlte sich mies, so richtig mies. Der Laden war gut besucht, alle Tische belegt. Sicher hatte mindestens die Hälfte seinen Abgang mitbekommen. Wie würden sie ihn ansehen, wenn er nun wie ein reumütiger Sünder zurück geschlichen kam? Mit den angelegten Ohren und dem eingekniffenen Schwanz.

Tim fühlte sich elend. Immer wieder blieb er stehen, immer wieder sah er sich um, blickte zu seinem Wagen. Es wäre so leicht gewesen, einfach zu flüchten.

Doch was brachte es?

Ständig würde er sich fragen: Und was, wenn es doch hätte klappen können? Er hatte sich diesen Sushi-Koch in den Kopf gesetzt, nun wollte er ihn auch haben. Also lief Tim wieder ein paar Schritte, blieb stehen, lief wieder, blieb wieder stehen. Er konnte nicht leugnen, dass ihn Panik beschlich, die Angst davor, dass Takuto ihn einfach auslachte und als schwules Schwein in die Wüste schickte. Es wäre nicht das erste Mal, dass Tim Freundlichkeit und Service als Interesse an seiner Person ausgelegt hatte und damit total auf die Nase gefallen war.

„Ach Mist!“, murmelte er nur, als er vor dem Laden stand, sich noch einmal straffte und tief durchatmete. Dann trat er erneut ein, wechselt einen kurzen Blick mit Kerstin, die immer noch in Ruhe weiter aß und ging dann direkt zur Theke. „Guten Tag“, grüßte er und Chris, der gerade Getränke bereitete, sah auf. „Ich suche Takuto. Ich muss etwas richtig stellen“, sagte Tim hastig, damit die Worte raus waren, ehe er sich doch noch überlegte, wieder den Schwanz einzuziehen und sich zu verstecken.

„Oh, schlecht“, sagte Chris nur und sah sich um. „Takuto macht heute die Auslieferungen.“

In Tims Gesicht war die Enttäuschung deutlich zu lesen. „Ach so!“, sagte er nur und umklammerte noch immer den Zettel, den er gefunden hatte und von dem er weder wusste, wer ihn geschrieben hatte, noch was darauf stand, nur, dass er wohl an ihn adressiert war. „Kann man wohl nichts machen.“ Aber einfach so aufgeben wollte Tim auch nicht. Takuto sollte schon wissen, dass er hier gewesen war und all seinen Mut zusammengenommen hatte.

Aber Chris war ja auch kein Unmensch. „Haben sie den Zettel noch, ich kann ja mal Dad fragen, was drauf stand, wenn Takuto es nicht übersetzen konnte“, bot er an. Aber eigentlich auch nur, weil er selber wahnsinnig neugierig war, was Tim nicht wusste. Der nickte nur. „Ja, das wäre nicht übel!“ Er wollte endlich wissen, warum Takuto ihm das nicht übersetzen wollte. Zusammen gingen sie zu Hitome rüber, der von seinem Glück noch gar nichts wusste und seinen Sohn etwas fragend ansah. „Chichi3, übersetz mal schnell!“, sagte Chris nur und legte den Zettel, den Tim ihm reichte, auf den Tisch.

„Mada sutto kimi ga suki desu, Tim, yatto chansu o kudasai“, murmelte Hitome vor sich hin und sah Tim undeutbar an.

„Schon so lange liebe ich dich, Tim, gib mir endlich eine Chance...“, übersetzte er die Zeichen auf dem Zettel und sah den Mann eindringlich an. Tim hingegen entgleisten die Gesichtszüge und er musste sich an der Theke festhalten. Das konnte ihm Takuto also nicht sagen! Das war es gewesen. „Oh“, mehr bekam Tim nicht über die Lippen. Sein Kopf war voll von Gedanken.

Was bedeutete das?

Noch ehe er selbst begriff, was er sagte, hatte er schon gefragt, ob Takuto den ganzen Tag Lieferungen machen würde. Chris nickte nur. „Ist es möglich, dass die letzte Lieferung für heute an meine Adresse geht?“, fragte er nur mit etwas unsicherer Stimme und senkte den Blick. Was mochte die Familie nur von ihm denken? Würden sie ihm sagen, wenn es vergeblich war, was er versuchte oder verstanden sie gar nicht, was sein Ziel war?

„Klar, warum nicht. Haben sie bei uns schon einmal bestellt?“, wollte Chris nur wissen, weil er wusste, was Hitome von den Vorlieben seines Jungen hielt. Er lotste den Kunden also wieder mit sich an die Theke und notierte sich Adresse und Namen, zwei Dinge, die Takuto von seinem nicht-mehr-Liebchen noch gar nicht wusste. Das würde aber eine Überraschung geben. Chris war versucht, sich ein Foto von dem blöden Gesicht seines Bruders zu erbetteln, doch er ließ es.

„Das gleiche wie immer und eine Flasche Wein, bitte“, sagte Tim noch, ehe er wie ein geprügelter Hund zurück an den Tisch seiner Schwester tigerte und sich fallen ließ. Sie sagte kein Wort und Tim war einfach nur glücklich darüber, aber auch total aufgeregt, weil er sich nun etwas eingerührt hatte, von dem er nicht wusste, wie es enden würde. War es ein Fehler gewesen, den ersten Schritt zu machen? Nachdem er sich hier aufgeführt hatte wie eine Furie, ohne das Takuto auch nur ahnte, warum er eigentlich so aufgebracht gewesen war?

Tim war unsicher und mit jeder Minute, die verstrich, wurde er es mehr. Von Sekunde zu Sekunde spann sich seine anfangs so geniale Idee plötzlich in eine Schnapsidee aus. Immer mehr kam ihm in den Sinn, was schief gehen konnte, wie Takuto reagieren konnte, wie Tim verletzt werden konnte. „Ich glaube, ich habe gerade richtig Mist gebaut“, eröffnete er seiner Schwester, ehe er begann zu erzählen, was gerade passiert war. Sie hörte zu und nickte, mehr nicht.

+++

„James hat zwei große Platten geordert, kannst du sie ausfahren oder hast du noch zu tun?“, wollte Sonja gerade wissen. Sie hatte das Headset um und bereitete die Bestellungen vor.

>Hai, hai<, murmelte Takuto nur. Seine schlechte Laune war nur noch gewachsen. Sie wechselten mittlerweile nur noch die nötigsten Worte, ansonsten ließ man Takuto in Ruhe. Ganz anders war er bei den Kunden. Das typische Lächeln der Japaner, ein paar nette Worte und ein kleiner Scherz, doch kaum war die Tür zu, senkten sich seine Mundwinkel wieder und seine schlechte Laune brach aus jeder Pore. Im Augenblick war er gerade auf dem Weg zurück zum Lokal, um die nächsten Bestellungen abzuholen und auszufahren. Noch eine Stunde, dann war endlich Schluss für heute und er konnte sich in seinem Selbstmitleid endlich so richtig suhlen und aalen.

Er war noch immer nicht darüber hinweg, dass Tim es gewagt hatte, mit einer Frau in den Laden zu kommen. Mit einer solch hübschen noch dazu. Nicht zu vergessen der Zettel, den Tim angeblich in seinem Essen gefunden haben wollte und der eine solch brisante Nachricht enthalten hatte. Er wusste hundertpro, dass er selber diesen Zettel nicht ins Essen gesteckt hatte und sein Vater wäre der letzte, der seinem homosexuellen Sohn einen Gefallen tun und Amor spielen würde. Der Rest der Familie sprach zwar japanisch, konnte es aber nicht schreiben, nicht in der Perfektion.

Egal wie Takuto es drehte oder wendete, es ergab keinen Sinn. Wo kam dieser blöde Zettel her, wegen dem sie sich so gestritten hatten? Verdammt, das ergab doch alles keinen Sinn. Dem Drang, vor Frust auf die Hupe zu schlagen, nicht nachgebend, bog Takuto in die Straße des Lokals, sah wieder auf dem Parkplatz, wo am Mittag Tims Golf gestanden hatte und holte die nächste Lieferung. James war immer ein guter Kunde, wenn er orderte, dann gleich Unmengen. Irgendwie hatte der Mann immer das Haus voller Leute.

„Da drüben, ist alles fertig. Nimm die kleine Tüte auch gleich noch mit, die Adresse klebt dran. Ist dann die letzte Lieferung für heute“, erklärte Sonja und war schon dabei die Spülmaschine wieder zu bestücken, während Chris die andere gerade ausräumte. Hitome war schon schlafen gegangen, denn sein Tag begann um drei Uhr morgens, auf dem Fischgroßmarkt. Aiko war auch schon im Bett, wo eine junge Dame kurz vor Mitternacht auch hin gehörte.

Also griff sich Takuto seine Lieferung, strich sich noch einmal nachlässig die Haare zurück und war schon wieder aus der Tür, merkte gar nicht, wie Chris und Sonja ihm nachsahen und sich zunickten. Hoffentlich stellte sich Takuto jetzt nicht allzu bescheuert an, wenn Tim schon den ersten Schritt auf ihn zu machte. Entweder kam ihr Großer nachher noch mieser gelaunt nach Hause und keiner konnte ihm mehr in den Weg treten, ohne grausame Qualen der Hölle zu leiden oder er kam gar nicht nach Hause, weil er all die gestaute Energie endlich ausleben konnte, an dem, der ja eh dafür verantwortlich war.

„Wird schon werden“, seufzte Sonja und hob eine Braue, als vor dem Küchenfenster ein Junge in einem Elfenkostüm herumschlich, von dem Kerl mit den Engelsflügeln mal ganz zu schweigen.

Takuto hingegen hatte sie nicht bemerkt, er lieferte die großen Platten aus, kassierte und machte sich dann auf den Weg zu seinem letzten Kunden für heute. In Gedanken war er schon in seiner Selbstmitleidssuhle, weil sein Angebeteter hetero war.

Routiniert wie immer klingelte er unten, ließ sich öffnen und hastete die Treppen hinauf, bemerkte hinter sich gar nicht die beiden jungen Männer in ihren seltsamen Kostümen, die sich an seine Fersen geheftet hatten. Er klingelte und knurrte, als das Flurlicht erlosch. Doch er kam nicht dazu, sich noch darüber zu beschweren, denn kaum dass die Tür geöffnet wurde, griff ihn auch schon etwas an seinem Hemd, zerrte ihn in die Wohnung und das nächste was Takuto spürte war die Wand in seinem Rücken und weiche Lippen auf den seinen.

Was genau passierte hier?

Mit einem geschickten Tritt warf Tim die Tür wieder ins Schloss, löste sich aber nicht von Takuto, aus Angst, er würde ihn für diesen Frevel strafen. Das durfte nicht passieren. Takuto sollte sich verlieben und einsehen, dass Tim doch eigentlich ein ganz passabler Mann war. Seine Zunge versuchte verzweifelt den Lieferanten zu überzeugen, doch der löste sich verwirrt und schob Tim an den Schultern von sich. So lange, bis er ihm ins Gesicht sehen konnte und nicht begriff, was passiert war.

„Tim“, brachte er ziemlich verwirrt hervor und starrte den jungen Banker an. In seinem Kopf rasten die Gedanken und schlugen Purzelbäume. Was passierte hier?

„Na ja, dein Vater hat mir übersetzt, was auf dem Zettel stand und da dachte ich, es wird Zeit, dass ich dir sage, dass ich eigentlich gar keinen Fisch mag, aber dafür den Sushi-Koch und dass ich dir vielleicht auch sagen sollte, wie gern ich dir eine Chance geben würde, wenn du doch nur endlich einsehen würdest, dass ich es gar nicht schätze, wenn eine Frau mir diese Worte auf dem Zettel sagen würde“, hastete Tim durch seinen Text, den er sich schon seit Stunden zurechtgelegt hatte und endlich losgeworden war.

Umso amüsierter fand er das ziemlich hilflose „Hä“, was Takuto über die Lippen kam. Es dauerte noch ein paar Sekunden, bis alles einen Sinn ergab und dann grinste der Japaner frech, ließ die Tüte mit dem Essen auf der Kommode stehen und schob Tim gegen die Wand in dessen Rücken.

„Ich hoffe, du weißt auf was du dich gerade einlässt!“, sagte er nur und vergessen war seine Selbstmitleidssuhle, vergessen waren die Frau und dieser Zettel. Tim hatte das gewagt, was Takuto nicht über sich gebracht hatte und dafür war er ihm nicht nur dankbar. „Du kannst bei uns auch Huhn essen, du musst keinen Fisch essen“, nuschelte er nur noch und nippte immer wieder an Tims weichen Lippen, die Lippen, nach denen er sich seit Monaten sehnte.

„Aber Huhn rollt man nicht in Sushi, also hättest du es auch nicht für mich zubereitet“, murmelte Tim nur bekennend und lachte leise, ehe sich die fremde Zunge in seinen Mund schob und ihn im Sturm eroberte. Es war der Wahnsinn - genau wie in seinen Träumen. Nein, besser! Viel besser. Weicher. Leckerer. Sinnlicher. Atemberaubender.

Etwas verwirrt bemerkte er im Augenwinkel, wie sich etwas neben ihm aus dem Nichts materialisierte und grinste, nach dem Stern griff, der sich leuchtend über ihm und Takuto bildete und diesen dann einem glücklich strahlenden kleinen Elfen in die bettelnden Finger drückte, ehe sich die Flügel wieder um beide schlossen und sie verschwanden.

Lächelnd schloss Tim die Augen und küsste Takuto intensiver. Seine Hände gruben sich in das lange, schwarze Haar und er seufzte zufrieden. So ließ er sich Sonntage gefallen und morgen würde er bestimmt wieder Sushi essen gehen und irgendwie wusste er, dass es ab morgen Chicken-Sushi auf der Speisekarte geben würde.





Danke an Imani und Conni für die Hilfe bei der Übersetzung!!





[1] Jap.: Verdammt! [im Sinne von „fluchen“]

[2] Jap.: Brüderchen (scherzhaft, da eher Anrede für sehr hohe Personen)

[3]Jap.: Dad [Vater] als Koseform

[4] Jap.: Benimm dich!

[5] Jap.: Pass auf! [im Sinne von: „pass bloß auf, was du sagt“]

[6] Jap.: Mom [im Sinne von Mama, Mutter] als Koseform