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Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

11.12.2006



Telefonseelsorge


So gut hatte Adalbert lange nicht geschlafen. Er hatte den ganzen Tag mit seinem Engel verbringen können, sie hatten gekuschelt und geredet und den Abend krönte dann noch ein weiterer Stern in seiner Sammlung. Der kleine Elf grinste verschmitzt und zufrieden, rollte sich in seine Decke und kicherte albern vor sich hin. Lange hatten sie noch im Lokal gesessen, während Takuto und Tim ihre neu gefundene Zweisamkeit ausgekostet hatten. Wie erwartet war Sonjas Junge diese Nacht wirklich nicht nach Hause gekommen und als das Lokal endlich geschlossen hatte, da waren auch Adalbert und Jezeriel heimatlos gewesen.

Wieder einmal hatte der kleine Elf es wirklich bereut, dass es den Engeln verboten war, ins Elfenreich zu gelangen, denn so hatten sich die beiden trennen müssen, weil es bitterlich kalt geworden war. Zwar meinte Jez, er könne sich ja einschleichen, doch Adalbert war gleich in Sorge gewesen, was wohl passieren würde, würden sie den Engel erwischen. Nicht dass er noch seinen Status verlor oder gar Schlimmeres!

So kam es, dass Adalbert eben wieder allein nach Hause gegangen war, aber er hatte Jezeriels Versprechen, dass sie sich heute wieder sehen würden und das alleine beflügelte den kleinen Elfen geradezu. Weil er sowieso nicht mehr schlafen konnte, huschte er in seinem Hemdchen aus dem Bett, wusch sich, aß etwas von dem Kuchen, den seine Mutter gestern wohl hier deponiert hatte, als der kleine Elf unterwegs gewesen war und wartete nur noch darauf, mal wieder seine Schützlinge vorgesetzt zu bekommen und die Koordinaten einzugeben, die ihn zu Jez bringen sollten.

Da saß er, kaute auf seinen Nägeln herum, weil es ihm mal wieder alles nicht schnell genug ging. Was machten die vom hohen Rat denn so lange? Stahlen Adalberts kostbare Zeit und kamen ewig nicht aus dem Mustopf!

Doch dann schellte das Elf-o-phon, kaum dass die Kartusche in den Auffangbehälter gefallen war, hatte Adalbert sie sich schon gegriffen, einen Blick darauf geworfen und las.

Ein Gärtner und ein Student, die zusammen wohnten - das sollte doch nicht so schwer sein. Schnell noch die Koordinaten auswendig gelernt und ein paar Augenblicke später fand sich der kleine Elf plötzlich... in einer Art Gasthaus wieder. Hinter sich viele Tische und Stühle, vor sich die Zapfanlage und der Tresen und dahinter ein wunderschöner Mann mit einem engelsgleichen Lächeln. „Du kommst spät, Süßer!“, lachte Jez und zog den kleinen Elfen in eine enge Umarmung, küsste ihn kurz auf den Pony und zog ihm die Mütze vom Kopf.

„Wo sind wir denn hier?“, wollte Adalbert etwas irritiert wissen. Das sah weder nach Uni noch nach Gärtnerei aus. Hatte man sich mit den Koordinaten vertan?

„Dein Schützling kommt gleich, zieh das hier über!“, sagte Jez nur und grinste geheimnisvoll. Adalbert legte den Kopf schief, folgte aber der Anweisung, keinen Augenblick zu früh, da kam eine Horde junger Männer zur Wirtschaft rein, ging durch den Raum und zu einem Separee, das durch einen Zettel darauf hinwies, dass die Angestellten der Stadt dort ihre Pause verbringen könnten und ungestört wären.

Neugierig beäugte Adalbert die Horde, bis er gefunden hatte, was er suchte. Am Ende ging ein schwarzhaariger, junger Mann, der irgendwie gar nicht in das übrige Schema passte.



+++



„Boah ey, ich kann dir sagen, Alter.“ Jan lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Seine Beine hatte er weit von sich gestreckt und ließ, unter dem johlenden Applaus seiner Kollegen, sein Becken wippen. „Die Alte hab ich so rangenommen, die wusste hinterher gar nicht mehr wie sie hieß“, dabei grinste er ziemlich zufrieden. Bill saß nur dabei, johlte auch, applaudierte mit. Es wurde eben von ihm erwartet.

Gerade war die zweite Mittagspause, die sie in einer Kneipe machten. Eigentlich waren die Gärtner des städtischen Grünflächenamtes heute damit beschäftigt, den kleinen Wald im Stadtpark aufzuräumen, das Geäst zu entfernen, damit sich keiner verletzte, der darinnen herum strich und dann vielleicht noch die Stadt verklagte, weil die ihren Pflichten einfach nicht nachkam.

„Und haste die Alte noch?“, wollte Jörg wissen. Der hörte diese Geschichten zu gern, was meistens daran lag, dass er selber keine Mädels abschleppte. Da konnte er noch so sehr mit Paps dickem Mercedes angeben und sich von Mama die Designeranzüge schenken lassen. Erstens stand es ihm nicht und zweitens merkte selbst die blondeste, geldbesessenste Frau, dass Jörg einfach in seiner Primitivität nicht zu ertragen war.

„Was soll ich mit einer Alten, die ich schon gefickt habe. Gehst du noch mal in die gleiche Höhle?“, lachte Jan und griff sich sein Bier. Noch etwas, was Bill nicht wirklich schätzte. Er war wirklich aus tiefster Seele Gärtner. Er arbeitete zu gern in diesem Beruf, aber diese Hilfsarbeiter, die für diese Arbeiten eingestellt worden waren, waren ihm wirklich zuwider.

Außer Weiber vögeln und Bier in die Birne kippen, hatten die wirklich keinen Horizont. Doch was tat man nicht alles, wenn man nicht den Rest des Tages beschimpft und angemosert werden wollte - langsam begriff Bill, was es bedeutete, dem Gruppenzwang zu unterliegen.

Jan hatte sich mit seinen Weibergeschichten und der Kunst des Tonleiterrülpsens ziemlich schnell an die Spitze der kopflosen Herde gesetzt und war nun, wie es schien, das Idol vieler geworden. Und da er selbst wohl ein Narziss war und seine eigene Stimme abgöttisch liebte, redete er und gab freimütig Preis, was sein Gefolge hören wollte.

„Boah, Alter, du bist ja dermaßen krass drauf, ey!“, lachte Jörg. Man sah deutlich die Bewunderung in seinen Augen. Zwar tat auch der immer so, als würde er alles besteigen, was die Beine spreizte, aber Bill behielt es sich vor, dies stark bis sehr stark zu bezweifeln, denn bis auf einen alten Sägebock machte für den doch nichts und niemand die Beine breit.

„Ey, Kill-Bill“, rief Jan zu ihm rüber, denn er hatte - aus welchem Grund auch immer - an Bill seinen Narren gefressen, wie es jeder tat, der sich gern auf dem Rücken anderer erhöhte. Jans Opfer war eben Bill, weil der seine Geschichten wohl nicht ausreichend zu würdigen wusste. Was auch immer es war, wusste nur Jan und der tat den Teufel, sich zu erklären. Bill bezweifelte ja insgeheim, dass Jan wirklich wusste warum.

„Ich war nicht da!“, erklärte Bill also und griff sich seinen Pott mit Kaffee. Hatte Jan nichts Besseres zu tun, als ihm auf den Nerv zu gehen? Dabei zählte Bill doch nur die Augenblicke, bis er endlich wieder hier raus konnte, weiter arbeiten, die nächste Pause überleben und dann einfach heimgehen - heim. Dorthin, wo... er schüttelte den Kopf. Nein!

„Wo war denn unser Killy-Billy, hm? Mit der Mama Schuhe kaufen?“ Jan lachte und wenn Jan lachte, lachte sein Gefolge auch. Bierflaschen klapperten, als sie zusammen gestoßen wurden und Bill rollte die Augen. Was für ein primitiver Primatenhaufen.

Doch er grinste nur, trank einen Schluck. „Japp, Schuhe gekauft. Übrigens: schönen Gruß an deine Mutter, wenn sie dir das nächste Mal Plüschpantoffeln kauft, sollte sie drauf achten, dass sie waschbar sind, so wie deine Hufe stinken!“

Bill hob eine Braue, als er sah, wie Jan langsam brodelte. Der knallte das Bier auf den Tisch, achtet nicht einmal darauf, dass sein kostbares Bier aus dem Flaschenhals entfleuchte, sondern erhob sich, sein Stuhl kippte nach hinten und er griff sich Bill am Kragen, zog ihn auf Augenhöhe. „Pass mal auf, Schwuchtel, noch so ein Ding und deine Lippe hängt, klar?“ Dann tätschelte er Bill die Wange und schleuderte ihn wieder auf seinen Stuhl - in dem Raum herrschte Ruhe.

Bill grinste nur schief.

Nur weil er nicht, wie Jan, Geschichten über Weiber zum besten gab, von denen die Hälfte mindestens gelogen war und er selber nicht damit prahlte, mit wem er aus gewesen war, war er also gleich automatisch schwul? Was war das denn für eine bekloppte Logik? Bill war sowieso aufgefallen, dass der Hetero-Mann das Wort 'schwul' gern inflationär für alles mögliche benutzte und man staunte doch immer wieder, wie schwul plötzlich eine Hose, ein Auto oder ein Kumpel war, der keine Kohle rausrücken wollte.

Und dass Bill sich heimlich ins Bad schlich, wenn sein Mitbewohner Gerrit duschte, das hieß ja noch lange nicht, dass Bill schwul war, verdammt noch mal - er war so normal wie jeder andere auch. Gerrit sah eben gut aus und da guckte man gern mal hin, egal ob Mann oder Frau. Frauen beguckten sich ja auch untereinander, präsentierten sich nackt, diskutierten Problemzonen aus. Sie begrüßten sich in der Öffentlichkeit mit Küssen und es war völlig normal.

Also war es auch normal, einen schönen Mann zu würdigen - ohne schwul zu sein, wohl gemerkt.

„Pass ja auf, was du sagst, Wichser!“, zischte Jan immer noch, als er seinen Stuhl wieder aufhob und sich setzte. Auf seine Mutter war er gar nicht gut zu sprechen, das hatte Bill schon gemerkt. Noch weniger mochte Jan es, wenn er von einem dahergelaufenen Kerl verarscht wurde.

Das war sein Job!

Er verarschte hier die Leute, daran hatte der Bastard sich zu halten, ansonsten konnten sie noch ganz andere Seiten aufziehen, das würde der Spinner schon noch merken. Er funkelte Bill an, der auf seinem Stuhl hockte und sich an seiner Tasse festhielt. Dass der Kerl so grinste, machte Jan nur noch wütender. „Glotz nicht so, Schwuchtel!“

„Ja, glotz nicht so, Schwuchtel!“, ätzte Jörg hinterher, der wohl gerade den Fall seines Gottes miterlebt hatte und nun daran arbeitete, ihn wieder auf den Altar zu heben.

„Jörg, bewirb dich mal im Zoo, als Papagei“, riet Bill ungeniert. Jan hatte wenigstens noch Rückgrat. Jörg war einfach nur ein unerträglicher Schleimer, ein Typ ohne Wirbelsäule, der sich biegen konnte, ohne zu brechen. „Aber nee, lieber nicht. Papageien sind ja durchaus ansehnliche Vögel, im Gegensatz zu dir.“ Bill wusste aber auch nicht, wann Schluss war!

Als der Kerl mit den kurz geschorenen Haaren und der fragwürdigen Tätowierung im Genick schon aufgesprungen war, um diesem vorlauten Typ Replik mit seinen Fäusten zu liefern, drückte ihn eine Hand wieder auf seinen Stuhl zurück.

„Halt die Füße still, Kurzer!“, sagte ein Mann und die Gärtner sahen sich um. Blond, groß, nicht hässlich und mit einer Schürze, sicher der Kellner.

„Entweder vertragt ihr euch wieder und benehmt auch wie Menschen oder ihr lasst es, aber dann werdet ihr das nächste Mal vor der Tür angebunden, denn Tiere müssen draußen bleiben, klar?“, sagte er und sah dabei offen auf die Bierlache unter dem Tisch. „Adalbert, bring mal den Lappen!“, sagte er nur zu seinem kleinen Gehilfen und der nickte.

„Klar, Jez!“ Und schon war der Kleine, der hinter dem Kellner gestanden hatte, wieder in der Küche verschwunden.

„Es war eine gute Geste vom Chef, euch hier Quartier zu bieten, in den Pausen. Wenn ihr uns allerdings den Laden demoliert und die Gäste vergrault, fliegt ihr raus!“

„Was bist du denn für einer, Blondie“, knurrte Jan. Irgendwie war das heute gar nicht sein Tag und das förderte die Genesung seiner Laune nicht gerade. Mischte sich einfach ein, wenn er gerade diesem vorlauten Arsch eine Abreibung verpassen wollte.

„Ich bin derjenige, der darüber entscheidet, ob ihr eure Ärsche hier drinnen im Warmen belassen könnt oder draußen, bei minus fünfzehn Grad, an der Parkbank festfriert. Alles klar?“ Jez ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, er hatte schon andere als diesen Kerl hier klein gekriegt und die hatten schwarze Lederflügel, Hufe und einen pelzigen Schwanz gehabt, was Jan auch nicht gerade schlecht zu Gesicht stehen würde, denn verdient hätte der Teufel sich das.

Adalbert stellte Jan den Eimer und den Lappen hin, verschanzte ich aber erst wieder hinter Jez, ehe er rief. „Aufwischen!“ Kurz nur sah er zu Bill, der dies durchaus mit Amüsement betrachtete und dann wieder zu Jan, der gerade die Backen aufblies. „Warum ich?“

„Weil du es dreckig gemacht hast“, erklärte Adalbert, wurde von Jez aber wieder in die Küche geschickt, es war ihm hier einfach zu heikel. Er hatte eingreifen müssen, denn wenn Bill nun von diesem Primaten verprügelt worden wäre, dann wäre sein Plan für heute nicht aufgegangen und sein kleiner Elf hätte wieder keinen Stern bekommen. Das konnte Jezeriel doch nicht zulassen.

„Mach deinen Scheiß doch selber!“ Jan versuchte sein Gesicht zu wahren, doch Jez deutete nur auf die Tür. „Dort hat der Maurer das Loch gelassen!“ Seine Augen verschmälerten sich, als er Jan weiter im Blick behielt. Es hätte nicht viel gefehlt und er hätte seine Flügel erscheinen lassen, um sich den nötigen Respekt zu verschaffen.

Doch dann erhob sich Jan plötzlich und mit ihm sein Gefolge. Murrend machten sie sich daran, wieder raus in die Kälte zu kriechen, auch wenn die Pause noch eine Weile ging. „Du nicht, du bleibst noch!“, sagte Jez streng, als auch Bill sich erhob, um zu folgen.

Der sah den Kellner verwirrt an. „Warum!“

Doch Jez hielt ihn nur auf, wartete, bis die anderen gegangen waren, während Adalbert sich seufzend über die Bierlache her machte. Er hatte lange nicht so für einen Stern arbeiten müssen, aber Jezzys Idee schien aufgegangen zu sein. Sie hatten Bill gefunden.

„Was wollt ihr denn noch!“, wollte Bill wissen, er wusste nicht, was der Kerl von ihm wollte. Dass der Kellner Gerrit ähnlich sah, machte es nicht einfacher. Bill konnte dem Mann nicht ins Gesicht sehen.

„Ich wollte dir nur etwas geben, was die anderen nicht sehen müssen“, erklärte Jez gutmütig und drückte ihm einen Flyer in die Hand.

Bill verstand nicht, sah auf das Blatt. „Sag mal, spinnst du!?!“, zischte der Gärtner und schleuderte Jez wütend das Blatt vor die Füße. „Was soll ich mit einer Outing-Hotline. Ich bin nicht schwul, hast du das jetzt begriffen!“

Bill zitterte vor Wut.

Was bildete sich dieser Kerl ein? Doch der nächste Gedanke machte ihm noch mehr Angst - warum hatte der Kerl ihm das gegeben?

Sah er schwul aus?

Benahm er sich schwul?

Sah man es ihm etwa an?

Panik stieg auf, sein Puls raste. War er aufgeflogen? Er wich ein paar Schritte vor dem Kellner zurück, doch der lächelte nur, hob den Zettel wieder auf. „Bill, es ist okay. Gerrit ist ein hübscher Kerl. Dessen muss man sich doch nicht schämen.“

„Genau“, sagte auch Adalbert, der sich an seinen Engel kuschelte, um ohne Worte zu erklären, dass dieser Mann ihm gehörte und das auch nicht schlimm war, sondern schön. Doch Bill bemerkte diesen Versuch gar nicht, er versuchte nur zu verstehen, woher dieser Kellner von Gerrit wusste.

Keiner wusste von Gerrit!

Nicht einmal sein bester Freund Michael!

Keiner wusste von Gerrit!

Gerrit war ein Student, mit dem er sich eine teure Wohnung teilte, weil sie wunderschön, aber für einen alleine unerschwinglich war! Das war alles - mehr war da nicht! Verdammt noch mal.

Bill wurde unsicher - von Sekunde zu Sekunde mehr. Die Augen weiteten sich, der Puls hämmerte ungesund. Jez machte sich langsam Sorgen. Irgendwie ging sein Plan gerade nach hinten los und er musste grinsen, weil er irgendwie mit Adalbert selbst in dieser Beziehung perfekt zusammen passte. Sein kleiner Elf hatte auch immer die tollsten Ideen, die dann absoffen. Er reichte Bill nur noch einmal den Flyer und ließ seine Flügel erscheinen. Dabei zog er Adalbert in seine Arme und lachte, als der Mensch ihn mit offenem Mund anstarrte.

Das wirkte einfach immer.

„Versuch's einfach, Bill. Ruf dort an“, sagte Jez mit sanfter Stimme und schloss die Flügel um Adalbert. Dann verschwanden die beiden einfach und Bill stand allein in dem Raum. Hastig sah er sich um, er konnte nicht glauben, was eben passiert war. Das war für ihn eindeutig zu schnell gegangen. Den Zettel in seinen Händen versuchte er zu begreifen - hatte er wirklich gerade einen Engel gesehen? Das war doch Quatsch, Engel gab es nicht. Denn wenn es sie gäbe, wäre die Welt nicht zu einem solchen Moloch verkommen, die sie nun einmal war.

„Sag mal, Alter, kommst du bald mal?“ Fredel, einer seiner Kollegen war noch einmal zurückgekommen und sah den verwirrten Bill dort stehen, der hastig etwas in die Tasche steckte.

„Ja, komme!“, sagte er nur und verdrängte was passiert war. Das würde ihm sowieso keiner glauben, also dachte er sich flink eine Geschichte aus. Der Kellner hätte wissen wollen, ob sie sich immer so benahmen und ob das noch mal vorkommen würde. Dass der Kellner gar kein Kellner war, musste er ja nicht erzählen. Das gab nur blöde Fragen und die konnte Bill nicht gebrauchen.

Zum Glück musste er nicht mit Jan und seinem Gefolge von den Ein-Euro-Jobbern zusammen arbeiten, sondern war mit seinen Kollegen in einem Team, weil nun Gisbert die andere Truppe übernommen hatte. So machte auch das Arbeiten wieder Spaß, denn unter seinesgleichen, da fühlte sich Bill besser aufgehoben. Ihre Gesprächsthemen waren auch schlüpfrig, aber nicht so primitiv und unter der Gürtellinie. Jeder Mann mochte Sex, er mochte ihn haben, ihn sehen, darüber reden - nur das Niveau, auf dem es passierte, unterschied sie voneinander.

Als sie zur Mittagsstunde wieder in der Kneipe einkehrten, war der Kellner weg. Als sich Bill nach dem jungen Blonden erkundigte und nach dem kleinen Kerl, der bei ihm gewesen war, sah ihn die Bedienung hinter dem Tresen nur fragend an. Sie erklärte, an einen solch hübschen Kerl würde sie sich erinnern und Kinder arbeiteten hier nicht. Dann war sie fertig mit Bill, ließ ihn stehen und verteilte die Bestellungen an den Tischen. Bill zuckte die Schultern und strich sich durch die schwarzen Haare.

Weil ihm die Luft zu stickig wurde, ging er vor die Tür, um eine zu rauchen. Dann konnte ihm auch der Kopf wieder klar werden. Noch immer trug er den Zettel in seiner Hose und das Wissen darum brannte Bill fast ein Loch in die Jeans. Oft war er mit seinen Gedanken bei dem Zettel gewesen in den letzen Stunden, hatte versucht, sich die Konsequenzen dessen klar zu machen.

War er schwul, wenn er dort anrief?

War es ein Eingeständnis?

War es ein Zeichen von Schwäche?

Er hatte dem Unnatürlichen nichts entgegenzusetzen.

Er stand nicht auf Männer! Er hatte sich immer wieder beobachtet. Typen wie Jan stießen ihn geradezu ab, egal ob schwul oder nicht - mit dem wollte Bill definitiv nichts zu tun haben.

Er zog an seiner Zigarette und atmete tief durch. Die kalte Luft zusammen mit dem Rauch brannte in den Lungen, also machte Bill die Kippe wieder aus. Verschwendung, dachte er sich und grinste schief, als er sie im Ascher ausdrückte, doch rein ging er noch nicht.

Er hatte keinen Bock darauf, kollektiv zu verblöden, weil die Kerle da drinnen nicht einen einzigen schmerzfreien Hauptsatz zustande brachten, weil jeder Satz mit 'Boah ey' begann und mit 'Alter' endete. Das war einfach nicht sein Niveau. Es gab im Allgemeinen wenige Männer, von denen Bill gesagt hätte, sie besaßen die Grundzüge einer gepflegten Konversation.

Es war faszinierend. Wenn man den einen oder anderen allein erwischte, war er durchaus normal - warum unterlagen sie dann dem Herdentrieb der kollektiven Verdummung? Und warum waren die Dümmsten von ihnen immer die Rädelsführer?

Fragen über Fragen und keine Antworten und die kalte Luft schnitt in die Arme, denn Bill trug nur sein Shirt, weil die Wirtschaft gut geheizt gewesen war. Er strich sich kurz über die Arme und die Tätowierung auf der rechten Seite, dann beschloss er, doch lieber noch was zu essen, ehe es weiter ging.



+++



Zögerlich schob Bill den Schlüssel ins Schloss. Er hörte schon von hier, dass Gerrit unter der Dusche stand. Das Wasser rauschte und es lockte Bill. Wie an Fäden gezogen schloss er die Tür auf, machte keinen Laut, als er den Schlüssel wegsteckte, die Tür schloss und seine Schuhe in die Ecke stellte. Gerrit war ein ordentlicher Mensch und hatte sich Bill, von dem seine Mutter der Meinung war, aus dem würde nie ein Aufräumer, auch gut erzogen.

Die Tasche landete auf der Kommode im Flur, die Jacke an der Garderobe und nun stand er im Flur an die Tür gelehnt und hatte den unbändigen Drang, diese Tür zu öffnen, zu erklären dass er dringend mal musste oder was brauchte, um einen kurzen Blick auf den Duschvorhang zu erhaschen, der Gerrits Schatten immer so herrlich abbildete, weil auch in der Duschecke eine Lampe leuchtete. Es war eines der schönsten Bilder, die Bill sich nur vorstellen konnte, wenn Gerrit duschte. Wenn er den Kopf in den Nacken gelegt hatte, den Körper leicht entspannt und das Wasser prasselte auf die Haut.

Bill leckte sich über die Lippen. Das war krank, definitiv krank!

Zum Glück war er zu feige, um sich da noch durchringen zu können und als Bill sich endlich von der Wand abstieß und die Tür öffnete, war das Rauschen schon verstummt und Gerrit trocknete sich gerade ab. Mit einem hochroten Kopf knallte Bill die Tür wieder zu und hastete in sein Zimmer. Was hatte er sich denn nur dabei gedacht?

Und warum sah der Kerl auch in natura so gut aus? Das war doch nicht fair! Seit vier Monaten wohnten sie nun zusammen, weil Gerrit der Mitbewohner davongelaufen war und seit dem spielte auch Bills Hormonhaushalt wilde Sau, dessen buntes Treiben nun neues Futter und damit auch ein neues Level erreicht hatte.

Immer noch rot im Gesicht und mit wild schlagendem Herzen stand Bill an seinem Fenster und rang sichtlich nach Fassung. Da klopfte es auch schon und Gerrit steckte den Kopf rein. „Bad ist frei, kannst rein“, lachte er leise, nur ein Handtuch um die Hüften bot der Bills tobender Libido sowieso schon mehr Stoff als sie gebraucht hätte, um Rumba tanzend den Aufstand zu proben.

„Öhm… Ja okay, danke!“, stammelte Bill und Gerrit sah ihn fragend an.

„Alles klar mit dir?“

Bill zuckte zusammen. „Ja, warum nicht?“, wollte er wissen und kam langsam näher, weil er ja unbedingt ins Bad musste. Gerrit machte ihm die Tür frei.

„Na ja, wirkst etwas nervös. Neues Date?“, lachte er und rubbelte sich die blonden Haare trocken.

„Ja, so in der Art“, sagte Bill nur und verschwand im Bad. Er wusste, dass Gerrit gleich weg sein würde. Er ging immer gegen fünf in ein Callcenter, wo er neben der Uni jobbte, damit das Geld stimmte. Dann konnte Bill sich hier alleine austoben und sich mit dem Telefon unter der Decke verstecken, damit keiner sah, wie er dort bei der Hotline anrief. Er hatte beschlossen das zu tun, er hatte beschlossen, es hinter sich zu bringen. Vielleicht erfuhr er dort ja auch, dass er gar nicht schwul war und die Phase mit Gerrit vorbei ging, sobald Bill nur die richtige Frau fand? War doch alles im Bereich des Möglichen.

Bill zog die Tür hinter sich ins Schloss und setzte sich erst mal auf den Klodeckel. Zum Glück war er aus stabilem Holz und nicht aus simplem Plastik. Der hielt einiges aus.

Da saß er nun, philosophierte über seine Gesinnung auf einem Klo und wusste nicht, warum ihm das Bild des nackten Gerrit nicht mehr aus dem Kopf ging. Noch weniger begriff er, warum sein Körper so erfreut auf dieses Bild reagierte und sich freudestrahlend erhob. Das Leben war ungerecht.

Als es an der Tür klopfte, zuckte Bill zusammen. „Ja?“

„Ich wollte nur sagen, ich bin dann weg. Wird sicher spät. Musst nicht mit dem Essen auf mich warten!“ Dann klappte eine Tür und es war still. Bill hatte noch nicht einmal die Chance auf eine Antwort gehabt. Sicher hastete Gerrit vorher noch zu einem Date - eine Blondine und ein Kaffee zum Mitnehmen. Er knurrte. Warum war er nur so übellaunig, wenn er sich vorstellte, dass Gerrit sich mit einer Frau traf. Das war doch mehr als normal!

Lag es daran, weil er selber nicht normal war? Nein, das war ganz bestimmt nicht der Grund. Weil er sich nun nicht mehr verstecken musste, kam Bill aus dem Bad wieder raus. Die Hose spannte noch immer, doch es war einfach zu beschämend, sich wegen einem anderen Kerl zu erleichtern. Er würde seiner jubilierenden Libido dann einfach mit einem Eimer kalten Wasser zu Leibe rücken, dann würde sie schon merken, was sie davon hatte, ihn blamieren zu wollen. So eine miese, kleine, hinterhältige Libido.

Als er vor drei Wochen mit Sabine aus gewesen war, da hatte es Herr Libido vorgezogen schmollend in der Unterwäsche zu hocken und sich tot zu stellen, was Sabine ziemlich persönlich genommen hatte und heute, wo keiner nach ihr verlangt hatte, da tobte sie sich den Wolf - wegen einem Kerl. Bill konnte es sich nicht oft genug vor Augen führen und dann einen mittelschweren Kollaps bekommen. Auch nach einer Stunde, hatte er sich noch nicht wirklich abgehärtet, sondern haderte immer noch mit sich selber.

Mittlerweile hatte er das Telefon neben seinem Bett stehen, die Nummer der Hotline konnte er auswendig aufsagen und dreimal hatte er schon wieder aufgelegt, weil er nicht so recht wusste, was er sagen sollte. Lieber hatte er sich rund um sein Bett noch mit Kaffee, Wasser, ein paar Broten und Schokolade als Seelentröster eingedeckt. Nun saß er wieder auf dem Bett, die Beine im Schneidersitz gekreuzt und starrte die Tasten auf dem Telefonhandy an.

Sein Herz raste. Der Zettel in seiner Hand war neutral gehalten. Ein paar kurze Sätze, eine Telefonnummer. Kein großes Pampam. Dazu eine gebührenfreie Nummer, man konnte also davon ausgehen, dass es kein Schwindel war, auf den man herein fiel. Wieder tippte Bill die Nummer ein, weil er gleich nach seinem letzten Versuch mit diversen Anrufen auf ABs von Freunden oder seinem Handy dafür gesorgt hatte, dass die Anrufliste sauber war und nichts verriet, wo er versucht hatte anzurufen. Gerrit musste das nicht wissen! Das war ihm einfach zu peinlich. Vielleicht flog er dann aus der Wohnung, weil Gerrit mit ihm nichts mehr zu tun haben wollte.

Wieder atmete Bill tief durch. Er musste nur noch auf den grünen Knopf drücken, um zu wählen, doch das war gar nicht so leicht, wie man glauben wollte.

Doch Bill tat es und er hörte das Piepen des Wählvorganges, dann ein Freizeichen und sein Puls tourte noch etwas höher. Er hörte das Blut in seinen Ohren rauschen und sein Mund wurde trocken, er wollte gerade wieder auflegen, als am anderen Ende abgehoben wurde - nun war es zu spät.

>Hi, ich bin Kay von der Telefonseelsorge der Outing-line. Kann ich dir helfen?<

„Weiß ich nicht“, sagte Bill und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Weiß ich nicht!, ätzte er noch einmal in seinem Kopf. Wie das schon klang! Warum rief er denn dort an, wenn er es nicht wusste. Doch der junge Mann am anderen Ende hatte Geduld. Bill war nicht der erste, der sein Gespräch so begann.

>Wie ist denn dein Name?<

„Bi... B...“ Bill biss sich auf die Zunge. War er denn wahnsinnig? „Bernhard“, erklärte er also. „Ich heiße Bernhard“, bekräftigte er noch einmal.

>Hallo Bernhard, du weißt, wo du hier angerufen hast?< Die fremde Stimme klang weich und angenehm. Ob das eine Masche war?

„Ja, ich weiß es“, entgegnete Bill und hatte vor, sich nicht einlullen zu lassen. Er wollte nur hören, was hier so passierte, dann den Zettel wegwerfen und sich klar werden, dass er nicht schwul war.

>Und wie hast du zu uns gefunden?<, wollte Kay wissen und klang dabei interessiert, was Bill doch etwas stutzen ließ. Was sollte er darauf sagen? Die Wahrheit? Bill seufzte und versuchte es einfach, schlimmer als die Lügen der anderen Verzweifelten, die hier angerufen hatten, konnte es sicher auch nicht sein.

„Ein Engel hat mir... ja, ich weiß selber wie das klingt. Du musst jetzt nicht lachen. Ich weiß, dass es bescheuert klingt. Aber er gab mir den Zettel, breitete seine weißen Flügel aus und verschwand dann einfach...“ Plötzlich schlug Bill sich auf den Mund. Was erzählte er denn da? Was redete er für einen Scheiß!

Eine Weile herrschte Schweigen.

>Bernhard, bist du noch da?<, wollte Kay wissen und Bill knurrte nur.

„Du hältst mich jetzt bestimmt für bescheuert. Warum sage ich nicht einfach: ich bespanne meinen Mitbewohner unter der Dusche, weil er ein schöner Mann ist und das macht mich nervös. Denn so ist es ja nun mal… Aber ich trau mich nicht. Das ist doch abartig!“ Wieder schwieg Bill. Es war schwer, dies erst einmal in Worte zu fassen, sich selbst zu hören, wie er es sagte - mit seiner eigenen Stimme, mit seinen eigenen Worten. Und er konnte eines nicht leugnen: es klang definitiv abartig, den eigenen Mitbewohner unter der Dusche zu beobachten, ohne dass der arme Kerl das wusste. War das nicht schon strafbar? Voyeurismus oder so was?

>Bernhard, warum bist du so hart zu dir selber?<, wollte die Stimme wissen und Bill knurrte wieder.

„Was weiß ich. Es gehört sich eben nicht, anderen Kerlen nachzustarren. Verdammt noch mal, stell doch nicht solche Fragen.“ Er fühlte sich in die Enge gedrängt und reagierte wie jedes ängstliche Tier, er fing an zu beißen.

>Nur damit ich deinen Gedankengang richtig verstehe<, hakte der andere nach, >es ist nicht okay, Männer anzugucken?<

„Du willst mich falsch verstehen, kann das sein?“, brauste Bill auf und warf sich auf sein Bett, streckte die Beine aus. „Ich starre ihn an, wenn er duscht. Ich genieße seine Silhouette und ich kann nicht genug davon haben. Wenn ich heim komme und ich höre die Dusche, dann werd ich kribbelig. Ich habe den inneren Drang, dort rein zu gehen und ihn zu betrachten. Das ist krank, mein Lieber, da kannst du mir erzählen, was du willst.“

>Warum bist du dann eingezogen, wenn du so auf ihn reagierst?<, wollte Kay wissen, immer noch sehr ruhig und freundlich und mit offensichtlicher Neugier gespickt.

„Weil die Wohnung megageil ist, weil ich es mir leisten konnte und weil er einen ordentlichen Eindruck gemacht hatte. Meine alte WG war ein Zustand und als dort nach und nach mein Zeug verschwand, hatte ich die Nase voll.“

Schweigen am anderen Ende, nun war es an Bill nachzufragen, ob der Kerl überhaupt noch da war. Erst mit so was anfangen und verschwinden oder wie lief das hier?

>Ja, ich bin noch dran. Erinnerte mich nur gerade ein bisschen an mich selbst<, sagte Kay, schien sich aber wieder gefasst zu haben.

„Was, beobachtest du auch deinen Mitbewohner unter der Dusche, oder was?“, fragte Bill etwas verwirrt und der andere lachte leise ins Telefon.

>Ja, wenn du so willst.<

Jetzt war Bill doch etwas irritiert. „Echt jetzt? Hätte ich nicht gedacht. Ist er dein... Freund, nennt man das so?“

>Ja, das nennt man so und nein, er ist nicht mein Freund. Er ist nur eingezogen, als mein damaliger Verlobter ausgezogen ist. Die Bude war für mich alleine etwas zu teuer. Und er ist auch nicht gerade von schlechten Eltern, hübsches Gesicht, trainierter Körper. Aber wir sind ja hier, um über dich zu reden<, würgte Kay ab und Bill hob eine Braue.

„Na gut, reden wir eben wieder über mich. Aber ich habe, wie gesagt, nur hier angerufen, weil ich mir nicht sicher war.“ Bill wiegelte ab.

>Bist du dir jetzt sicherer?<, fragte Kay nach und Bill wusste darauf vorerst keine Antwort.

„Was weiß ich? Ich meine, vor drei Wochen war ich mit einer heißen Frau im Bett und es tat sich gar nichts und vorhin, da höre ich nur die Dusche und alles, was abstehen kann, erhebt sich. Zum Glück hat er es nicht gesehen und als würde das nicht reichen, da kam der Kerl noch nass und nackt mit dem kleinsten Handtuch, was wir haben, um die Hüften in mein Zimmer. Ich dachte ich sterbe, weil ich gleich platze“, sagte Bill und wunderte sich plötzlich, wie leicht ihm das über die Lippen kam. Vielleicht, weil er nun sehen musste, dass der Seelsorger auch nicht perfekt war. Auch in dessen Leben lief nicht alles glatt.

>Hat's dir gefallen?<

Bill lachte. „Na ich möchte dich mal sehen - Adonis nackt und feucht, das blonde Haar klebt am Hals, die blauen Augen, die einen so unschuldig angucken. Ich glaube, der Kerl merkt gar nicht, wie geil er eigentlich ist. Oder vielleicht doch. Der hat ja bestimmt eine Freundin“, überlegte Bill und merkte dabei gar nicht, dass seine Stimme härter wurde. Es war nicht beabsichtigt.

>Stört dich dieser Gedanke? Deine Stimme klang gerade so abwertend<, hakte Kay deswegen auch gleich nach und Bill zuckte hoch, griff sich Schokolade und saß nun wieder auf seinem Bett.

„Kay, es geht mich nichts an, was der Kerl hat und was er nicht hat.“ Bill klang zornig, denn Kay drängte ihn in eine Ecke, die Bill nicht gefiel. Er war nicht eifersüchtig auf Weiber, die er nicht mal kannte, wegen einem Kerl, den er gar nicht wollte, den er nur ein bisschen geil fand. Der Seelsorger sollte da ja nicht auf dumme Gedanken kommen.

>Keine Sorge, ich wollte dir nicht zu nahe treten, Bernhard. Ich wollte eigentlich nur wissen, ob du seine Freundin schon mal gesehen hast.<

Hä? Bill hob eine Braue. „Nein, habe ich nicht, aber was spielt das für eine Rolle“, erklärte er und begriff nicht, was diese Frage sollte.

>Und wie kommst du darauf, dass er eine hat?<

Bill knurrte wieder. Was stellte dieser Kerl denn für blöde Fragen? Griff Schwulsein das Hirn an oder was war hier los? „Du hast diesen Kerl nicht gesehen! Das Gesicht, der Körper, dazu gepflegt und angenehm und schlau, nicht wirklich arm. Wenn der Single ist, dann wüsste ich aber echt nicht warum!“, erklärte Bill. „Dem liegen die Weiber scharenweise zu Füßen. Zumindest erzählt er das immer, wenn er in der Uni war. Ich hab ihn mal dabei erwischt, wie er Unmengen von Telefonnummern im Mülleimer entsorgte. Petra, Maria, Michaela. Welcher normale Kerl entsorgt so was, wenn er nicht schon eine Freundin hat!“, wollte Bill wissen und war stolz auf seine unbestechliche Logik.

Kay kicherte am anderen Ende. >Ach so. Okay... <

So kam sich Bill doch etwas veralbert vor. „Was soll das heißen, hm?“, wollte er angriffslustig wissen. Ein kurzes Klicken in der Leitung, irgendwie klang es jetzt etwas anders, doch Kay schob es auf seine Mitarbeiter, die etwas Krach machen würden.

„Also, was soll das heißen?“

>Ich fand nur die Schlussfolgerung echt niedlich.<

„Niedlich? Spinnst du? Ich...“

>Okay, Bernhard, sprechen wir wieder über deinen Mitbewohner, der dich anmacht. Ich möchte jetzt eigentlich nur ganz ehrlich von dir wissen, ohne die ganzen Macho-Sprüche: hat er dir gefallen, fühlst du dich von ihm angezogen? Würdest du es dir vorstellen können, ihn anzufassen, von ihm angefasst zu werden?<

„Was stellst du für blöde Fragen, ich bin ein...“, brauste Bill auf, doch Kay fuhr ihm über den Mund.

>Bernhard, alles was ich wissen möchte: könntest du dir es vorstellen? Du musst nicht den Starken spielen.<

„Kerl, mach mich nicht krank!“, brüllte Bill. Dass er einfach auflegen konnte, wenn ihm so war, auf die Idee kam er gar erst nicht. Er wollte nicht, dass dieser Kerl von ihm so dachte.

„Ja klar, verdammt. Der Kerl ist lecker, er ist megageil und ja, verdammt. Ich habe mir durchaus schon vorgestellt, ihn zu küssen und unter mir in die Matratze zu drücken“, schrie Bill. Er war außer sich, das so klar erkennen zu müssen. Er war nicht nur ein bisschen verrückt nach Gerrits Silhouette im Duschvorhang, sondern er war nach diesem Kerl verrückt. Er musste ihn nur sehen, das reichte schon.

„Bist du nun zufrieden?“, fragte er resigniert leise und rollte sich auf seinem Bett zusammen.

Am anderen Ende war für eine Weile Ruhe, doch dann sagte Kay: >Bernhard, es geht nicht darum, ob ich zufrieden bin. Bist du zufrieden damit? Kannst du damit leben? Ist es für dich okay?<

„Wenn ich das nur wüsste. Einem Hetero hinterher zu hecheln, ist nicht fair. Echt nicht.“ Bill wirkte gebrochen. Die Erkenntnis, dass er Gerrit wohl doch anders sah, als er sich immer eingeredet hatte, drückte ihn zu Boden. „Ich werde ausziehen müssen. Ich halte das nicht mehr aus.“ Seine Stimme wurde immer leiser, denn der Kloß in seinem Hals drückte auf die Stimmbänder. Seine Worte klangen rau.

„Das wirst du lassen, Bernhard!“, hörte es Bill plötzlich vor der Tür seines Zimmers und ein wild keuchender Gerrit starrte ihn fassungslos an. „Wag es ja nicht und zieh aus, jetzt wo ich endlich weiß, dass du mich willst!“

Fassungslos sah Bill seinen Mitbewohner nur an. Er verstand kein Wort - er verstand nicht, was gerade passierte, er verstand nicht, wo Gerrit her kam und er verstand noch viel weniger, woher der das alles wusste. Bis er das Handy in der Hand des Mannes erkannte und es in seinem Hirn anfing zu rattern.

Die Augen wurden immer größer.

Er sah nur noch, wie Gerrit sein Handy in den Sessel warf, eine Jacke zu Boden ging, dann kniete er vor dem Bett und sah Bill einfach nur an. Er hatte es sich noch nie gestattet, weil er nicht wusste, wie der darauf reagieren würde. Gerrit drückte Bill an den Schultern in die Matratze.

„Sag nie wieder, dass du ausziehen willst. Sag mir lieber noch mal, wie heiß du mich findest und was du gern mit mir auf der Matratze machen möchtest!“, knurrte er rau und noch ehe sich Bill wehren konnte, spürte er die fremde Zunge in seinem Mund, wie sie erkundete, untersuchte, bettelte und doch auch forderte.

Schüchtern schob er seine Hände auf Gerrits Rücken. Der fühlte sich wirklich so gut an, wie er aussah und als auch der letzte Schalter gefallen war, wurde er mutiger. Gerrit hatte keine Freundin, Gerrit stand auf Jungs und Gerrit, der sich gern mal als Kay ausgab, stand auf seinen Mitbewohner.

Da lebten sie vier Monate aneinander vorbei!

Wie man sich doch in einem Mann täuschen konnte - und vor allem: wie man sich doch in sich selber täuschen konnte. Er musste Gerrit nur sehen, nur spüren, da rebellierte sein Körper und der Hormonhaushalt kam in Rotation. Das war der Wahnsinn! Er hätte sich nicht zu träumen gewagt, dass er das, was er suchte, bei einem Kerl finden würde!

Immer intensiver wurde der Kuss und erst ein leise gequietschtes „Meins!“, ließ sie sich von einander lösen und sich umsehen.

Da stand ein kleiner Elf, starrte mit einem breiten Grinsen auf einen leuchtenden Stern in seiner Hand und Bill sah den Engel an, der den Kleinen im Arm hielt. „Danke!“, sagte er nur, während Gerrit die Augen aufriss. Wo kamen die schrägen Vögel denn her? Doch da waren sie auch schon verschwunden.

„Ich hab doch gesagt, ein Engel hat mir den Flyer gegeben und gesagt, ich soll anrufen“, lachte Bill und küsste Gerrit wieder. Ausgehungert, denn er hatte ja nun weiß Gott lang genug darauf gewartet.

Vom Ausziehen wurde zwar noch gesprochen, aber das lag eher daran, dass Bill seine Versprechen wahr machen sollte, da störten die Klamotten auf dem begehrlichen Leib doch ungemein.