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Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

12.12.2006



What U C is what U get

„Boah, schon wieder ein Kellner! Lasst euch doch mal was anderes einfallen.“ Adalbert sah auf seine Aufgabe für heute und schlurfte in seinem Nachthemd ins Bad. Er war heute Morgen etwas spät dran, denn er hatte wieder die halbe Nacht mit Jez irgendwo gesessen und geredet und geschmust und sich einfach nur halten lasse. Nun musste er sich sputen, damit er nicht noch zu spät kam. Heute musste er sich wieder in einem Lokal herum treiben - hatte der hohe Rat nichts anderes auf Lager? Nun, Adalbert wollte sich nicht beschweren - das war immer noch besser und wärmer als sein Flug durch die Stadt, um der Maus und seinem Makler zu ihrem Glück zu verhelfen. Da saß er doch lieber trocken und zufrieden in einem warmen Lokal.

Also duschte er sich fix, zog sich an und war dann auch schon wieder mit den Koordinaten und einem Stück Kuchen vom Wochenende unterwegs.

Er kaute noch, als er in einem Büro wieder zu sich kam und sich erst einmal verwirrt umsah, denn hinter dem Schreibtisch saß ein fremder Mann, der nicht auf den Fotos gewesen war und sah Adalbert mit weit aufgerissenen Augen an. „Huch - Jez. Was machst du hier“, brachte der kleine Elf etwas irritiert hervor und kam langsam auf den Engel zu, der hier in Zivil saß und starrte auf den schwarzhaarigen Kerl hinter dem Schreibtisch. Was hatten sie hier verloren?

„Guten Morgen, Kleiner.“ Jez lächelte seinem Elfchen zu. „Ich habe mit Maik geredet, er ist von deiner Idee begeistert.“

Adalbert wirkte sichtlich verwirrt und sah den, der wohl Maik hieß, fragend an. „Ich hatte eine Idee?“

„Öhm… Ich dachte, du wolltest den Kellner auspreisen“, half Jez mal auf die Sprünge, auch wenn Adalbert davon noch gar nichts wissen konnte. Eigentlich war es auch Jez' Idee gewesen, doch das durfte der hohe Rat ja nicht wissen. Falls sie beobachtet wurden, musste immer noch der Schein gewahrt werden, dass Adalbert seine Sterne allein verdient hatte und Jez ihm nur assistiert hatte. Doch es war wohl noch früher Morgen, denn so schnell schaltete der Elf nicht.

„Kellner?“, fragte er nämlich ziemlich dümmlich.

„Adalbert, stell dich doch nicht blöd.“ Jez erhob sich und zog seinen Kleinen in die Arme. Nein, Adalbert war noch nicht wach. Jez musste dafür sorgen, dass der Kleine wieder früher ins Bett kam, denn er hatte noch nicht einmal die Hälfte seiner Aufträge rum. Einen Ausfall konnten sie sich nicht leisten. Der kleine Elf brauchte seinen Schlaf, egal wie gern Jez mit ihm zusammen war oder ihn einfach nur bei sich wusste.

„Ich stell mich nicht blöd, ich bin blöd...“, schmollte Adalbert und entlockte Maik ungewollt ein Grinsen. Der Kleine war ja herzig, mit seinen Stiefelchen und den Flügelchen - so sahen also Elfen aus? Schade, dass man sie so selten zu Gesicht bekam. Dabei waren sie doch niedlich. Mittlerweile wunderte ihn auch gar nichts mehr, denn seit fast einer Stunde redete ein Engel auf ihn ein, dass mit Steffen endlich was passieren müsse. Nicht dass Maik das nicht auch schon aufgefallen wäre, doch selber hatte er den jungen Mann zu nichts bewegt bekommen.

„Ach, kleiner Schatz, komm mal her.“ Jez knuddelte seinen Elfen wieder mild und der sah sich noch einmal um. „Und wo ist der, um den es geht?“, wollte Adalbert wissen und wand sich aus Jez’ Umarmung, hielt aber dessen Hände auf seinem Bauch verschränkt, als er sich gegen dessen Brust lehnte.

Maik grinste und deutete auf die Tür. „Der sitzt da draußen.“

Adalbert nickte und ließ sich noch mal ins Bild setzen, wie die beiden Männer übereingekommen waren.



+++



Wie jeden Morgen saß Steffen an seinem Schreibtisch über einem Berg von Kundenschreiben, die bearbeitet werden wollten. Anfragen, Beschwerden - alles landete erst einmal auf Steffens Tisch, denn er war der Sekretär in diesem Unternehmen. Eigentlich war Steffen gelernter Reisekaufmann, doch die Branche brach ein und er war seinen Job los, war mit seinen Büro-Fähigkeiten aber schnell bei einer Versicherung untergekommen, wo er sich nun um den Papierkrieg kümmerte. Denn Steffen war ein gemütlicher Mensch, es dauerte lange, bis man ihn wirklich aus seiner Ruhe bringen und ihm sein Lächeln aus dem Gesicht schlagen konnte. Er hatte von allen Angestellten die meiste Geduld und das wurde auch gern mal ausgenutzt. Vor allem, wenn es darum ging, die neuesten Klatsch- und Tratschgeschichten an den Mann zu bringen. Wenn sie sonst keiner hören wollte, musste Steffen sich die Ohren blutig quatschen lassen, weil er einfach nicht nein sagen konnte.

So wie heute. Kaum dass Steffen sich seinen Kaffee geholt hatte, lief ihm auch schon wieder Petra in die Arme, eine junge, hübsche Frau, die sich aber leider gerade nach vier Jahren Verlobung von ihrem Freund getrennt hatte, weil er vor der Hochzeit kalte Füße bekommen hatte und durchgebrannt war. Steffen seufzte leise, als er schon das schnelle Trippeln der Absätze auf dem Nadelfilz hören konnte und ergab sich mit einem sanften Lächeln in sein Schicksal. Lauerte die Frau irgendwo? Wartete sie, bis Steffen sich von seinem Platz erhob, nur um wieder jemandem zu erzählen, wie glücklich sie doch ohne Mann war? Doch wenn sie wirklich so glücklich war, warum wurde sie nicht müde, dies so hervorzuheben und zu betonen?

„Guten Morgen, Steffen!“, trällerte Petra also, als sie in den Pausenraum kam und sich ungünstig so hin stellte, dass Steffen nicht an ihr vorbei kam. „Ich muss dir erzählen, was mir gestern passiert ist!“, fing sie an und Steffen atmete tief durch.

„Petra, hast du mal auf meinen Tisch geguckt? Da liegen noch zwei Angebotsprüfungen für Neukunden, ich habe keine Zeit!“, versuchte er sich darin, streng zu sein und endlich einmal nein zu sagen, doch der Blick der traurigen Augen, gepaart mit diesem gekonnten Wimpernaufschlag, den Petra zur Perfektion getrieben hatte, ließ Steffen doch wieder weich werden. Er seufzte und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand, stellte den Kaffee auf der hohen Theke neben sich und steckte eine Hand in die Hosentasche seiner Anzughose, denn in diesem Büro herrschte Kleiderordnung. Das war hauptsächlich darin begründet, dass sie hier auch regen Kundenverkehr hatten und einen seriösen Eindruck machen sollten. Steffen störte das nicht, er trug gern Anzüge. Die standen ihm irgendwie besser als die legeren Sachen, fand er zumindest.

„Ach Steffen, du bist ein Schatz.“ Sie machte einen kleinen Seufzer, griff sich ihre Tasse und kam zu Steffen rüber, sah ihn mit einem gewinnenden Lächeln an und fing dann an.

„Also, ich hatte dir ja gestern erzählt, dass ich da jemanden kennen gelernt hatte. Der Richard, du weißt schon. Der aus dem Chat, der sich Hasipupsi nannte. Ich fand ja den Namen so klasse und deswegen hatte ich ihn angeschrieben und...“

Steffen schaltete aus. Das war typisch Petra. Sie konnte reden, ohne zu atmen, sicher trug sie Kiemen unter ihrer Bluse und außerdem kam sie nie auf den Punkt, wenn man sie nur nach der Uhrzeit fragte, was Steffen nur einmal getan und dann daraus gelernt hatte, denn man bekam erst mal die Uhr gezeigt, dann musste man sich anhören, wo sie die Uhr her hatte, sie brachte mindestens drei Geschichten über Uhren-Käufe und Uhren-Schenkungen durcheinander und weil man irgendwann die Nase voll hatte, ging man ohne die geforderte Information, aber mit einer Menge Datenmüll, der sinnlos abgeladen worden war.

Genau wie jetzt - Steffen hatte gestern schon ausführlich über Hasipupsi gehört, denn Hasipupsi hatte Petra, das Funnybunny, wie sie sich selber nannte - und auch das hatte Steffen schon ausführlich erklärt bekommen - zu einem Date geladen. Das war ja gestern das Ereignis schlechthin gewesen, denn Petra war nicht müde geworden, allen, die es wissen und vor allen Dingen denen, die es nicht wissen wollten, zu erzählen, dass ein angesehener Banker mit Geld und Prestige sie ausführen wollte.

Schon gestern hatte sich Steffen gefragt: warum genau treibt sich einer, der angeblich so toll ist, auf einer Single-Börse im Internet herum? Lernte der nicht auch auf anderem Wege genügend Frauen kennen? Frauen, die zu ihm passten?

„Steffen!“, hörte er es tadelnd und setzte seine Tasse, die er die ganze Zeit, ohne es zu merken, in der Hand gehalten hatte, wieder auf den Tisch und sah Petra an. „Du hörst mir gar nicht zu, dann muss ich es dir auch nicht erzählen!“

Anstatt seine Chance zu ergreifen und zu sagen: „Wunderbar, dann mach ich mich mal wieder an die Arbeit“, ergriff Steffen ein schlechtes Gewissen und er entschuldigte sich, etwas, was sein Arbeitskollege Maik ihm schon seit Jahren abzugewöhnen versuchte. Vergebens.

„Na gut, ich verzeihe dir!“, erklärte Petra gönnerhaft. Dabei wussten sie doch beide, wäre Steffen gegangen, wäre sie ihm heulend gefolgt, damit er ihr weiter zuhören würde. Ein Teufelskreis.

„Also, noch mal... ich hab dir ja gestern erzählt, dass ich Hasipupsi treffen wollte und der mich ganz groß in ein Restaurant führen wollte. Angeblich das Beste am Platz!“ Petra schnaubte. „Na ja, es war ja auch das Beste am Platze“, zischte sie, „die beste Pommesbude in der ganzen Straße! Von wegen Banker und Geld! So ein Klomann, der was fürs Bett sucht.“ Petra ereiferte sich und Steffen ärgerte sich gerade, warum er nicht der ausführlichen Schilderung gelauscht hatte. Endlich gab es mal eine Geschichte die amüsant und es wert gewesen war, gehört zu werden, weil Steffen sich dann in einer ruhigen Minute hätte darüber tot lachen können, da hörte er einfach nicht zu.

„Und dann hat er mich auch noch betatscht und versucht zu küssen. Ich kann dir sagen. Da hab ich voll meine Etikette fallen lassen und ihm da hin getreten, wo Männer ja angeblich denken. Der dürfte ziemliche Hirn-Schmerzen in der Leistengegend haben. So 'n Arsch, so ein Penner. Steffen!“ Und es kam wie es kommen musste, sie sank wieder gegen seine Brust. Das tat sie gern. „Warum will mich denn kein anständiger Mann. Warum!“, sagte sie leise und sah Steffen dann von unten her fragend an, als sie den Kopf drehte. „Bin ich denn so ein Drachen, dass die guten Männer mir davon laufen?“ Irgendwie guckte Petra gerade so, als erwartete sie eine Antwort. Steffen fühlte sich ziemlich in der Bredouille. Irgendwie passierte ihm das immer wieder. Was sollte er jetzt sagen? Er konnte sie nicht einfach von sich stoßen und gehen. Sie sah doch so traurig aus. Und er hatte ein viel zu gutes Herz.

„Ach Petra, es liegt bestimmt nicht an dir“, sagte er und versuchte das Gespräch neutral zu halten, doch zu spät bemerkte er, dass sie wohl nur auf eine solche Äußerung gewartet hatte. Sie schmiegte sich etwas dichter und ließ eine Hand über Steffens Brust wandern. „Ach wirklich? Du findest mich also nett?“, wollte sie wissen und lächelte wieder. Steffen schluckte. Wenn nicht ganz schnell was passierte, dann hatte er gleich ein Date, ohne dass er das wollte, mit einem Menschen, mit dem er nichts anfangen konnte.

„Sag schon, Steffen, findest du mich nett und attraktiv? Wäre ich die richtige Frau für dich?“

„Petra, hör auf zu flirten. Die Telefone sind nicht besetzt. Mach dass du an deinen Platz kommst!“, hörte man plötzlich Maiks feste Stimme, dann knallte eine Schranktür und er goss sich Tee ein. Maik war der einzige, der keinen Kaffee mochte und sich deswegen lieber Kannenweise Tee einflößte. Schädlich konnte das nicht sein, denn er war groß und athletisch, dazu ziemlich clever und außerdem Chef des Ladens. Deswegen war Petra auch so schnell aus der Küche raus und Steffen atmete tief durch. „Danke, Mann!“ Er öffnete den obersten Knopf seines Hemdes und versuchte erst mal wieder den Puls zu drosseln.

„Hab ich dir nicht Hunderte Male gesagt, du bist zu gut? Sag nein!“ Maik lehnte am Tisch und sah zu Steffen rüber. Maik war der einzige, der Steffens Geheimnis kannte, das war ein Zufall gewesen. Maik war bisexuell und um seine Frau, die er liebte, nicht mit einem Geliebten zu konfrontieren, ging er ab und an zu Callboys oder holte sich Gigolos. Leisten konnte sich Maik das, denn er hatte ein Vermögen mit Immobilien gemacht. In einer einschlägigen Kneipe waren sie sich dann begegnet, hatten sich erst ziemlich komisch angeguckt, doch dann lagen die Karten offen auf dem Tisch und seit dem hatten sie einen guten Draht zu einander, mehr aber auch nicht.

„Die Frau macht mich alle!“, sagte Steffen und leerte endlich seinen Kaffee, er war fast kalt.

„Steffen, mach die Augen auf und zieh die Notbremse. Die Frau will dich - wenn du verstehst, was ich meine!“, erklärte Maik und Steffen sah ihn mit großen Augen fragend an. „Ja, guck nicht so. Du hörst ihr zu, du zeigst Interesse. Sie begreift nicht, dass du nur höflich bist, sie will dich! So wie du da stehst.“

„Hör auf mit dem Mist, ich kann mit der doch gar nichts anfangen!“, knurrte Steffen. Der Gedanke behagte ihm gar nicht. Er hatte doch an etwas ganz anderem Interesse: Groß, langhaarig und ein Prachtstück von einem Kerl, ein Halb-Thai und so selbstsicher, dass schon ein einziger Blick von Chad Steffen prickelnde Schauer über den Rücken trieb. Was sollte er da mit einer kleinen, rothaarigen Frau?

„Aber sie mit dir um so mehr“, lachte Maik, als er die Panik im Gesicht seines Sekretärs sehen konnte. „Frauen stehen eben nun mal auf Männer, die zuhören können!“

„Na danke auch, Maik, du bist gerade wieder eine sehr große Hilfe!“, knurrte Steffen und begriff wohl langsam, wo ihn seine Gutmütigkeit hingebracht hatte.

„Immer wieder gern“, lachte Maik nur und leerte seinen Pott, goss sich nach und zwinkerte Steffen zu. „Na los. Schaffen wir noch was und zur Wiedergutmachung lade ich dich heute Nachmittag ins „What U C“ ein. Dann bekommst du deine Dosis Chad und kannst wieder deinen Träumen nachhängen, ohne dass Petra darinnen auftauchen wird!“

Steffen knurrte nur und grinste. Mit einer frisch gefüllten Tasse machte er sich wieder auf den Weg zu seinem Schreibtisch, war aber überzeugt davon, dass er Petra ab heute anders entgegen treten musste, wenn er nicht in drei Monaten ungewollt verheiratet und werdender Vater sein wollte.



Dann lag die Küche leer, nur unsichtbar lauerten dort ein Engel und sein kleiner Elf und versuchten zu verstehen, was eben passiert war. Hatte man Adalbert schon wieder einen Hetero aufs Auge gedrückt, der mit einem Mann verkuppelt werden sollte? Das war doch schon einmal schief gelaufen.

„Warten wir es ab“, sagte Jez nur und schlang die Arme fester um seinen kleinen Elfen. Er hatte sein Ziel und er würde es erreichen, koste es was es wollte! Noch einmal würde man ihm Adalbert nicht wegnehmen.



Wieder an seinem Schreibtisch machte sich Steffen über seinen Papierberg her, erstellte Antworten, führte Telefongespräche, um nachzuhaken und ein paar offene Fragen zu klären. Mittags aß er wie üblich seine Brote. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, abends warm zu essen. Sein Stoffwechsel kam damit ganz gut klar, ohne dass er zulegte und so war das doch eine preiswerte Alternative, denn Geld war bei Steffen immer so eine Sache. Es war jetzt nicht so, dass er zum Ende des Monats notorisch pleite war, aber Steffen liebte es zu reisen, meistens nicht so überlaufene Ziele, die einiges kosteten und darauf sparte er dann immer wo er nur konnte, sparte sich dies eben wortwörtlich vom Munde ab. Natürlich nur in dem Maße, dass es keine Engpässe gab. Er leistete sich auch Klamotten und leckeres Essen, Café oder Barbesuche, so war es ja nicht. Aber Ausgaben, die nicht nötig waren, vermied er eben gern.

Lieber träumte er davon, eines Tages mit seinem Freund zu reisen. Am liebsten mit dem leckeren Thai aus dem ’What U C is what U get’ - Chad war schon wirklich eine Sünde wert. Leider war er auch sehr gefragt bei seinen Kunden, von Männern wie von Frauen. Eigentlich wusste Steffen, außer dass Chad einen tollen Laden hatte, in dem man alles, was ausgepreist war, auch wirklich kaufen konnte - angefangen bei Möbeln und Pflanzen bis hin zu Dekorartikeln und natürlich Speisen und Getränken aller Art - gar nichts. Er wusste, dass Chad verdammt gut aussah, dass er ein halber Thai war und sein deutscher Vater mit seinen Genen dafür gesorgt hatte, dass Chad unglaublich groß geworden war. Doch dann hörte es auch schon auf.

Seit fast acht Monaten besuchte Steffen nun schon das Lokal, immer wieder mit Freunden oder allein, bestellte sich seinen Kaffee Elisabeth und genoss es einfach, den Inhaber zu beobachten, wie er servierte, flirtete, wie er lächelte und seine Geschäfte abschloss. Regelmäßig wechselte die Einrichtung, weil Kunden die Vorgängermodelle gekauft hatten und man wusste eigentlich nie, wie der Laden aussah, wenn man das nächste Mal hinkam. Es war ein Geheimtipp und deswegen immer brechend voll. Es war Glück, wenn man einen Platz bekam. Aber Steffen machte sich jedes Mal aufs Neue auf die Suche, denn allein Chad zu sehen, reichte ihm schon.

Nur wenn er abends allein in seinem Bett lag, die andere Hälfte kalt und leer war, da fragte er sich schon, wie lange ihm das Gucken noch genügen würde. Er wusste es nicht, er wusste nur, dass bald etwas passieren musste, wenn er nicht noch wahnsinnig werden wollte. Tag und Nacht dachte er nur noch an Chad. Steffen ging gar nicht mehr aus, andere Männer interessierten ihn gar nicht mehr. Maik hatte schon angeboten, ihn mal wieder mitzunehmen, doch Steffen wollte ja gar nicht - er hatte sich so krankhaft in seinem Ziel verbissen, dass es eigentlich schon einer Einbahnstraße glich. Wenn irgendwann herauskommen sollte, dass Chad in festen Händen war, egal ob bei einem Mann oder einer Frau, wäre das für Steffens kleine Illusion das bittere Aus und er würde vor den Trümmern seiner nicht gelebten Träume stehen. Steffen war nicht dumm, er wusste das nur zu gut, aber er betrog sich eben gern selbst mit einer Illusion.

Den ganzen Tag war er eigentlich immer nur mit den Gedanken bei Chad, nur für seine Arbeit schob er alle weg, doch kaum hatte er eine kleine Pause, wanderten seine Gedanken wieder. Was er heute wohl trug? Ob die Haare offen oder in einem losen Pferdeschwanz lagen? Ob er wieder die coole Brille trug? Oder den Anzug, mit dem er vor ein paar Wochen erschienen war und der Chad so verdammt gut gestanden hatte, dass Steffen vor lauter Starren der Kaffee umgefallen und auf die Hose gekleckert war.

Und als wäre das nicht schon peinlich genug gewesen, da war Chad auch noch heran geeilt, hatte Steffen gleich mit Tüchern und Lappen versorgt und war sich nicht zu schade gewesen, den Fleck auf der Hose eigenhändig zu bearbeiten, zu tupfen und zu drücken. Als wäre es gestern gewesen, erinnerte sich Steffen daran.

Wie nah Chad ihm gewesen war, wie er ihn angefasst hatte, wie er selber nicht den Mut gehabt hatte, ihn auch anzufassen, seine wohl einzige Gelegenheit hatte einfach so verstreichen lassen, weil er viel zu feige gewesen war. Heute konnte er die große Klappe haben, heute konnte er sagen; „Hätte ich doch“ - aber er hatte nicht und dem Augenblick gierte Steffen nun wie ein Bluthund danach.

Doch es half nichts, entweder passierte bald mal was oder er musste von sich aus einen Strich ziehen, denn sonst wurde er noch wahnsinnig.

„Steffen, Lust auf einen Kaffee?“, hörte er plötzlich Petra neben sich und Steffen blickte auf. „Ich habe zu tun, tut mir leid!“, erklärte er, doch Petra ließ nicht locker, schließlich hatte Maik ihr vorhin die Tour vermasselt. Sie wäre bestimmt an ihr Ziel gekommen, wäre der Typ nicht reingeplatzt.

„Dummerchen, ich meine doch nach der Arbeit. Ich lad dich ein, fürs Zuhören!“, erklärte sie gleich. „Na, wie wär's?“

Doch Steffen schüttelte nur den Kopf. „Ich bin schon verabredet, tut mir leid. Deswegen muss ich auch fertig werden, um pünktlich hier raus zu kommen!“ Wenn Steffen geglaubt hatte, dass er damit seine Ruhe erkauft hatte, dann arbeitete er noch nicht lange genug mit Petra zusammen, er hatte nur ihr Interesse herausgekitzelt.

„Ach, du bist verabredet? Wer ist es denn? Kenn ich sie?“ Neugierig setzte sie sich auf eine Ecke des Schreibtisches und grinste auf Steffen hinab, doch ihre Augen lächelten nicht. Sie witterte Konkurrenz, das gefiel ihr gar nicht.

„Falls du es genau wissen willst, Petra…“ Maik kam gerade aus seinem Zimmer und war auf dem Weg ins Archiv. Er suchte eine alte Akte. „Ich habe ihn auf einen Kaffee eingeladen, weil ich noch etwas gut bei ihm habe. Er hat mich letztens mit Heim genommen, als mir der Wagen verreckt ist. Sonst noch Fragen? Wenn nicht, dann mach dich bitte wieder an deine Arbeit, die macht sich nämlich nicht von allein.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, war Maik auch schon wieder weg und Steffen dankte ihm stumm dafür, dass er seine Fittiche über ihn ausgebreitet hatte.

„Ach so, mit dem Chef!“, ätzte Petra plötzlich und verschwand. Steffen sah ihr nach, doch er war auch irgendwo froh. Jetzt konnte er seine Schreiben zu Ende machen und in die Post geben, dann war er fertig und er hatte noch ein paar Augenblicke, bis auch Maik so weit war. Die nutzte Steffen einfach, um sich zurückzulehnen und seinem Tun ein paar Minuten vorauszueilen und sich schon mental in das Café zu setzen und auf Chad zu warten, bis er die Karte brachte.

„Na komm, Dreamboy!“, lachte Maik, als er dem dösenden Steffen auf die Schulter schlug und dann waren sie auch schon unterwegs. Einen Parkplatz vor dem Lokal fanden sie auch - wenn das nicht geradezu perfekt war? Außerdem war das Lokal fast leer. Nur ein blonder, junger Mann mit einem Jungen saß in einer Couchecke und sie unterhielten sich, sahen zu ihnen hinüber. Die anderen Tische waren noch leer. Perfekt.

Kaum dass Steffen die Jacke ausgezogen und an die Gardarobe gehängt hatte, da kam er auch schon. Chad. Steffens Knie wurden weich - er sah wieder umwerfend aus. Das hüftlange, schwarze Haar war mit einem Band zu einem losen Zopf gebunden, damit es nicht störte. Die Beine steckten in einer engen Hüfthose und dass das Shirt nicht bis auf den Bund der Hose reichte und man den Bauch hervorspitzen sehen konnte, war auch nicht gerade unattraktiv. Konnte dieser Gang nicht verboten werden? Konnte diese Hose nicht verboten werden? Die überließ ja wirklich gar nichts mehr der Fantasie! Sie zeigte alles.

Steffen schluckte hart und nickte nur, als Chad ihm zu lächelte und sich dann wieder hinter den Tresen schwang, um die Karten zu holen.

„Na, weiche Knie“, lachte Maik leise und suchte ihnen eine schöne Ecke mit Blick durch den ganzen Raum, so wie Steffen es mochte, weil er, wenn er hier war, sowieso nichts anderes tat, als den einen Kellner zu beobachten, egal wo er sich gerade aufhielt.

„Hör auf, halt die Klappe!“, zischte Steffen und spürte Röte in seinem Gesicht. Wenn Chad sie hörte, was sollte der den denken.

„Hallo!“, begrüßte der nun die beiden Neuankömmlinge und Maik grüßte zurück, während Steffen nur stammelte. Chad grinste, reichte ihm die Karte und ging. Erst da kamen Steffen ein paar grüßende Worte über die Lippen und er wäre am liebsten im Boden versunken. Was für ein Auftakt für einen beschissenen Tag. Was dachte Chad jetzt nur von ihm? Das war ja so peinlich.

„Mensch, Steffen! Jetzt reiß dich doch mal zusammen. Er ist auch nur ein Mensch, er kocht auch nur mit Wasser.“ Maik konnte sich das ja gar nicht mit angucken. Steffen war innerhalb von Sekunden zu einem Wrack mutiert. Er saß zusammengekauert auf seinem Stuhl, wagte kaum noch den Blick nach oben. So konnte das doch nicht weiter gehen. Doch er kam nicht dazu, noch etwas zu sagen, weil Chad wieder bei ihnen war. Ein Küchentuch als Schürze nachlässig in den sowieso viel zu tief sitzenden Bund geschoben, lächelte er auf seine Gäste hinab.

„Was darf's denn sein!“, wollte er wissen. Maik orderte einen Mandarinenblütentee, während Steffen wieder nur da saß und nicht wusste, was er sagen sollte. Irgendwie war die Luft raus. Da fragte Chad: „Das gleiche wie immer?“ Und Steffen blickte auf, nickte nur schief grinsend und der Thai wirkte sichtlich zufrieden.

„Er hat sich gemerkt, was ich mag!“, sagte Steffen leise und mit einem offenen Grinsen im Gesicht. Maik war kurz davor sich eine Hand vor den Kopf zu schlagen und mal gelassen zu fragen, wie alt sein Freund eigentlich war! „Na wenn du sonst keine anderen Sorgen hast? Du sagst ja nicht, was du willst. Was soll der Mist. Wir sind hier, damit endlich mal was passiert, aber so kann das doch nichts werden!“ Unauffällig ging sein Blick zu den beiden Blonden, drüben am Tisch. Sie hatten gesagt, sie könnten dafür sorgen, dass Steffen endlich bekam, was er wollte und dafür müsse Maik ihn nur hier her locken. Wann passierte denn endlich mal was?

In der Küche sah es auch nicht besser aus. „Chad!“, rief der Koch und stupste seinen Chef an. Auch Lawan war ein Thai, doch er arbeitete erst seit kurzem hier, denn weil das Café so gut ging, hatte Chad sich überlegt, auch abends warme, heimattypische Küche anzubieten. So hatten sich ihre Wege gekreuzt und irgendwie hatte sich schnell eine innige Verbundenheit auf mentaler Ebene eingestellt.

Im Gegensatz zu Chad war Lawan nicht schwul, sondern verheiratet, doch er verurteilte Chad für sein Anderssein nicht. Im Gegenteil bot er immer eine Schulter, wenn Chad mal wieder in sich zusammensackte. Warum suchte sich ein Paradiesvogel wie sein Chef auch so eine graue Maus im Anzug aus? Wartete er wirklich darauf, dass dieser Kerl einen Anfang tat und Chad auf den Kopf zu sagte, dass er etwas von ihm wollte? Der Kerl war doch nicht einmal in der Lage, alleine einen Kaffee zu bestellen! Selbst das musste der Kerl machen, mit dem dieser Steffen regelmäßig hier war. Vielleicht war das ja auch schon dessen Lover? Was sprach dagegen? Sie verstanden sich gut und waren oft zusammen hier. Entweder waren sie ein Paar oder gute Freunde und das zermarterte seinem Chef das Hirn. Jedes Mal, wenn er aus der Küche raus ging, war er voller Energie und dann bekam er die Frage, die ihm unter den Nägeln brannte, doch nicht über die Lippen.

„Was denn?“ Chad war gerade mit dem Kaffee für Steffen beschäftigt und hielt das Glas in seinen Händen. Als er es selbst bemerkte, grinste er schief. „Ich bin ganz schön erbärmlich, oder“, lachte er leise und griff sich die Tasse mit dem heißen Wasser und dem Teenetz, trug dann, mit einem perfekten Lächeln auf seinen enttäuschten Zügen, alles zum Tisch. „Bitteschön“, erklärte er mit angenehmer Stimme, die Steffen schon wieder vor Begeisterung die Nackenhaare aufstellte und wollte gerade die Karten greifen, da hielt Maik ihn zurück.

„Können wir auch etwas zu essen haben? Was von den Spezialitäten? Was schönes Scharfes?“, fragte er und Chad nickte überrascht. Die beiden gingen also nicht nur auf einen Kaffee wie Freunde, sie gingen zusammen essen. Es war ein Stich, doch er nickte lächelnd. „Natürlich gern. Haben sie gewählt oder möchten sie, dass Lawan, unser Koch, ihnen etwas empfiehlt?“, wollte der Thai wissen. Immer wieder lag sein Blick auf Steffen, doch der durchforstete nur die Karte, sah nicht ein einziges Mal nach oben, bis Maik ihm wütend in die Seite stach und Steffen hoch schoss.

„Wie wäre es, wenn sie uns etwas empfehlen?“, fragte Maik. Je länger Chad hier war, umso größer war die Wahrscheinlichkeit, dass Steffen auch endlich mal die Zähne auseinander bekam und sie vielleicht in ein kurzes Gespräch kamen. Der Kerl war ja schlimmer als eine Schildkröte, die man aus dem Panzer locken musste.

So begann Chad zu erklären, was sie momentan auf der Karte hatten, erklärte, was dies war, was das war, was scharf war und was nicht, denn Steffen rang sich zumindest den Satz ab, dass er nicht so scharf vertragen würde.

Man einigte sich auf 'Phat Kai Met Mamuang Himaphan' und 'Geang Jued Wunsen'. Als Chad sich abwendete, um zu gehen, fiel Maik etwas auf und er stieß Steffen an. „Da!“ Er deutete auf Chads Hintern und Steffen seufzte nur.

„Ich weiß selber, wie geil der aussieht, das musst du mir nicht noch zeigen.“

„Sag mal, hast du sie heute noch alle? Gesehen, was auf dem Hintern drauf klebt? Ein Preisschild. Und alles was ausgepreist ist, kann erworben werden!“, sagte Maik und zwinkerte, während der kleine Elf in seiner Ecke schon frech kicherte. Das war eine gute Idee von ihm gewesen, er war ja so froh darüber, dass die ihnen ganz alleine eingefallen war. Jez’ Kommentar, dass das kein Wunder wäre, weil er ja schon seit dem ersten Tag Erfahrung mit Menschenhandel hätte, hatte Adalbert schon etwas gekränkt, aber nichts, was ein paar Striche mit den weichen Schwingen und ein bisschen Knuddeln nicht wieder wettmachen konnten. Nun hatte der kleine Elf noch etwas in der Hand, was der Schlüssel zum Glück werden sollte.

Gespannt beobachtete er Steffen schon seit die beiden Männer das Lokal betreten hatten. Als er sah, wie nervös der junge Mann war, hatte Adalbert schon schwarzgesehen, doch Aufgeben kam nicht in Frage. Manche Vögel warfen ihre Jungen aus dem Nest, damit sie das Fliegen lernten und so etwas Ähnliches hatten sie mit Maik auch beschlossen. Wenn der Prophet nicht zum Berg ging, dann musste man den Berg eben zum Propheten schaffen. Wäre doch gelacht, wenn man zwei so hübsche Kerle nicht zusammenbringen könnte.

Adalberts Sorge, Steffen wäre kein Mann, der Männer mag, war schnell verflogen, nun saß er hibbelig auf seinem Stuhl. Er wollte Steffen doch endlich das Memory-Spiel geben!

„Ich soll ihn kaufen? Er verkauft sich?“, zischte Steffen ungläubig und schien sichtlich die Fassung zu verlieren. Was war denn Chad für einer? Was sollte das denn? Bot sich einfach so an. Doch Maik bremste. Irgendwie bekam Steffen heute aber auch alles in den falschen Hals, er war wie eine Mimose, die man anstupste und die dann in sich zusammenfiel, ohne Vorwarnung. Fast wie ein Soufflé.

„Steffen, wenn du nicht gleich wieder normal wirst, dann trete ich deinen süßen Arsch einmal um den Block, ist das klar!“ Maik kannte da ja gar nichts. Er hatte schon gemerkt, dass Steffen immer mal jemanden brauchte, der ihn auf den richtigen Weg zurück riss. Zwar guckte Steffen dann immer erst mal - so wie jetzt - wie ein geprügelter Hund, aber er war nicht dumm, er begriff es schnell.

„Verstehst du es immer noch nicht? Kannst du dich daran erinnern, dass er irgendwann mal ein Preisschild getragen hätte? Meinst du nicht, dass das ein Hinweis sein könnte? Eine Chance? Wie wäre es, du benutzt deinen Kopf mal, anstatt immer nur alles schwarz anzumalen?“

Steffen seufzte wieder und sah sich um. Das Cafe hatte sich gefüllt und mehr als nur sein Augenpaar wanderte dem Kellner hinterher. „Hast wohl recht, ehe ein anderer seine Chance nutzt“, sagte er leise, doch sein Herz fing wild an zu schlagen. Er sollte Chad ansprechen und dann auch noch... kaufen? Was, wenn er gar nicht von einem Mann gekauft werden wollte? Doch Steffen überlegte viel zu lange, denn da hatte schon eine der jungen Damen am Nebentisch das Preisschild erkannt und rief den Kellner zu sich. Steffen rutschte das Herz in die Hose und fassungslos sah er sich zu ihr um. Das triumphale Grinsen in ihrem Gesicht ging ihm bis ins Herz, stürzte weiter in den Magen. Alles zog sich zusammen. Wieder hatte er seine Chance verpasst.

Chad wirkte verwirrt, er konnte sich nicht daran erinnern, ausgepreist worden zu sein. Er sah an sich hinab, wand sich und erkannte auf einer der Hinterbacken den Aufkleber. Er lachte leise. Was sollte das denn? Wo kam der denn her? „Was steht denn drauf“, fragte er, weil er das beim besten Willen nicht lesen konnte. Besonders dicht zog die junge Frau, unter dem Gejohle der anderen am Tisch, den Kellner zu sich und las etwas irritiert. „Vier T-Rex, was bedeutet das?“, fragte sie etwas verwirrt und steckte das Portemonnaie wieder zurück. Was sollte das?

Chad lachte nur. Welcher Scherzkeks war das denn? „Tut mir leid, junge Frau, aber das weiß ich auch nicht. Wenn wir rauskriegen, wer mich ausgepreist hat, dann wissen wir auch, was er für mich haben will. Ich hoffe doch, dass ich nicht unter Ladenpreis weggehe!“, lachte er nur und ging wieder, denn Lawan hatte die Gerichte für Steffen und seine Begleitung fertig. Die wollte er gern selbst servieren, auch wenn er eigentlich einen Kellner hatte, der sich darum kümmerte. Er wollte noch nicht aufgeben.

Als er in der Küche verschwand, wollte er dann doch erst einmal von seinem Koch wissen, was er über das Verkaufen von Vorgesetzten dachte, doch Lawan hatte keinen Schimmer, auf was Chad eigentlich hinaus wollte.

„Auf das da!“ Chad drehte sich und präsentierte sein ausgepreistes Hinterteil und Lawan lachte.

„Wer will dich denn da loswerden?“

Sie wussten es beide nicht, doch sie wollten sich überraschen lassen, was noch passierte. Erst einmal brachte er den beiden jungen Männern das Essen und wünschten guten Appetit, dann hetzte er auch schon wieder zu einem anderen Tisch, der gesehen hatte, was da leckeres serviert wurde und das auch gern versuchen wollte.

„Vier T-Rex, was soll das denn heißen“, murmelte Steffen nur nachdenklich und stocherte durch sein Essen. Es roch herrlich und erst jetzt bemerkte er, dass er wirklich Hunger hatte. Gut zu wissen, dass man hier auch essen konnte. Wenn das so weiter ging, dann zog er hier noch ein und wurde nächstens mit dem Besen ausgekehrt, wenn der Laden schloss.

„Ich weiß nicht. Kannst ihn ja mal fragen.“ Maik machte sich da weniger Sorgen, er wusste, wer das war und was das heißen sollte und aß lieber zufrieden, sah die beiden Blonden nur an, als die an ihrem Tisch vorbei gingen und etwas liegen ließen, ohne es zu kommentieren. Adalbert und Jez hatten beschlossen, das Lokal zu verlassen und noch etwas um den Block zu gehen. Jetzt musste Steffen da alleine durch, hatte Jez gesagt und Adalbert folgte, zog sich seine Lederjacke fester und war mit dem Engel aus der Tür verschwunden, während Steffen etwas irritiert auf das Kindermemory starrte, das nun auf dem Tisch lag. Maik war da weniger zurückhaltend und griff sich die Kiste. Neugierig wühlte er darinnen herum und hatte ziemlich schnell gemerkt, dass es ein Dinosaurier-Memory-Spiel für Kinder ab drei war. Er grinste sichtlich zufrieden.

„Hier, solltest mal rein gucken!“, sagte er nur und schob Steffen die Schachtel hin, während er selbst seine Nudelsuppe schlürfte. Also, dem Koch musste er unbedingt ein Kompliment machen - der verstand sein Handwerk. Das angenehme Brennen auf der Zunge und im Rachen war geradezu perfekt. Anregend, aber nicht schmerzlich. Etwas träge ließ Steffen seine Gabel sinken und wühlte in der Kiste, suchte eine kleine Karte und wurde blass. Ein T-Rex. Das war definitiv ein T-Rex. „Das sind ja die...“, doch Maik hielt ihm den Mund zu, schüttelte nur den Kopf. Steffen verstand. Er vergaß gänzlich das Essen, wühlte nur noch in der Schachtel. Panisch und gehetzt. 4 T-Rex, er brauchte vier T-Rex. Schnell hatte er den zweiten, dann den dritten, der eine andere Farbe hatte. Zufrieden hamsterte er sie in seiner Hand und durchwühlte die ganzen Karten, doch... der vierte blieb verschwunden. „Hä?“

An Essen war gar nicht mehr zu denken. Mit zitternden Fingern und klopfendem Herzen suchte er nach der vierten Karte, fand sie schlussendlich unter dem Tisch, an dem die beiden Blonden gesessen hatten und strahlte Maik an, als er sich wieder setzte. Der verkniff sich lieber die Frage, was Steffen mit Chad machen würde, wenn er ihn gekauft hatte. Zu groß war das Risiko, dass er dann doch nicht wollte. Um Steffen gar nicht erst die Chance zu geben, zu überlegen, beorderte Maik gleich mal Chad zu sich.

„Hat's geschmeckt?“, wollte der wissen und Maik nickte, auch wenn Chad etwas deprimiert auf den noch fast vollen Teller von Steffen blickte. Der hibbelte nur auf seinem Stuhl herum, immer noch nicht bereit, etwa zu sagen. Also machte Maik das. „Das hier bitte einpacken, ich würde es gern mitnehmen und der junge Herr hier bekommt den Kellner!“, sagte er und Chad und Steffen liefen synchron rot an, weil sich das halbe Lokal zu ihnen herum drehte. Doch Maik nahm Steffen nur die Karten aus der Hand. Zusammen mit dem Geld legte er die vier T-Rex auf den Tisch. „Stimmt so!“

Einen langen Augenblick starrten sich Chad und Steffen nur an, doch dann grinste der Thai sichtlich zufrieden. Langsam ergab das hier alles einen Sinn, einen Sinn, der ihm sichtlich gefiel. Hatte Steffen ihn also auch ins Auge gefasst und war nicht in der Lage gewesen, alleine die Initiative zu ergreifen? War deswegen der schwarzhaarige Kerl mit gewesen? Chad grinste sichtlich zufrieden. „Okay, soll ich den Kellner auch einpacken?“, lachte er und Steffen wusste gar nicht, was er sagen sollte. Sein Puls hämmerte durch seinen Körper. Er hatte Chad gekauft!

Das musste er erst einmal verarbeiten.

Er hatte Chad gekauft!

Egal für wie lange es war, er gehörte jetzt erst einmal ihm.

Der zweite Kellner hatte sich um das Essen und die Rechung gekümmert, während Chad sich gerade die Schürze abband und von seinem Kollegen seine Jacke gereicht bekam. Maik stupste seinen Freund bloß lachend an. „Los, zieh dich an und nimm deinen Neuerwerb mit!“, sagte er, schubste Steffen von seinen Stuhl, so dass Chad ihn auffangen musste. Maik war da ja ziemlich schmerzfrei. Wenn er Steffen erst mal unter der Haube hatte, dann war mit dem vielleicht auch wieder mehr anzufangen und er war im Lokal etwas gesprächiger. Er lachte nur, als Steffen von Chad unter den neidischen Blicken der jungen Damen zur Gardarobe geleitet wurde, ihm in die Jacke geholfen wurde und dann waren sie durch die Tür.

„Und, was hast du jetzt mit deinem Neuerwerb vor?“, wollte Chad wissen, als sie schweigend ein Stück gegangen waren. Zwar hatte er nun die Gewissheit, dass er Steffen nicht ganz gleichgültig war, aber der war noch immer so schüchtern und zurückhaltend. Er würde das gern ändern, nur wie? Da blieb Steffen stehen, sein Puls hämmerte immer noch, doch er nahm all seinen Mut zusammen, reckte sich etwas, damit er Chads Lippen bequem erreichen konnte und küsste ihn. Mit Worten war er kein Akrobat, er konnte nicht sagen, was er fühlte oder was gerade in ihm tobte, zu vielschichtig war der Tag gewesen. Und er konnte immer noch nicht begreifen, was passiert war.

Chad - er stand vor ihm, er ließ sich küssen, ohne sich zu wehren. Es war wie ein Traum, ein wunderschöner, niemals enden dürfender Traum. Steffens Hände wurden mutiger und legten sich um Chads Hals. Er spürte das weiche, glatte Haar unter seinen Finger und begann damit zu spielen. „Liebe dich“, wisperte er fast atemlos und genoss die Schauer, als er die fremde Zunge an seiner spürte.

Wie ein Traum.

„Gut zu wissen“, lachte Chad leise, holte keuchend Luft und grinste Steffen an. „Schließlich hast du mir auch den Kopf verdreht, da ist das nur gerecht.“ Und wieder fanden sich ihre Lippen, er ließ Steffen gar nicht die Zeit, über die Worte nachzudenken. Schnell vergaßen sie alles um sich herum, selbst den kleinen Elf, der um sie herum flatterte und seinen Stern sicherte, bemerkten sie nicht. Doch Adalbert war zufrieden - sichtlich!

Er war seinem Ziel auch ein Stück näher, kuschelte sich an Jez und ließ den Abend einfach nur noch ausklingen.