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Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

13.12.2006



Vom Butler zum Leibwächter

In einen ziemlich verwühlten Bett lag ein ziemlich zufriedener Elf. In seiner Hand hatte er mal wieder die neuesten drei Sterne und wollte sie gar nicht mehr loslassen. Das ging ja seit ein paar Tagen wie das Brezelbacken. Und als würde das nicht reichen, da hatte Jez auch immer noch Zeit, mit seinem kleinen Elfen abends zu sitzen und zu reden, zu erzählen, zuzuhören oder sich einfach nur angenehm anzuschweigen, wenn man sich in die Augen sah. Der kleine Elf konnte gar nicht erklären, wie wahnsinnig das immer im Bauch kribbelte.

Manchmal musste er auch gestehen, dass sein Körperteil zwischen den Beinen, von dem er ja nun seit ein paar Tagen wusste, dass es ein Schwanz war, ab und an ziemlich seltsam reagierte. Doch laut Jez wäre das normal und er müsse es seinem Engel unbedingt sagen, wenn er eines Tages nicht mehr so auf ihn reagieren würde. Der Elf hatte nur nervös gekichert, weil er nicht verstand, aber er hatte sich irgendwie auch nicht getraut zu fragen. Er hatte das ungute Gefühl, dass es etwas Privates war, was man eigentlich nicht auf den Tisch bringen sollte.

Wie auch immer. Darüber wollte Adalbert nicht nachdenken. Es war ja nichts, was eine Dusche nicht beseitigen konnte. Seine Finger hatten das ja bis heute immer ganz gut hinbekommen. Und das bisschen konnte er schon über sich ergehen lassen, wenn er dafür in Jez' Nähe sein konnte.

Adalbert drehte sich auf die andere Seite und legte die Sterne wieder zu den anderen - acht hatte er nun schon. Acht kleine Sterne. Schöne, blinkende Sterne. Er war so stolz auf sich selber. Anfangs hatte es ja gar nicht so ausgesehen, als würde das noch was werden. Immer wieder Niederlagen, immer wieder Rückschläge. Aber er gab noch nicht auf.

Lieber erhob er sich. Langsam hatte sich der kleine Elf daran gewöhnt, dass seine Tage früh begannen. So war es auch heute nicht verwunderlich, dass er schon geduscht und angezogen war, als sein Auftrag kam. Er überflog die Instruktionen - ein verzogener Schnösel und sein Butler? Das sollte gut gehen? Er hatte doch mit Alec und Jack schon die Erfahrung gemacht, dass der Stand nicht übersprungen werden konnte. Adalbert seufzte.

Irgendwie hatte er für den Tag kein gutes Gefühl, noch weniger, als er sich auf dem Flur vor einem Klassenraum wieder fand. Schon wieder Schule?

„Herr... von Thalheim!“ Die Stimme von Frau Schneider, der Physik-Lehrerin klang dünn und geradezu fassungslos, als der junge Mann mit den weißen Haaren sich einfach erhob und erklärte, dass er keinen Bock hätte, sich länger diesen Scheiß anzuhören und wofür diese Frau denn ihr Geld bekäme.

„Was!?“, wollte Alexander wissen und packte sein Buch wieder ein. Es war - wie zu erwarten - kein Lehrbuch, sondern ein Roman über einen geisteskranken Massenmörder, der entschieden mehr Spannung aufkommen ließ, als das halbherzige Predigen von Formeln und Ableitungen an der Tafel dort vorn.

„Herr von Thalheim, sie können doch nicht einfach gehen. Der Unterricht ist noch nicht beendet!“, erklärte sie, doch sie hatte keine Handhabe. Es wagte keiner, den jungen Mann zurecht zu weisen oder gar zu tadeln, denn nicht genug dessen, dass er unerhört dreist reagierte und freche Antworten gab, seiner Familie gehörte die Schule und keiner von ihnen wollte sich ausdenken, was passierte, wenn man den Spross der Thalheims ärgerte. So hatte Alexander in dieser Schule Narrenfreiheit und die nutzte er auch aus.

Doch schlimmer als die Lehrer traf es den Leibdiener des jungen Adligen. Der hatte nicht nur die Launen, sondern auch die Dummheiten seines Herrn auszuhalten. Der Einfachheit halber besuchte Johan die gleiche Schule. Er war ein groß gewachsener, junger Mann mit einem lässigen, aber korrektem Kurzhaarschnitt. Er kam immer im Anzug, erledigte alle Aufgaben zur vollsten Zufriedenheit des Lehrkörpers und man merkte ihm an, dass er vor Jahren eine Butler-Schule durchlaufen hatte. Seine Aussprache und sein Auftreten waren geradezu perfekt, deswegen wurde er auch gern als Vorbild für andere herangezogen.

Das allein störte Alexander nicht. Was ihn störte, war Johans Erfolg bei den Damen - in und außerhalb der Schule. Täglich fanden sich Zettelchen in seinem Spind, die Johan regelmäßig unauffällig entsorgte. Er hatte auch dazu gelernt, denn sein junger Herr hatte sich monatelang einen Spaß daraus gemacht, ihn aufzuziehen, ihn in peinliche Situationen zu bringen oder gar in seinem Namen den Damen zu antworten, dass Johan dann die Schäden beseitigen musste, während Alexander es vorgezogen hatte, sich königlich darüber zu amüsieren.

Es gab so vieles, was Alexander an seinem Diener aufregte, er konnte es gar nicht alles aufzählen. Es begann damit, dass er größer war und älter und besser aussah. Es ging damit weiter, dass er im Kampfsport erfolgreich war, dass dieser Sport seinen Körper geradezu perfekt proportioniert hatte und es ging weiter damit, dass Johan ihm schon mehr als einmal die Haut gerettet hatte. Schlicht und ergreifend, weil es seine Pflicht als Leibdiener war, doch Alexander hatte das alles andere als lustig empfunden.

Eine Horde von Klassenkammeraden, die mal wieder auf Krawall aus gewesen waren, waren ihm und Johan bis zum Wagen gefolgt. Gerade, als Alexander hatte einsteigen wollen, hatte ihn einer zurückgerissen und noch ehe die Faust das hübsche Gesicht des jungen Herrn hätte treffen können, ging der Angreifer nach einem gezielten Tritt von Johan zu Boden. Doch Alexander war seinem Leibdiener alles andere als dankbar gewesen, denn seit dem wurde er nur noch aufgezogen, wurde verarscht und wenn Alexander und sein aufgeblasenes Ego eine Sache nicht verkraften konnten, dann waren es verbale Angriffe auf seine Person.

Mit diesem Tag war sein Frust auf Johan noch gewachsen, wuchs nun fast täglich, denn es verging kein Tag, an dem er nicht von irgendjemandem hörte, wie toll Johan war und was für ein unerzogener Bengel er war. Seine Freundin Tessa und sein Vater bildeten da keine Ausnahme. Jeden Tag aufs Neue, immer wieder. Es war ihm schon mehr als einmal passiert, dass junge Damen sich nur von ihm hatten abschleppen lassen, um in Johans Nähe zu kommen, um mit auf das Anwesen genommen zu werden, wo sie darauf hofften, ihn einmal halb nackt oder noch besser erleben zu können.

Doch Johan war korrekt wie immer. Er trug seine Anzüge und wirkte selbst spät in der Nacht noch wie aus dem Ei gepellt. Alexander ging das so auf den Nerv, dass es ein Sport geworden war, Johan zu demütigen. Wo er nur konnte, wie er nur konnte. Kaum war ihm eine neue Idee gekommen, da setzte er sie auch schon in die Tat um.

„Herr von Thalheim, sie werden sich jetzt wieder hinsetzen und mir zuhören!“

Alexander lachte nur leise. „Lady, das werde ich nicht. Ich habe besseres vor!“, erklärte er nur und war dann auch schon aus der Tür raus. Seine ersten Streiche gegen Johan waren von kindischer Natur gewesen. Sahne in den Schuhen, Hundedreck in der Tasche, ein Zettel auf dem Rücken. Er selbst hatte sich sichtlich amüsiert, doch er hatte nicht das Feedback dafür bekommen, das er erwartet hatte. Die Mädchen stuften ihn runter und die Jungs wagten sich nicht, ihm zu sagen, was sie davon hielten. Aber Alexander spürte es deutlich.

Dann hatte er angefangen, Johan zu beobachten, den Feind zu studieren, seine Schwächen zu finden. Das war die Zeit, in der er das doppelte Spiel mit den Damen auf Johans Kosten gespielt hatte, sich jedes Mal amüsierte, wenn Johan geschlagen wurde, beleidigt, denunziert. Doch irgendwann hatte auch das keinen Erfolg mehr, weil man dahinter gekommen war, dass Alexander seine Finger im Spiel hatte.

Nun war sein neuestes Hobby, sich in Gefahr zu bringen und dafür zu sorgen, dass Johan die Prügel dafür bekam - ein sehr befriedigendes Hobby, wenn Alexander ehrlich sein sollte. Er selbst musste den Ärger nur anzetteln, den Rest erledigten dann seine Gegner. Es war wie ein Rausch, wenn er Johan bluten sah, wenn er so litt, wie Alexander litt. Jede einzelne Zurückweisung von den Frauen, jede einzelne Standpauke von seinem Vater. Jedes Mal, wenn er wieder hinter Johan, seinem dusligen Butler, zurückgetreten war, jede einzelne Minute.

Es tat so gut!

Johan am Boden - er konnte ihm von oben ins Gesicht sehen. Das Gefühl von Macht war in diesen Momenten unaussprechlich.

Alexander grinste. Johan dürfte sich freuen. Sein Schützling hatte sich gestern mit einem Spross des Mafia-Clans angelegt, der sich heute ’high noon’ mit ihm messen wollte. Mann gegen Mann - was in ihren Kreisen so viel bedeutete wie: deine Leute gegen meine Leute, was wiederum bedeutete: fünf Mafia-Bodyguards gegen den schönen, intelligenten, wichtigen und unvergleichlichen Johan.

Alexander pfiff sich zufrieden eins und schlenderte zum Sportplatz rüber. Sein Leibdiener stellte dort nämlich gerade seinen Luxuskörper in knappen Sportklamotten zur Schau. Es war so abartig! Musste man sich so präsentieren? Und dann die Weiber, reihenweise lungerten sie am Zaun. Die Höschen so weit in den Schritt gezogen wie es nur ging, damit man auch ja alles sah. Die T-Shirts schön eng. Widerlich, wenn einer Alexander gefragt hätte. Hatte zum Glück aber keiner.

An einer leeren Stelle am Zaun ließ sich auch Alexander dagegen sinken und beobachtete Johan einen kurzen Augenblick, wie er anlief, wie sich die Muskeln spannten und die Beine wie Sprungfedern, die den athletischen Körper über den Sand der Weitsprunganlage katapultierten.

„Ah. Er ist so geil. Der dürfte mich aber auch anspringen!“, kicherte eines der Mädchen, dann kreischte sie Johans Namen und winkte ihm heftig zu. Wut wuchs in Alexander, er wusste nicht einmal warum. Er war einfach nur wütend auf alles und jeden, vor allem aber als Johan ihn ansah und die Augen weitete.

„Junger Herr, wo wollt ihr hin. Euer Unterricht ist doch noch gar nicht vorbei!“ Mit kräftigen Schritten kam er auf den Zaun zu gelaufen, ignorierte die jungen Damen, die ihn gern zu einem Date überreden wollten und war mit einem Satz über den Zaun und vor Alexander. „Sie können doch nicht einfach gehen.“

„Bist du blind? Du siehst doch, dass ich das kann. Ich habe eben noch was Besseres vor, als dir hier zuzugucken, wie du den Schlampen deinen Körper vorführst. Am besten fickst du die alle mal durch und ich treffe mich mit dem kleinen Suzuki!“ Das wollte Alexander dann erst mal wirken lassen, denn der Name war Programm. Jeder kannte Suzuki, dafür hatte der kleine Halb-Japaner schon gesorgt. Man sah es in Johans Augen, dass er ganz genau wusste, von wem sie beide hier redeten. „Junger Herr, das muss ich euch eindringlich verbieten. Euer Vater wäre...“

„Hey, Jo, siehst du Dad hier irgendwo?“, fragte Alexander und lungerte am Zaun, sah dabei immer wieder an Johan auf und ab. Irgendwas hatte der junge Mann an sich, was Alexanders Blick immer wieder anzog. Er konnte nur noch nicht sagen, was es war. „Also, was Daddy nicht weiß, macht Daddy nicht heiß und der Jo wird ein lieber Jo sein und die Schnauze halten, ist das klar?“ Er tätschelte Johan mit zusammengekniffenen Zähnen die Wange und wand sich dann ab.

„Ich werde sie begleiten, dies ist meine Aufgabe!“ Johan war nicht davon abzubringen. Er konnte Alexander doch nicht allein gehen lassen. Der Junge war ihm lieb und teuer, nicht nur weil es seine Job war und sein Leben an dem des jungen Herrn hing, sondern auch, weil sein Herz an ihm hing, schon seit vielen Jahren. Was hätte Johan darum gegeben, wenn Alexander das auch endlich entdeckt hätte.

Wenn er begriffen hätte, wie er seinen jungen Herrn ansah, wenn er begriffen hätte, dass seinem Diener all diese Frauen egal waren. Dass er die Zettelchen und Briefchen deswegen entsorgte, weil er kein Interesse hatte und nicht, wie Alexander einmal vermutet hatte, aus Rücksicht, weil Alexander keine abkriegen würde.

Dabei hätte Johan doch alles aufgegeben für nur einen einzigen Blick von Alexander. Ein Blick, nicht verklärt von Hass und Neid, ein Blick voll Liebe und Zuneigung.

Die Folgezeit war für Johan die Hölle gewesen - jeden Tag eine andere Frau an der Seite des jungen Herrn und Alexander hatte es auch noch sichtlich genossen. Irgendwann hatte Johan eingesehen, dass er nie mehr als der Diener sein würde und hatte sich in sein Schicksal gefügt. Es musste ihm genügen.

„Tu, was du nicht lassen kannst!“, grinste Alexander nur und musterte Johan, der sich nur seine Sportjacke vom Zaun fischte und dann seinem jungen Herrn folgte. Johan wusste sehr wohl, was ihn erwarten würde. Er wusste, was Alexanders Ausflug zu bedeuten hatte und was es für Johan bedeutete. Er stellte sich schon auf den Schmerz und die Blessuren ein. Zum Glück hatte er Mittel und Medikamente, die die Heilung beschleunigten.

Als sich die Übergriffe auf Alexander gehäuft hatten, war er, als es gar nicht mehr ging, doch zum Arzt gegangen und der hatte ihm das eine oder andere verschrieben. Hauptsächlich Salben. Außerdem konnte er in seinen Anzügen auch das eine oder andere verstecken. Zum Glück war es dem Herrn noch nicht aufgefallen, was regelmäßig passierte. Alexander hatte es auch vorgezogen, seinem Vater nichts von den Übergriffen zu erzählen. Johan wäre seinen Job los, wenn eines Tages rauskommen würde, dass er nicht in der Lage war, solcherart Situationen zu unterbinden und zu vermeiden.

Schweigend gingen sie nebeneinander her und Alexander hätte aus der Haut fahren mögen. Hätte sich dieser Idiot nicht einmal was anziehen können? Nein, da präsentierte er seine muskelbepackten Beine in sportlichen Hotpants. Was wollte er damit sagen? Hallo, ich bin Johan Chiaras und der größte Stecher unter der Sonne? Alexander knurrte. Alle starrten auf sie, jeder bewunderte immer nur Johan. Was vielleicht auch daran lag, dass er noch ein ganzes Stück größer war als Alexander. Nun hatte der sich schon die Haare weiß gefärbt und sich ein Tattoo in Form eines Tribals unter das Auge machen lassen, doch die Blicke landeten immer nur auf Johan - Johan - Johan! Das war doch zum aus der Haut fahren.

„Du wirst heute dein blaues Wunder erleben“, murmelte er nur leise, nur für sich allein, doch Johan hatte es gehört und es war wie ein Stich ins Herz. Irgendwie hatte er das ungute Gefühl, als würde er am Scheideweg stehen. Egal was heute auch passierte, es würde sein Leben verändern.

Schweigend liefen sie nebeneinander her, bemerkten nicht den kleinen Elfen, der zusammen mit Jezeriel auch gar kein gutes Gefühl hatte. Die Harmonie zwischen den beiden stimmte ja so gar nicht. Sie erinnerten ein bisschen an Alec und Jack, doch das hier war schlimmer. Adalbert konnte es spüren. Er umklammerte die Hand seines Freundes fester und folgte Alexander und seinem Diener.

„Na, wen haben wir denn da!“, hörte man plötzlich die Stimme von Suzuki. Der gekünstelte Akzent war lächerlich, denn Suzuki war in Deutschland aufgewachsen. Bis auf ein paar Vokabeln verstand er seine eigene Muttersprache nicht, kam sich aber wichtig dabei vor, sich den Akzent anzueignen. „Das kleine Großmaul, das nicht müde wurde zu behaupten, er hätte mehr auf dem Kasten als ich.“

Schnell waren Alexander und Johan von fünf Kerlen umzingelt. Das sah nicht gut aus. Johan visierte sie an. Mit zweien, mit dreien würde er fertig werden, doch das waren zu viele. Sie waren bewaffnet mit Baseballschlägern. Es waren zu viele. Die konnte er nicht schaffen. Warum hatte sich Alexander nur in eine solche Situation gebracht? Hasste er ihn denn so sehr, dass er sich selbst in Gefahr brachte, nur um Johan leiden zu sehen? Nur ein kurzer, trauriger Blick auf Alexander, doch der reagierte nicht. Der hatte gerade mit der Tatsache zu kämpfen, dass dies hier nicht lief, wie er das erwartet hatte. Er sollte doch hier rausgehalten werden. Was spielte Suzuki für ein Spiel?

Der hockte nur auf seinem Zaun und betrachtete dies alles aus einer sehr angenehmen Perspektive. „Jetzt zeig mal, was du auf dem Kasten hast!“, brüllte der junge Mann und sprang nun doch zu ihnen auf den Boden. Seine Männer hatten Alexander und Johan an den Zaun gedrängt und so war es Suzuki ein leichtes, direkt vor Alexander zu landen und ihm die Faust ins Gesicht zu rammen, doch Johan war schneller und hielt sie fest. Damit hatte Suzuki nicht gerechnet und er guckte den großen Kerl hasserfüllt an. Er hatte ihm gerade die Show gestohlen. „Faltet die Ratten zusammen!“, brüllte er noch, dann überließ er die Drecksarbeiten seinen Männern. Er machte sich keine Gedanken darüber, was passierte, wenn sein Vater erfuhr, für was er dessen Angestellte benutzte. Das war ihm egal - so lange er nur als Sieger vom Platz ging.

Der kleine Elf riss die Augen auf, als der erste Schlag auf Alexander losging, doch Johan zerrte den Jungen hinter seinen Rücken, drückte ihn an das Gitter des Zaunes und wehrte die Schläge so gut es ging mit Armen und Füßen ab. Jez hielt dem Elfen die Augen zog, zog ihn an sich und wandte sich selber ab, doch er durfte nicht in den Lauf der Geschichte eingreifen. Er hatte gesehen, wie wichtig dieser Kampf und auch das Ende für Alexander waren. Es war nicht nur die Aufgabe der Elfen Paare zu verbinden, sondern die Menschen glücklich zu machen. Ohne den Verlust von Johan würde Alexander nie begreifen, warum er so gegen den Mann kämpfte.

So sehr der Anblick schmerzte, so hart es war, zuzulassen, wie die fünf Typen Johan zusammenprügelten, es musste sein. Leise redete er auf den Elfen ein, hielt dessen Gesicht hart an seine Brust gedrückt und redete unermüdlich, damit er den Krach vom Schlachtfeld - anders konnte man es nicht bezeichnen - überdeckte.

Immer wieder holten die Angreifer aus, immer wieder gelang es Johan die Schläge so gut es ging mit Drehungen und geschicktem Taktieren abzuwenden, doch er sah die Gier in den Augen seiner Gegner, die Gier nach Blut, die Gier, den Gegner am Boden zu sehen - sinnlose Aggression, geschürt durch ein einziges Wort.

Dank seines Trainings war Johan schnell und kräftig, er konnte Alexander hinter seinem Körper schützen, doch der ungleiche Kampf zehrte ihn schnell aus. Irgendwann verlor Johan das Gleichgewicht und einer der Angreifer nutzte seine Chance. Der Leibdiener sackte in sich zusammen und blieb, am Kopf getroffen, bewusstlos liegen. Seine Arme und Beine waren von Platzwunden gezeichnet, der Kopf nicht minder. Er blutete und seine Atmung war flach.

Alexander war blass.

Nun stand er den Kerlen allein gegenüber - zu seinen Füßen der leblose Körper seines Schattens. Die Kerle grinsten ihn an, schlugen die Knüppel immer wieder auffordernd in die eigenen Hände. Nun stand niemand mehr zwischen ihnen und ihrem Ziel.

Was hatte er nur getan?

„Aufhören!“, brüllte er wie am Spieß. Dass er selber auch nicht besser aussah, dass er sich einen Fuß verstaucht und ein paar Schläge auf die Arme abbekommen hatte, schob er beiseite, auch den reißenden Schmerz in seinem Rücken und das Hämmern seines Schädels. Alles war unwichtig geworden. In seinen Armen lag Johan und das Leben floss aus ihm heraus. Pulsierend und rot. Schluck für Schluck. „Aufhören, ihr bringt ihn ja um!“

Ob es Alexanders Wut war oder ein anderer Grund, die Männer ließen von dem leblosen Körper ab und machten, dass sie davon kamen. Langsam setzte der Schnee ein und Alexander drückte nur noch den leblosen Körper an sich, hielt ihn fest. „Johan. Mach die Augen auf!“, wimmerte er immer wieder, als hätte ihm etwas den Hals zugeschnürt. Seine Stimme war rau, als er den Namen seines Dieners rief. Wieder und immer wieder, doch Johan regte sich nicht mehr.

Hastig zog Alexander seine Jacke aus, wickelte sie um den auskühlenden Körper und zerrte das Handy aus seiner Hosentasche. Ein Arzt musste her! Johan durfte nicht sterben - schon gar nicht wegen ihm!

„Hallo?“, wimmerte er ins Telefon und schämte sich nicht einmal seiner Tränen. Die Angst und die Panik hielten ihn mit ihren eisigen Fingern fest umschlungen. „Ich brauche einen Krankenwagen in dem Park am Stadtrand. Wir sind überfallen worden und mein... mein... Johan regt sich nicht mehr. Er blutet fürchterlich und er hat die meisten Schläge abbekommen!“, erklärte Alexander, doch er wurde immer wieder von Schluchzern unterbrochen.

Sein Kopf war plötzlich so leer und doch hatte er das Gefühl, hunderttausend Gedanken fuhren Achterbahn darinnen, sausten immer wieder an seinem inneren Auge vorbei. Er hatte jede einzelne Szene noch vor Augen. Die ersten Schläge, Johans Keuchen, wenn sie ihn ungünstig trafen, weil er nicht nur sich selbst, sondern auch Alexander schützen musste.

Was hatte er nur getan?

„Du Idiot!“, schrie der Junge plötzlich und wartete gar nicht mehr darauf, dass die Frau am anderen Ende noch was sagte. Sie wusste, wo er wartete, so legte er das Handy einfach achtlos beiseite und zog Johan wieder auf seinem Schoß zurecht. Der Schnee war intensiver geworden. Große, nasse Flocken fielen und begannen damit, auf dem kalten Boden das Blut abzudecken, gerade so, als wolle es das grausame Verbrechen verbergen, was eben geschehen war. „Du dummer, dämlicher, bescheuerter Idiotentrottel. Warum bist du mitgekommen? Musst du dich eigentlich immer einmischen?“ Fahrig wischte sich Alexander die Tränen weg, beschmierte sich dabei mit dem Blut, was er an seinen Händen hatte.

„Kannst du dich nicht um deinen eigenen Kram kümmern?“ Langsam bekam Alexander Panik. Wenn er schwieg, hörte er Johan nicht atmen. Er konnte den Puls nicht spüren. Johan gab keinen Laut von sich. Also redete Alexander, um sich selbst etwas zu beruhigen. Johan war nicht tot! Er war nur fix und alle!

Als Minuten später der Rettungswagen endlich kam, hatte Alexander das Gefühl, er hätte Jahre hier verbracht. Die feine Schicht Schnee auf dem leblosen Körper wischte er immer wieder weg, damit der schmelzende Schnee ihm nicht noch zusätzlich Wärme entzog.

„Verdammt, was ist denn hier passiert!“, wollte einer der Sanitäter wissen und nahm Alexander zur Seite, während sich die anderen um Johan kümmerten.

„Die Schweine, sie haben Johan umgebracht!“, wimmerte er immer wieder. Langsam ließ der Schock nach und die eigenen Schmerzen kamen deutlicher an die Oberfläche seines Bewusstseins. Es war schwer zu laufen, sein Arm hing nur herunter, weil jede Bewegung weh tat und so war er der nächste, der versorgt wurde. Neben Johans Kopf auf der Bahre wurde Alexander auf einen ausklappbaren Sitz gedrückt und nun musste er erzählen, was passiert war. Doch er konnte es kaum. Nur noch Wortfetzen verließen seinen Geist und immer wieder streckte er seinen Arm nach Johan aus. Was war mit ihm. „Sie haben ihn einfach tot gehauen!“

„He, ganz ruhig, Kleiner. Keiner ist tot, keiner wird sterben. Dein Freund kommt wieder auf die Beine. Sollen wir jemanden anrufen?“ So gut es ging nahm einer der Sanitäter die Personalien der Jungen auf und als sie endlich, nach Stunden - wie es Alexander schien, das Krankenhaus erreicht hatten, da trennten sich ihre Wege. Er wurde in einen Rollstuhl gesetzt, während Johan umgebettet und sofort in einen OP gefahren wurde. Weg von Alexander, der noch immer Tränen auf den Wangen hatte. Seine Schmerzen fühlte er kaum noch, er hatte starke Mittel gespritzt bekommen. Doch das Bild, wie sich die Türen zum OP-Bereich hinter Johan schlossen, brannte sich in seinem Kopf ein.

„Bitte nicht sterben, bitte nicht!“, wimmerte er leise und krümmte sich in seinem Stuhl zusammen. Die folgenden Behandlungen und Untersuchungen ließ er teilnahmslos über sich ergehen. Antwortete, wenn er gefragt wurde, doch mit seinen Gedanken war er immer nur im OP, war bei Johan, der für den Taugenichts sein Leben riskiert hatte. Alles nur, weil Alexander so ein schlechter Verlierer war.

Die Bilder des Nachmittags zogen an ihm vorbei - der Weitsprung, die Muskeln, die Sorge in den dunklen Augen, als Johan erfuhr, was Alexander schon wieder vorhatte. Wie der Wind das Haar gezaust hatte, wie Johan ihn begleitet hatte, wie er ihn beschützt hatte.

Und völlig konträr zu diesen schönen, anregenden Bildern das ganze Blut, das entstellte Gesicht, die verschobenen Glieder. Jetzt lag Johan da irgendwo und wurde wieder zusammengeflickt, nur weil Alexander von Thalheim so ein rachsüchtiges Arschloch war.

„Wo ist mein Sohn!“, hörte er plötzlich die Stimme seines Vaters am Empfang, sichtlich nicht erbaut darüber, dass man ihm noch keine befriedigende Antwort geben konnte. Alexander stöhnte leise. Das hatte ihm jetzt auch noch gefehlt. Sonst ließ sich sein Vater nicht blicken, aber wenn er störte, wenn man ihn echt nicht gebrauchen konnte, dann war er da.

Mit ein paar Pflastern und Verbänden mehr wurde Alexander also zu seinem Vater auf den Flur geschoben und der sah seinen Jungen erst ungläubig an, doch dann ging er erleichtert vor ihm in die Knie und zog ihn vorsichtig in seine Arme. „Was machst du nur für Sachen!“

„Dad... Jo!“, flüsterte Alexander nur. Sein ganzer Körper zitterte. Nun war Johan schon so lange im OP und nichts war zu hören. Keiner kam mal raus und sagte wie es um den jungen Mann stand. „Er… Sie haben ihn furchtbar verprügelt. Er sah aus, als wäre er tot, er...“ Alexander wurde immer lauter, aufgebracht versagte ihm seine Stimme fast den Dienst.

„Sch“, machte Gunnar nur und strich seinem Jungen vorsichtig durch die Haare. „Was ist mit Johan!?“, wandte er sich an eine der Schwestern und die erklärte kurz die Lage. Alexander aber war gar nicht in der Lage zuzuhören. Er malte sich in seinem Kopf schon die schrecklichsten Dinge aus. Immer größer wurde die Panik und seine Körper war nur noch ein einziges Beben. „Jo!“

„Der junge Mann hat Glück im Unglück gehabt. Nur ein Arm ist angebrochen, der Rest sieht schlimmer aus, als es ist. Die großen Platzwunden wurden genäht, die Prellungen und Quetschungen behandelt. Aber er wird eine Woche mindestens hier bleiben müssen. Wir sind noch nicht sicher, in wie weit innere Organe in Mitleidenschaft gezogen wurden.“

Gunnar von Thalheim nickte nur. Warum hatte es nur so weit kommen müssen. Er hätte Johans Bitte um Entlassung nachgeben sollen, er hätte dem jungen Mann nicht im Weg stehen dürfen. Zwar war er sein Angestellter, doch er war immer noch ein Mensch mit einem eigenen Willen, ein guter Mensch, der jetzt halb totgeschlagen wurde. Nein, er musste die Papiere fertig machen, Johan seinen Willen geben und alle Unterstützung, die er brauchte, um ein eigenes Leben aufbauen zu können.

Alexander aber brauchte ausgebildete Personenschützer. So konnte das nicht weiter gehen.

„Und was passiert mit Alexander?“, wollte er wissen. Sein Sohn saß noch immer völlig teilnahmslos in dem Rollstuhl. Die Verbände an seinem zierlichen Körper klagten an, auch wenn sich Gunnar noch nicht sicher war, was genau passiert war. Er musste mit Alexander reden, wenn er endlich wieder zugänglich war. Im Augenblick schaukelte er nur sich selbst und wimmerte immer wieder Johans Namen und dass er das nicht gewollt hätte.

„Der Herr von Thalheim wird auch ein paar Tage hier bleiben müssen. Die Verbände müssen noch regelmäßig gewechselt werden und ein paar der Schmerzmittel dürfen nur von Ärzten verabreicht werden. Ich würde die beiden Herren dann oben in ein Zimmer legen.“

Die beiden Blonden, die einfach nur auf den Plastikstühlen hockten und dem ganzen fassungslos zusahen, bemerkte keiner von ihnen. Es war nicht ungewöhnlich, dass Angehörige hier saßen und warteten. Adalbert stand der Schock noch immer ins Gesicht geschrieben. All die Gewalt, das Blut und das Gejohle. Wie konnten Menschen nur so sein? Warum schlugen sie auf einen anderen ein und freuten sich noch darüber?

War das Leben nicht wertvoll?

Was waren das nur für Lebewesen, die zum Spaß einen ihresgleichen töteten? Und so was sollte er glücklich machen? Immer größer wurden seine Zweifel. Er kam aus einer Welt, in der es so was nicht gab. Keinen Zwist, keine Zwietracht, keine Gewalt. Es überforderte ihn, das erleben zu müssen. In den letzten zwei Wochen hatte er in die Abgründe der Menschheit gesehen, hatte mit ansehen müssen, was der Mensch den Menschen antat und er war sich einfach nicht mehr sicher, ob er dieser Rasse wirklich noch dienen und helfen wollte.

Doch keiner seiner schweren Gedanken kam über Adalberts Lippen, so konnte Jez davon auch nichts wissen, sondern seinen kleinen Freund nur halten und an sich drücken, ihm immer wieder beruhigend durch die Haare streichen und darauf warten, dass noch etwas passierte, was Adalbert seinen Glauben zurück gab. Doch er wusste bereits, wie der Tag endete und er wusste auch, wie wichtig dieses Ende für das Leben der beiden jungen Männer war. Nein, das war heute wirklich kein schöner Tag.

„Ach Jez“, murmelte Adalbert nur und kuschelte sich dichter. Er brauchte diese Nähe jetzt einfach.

„Jo, nein!“, riss Alexanders Stimme ihn wieder hoch. Der Junge wurde gerade in seinem Rollstuhl zum Fahrstuhl geschoben, doch er weigerte sich. Er wollte warten, bis Johan endlich aus dem OP kam! Er wollte ihn sehen, zu ihm gehen, ihm sagen, wie leid ihm das alles tat. Sein Herz klopfte wild, die Angst um Johan wurde greifbarer, je bewusster ihm die Bilder wieder vor die Augen kamen. Wie er in dem Rettungswagen gelegen hatte, diese Maske auf dem blutverschmierten Gesicht. Die schönen Augen hinter den geschlossenen Lidern.

„Jo, ich will zu Jo. Ich will nicht weg!“

„Alexander, beherrsche dich!“, rief Gunnar seinen Sohn zur Vernunft, doch das hatte nicht viel Sinn. Alexander weigerte sich, griff in die Speichen des Rollstuhls, dass die Schwester stehen bleiben musste, wenn sie ihm nicht die Hände verletzen wollte. Alexander war stur, das kannte Gunnar schon.

„Junge, hier bist du keine Hilfe. Wir warten oben auf Johan. Sie bringen ihn in das gleiche Zimmer wie dich“, versuchte er an seinen aufgebrachten Sohn zu appellieren. Er brauchte doch Ruhe. Er war selber ja auch ganz schön zugerichtet worden, auch wenn Alexander das in diesem Augenblick noch nicht so bewusst war. „Komm schon, Kleiner. Wir warten oben, hm?“

Er hatte sich wieder zu Alexander runter gebeugt und strich ihm durch die weißen Haare. Das Gesicht war wieder tränenfeucht. Mittlerweile hatte sich Gunnar an die Haarfarbe und die Tätowierung unter dem Auge gewöhnt. So schlecht sah es gar nicht aus, auch wenn es im ersten Augenblick ein Schock gewesen war.

„Wirklich?“, fragte Alexander nur leise. Er fühlte sich schlapp. Plötzlich floss all seine Energie aus ihm heraus und er ließ sich einfach nur noch schieben. Weg von der Tür zum OP-Bereich, weg von Johan, ohne zu wissen, wie es um ihn stand.

Man legte ihn in ein großes, frisch bezogenes Bett und zog ihm die Kleider aus. Ehe er das Nachthemd anziehen konnte, wusch er sich noch den gröbsten Dreck vom Körper, doch es war anstrengend. Endlich lag er in seinem Bett, die Augen geschlossen, aber den Blick trotzdem gen Decke gerichtet.

„Hör mal, Alexander. Ich habe etwas beschlossen“, begann Gunnar. „Ich werde dir einen anderen Leibwächter zuteilen. Ab heute wird Johan das nicht mehr übernehmen. Sobald er genesen ist, wird er ausziehen und mit meiner finanziellen Unterstützung sein eigenes Leben aufbauen. Er ist für diesen harten Beruf wohl nicht geschaffen.“

„Spinnst du?“, Alexander schoss hoch und sank zischend wieder in die Kissen. Dieserart Bewegungen nahm ihm sein Körper wirklich übel. „Er hat mir das Leben gerettet“, brachte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Schmerzmittel waren auch nicht mehr das, was sie mal gewesen waren.

„Aber seines ist fast zerstört. Das kann ich nicht zulassen. Du bekommst einen Profi“, hielt Gunnar dagegen.

„Dad.“ Alexander sah seinen Vater fassungslos an. Er konnte doch nicht einfach entscheiden, dass Johan ging. Er konnte ihm den jungen Mann doch nicht einfach wegnehmen, wie einem unartigen Kind seinen Teddybär. So lief das nicht.

„Hör mal, Alexander. Er ist Butler, kein Leibwächter. Du hast selber gesehen, dass ihr beide nicht sicher seid.“ Gunnar wusste selber, dass Alexander für Logik nicht zugänglich war, schon gar nicht, wenn er stur auf seinem Standpunkt beharrte. „Keine Widerworte, das ist allein meine Entscheidung und Johans. Er hat bereits vor ein paar Wochen um seine Versetzung gebeten.“

Alexander wurde blass. Man sah seinem Gesicht deutlich an, dass er seinen trügerischen Ohren gerade nicht glauben wollte. „Johan hat bitte... was?“, flüsterte er fast tonlos. Er konnte es nicht glauben.

Er wollte weg?

Weg von ihm?

Warum hatte er ihm nicht ein einziges Wort gesagt? Verdammt? Sie gehörten zusammen, er war sein Butler. Er konnte nicht einfach so gehen, wie es ihm gerade passte. Er hatte doch einen Job. Er hatte sich um Alexander zu kümmern.

„Nein, Dad. Bitte lass das nicht zu. Ich brauche ihn, Dad, du kannst das nicht zulassen.“ Alles in Alexanders Kopf fing an sich zu drehen - schneller und schneller und schneller. War das alles eine Lüge gewesen? Dass Johan auf ihn aufpassen würde? Dass er immer für ihn da wäre? War das alles gelogen?

„Alex, er ist unser Angestellter, es steht ihm frei, zu entscheiden, wo er arbeiten möchte und wo nicht. Er hat mir nicht gesagt, warum er gehen möchte. Er sprach nur von unüberbrückbaren Differenzen zwischen euch und ich dachte, ich tue dir damit auch einen Gefallen“, gestand Gunnar etwas verwirrt. „Was ist passiert?“

„N-Nichts!“, stammelte Alexander nur. Differenzen? Wegen den bekloppten Weibern, war es das? Weil Alexander ihm diese Streiche gespielt hatte und nun keine Frau mehr mit ihm ausgehen wollte? War dies das Problem? Er biss sich auf die Unterlippe. Das war nicht fair. Johan hätte doch erst mal ihm etwas sagen können. Warum hatte er das nicht getan?

Weil man seinem Herrn nicht widersprach!, erklärte er sich gerade selber das Problem und schüttelte resigniert den Kopf. Was hatte er nur getan? Zu welchen Albernheiten und Niederträchtigkeiten hatte er sich hinreißen lassen? Jetzt bezahlte er den Preis dafür. Sein Herz schmerzte. Er begriff nicht warum, doch in seiner Brust krallte sich etwas zusammen und riss das umliegende Gewebe mit sich. Ein Ziehen ging durch seinen ganzen Körper, anders als der Schmerz der Schlägerei.

Gunnar sah seinen Sohn nur undeutbar an. Was ging in ihm vor? Doch er musste gehen, er wollte noch einmal nach Johan sehen und später wiederkommen, wenn der Termin, den er kurzfristig nicht hatte verschieben können, nicht zu lange dauerte. „Junge, schlaf dich aus. Wir reden später noch einmal über alles.“ Er strich Alexander über die Haare und lächelte ihn aufmunternd an, doch Alexander starrte nur noch an die Decke. Er musste begreifen, was er gehört hatte, musste begreifen, dass Johan ihn belogen hatte.

Er konnte ihn nicht leiden - er wollte weg.

Die Tür öffnete sich, schloss sich wieder - dann herrschte Ruhe. Alexander wusste nicht wie lange, doch dann wurde ein zweites Bett in den Raum geschoben und darinnen lag Johan. Er schlief noch immer, war bandagiert, Pflaster deckten das nötigste ab. Die Blessuren entstellten ihn ziemlich. Lange starrte er seinen Butler einfach nur an. So viele Emotionen spülten durch seinen Körper. Wut, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit.

Langsam setzte er sich auf, starrte Johan dabei immer weiter an, doch der junge Mann bewegte sich nicht. Vorsichtig erhob sich Alexander. Der verstauchte Fuß tat weh bei jedem Schritt, doch dann ließ er sich behutsam auf Johans Bett sinken, sah weiter auf das geschwollene Gesicht hinab.

Das hatte er ihm angetan - er ganz allein war daran schuld. In seiner rasenden Eifersucht auf diese Weiber, die bekommen hatten, was Alexander wollte: Johans Aufmerksamkeit als Mensch, nicht als Arbeitgeber.

„Jo, bitte. Verlass mich doch nicht. Bitte!“, flüsterte er leise, als seine Finger hauchzart über das ramponierte Gesicht glitten. Vorsichtig, damit er Johan nicht noch mehr wehtat. „Du kannst all die Weiber haben, aber verlass mich nicht, bitte!“ Seine Stimme wurde dünn und schwach, denn er kämpfte wieder mit den Tränen.

So viel wie heute hatte er lange nicht geweint. „Nie wieder werde ich mich einmischen, nie wieder werde ich dir ein Date versauen, wenn du nur bei mir bleibst. Bitte, bitte bleib bei mir!“ Sein Flehen wurde immer wieder vom Schluchzen durchbrochen. Vorsichtig legte er die unbandagierte Hand seines Butlers gegen seine Wange. „Bitte.“

Eine ganze Weile sah er nur auf das regungslose Gesicht. Er wusste selber nicht, was er dort suchte, was er zu sehen hoffte oder was er zu finden erwartete. „Aber du hast mich nie so angesehen, wie ich es mir gewünscht habe“, sagte er plötzlich aus einem Gefühl heraus und sank auf Johan zusammen. Sein Körper wurde geschüttelte, die Tränen flossen. „Du machst mich wahnsinnig, Johan! Wach auf verdammt, ich habe dir was zu sagen und ich will, dass du mir zuhörst.“

Doch es passierte nichts. Egal wie erwartungsvoll Alexander auch auf das Gesicht seines Butlers sah, er regte sich nicht. Nur der Atem ging stetig. Alexander war kurz davor zu verzweifeln und die beiden unsichtbaren Gestalten schlossen sich wieder fester in die Arme. Das Bild zerriss ihnen fast das Herz.

„Jez, weck ihn doch auf, bitte. Sie müssen reden und...“

„Süßer.“ Jez wuschelte seine Nase durch das blonde Haar seines Elfen, doch sie durften sich da nicht einmischen. Es war wichtig, dass der Tag so endete, wie das Schicksal es bestimmt hatte. „Das geht nicht und das weißt du auch“, flüsterte er nur und schloss die Arme fester, die Flügel zogen sich dichter. „Auch wenn es schwer ist, Kleiner, da müssen wir alle durch.“

Adalbert schniefte. Sein Stern war nicht das einzige, was ihm Sorgen machte. Mehr waren es die Worte, die Alexander über die Lippen kamen und die Johan gar nicht hörte.

„Ich hab dir nie gesagt, warum ich dich so hasse, dabei hasse ich dich doch gar nicht“, schluchzte Alexander leise. Er kuschelte sich dichter an den großen, reglosen Körper, ohne ihn zu berühren oder gar zu bewegen. Er wollte Johan nicht noch mehr Schmerz zufügen, als er es schon getan hatte.

„Jo bitte, ich kann ohne dich nicht leben. Ich liebe dich doch. Ich war so eifersüchtig auf diese Weiber, die dir unverblümt zeigen durften, was sie empfinden - ich konnte das nie! Ich konnte es dir nicht sagen, denn es hat dich doch gar nicht interessiert.

Aber ich liebe dich und ich wollte immer, dass du nur Augen für mich hast. Nur für mich alleine. Ich kann dich nicht teilen, Jo, und ich will das auch gar nicht. Du sollst doch nur mir gehören, Jo! Nur mir, bitte, bitte, bitte...“ Immer leise wurde seine Stimme und der Tag forderte seinen Tribut.

Langsam löste Jez seine Flügel um ihre Körper und ließ sie erscheinen. „Du wirst sie wieder sehen, Adalbert, keine Sorge!“, sagte er und lächelte, als er die Decke über Alexanders frierenden Körper legte und der kleine Elf sich von ihnen verabschiedete, um nach Hause zu fliegen. Voll mit schweren Gedanken und Zweifeln an der Richtigkeit.