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Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

14.12.2006



Autor wider Willen

Ganz aufgeregt stand Adalbert vor seinem Spiegel und richtete sich die blonden Strähnen unter seiner Mütze. Weil der kleine Elf gestern so deprimiert und kaum zu beruhigen gewesen war, hatte Jez ihm versprochen, ihm heute Morgen einen Kakao auszugeben. Er wollte alles so drehen und managen, dass Adalbert nicht erst auf seine neuen Schützlinge und die Koordinaten warten musste. Jez wollte ihn schon dorthin lotsen, wo er zumindest einen seiner heutigen Sorgenkinder treffen konnte. Der gestrige Abend hing dem Elf noch ziemlich in den Knochen.

Nicht nur die Schlägerei.

Auch was im Krankenzimmer passiert war, dass Alex seinem Butler endlich seine Liebe hatte gestehen können und der es noch nicht einmal gehört hatte. Was brachte es denn dann? Noch immer - auch nach einer Nacht drüber schlafen - begriff Adalbert noch nicht, warum es wichtig gewesen war, dass Johan diese Worte nicht hörte, warum Jez ihn nicht einfach geweckt hatte und der kleine Elf einen weiteren Stern hätte bekommen können. Nein, das war ihm alles noch zu hoch. Irgendwie fehlte ihm für den Posten eines Weihnachtsengels wirklich noch das Händchen.

Was ihn aber nicht daran hinderte, seine geschenkte Jacke überzuziehen, in die Stiefelchen zu hüpfen und sich heimlich aus dem Haus zu stehlen. Jez hatte versprochen, auf ihn zu warten - irgendwo im Schnee, vor den Grenzen vom Elfenland.

Jetzt könnte sich der kleine Elf wieder aufregen, wie ungerecht das war, dass Engel die Stadt nicht betreten durften, doch er konnte es genauso gut lassen und sich anderen Dingen widmen, denn es brachte keinen Sinn. Er konnte es nicht ändern. Und egal wie sehr er sich darüber aufregte, er konnte nichts bewegen. Also beschloss der kleine Elf, als er durch die schwach erleuchteten Straßen strich, sich lieber zu beeilen und mit Rentier Karls Hilfe war er ziemlich schnell dort, wo Jez auf ihn warten wollte.

Brav verabschiedete er sich von dem Tier, ließ es allein zurück trotten und stahl sich dann durch eine ungesicherte Stelle im Zaun. Gleich dahinter begann der Wald und der Wind, der über die schneebedeckte Ebene strich, schnitt dort nicht mehr ganz so harsch in die Haut, weil die Bäume seinen wilden Ritt etwas drosselten. Doch alles war vergessen, die Kälte und der Schmerz, als der Engel auf ihn hinab lächelte, als er die Arme und die Flügel schützend um seinen kleinen Elfen legen konnte. Dafür hatte sich alles gelohnt. Für diesen Augenblick. „Guten Morgen, Süßer!“, sagte Jezeriel leise und strich Adalbert mit der Nase durch den Pony. Der Schnee auf der Zipfelmütze taute nicht, er rieselte nur langsam herab, als der Elf den Kopf hob. „Ich hab dich vermisst, Adalbert.“

Der kleine Elf strahlte und ließ seinen Kopf gegen Jezeriels Brust sinken, sein Herz schlug ganz aufgeregt und purzelte in seinem Brustkorb herum. Egal wie oft er Jez sah, immer wieder überkam ihn dieses Gefühl, das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein, wenn er ihm folgte. Wie an Fäden gezogen, immer nur Jez hinterher. Er kam sich dabei ja fast selber schon albern vor, aber bei dem Engel zu sein war schön, auch wenn es nicht gern gesehen wurde, dass Engel und Elfen sich trafen. Adalbert seufzte. Seine Zähne schlugen aufeinander, denn nun hatte die Kälte ihn doch wieder zurückgeholt.

„Komm“, sagte Jez nur und schloss die Flügel, ließ sie verschwinden und in einer kleinen Seitengasse wieder auftauchen. Er hatte sich für seinen beschaulichen Morgen ein kleines Café mit einem wunderbaren Frühstück ausgesucht. Genauer gesagt, hatte sich Adalberts Schützling dieses Lokal ausgesucht, weil er hierher zweimal in der Woche mit seiner Schwester zum Frühstück kam. Thorsten war kein Morgenmensch, sein Tag begann um 11, dafür arbeitete er meistens auch bis acht oder neun, je nachdem wie viel Arbeit von den anderen liegen geblieben war. Weil sein Chef damit ziemlich zufrieden war, hatte er den verschobenen Arbeitszeiten auch zugestimmt, doch das konnte Adalbert später auch noch alles erfahren. Erst einmal ließ der Engel seine Flügel wieder verschwinden. Es reichte schon jeden Tag, wenn Adalbert mit seinem Kostüm und seinen Flügeln Aufsehen erregte. Eigentlich wollten sie ja kaum auffallen, nur schiebend eingreifen und ansonsten ihre Schäfchen ihren Weg gehen lassen. Mehr war ja nicht geplant.

„Komm, rein hier.“ Jez schob den kleinen Elfen, der sich schon wieder auf der verschneiten Straße umguckte, in das Lokal und schloss die Tür. Die Wärme, die sie beide umfing, war zwar im ersten Moment angenehm, doch sie schnitt in die kalten Wangen. Jez rieb sich die Hände und nahm einen Tisch in der Ecke, wunderbar gelegen, denn zwei Tische weiter saß schon ein bekanntes Gesicht.

Adalbert folgte ihm, kuschelte sich immer noch in seine Jacke, weil ihm kalt war und rutschte in die Eckbank hinein, damit sich Jez auch noch zu ihm setzen konnte. Während der Engel also bestellte, bekam Adalbert seine Unterlagen für heute. Er las. Ein Lektor und sein Sekretär, beide Ende dreißig. Das sah nicht gut aus. Doch noch ehe der Elf auch nur eine Frage stellen konnte, deutete Jez schon ein paar Tische weiter. „Da!“, sagte er leise und grinste, während Adalbert ihn nur dankend anlächelte. Jez hatte ihm eine Menge Sucherei erspart. Mit einem heißen Kakao in den Händen, lauschte der Elf heimlich. Es war nicht schwer, denn das Lokal war zu dieser frühen Stunde noch nicht gut besucht.

„Torsten, es ist zum Verzweifeln mit dir“, sagte die junge Frau, die mit ihm am Tisch saß. „Seit Jahr und Tag höre ich nichts anderes von dir, als deine Schwärmereien. Steve ist ja so hübsch, so sexy, so was weiß ich nicht alles. Aber du kriegst es nicht gebacken, mal die Karten auf den Tisch zu legen und zu flirten!“ Astrid wirkte ziemlich verzweifelt, denn seit Monaten hörte sie zweimal in der Woche nichts anderes. Torsten konnte bis ins Detail erzählen, was Steve gesagt, was Steve gegessen, was Steve angehabt hatte, aber die wichtigen Dinge im Leben, ob er verheiratet war, ob er liiert war, wenn ja, mit welchem Geschlecht, davon hatte Torsten keinen Schimmer.

Er war mit seinen 38 Jahren immer noch ein Träumer. Anstatt seine Träume endlich wahr werden zu lassen, die Initiative zu ergreifen, da schrieb er all seine Gedanken in Heften nieder. Sie lasen sich wunderbar. Torsten hatte Talent, diese romantischen, teils lüsternen oder auch sehnsuchtsvollen Gedanken in Worte und Bilder zu fassen. Er beherrschte es wunderbar, die Stimmung einzufangen, sie zu Geschichten und kleinen Einträgen zu verarbeiten, aber er konnte sie einfach nicht wahr werden lassen. Ihm fehlte der Mut.

„Aber Astrid, du hättest ihn sehen sollen. Dieser freche Blick. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Da stand er im Fahrstuhl neben mir, sah mich an und meinte, wo ich hin wolle. Dabei wusste er doch genau, in welchem Stockwerk wir arbeiten. Ich meine...“

„Torsten!“ Astrid zischte leise, es musste sie ja nicht jeder hören. „Kann es sein, dass du dich da schon wieder in irgendeiner sinnlosen Nebensächlichkeit verlierst?“

„Er hätte ja auch gar nichts sagen müssen, hat ihn ja keiner dazu gezwungen!“, knurrte Torsten etwas angebrannt. Irgendwie hatte seine Schwester dieses untrügliche Talent, ihn aus seinen Wolken zu holen und auf den Boden zurückzuschubsen. Das machte keinen Spaß, wirklich nicht. Sie stellte sich das immer so leicht vor: hingehen - sagen was los war - und sehen, was passieren würde. Doch so lief das nicht. Torsten konnte nicht einfach nur hingehen und gucken, was passierte. Er musste das abwägen, sich fragen, was passieren könnte, wenn er dies tat oder was passierte, wenn er das tat. Das war alles nicht so leicht. Und meistens schuf er sich mit seinem Zögern Mauern, die eigentlich gar nicht da gewesen wären und die schlussendlich - als Finale seiner Überlegungen - so hoch waren, dass er sich einfach nicht mehr in der Lage sah, sie zu überspringen.

Er konnte doch nicht einfach morgens, was für andere Leute fast schon Mittag war, in den Fahrstuhl steigen und sollte Steve darin sein, einfach so belanglose Sachen sagen wie: Wie hat Hertha gestern gespielt, glauben sie, die Sperrung auf der S3 dauert noch länger. Was sollte Steve denn um Gottes willen von ihm halten? Sollte er gleich denken, dass er ein Idiot war und ihn dann gar nicht mehr beachten? Das ging doch alles nicht.

„Will ich wissen, in welcher Situation du dich gerade in deinem Kopf wieder vom Hundertsten ins Tausendste verlierst?“, fragte Astrid, die das Mienenspiel auf dem Gesicht ihres Bruders schon viel zu gut kannte. als dass er sich noch hätte verbergen können. Sie las ihn ihm wie in einem Buch, auch wenn Torsten das nicht wahrhaben wollte. Sie hatte auch keinen Spaß daran, ihn zu quälen oder zu foltern, so wie er das nicht müde wurde zu betonen, doch sie war es leid, sich Jahr aus Jahr ein die gleichen Schwärmereien anzuhören. Sie hatte mittlerweile das Gefühl, sie kannte Steve besser als ihren eigenen Mann! Was er aß, was er las, was er mochte, was er nicht mochte, was er gern trug, was ihm nicht stand.

Auch wenn der Verdacht aufkam, sie war es nicht leid, ihm zuzuhören. Sie war es nur leid zuzusehen, wie Torsten eine Scheinwelt schuf und in ihr zu leben begann. Das war doch nicht normal! Er musste raus, er musste unter Leute. Seit er sich seinen Chef in den Kopf gesetzt hatte, drehte sich alles in Torstens Kopf nur noch um Steve. Selbst abends. Er ging nicht weg, weil er glaubte, Steve würde ihn sehen und denken,... so verquer konnte Astrid gar nicht denken, wie Torsten ihr manchmal die abstrusesten Phantasien auf den Tisch legte. Konstruierte Gebilde aus Wünschen und Träumen, wackelte man nur an einem Kiesel, stürzte alles ein und begrub Torsten unter den Trümmern seiner nicht gelebten Träume. Sie wollte nicht, dass er eines Tages in ein Loch fiel.

„Überhaupt nichts“, murmelte Torsten nur. „Ich habe nur gerade versucht, mir vorzustellen, wie Steve mich angucken würde, wenn ich ihm die Ergebnisse von Hertha weiterreiche.“ Er griff sich seinen Tee und trank nachdenklich einen Schluck. Es war ja nicht so, als hätte er nicht auch schon überlegt, wie er Steve etwas näher kommen könnte, wie er ein Gespräch führen konnte, ohne gleich das Gefühl zu haben, der totale Verlierer zu sein, weil er sich mit so banalen Dingen beschäftigte und es auch noch zu allem Übel gewagt hatte, Steves kostbare Zeit damit zu verschwenden. Der hatte doch in seinem Verlag Weißgott genug um die Ohren.

Torsten seufzte. Das war doch zum verrückt werden.

„Lad ihn doch endlich mal ein!“, schlug Astrid vor. Sie bot sich ja sogar an, ihren Bruder zu begleiten, auch wenn sie das für keine gute Idee hielt. Doch Torsten schlug wie üblich alles aus. Allein die Vorstellung, allein mit Steve zu sein, ihn unterhalten zu müssen und dann zu versagen, der Gedanke bereitete ihm schlaflose Nächte. „Das kannst du nicht von mir verlangen!“

Astrid schüttelte nur den Kopf. „Ich verlange gar nichts, nur halte ich das langsam nicht mehr aus. Immer schreibst du alles in deine Hefte, hamsterst alles weg. Zeig sie doch mal Steve, lass ihn lesen, was du alles mit ihm anstellen würdest, wenn er nur wollte. Dann werden wir ja sehen, ob er nicht doch auch...“

„Astrid, sag mal spinnst du? Weißt du, was du da sagst?“ Hastig sah sich Torsten um, gerade so, als würde jeder seine heimlichen Gedanken lesen können. Als würde man auf seiner Stirn lesen können, an was er dachte, wenn er Steve sah. Seinen Drang, sich an ihm zu reiben, seine Gier, Steve an die Wand zu drücken und bewusstlos zu küssen, kaum dass er ihn sah. Oder was dessen Parfum in der Luft in Torsten auslöste. Nein, das ging keinen etwas an. Das waren seine geheimsten Gefühle und Leidenschaften, die wollte er nicht teilen. Sie waren alles, was er von Steve hatte, wenn der wieder in seinem Zimmer verschwand und Torsten ihn nicht mehr sah.

„Okay, okay. Ich habe verstanden.“ Lachend gab sich Astrid geschlagen. Irgendwie endete es doch immer gleich. Sie versuchte Veränderungen in Torstens Leben zu bringen und er klammerte sich an seinem althergebrachten fest, wie ein Ertrinkender. Jeden dritten Tag das gleiche Spielchen, doch sie ließ Torsten seinen Willen. Der Mann war Weißgott alt genug, zu wissen, ob er so leben wollte oder nicht. Und so wie es schien, wollte er eben leiden, sich etwas vormachen und sich verstecken.

Lieber genossen sie weiter ihr Frühstück und fanden ziemlich schnell andere Themen, mit denen sie mehr auf einer Wellenlänge schwammen als bei Steve.

Adalbert hingegen hatte ziemlich genau zugehört, spätestens als Steves Name gefallen war, denn genau der war sein zweites Schäfchen für heute. Ein Lektor mit eigenem Verlag. Torsten war sein Sekretär und wie es schien, bis über beide Ohren verliebt. Furchtbar. Der kleine Elf seufzte. Hatte er das nicht erst letztens wieder hinter sich gebracht? Ein schüchterner junger Mann, der nicht wusste, was er sagen oder tun sollte. Mitleid erweckend sah er Jezeriel an, doch der steckte seinem Elf nur lachend ein Marmeladenbrötchen in den Mund. „Das wird schon, Spatzl. Mach dir da mal keine Gedanken.“ Adalbert sah ihn nur zweifelnd an. Er konnte sich da nicht so sicher sein wie der Engel, schon gar nicht nach seinen Erfahrungen, die er gestern gesammelt hatte. Er steckte immer noch in einer Sinneskrise fest, aus der das Entkommen gar nicht so leicht war. Doch mit einem Marmeladenbrötchen war schon ein guter Anfang gemacht, fand der kleine Elf.

Sie aßen ebenfalls in Ruhe zu Ende, zahlten, damit nicht noch einmal das Delikt des Mundraubes auf Adalberts Liste erschien und als Torsten ging, gingen auch sie, hefteten ich unsichtbar an die Fersen des jungen Mannes, um zu sehen, was es mit Steve nun eigentlich so auf sich hatte.

Torsten hatte den Mantelkragen hoch geschlagen, denn von hier zum Verlagshaus war es nicht weit. Er war schneller, wenn er zu Fuß ging, als wenn er sich die Mühe machte, unter die Erde zu gehen, eine Station mit der Bahn zu fahren und dann wieder nach oben zu kriechen. So schlecht war das Wetter nicht. Es war trocken, stürmte nur. Die Herbststürme zerrten an den letzten Überresten an den Bäumen und Torsten beeilte sich, schnell wieder ins Warme zu kommen. Nein, der Herbst war nicht seine Jahreszeit, der Winter noch weniger. Er liebte den Frühling. Wenn die Natur neu geboren wurde, wenn die bunten Blumen von Liebeleien kündeten. Auch wenn er immer leer dabei ausging, so war es doch auch schön, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn... wenn Steve ihm Blumen schenken würde, wenn sie ausgehen würden, sich amüsieren, sich näher kommen. Kleine Liebeleien. Torsten seufzte. Er war wirklich ein hoffnungsloser Fall. Er sah es ja selber ein, aber das änderte noch lange nichts daran, dass er endlich aus seinem Schneckenhaus heraus kam.

Als er das Haus betrat, grüßte er den Pförtner, hastete auf den Fahrstuhl zu, dessen Türen sich gerade schlossen, doch als er Steve darinnen erkannte, stoppte Torsten seinen Schritt. Sein Herz fing an wie wild zu schlagen. Nein, er konnte nicht zu ihm in den Aufzug steigen - er war noch nicht darauf vorbereitet.

Doch davon ließ sich Steve nicht stören. Er stoppte die sich schließenden Aufzugtüren und winkte Torsten, von dem er glaubte, er hätte ihn nicht erkannt, deutlich zu, lächelte ihn dabei auch noch an.

Torsten hätte zu einer Pfütze zerschmelzen wollen, bei diesem Lächeln, doch die Zeit hatte er nicht. Hastig beeilte er sich in den Aufzug zu kommen und dann schlossen sich auch schon die Türen.

Er war allein, mit Steve.

Nur sie beide, in einem kleinen, engen Raum.

„Morgen!“, sagte Steve und lehnte sich an die Wand des Aufzuges, musterte dabei Torsten, der immer irgendwie etwas angespannt wirkte. Ob er überarbeitet war?

„Ähm... guten Morgen, Herr Steiner.“ Torstens Stimme war dünn und rau, er erkannte sich selbst kaum wieder. Er hatte ja noch nicht einmal den Mut, Steve in die Augen zu sehen. Das rotbraune Haar, das in dicken Strähnen bis auf die Schultern hing, die frechen, grauen Augen, die immer zu Scherzen aufgelegt schienen.

„Ach Herr Henze, sie sind immer so förmlich“, lachte Steve nur und drückte zu Torstens Erleichterung endlich den Knopf ihrer Etage. Der kleine, sterile Raum setzte sich in Bewegung und nun wusste Torsten nicht mehr, ob er das Kribbeln in seinem Magen auf Steve oder auf den Aufzug schieben sollte oder auf die Kombination. Immer wieder hatte er das Bild vor Augen, wie er den Notknopf drückte, den Fahrstuhl anhalten ließ und einen verwirrt drein blickenden Steve gegen die Wand in seinem Rücken drückte, um ihn ausgehungert zu küssen, ihn seine Leidenschaft spüren zu lassen und ihn voller Sehnsucht zurückzulassen.

Gierig lag sein Blick immer wieder auf dem rot gekennzeichneten Knopf. Seine Finger zuckten, doch seine Füße bewegten sich nicht. Er war zu feige, und als der Fahrstuhl stoppte, hatte Torsten ein weiteres Mal seine Chance einfach so verpasst. So wie er es immer tat, weil er viel zu lange nachdachte.

„Bis später, Herr Henze“, dann war Steve aus dem Fahrstuhl verschwunden und Torsten blieb allein zurück. Seine Gedanken wurden immer intensiver, immer expliziter, so zog es Torsten als erstes wieder zu seinem Schreibtisch, in der Ecke des Büros. Mit zitternden Fingern zog er das Heft heraus, auf dem mittlerweile die Nummer 23 stand und ließ seine Gedanken in seine Finger wandern, die den schweren Füller über das weiße Papier führten.



Glänzender Stahl und Steve, wie er mich mit seinen Blick geradezu zu sich zog. Ich konnte ihm nicht widerstehen, erlag seiner Aura und folgte ihm. Wie an Fäden gezogen, hinein in diesen kleinen Raum. Die intime Enge, die Abgeschlossenheit, als sich die Türen schlossen, ließ unsere Leidenschaft aufwallen. Ich sah es in seinen Augen, spürte es in seinen Worten, jedes einzelne davon streichelte über meine Haut und lockte mich immer dichter.

Es brauchte nur Sekunden, bis die Luft um uns herum geradezu elektrisiert war, von unserer Begierde einander nah zu sein. Sein Atem flimmerte, mein Puls bebte. Als wären unsere Gedanken eins, fanden sich unsere glühenden Finger auf dem Notknopf, um den aufsteigenden Fahrstuhl daran zu hindern, unserem tête á tête ein vorzeitiges Ende zu setzen - Hitze auf Hitze. Ich konnte sein Glühen spüren, wie es in meine Finger kroch, meinen Arm hinauf und durch meinen Körper schoss.

Seine Augen verrieten mir, dass es ihm nicht anders ging. Meine animalische Hitze in seinem Körper. Wie im Fieber trafen sich unsere Lippen, wieder und wieder und wieder. Erst scheu und suchend, doch bald waren wir Sklaven unserer Gier, unsere Lust wallte und ehe sich Steve versah, hatte ich ihn schon an die kalte Wand in seinem Rücken gepresst. Ich spürte das kurze Zucken, denn sein dünnes Hemd ließ die Kälte in seine Haut schneiden.

Aber nicht lange.

Schon Sekunden später glühte das Metall hinter ihm heiß, unsere feurigen Küsse hatten es entfacht. Manisch rieben sich unsere Körper, forderten mehr. Schnell hatte ich ihm das Hemd von den Schultern gerissen, um meine versengenden Küsse auf seinen Hals zu setzen, das Schlüsselbein, die Brust hinab tiefer.



„Torsten!“

Der Mann schreckte auf und schlug das Heft zu, als er sich suchend umsah. Lis hielt was? in seine Richtung /auf ihn zu und so ließ er das Heft unter einem Stapel von Papieren verschwinden. „Was denn los?“

„Kannst du kommen? Wir müssen noch was durchgehen. Herrn Steiner ist da gerade noch etwas aufgefallen, was wir vielleicht noch mal besprechen sollten.“ Und schon war sie wieder weg. Torsten atmete tief durch. Er spürte genau, wie rot er im Gesicht war, er spürte die Hitze und die Glut, denn seine Gedanken ließen ihn nicht unberührt. Und so sollte er jetzt zu seinem Chef ins Zimmer? In was hatte er sich da nur wieder hinein manövriert? Konnte man ihn den gar nichts alleine machen lassen?

„Kommst du?“

Torsten nickte nur und lief ihr nach, zu Steves Büro, mit sichtlich gemischten Gefühlen, während ein unsichtbarer Elf gerade rote Ohren hatte, weil er neugierig gewesen war und nun nicht wusste, warum ihm so heiß war, so komisch schwummerig vor Augen.

„Setzt euch!“ Steve schloss die Tür, als seine leitenden Angestellten im Raum waren und fing an, das Problem zu erklären.

Sie saßen alle überall verstreut. Keiner wusste, wie der andere zu erreichen war, wann er wo war und welche Termine und Fristen eingehalten werden konnten und welche nicht. Also hatte er mit seinen Netzwerkadministratoren nun dafür gesorgt, dass eine Registrierungssoftware von allen gleichzeitig angeglichen werden konnte. In Zukunft gehörten Termine, Dauer, Außentermine und sonstiges alles dort hinein. In den letzten Monaten war es immer wieder zu Unstimmigkeiten gekommen, was die Einhaltung von Druckterminen anging, weil die Zuarbeiten nicht fertig waren. Das sollte nun mit der neuen Ordnung hoffentlich vermieden werden.

Er stand lässig mit verschränkten Armen an seinen Schreibtisch gelehnt, während seine Angestellten auf einer großen Lederkombination an einem Couchtisch saßen und ihm zuhörten. So sehr sich Torsten auch dagegen wehrte, er konnte nicht verhindern, dass er schon wieder hundertundeinen Gedanken darüber hatte, wie sich Steve über den Schreibtisch beugte, wie sie sich leidenschaftlich liebten und die Hitze in seinem Kopf konnte selbst das gereichte Wasser nicht mildern. Kaum dass Steve fertig war und keine Fragen mehr waren, schoss Torsten hoch.

Er musste hier raus.

Er hatte das Gefühl, die Luft würde sich elektrisieren, wenn Steve ihn nur ansah.

Der konnte seinem Sekretär nur fragend hinterher sehen und die Schultern zucken. In letzter Zeit schien er überarbeitet. Besser er unterhielt sich noch einmal in Ruhe mit ihm, denn er sorgte sich. Torsten war ein netter Kerl und ein guter Arbeiter. Er hatte am Telefon das richtige Händchen und auf Messen den richtigen Riecher. Ihn zu verlieren konnte sich Steve einfach nicht leisten.

Torstens Finger führten schon wieder in zittriger Schrift den Stift über das weiße Papier.



Er hat mich wieder zu sich gerufen und kaum dass sich die Tür hinter uns schloss, wusste ich, dass es nicht darum ging, die Abrechnung zu machen oder die Kundenlisten neu zu schreiben. In seiner typischen Pose, die ich so an ihm liebe, lümmelte er wieder am Schreibtisch und sah mich an, forderte mich auf, näher zu kommen und dann dieses Grinsen. Egal wie oft ich es sehe, es macht mich wahnsinnig. Es kratzt über meine Haut, es stellt alle Haare auf und lockt das Innerste nach außen. Es ist schwer, ihm zu widerstehen, wenn er so vor mir steht und ich bin mir sicher, er weiß es, sonst würde er es nicht immer wieder tun.

Doch warum zurückhalten? Wir wussten doch beide, warum ich hier war. Also durchmaß ich mit schnellen Schritten sein Büro. Meine Absätze klapperten herrisch auf dem Parkett und er sah mich so erwartungsvoll an. Ich konnte seinen Herzschlag bis hier hin hören. Bum - bum - bum. Immer wieder - immer schneller. Meiner trieb ihn vor sich her, als ich Steve so nah war. Ich konnte seine Hitze spüren, als ich meine Lippen auf seine legte.

Ausgehungert, weil unsere kleine Zusammenkunft im Fahrstuhl viel zu kurz gewesen war. Anstatt meine Lust zu schmälern hatte sie sie noch angefacht, lodern lassen, nun konnte ich mich auch nicht mehr bändigen. Meine Hände legten sich auf Steves Seiten, als ich ihn auf den Tisch zurückdränge. Eines seiner Beine winkelte er an. Er stand mit der Fußsohle auf der Tischkante und ich ließ mich einfach zwischen seine geöffneten Beine sinken.

Mein Bauch drückte auf seinen harten Schwanz und sein Parfum im Raum sorgte dafür, dass es mir in rasender Geschwindigkeit nicht anders ging. Das war kein Parfum, das waren Pheromone. Gift, das durch meine Adern rauschte und mich umnachtete, so dass ich nur noch tat, was er von mir verlangte. Ich war sein, ich war sein Sklave, sein höriger Diener.

Egal was er mit mir tun würde, ich war bereit. Wie im Fieber öffneten meine Finger sein Hemd, rissen ihm den Stoff förmlich von der seidigen Haut. Wie konnte ein Mann nur solch weiche Haut haben und dabei so eine animalische Ausstrahlung an den Tag legen. Der Kerl sollte verboten werden, im Giftschrank weggeschlossen. Ein Rauschmittel. Ein Betäubungsmittel. Der Wahnsinn auf zwei Beinen.

Immer gieriger ließ ich meine Lippen über seinen Körper gleiten, ich wollte ihn schmecken. Seit Tagen war mir das nicht mehr vergönnt gewesen, weil die Arbeit uns nicht hatte zueinander finden lassen. Jetzt gierte ich nach seinem Saft, ich konnte mich kaum noch beherrschen. Ich trank das Stöhnen, das den Raum erfüllte und die Luft schwängerte, ich sog es auf wie ein Schwamm, denn es war der Lohn für meine Mühen an seinem...



„...ten!“

Erschrocken tauchte Torsten aus seiner Welt wieder auf, musste sich orientieren und schüttelte kurz den Kopf. Was tat er hier? Er musste sich langsam an seine Arbeit setzen. Hastig schob er das Heft wieder unter einen Stapel Papier, der auf seinem Tisch lag und kaum hatte er die Tinte von seinem Finger gerubbelt, stand auch schon Steve vor ihm. Das Gesicht wirkte besorgt, als er auf seinen Angestellten nieder blickte.

„Geht es ihnen gut? Ich seh sie immer hier sitzen, den Kopf rot wie im Fieber. Ich mache mir langsam Sorgen. Wenn sie mir ausfallen, Herr Henze, dann habe ich wirklich ein Problem“, sagte Steve und lehnte sich an den Schreibtisch an, sah kurz darüber. Doch mehr nachlässig, er suchte nichts Spezielles. Dafür trieb er mit seiner Nähe Torstens Blutdruck schon wieder in ungesunde Sphären.

„Nein, schon okay. Mir geht es wirklich gut!“, stammelte Torsten vor sich hin. So gern er Steve auch ansah, aber doch bitte lieber von weitem, wenn er sich mit anderen beschäftigte und Torsten nicht der alleinige Mittelpunkt seines Interesses war. Das machte ihn nervös. Sein Magen flatterte. Das war nicht gut. Gar nicht gut.

„Sicher, dass es ihnen gut geht? Sie sahen heute Morgen schon so blass aus?“ Steve ließ nicht locker, doch als sich Torsten nur abwandte, musste er wohl einsehen, dass er nicht erfahren würde, was Torsten wirklich fehlte. Was Steve schade fand, denn zu jedem hier pflegte er ein freundschaftliches Verhältnis, nur an Torsten war einfach kein Rankommen. Egal wann man ihm begegnete, immer schirmte er sich ab.

„Nun gut, sie sind alt genug. Ich wollte mich nur abmelden. Ich habe noch ein Essen mit einem Klienten. Falls mich jemand sucht, ich bin über Handy zu erreichen“, dann war Steve auch schon wieder weg und je mehr der Abstand zwischen ihnen wuchs, umso schneller normalisierte sich auch wieder Torstens Zustand. Genau das war sein Problem - er vergötterte diesen Mann, aber er vergötterte ihn dermaßen und in der Intensität, dass er sich selbst die Luft zum Atmen nahm, wenn Steve ihm nahe kam.

Er hatte seinen Chef schon so stilisiert, ihn auf ein solch hohes Podest gestellt, selbst wenn wider erwarten ihre Wege doch einmal zusammen fänden, wie sollte das gehen? Wie sollte Torsten dann diese ständige Nähe und Präsenz ertragen? Er hatte sich selbst in eine Sackgasse getrieben, aus der es nur noch einen Weg gab. Der Weg zurück, sich von Steve zurückziehen. Doch das konnte er nicht. Er brauchte diesen Mann, er brauchte es, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn… . Er brauchte das Licht, das Steve ausstrahlte, die Aura, die ihn glänzend umgab.

Er war erbärmlich, er wusste es selbst, doch Torsten fand keinen Weg aus diesem Dilemma. Den Kopf schüttelnd machte er sich endlich an seine Arbeit, denn es wollten noch ein paar Sachen korrigiert werden. Schließlich sollten seine regelmäßigen Schulungen, was die deutsche Grammatik und den Ausdruck anging, auch endlich einmal Früchte tragen. Wenn keine Kunden zu betreuen waren, griff Torsten seinen Kollegen gern unter die Arme.

Ihm fiel es leicht, Stilblüten aufzudecken und sie zu eliminieren oder den Stil eines jungen Autors zu erkennen und ihn mit Anmerkungen zu puschen oder auch ein wenig zu strafen, damit er seinen Weg fand. Dabei war es ein Unterschied, ob der oder die Nachwuchskünstlerin in den Mainstream wollte und ihre Bücher und Geschichten breit verlegen lassen, dann hatten sie sich zu biegen und zu drehen und zu wenden, so wie der Leser sie haben wollte, oder sie blieben in ihrer Sparte und perfektionierten sich selbst, um ihr Publikum zu finden.

Am liebsten las Torsten zeitgenössische Gedichte, mit einem Hauch von Romantik oder Verklärung, doch die waren selten. Die Zeiten waren wohl nicht danach, dass die Menschen Gedichte schrieben, auch wenn es schade war.

Irgendwann gegen zwei trieb auch Torsten der Hunger endlich aus dem Büro. Er hatte noch ein paar Stunden vor sich, also musste er seinem Körper die Kraft geben, die er brauchte. Er stärkte sich gern mit leichten Sachen. Die Sushi-Bar um die Ecke war immer eine gute Adresse, aber auch der Italiener daneben, der die besten Nudelgerichte der Stadt machte, traf da seinen Gaumen und streichelte ihn. Also ließ er sich zu einer Lasagne hinreißen und machte, dass er dann wieder in die Firma kam.

Weil der Stapel Papiere von Torstens Tisch verschwunden war, wusste er auch, dass sein Chef schon wieder da war, also kümmerte er sich um die Erstellung der Weihnachtspost. Die sollte nächste Woche verschickt werden, ehe die einzelnen Firmen in den Jahresendurlaub gingen, aber das hetzte nicht. Mit einem Kaffee setzte sich Torsten also wieder an seinen Schreibtisch.

Das Büro lag ziemlich leer und irgendwie hatte Torsten gerade den Drang, sich noch etwas in seine eigene Welt zurückzuziehen, denn seine Arbeit hatte er bereits erledigt. Eigentlich wartete er nur darauf, was ihm die anderen, wenn sie gingen, noch auf den Tisch legten, was bis morgen fertig sein musste. Aber dazu kam Torsten auch nicht mehr, denn Steve rief nach ihm. Seine Stimme war irgendwie belegt und Torsten hatte ein ganz mieses Bauchgefühl. Irgendwas stimmte hier nicht.

Langsam erhob sich Torsten und machte sich auf den Weg rüber zum Büro seines Chefs. „Ja?“, fragte er etwas zurückhaltend und sah sich um.

Steve saß an seinem Tisch, sah ihn einfach nur undeutbar an. „Nehmen sie bitte Platz!“

Torsten schluckte. Irgendwie klang das gerade so, als würde er in die Weihnachtsferien entlassen und müsste im Januar gar nicht wiederkommen. Panik stieg in Torsten auf. Was hatte er falsch gemacht? Sein Puls wurde schneller, seine Augen größer. Irgendwie wurde ihm gerade so richtig schlecht.

„Herr Henze, ich will ehrlich sein. Ich weiß nicht so recht, wie ich anfangen soll“, gestand Steve und seufzte. Seine Finger trommelten nervös auf dem Schreibtisch. Er wusste selber nicht, wie er sich ablenken sollte, doch das hier musste sein, er wusste es genau. Sie kamen beide nicht darum herum, dies hier zu klären. Er erhob sich also und kam um seinen Schreibtisch herum, lümmelt sich wie üblich mit verschränkten Armen dagegen und beobachtete Torsten eindringlich.

Der konnte gar nichts dagegen tun, als er schwer schluckte. Dieses Bild, egal wann er es sah, es raubte ihm schier den Verstand.

„Worum... was“, stammelte Torsten nur, weil er das Gefühl hatte, es würde von ihm erwartet, etwas zu sagen. Aber seine Gedanken ergaben keinen Sinn. Anstatt sich damit zu beschäftigen, dass er ab Januar auf der Straße saß, da gaukelten seine Gedanken ihm nur vor, wie es wäre, Steve zu genießen. Die weichen Lippen, die starken Schultern. Ihn unter sich zu begraben und seine Gier und Leidenschaft zu spüren. Er war krank. Vielleicht war es wirklich das Beste, wenn sich ihre Wege hier trennten. Vielleicht fand Torsten dann endlich wieder einen gesunden Weg durchs Leben.

„Herr Steiner, ich verstehe nicht.“

Steve seufzte, zog aber plötzlich ungeniert eines seiner Knie an den Bauch, setzte sich auf seinen Schreibtisch und stellte den Fuß einfach auf der Kante ab. Sein Kinn legte sich auf sein Knie und wieder sah er Torsten an, als würde er etwas erwarten. Doch als der nichts dergleichen tat oder sagte, rollte Steve nur die Augen.

„Mir wäre ja schon damit geholfen, sie würden mich, wie jeder andere hier auch, endlich duzen. Ich bin Steve!“, erklärte er auffordernd und ließ Torsten nicht aus den Augen. Amüsiert stellte er fest, dass er seinen Angestellten gerade ziemlich kalt erwischt hatte. Er sah ihn geradezu fassungslos an und wusste nicht, was er sagen sollte. Immer wieder öffneten sich dessen Lippen, doch kein einziges Wort perlte darüber.

„Ich verstehe nicht, Herr Steiner. Ich…“, stammelte Torsten. Er fühlte sich gar nicht mehr wohl in seiner Haut. Sein Hormoncocktail kochte langsam über. Diese Hose überließ aber auch gar nichts der Phantasie!

„Steve, wir waren doch eben schon mal bei Steve. Tun sie bitte nicht so, als würden sie meinen Namen nicht kennen.“ Weil sich Torsten immer noch fassungslos gab und Steve noch nie der geduldigste Mensch gewesen war, griff er hinter sich und holte etwas hervor, was zwischen den Papieren gelegen hatte. Weil er anfangs gedacht hatte, die Notizen in dem Heft wären für ihn gedacht, hatte er einfach angefangen zu lesen und ziemlich schnell waren ihm ziemlich viele Sachen ziemlich klar geworden.

Genauso wie Torsten, der blass auf der Couch saß und nicht mehr wusste, was er noch sagen sollte. Hatten sich eben noch Gedanken in seinem Kopf gejagt, so herrschte nun dort gähnende Leere. Gar nichts.

Er starrte nur auf das Heft, schluckte und wusste nicht, was er tun sollte. Seine erste Eingabe, einfach wegzulaufen, scheiterte schon daran, dass seine Füße ihm einfach nicht gehorchten. Egal wie intensiv er versuchte sich zu erheben, er konnte nicht. Wie gelähmt saß er da, starrte auf das Heft in Steves Händen.

„Torsten, sag doch jetzt mal irgendwas.“ Steve war gar nicht wohl in seiner Haut. Irgendwie hatte er wohl das Herangehen gerade völlig in den Sand gesetzt. Er hatte gehofft, wenn Torsten das Heft sah, wenn er sah, wie Steve da saß, dann würden alle Hemmungen fallen und er würde tun, was er seitenweise ausgeführt hatte. Doch nichts dergleichen. Panisch und mit schreckgeweiteten Augen saß er auf der schwarzen Couch, seine Angst war greifbar.

Also erhob sich Steve, ließ das Helft achtlos auf dem Tisch liegen, als er zu Torsten rüber kam und sich vor ihn kniete. „Bitte, sag jetzt irgendwas. Zum Beispiel, dass mich das alles nichts anginge und ich es nicht hätte lesen dürfen, oder so. Aber bitte, sag jetzt was. Du machst mir Angst.“ Er kniete vor der leblosen Gestalt auf seiner Couch und versuchte Torsten in die Augen zu sehen. Doch das war gar nicht so leicht, denn der starrte auf den Boden zu seinen Füßen.

„Es tut mir leid“, brachte Torsten nach langer Zeit nur zwischen zusammengepressten Lippen hervor. Zu mehr war er nicht fähig. Wie hatte das passieren können? Ausgerechnet Steve? Wie hatte ausgerechnet er das hier in die Finger bekommen können?

Wie?

„Torsten, das war jetzt irgendwie nicht das, was ich hören wollte!“, gestand Steve. Er wirkte hilflos. Begierig hatte er auf einen Kuss gewartet, feurig und leidenschaftlich, wie Torsten sie auf den Seiten in seinem Heft beschrieb. Brennende Gier und elektrisierte Lust, aber doch nicht dieses Bild eines zusammengefalteten Mannes, der sich dessen schämte.

„Es wäre besser, wenn ich jetzt gehe. Ich werde ihnen...“, begann Torsten und versuchte sich zu straffen, doch ihm fehlte die Kraft. Er lag unter den Trümmern seiner Luftschlösser und konnte sich nicht mehr allein befreien.

„Nein, Torsten, das ist nicht besser.“ Steve ließ sich einfach fallen, saß nun im Schneidersitz zu Torstens Füßen und suchte immer noch verzweifelt dessen Blick. „Du kannst nicht immer weglaufen, ehe ich deine Träume wahr werden lassen kann. Da warte ich jeden Morgen, bis du endlich kommst, steige in den Fahrstuhl, nur um dir zu begegnen und anstatt das Ding anzuhalten und mich mal so leidenschaftlich zu küssen, wie du es in deinen Texten beschreibst, da erzählst du mir, es wäre besser zu gehen.“

Steve redete einfach nur. Er wusste, dass er gerade völlig falsch an die Sache heran gegangen war und nun vor einem Scherbenhaufen stand. Er versuchte gerade verzweifelt die Scherben zu sortieren und zu kitten, was noch zu kitten war. Aber Torsten reagierte kaum.

„Bitte, machen sie sich nicht noch über mich lustig, Herr Steiner. Ich kann auch nichts dafür, dass ich mich verliebt habe!“, zischte Torsten. Nun war sowieso alles vorbei, jetzt hieß es nur noch mit heiler Haut hier heraus zu kommen.

Steve hatte keinen Schimmer, wie er Torsten noch auf seine Linie bringen konnte, so griff er sich das Gesicht des Mannes einfach, zog ihn zu sich heran und küsste ihn auf die Lippen. Deutlich spürte er die Verspannung, den Unglauben. Nach ein paar Sekunden löste sich Steve wieder und sah Torsten abwartend an.

Dessen Herz raste, ihm schlug es bis zum Hals, in den Ohren rauschte das Blut. Er begriff einfach nicht, was hier passierte.

„Hast du jetzt verstanden, was ich sagen will?“, fragte Steve und seine grauen Augen blickten wieder frech. Um seine anderen Angestellten machte sich Steve keine Gedanken. Wenn die Tür zu war, dann war sie zu. Das war ein ungeschriebenes Gesetz.

„Noch nicht wirklich“, murmelte Torsten. Seine Gedanken waren von seinen Lippen abgekoppelt. Ihm entglitt gerade alles. Auch die Situation. Er schloss einfach die Augen, gab stumm sein Eingeständnis dafür, dass Steve ihn küsste, dass er ihn in die Polster der Couch nach hinten drückte und sich endlich nahm, was Torsten schon seit so langer Zeit zu geben bereit war.

Er brauchte wohl noch ein paar Momente, bis er begriff, dass die Hände auf seinen Seiten Wirklichkeit wahren - genauso wie der blonde Mann hinter Steves Schulter, der sie kurz anlächelte und dann verschwand. Irgendwoher kannte er ihn, doch dann schloss Torsten wieder die Augen, krallte sich in Steves Schultern und seufzte zufrieden.

Entweder ging man in einer Sackgasse zurück oder man überprang die Mauern...