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Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

16.12.2006



Die eigene Medizin

Es war noch dunkel draußen, aber Adalbert konnte nicht mehr schlafen. Er saß in die Ecke seiner Couch gekuschelt, hatte die Decke dicht um sich geschlungen und versuchte sich wieder zu fangen. Neben sich, auf der Couch, lag die Schatulle mit den Sternen - heute war der 16., doch er hatte erst ganze neun Sterne gesammelt. Selbst wenn jetzt alles gut ging, von dem Adalbert langsam einfach nicht mehr ausgehen konnte, reichten die Tage nicht mehr aus, um auch nur annähernd das Ziel zu schaffen! Wie sollte das denn gehen?

Zwar hatte er Jez versprochen, nicht zu zweifeln, sondern an ihn zu glauben, aber das hieß ja noch lange nicht, dass der kleine Elf die Augen vor der Realität verschließen musste. Neun weitere Tage und noch elf ausstehende Sterne. Das war nicht mehr zu schaffen, außer der hohe Rat wäre besonders zufrieden mit Adalbert und würde ihm mal zwei Sterne geben, aber er wusste so gut wie jeder hier in Elfstadt, dass er seine Chance nur bekommen hatte, weil er Elf Rüdigers Sohn war, der Sohn, dem sowieso keiner was zutraute.

Adalbert zweifelte ja redlich daran, dass andere Elfen, die ein Engel werden wollten, auch solche Brocken zu schlucken bekamen wie er. Besonders das Schicksal von Alec und Jack ging ihm an die Nieren. Warum ließ der hohe Rat der Elfen die beiden nicht endlich in Ruhe. Wie deutlich musste Jack Alec denn noch das Herz brechen, bis auch alte, verknöcherte Elfen endlich einsahen, dass es Menschen gab, die einfach nicht dafür bestimmt waren, ihren Weg gemeinsam zu gehen? Die Alten waren so stur, dass sie lieber zwei junge Männer ins Unglück stürzten, als zuzugeben, dass sie sich auch mal geirrt hatten.

Dreimal hatte Adalbert sein Bestes gegeben und dreimal war er so was von auf die Nase gefallen, dass er das Blut immer noch auf der Lippe spüren konnte. Instinktiv wischte sich der kleine Elf darüber und zog die Decke wieder fester um sich. Er wusste nicht, zum wievielten Mal in diesen letzten Tagen er feststellte, wie ungerecht diese verdammte Welt doch war, doch einmal mehr konnte da auch nicht schaden, befand Adalbert und dachte die Worte mal besonders laut.

Diese war und blieb ungerecht.

Ziemlich demotiviert erhob sich der Elf und schlurfte in seinen Plüschpantoffeln in die Küche, suchte sich einen Kakao und kroch – sich selbst dabei lautstark bemitleidend – wieder zur Couch. Was hatte es denn noch für einen Sinn? Wenn das so weiter ging, dann gab es nicht einen einzigen Stern mehr.

Er hatte 15 gute Taten vollbracht, hatte wirklich alles gegeben, was er hatte und war dabei immer am Rande der Legalität getänzelt, aber was hatte es ihm gebracht? Neun Sterne – neun lumpige Sterne – sechs fehlten. 9 von 15, das waren gerade mal 60 Prozent Effektivität, das war etwas über die Hälfte! So konnte man doch niemals ein Engel werden.

Nicht mit solchen Quoten.

Adalbert seufzte. Er war unzufrieden – mit allem und jedem, besonders aber mit sich selber. Er hatte drei Jahre Zeit gehabt, um die Sterne zu sammeln und hatte keinen Schimmer davon gehabt. Warum hatte ihm das keiner gesagt? Am wenigsten sein Vater? Der hätte doch ein eigenes Interesse daran haben müssen, dass sein Sohn besonders gut abschnitt. Oder schämte sich der Elf so sehr für seinen missratenen Sohn? War es das? Wollte Rüdiger gar nicht, dass jemand auf Adalbert aufmerksam wurde?

Ohne es zu merken rutschte Adalbert gerade in eine handfeste Selbstbemitleidungsphase, die sich gewaschen hatte und auch Kakao konnte ihn da nicht wieder raus ziehen. Er jammerte, wimmerte, fluchte und zeterte. Und wenn er damit fertig war, dann ging es von vorne los, bis langsam die Sonne über den Horizont spitzte. Sie sah Adalbert genau durch das Fenster und blendete ihn.

Das war wohl der Reiz, den der kleine Elf gebraucht hatte. Seit wann hatte er in den letzten Tagen mal in seinem eigenen Haus den Sonnenaufgang gesehen? Hier stimmte doch was nicht? Also erhob sich der kleine Elf und wäre fast über die Kartusche zu seinen Füßen gestolpert. Er zuckte zusammen. Wie lange lag die denn schon da?

Warum hatte er das nicht bemerkt? Ein Blick auf die Zustellungszeit, ein Blick auf die Uhr – Adalbert hatte mit seinem kindischen Getue eine ganze wertvolle Stunde vertrödelt, von der der Elf irgendwie jetzt schon wusste, dass sie ihm am Ende fehlen würde, um seinen Stern zu kriegen.

Selbst zum Duschen war jetzt kaum noch Zeit, also wechselte er nur die Klamotten, dieselte sich mit Cha-elf No. 4 dezent ein und machte, dass er mit seinen Unterlagen zum Elf-Trans kam. Sicherlich wartete Jez schon auf ihn. Er hatte schließlich versprochen zu helfen. Der durfte Adalbert jetzt nicht einfach sitzen lassen, dann waren sie geschiedene Leute! Doch dann grinste der Elf albern, als wenn er seinem Engel böse sein könnte. Nein, das musste er zugeben, das könnte er niemals!

Jez war doch der tollste Engel, den Adalbert je gesehen hatte. Mal davon abgesehen, dass er in seinem ganzen Leben erst einen Engel gesehen hatte, nämlich Jez, war er sich trotzdem ziemlich sicher, dass es keinen tolleren Engel geben konnte als seinen Jezzy.

Am Elftrans musste er um diese Uhrzeit ziemlich anstehen, weswegen noch genügend Zeit war, sich seine Akten anzusehen. Zwei Ärzte! Hagen und Veit, klang wieder ziemlich deutsch. Adalbert überflog den Text. Ein Chefarzt und sein Assistent. Freunde seit dem Studium. Was sollte das denn? Der eine war liiert! Wie sollte Adalbert denn das anstellen?

Langsam sah er seine Vermutungen – den hohen Rat der Elfen betreffend – wirklich bestätigt. Das war doch alles eine große Verschwörung, um Adalbert das Leben so schwer wie nur möglich zu machen. Da brauchte keiner kommen und das noch abstreiten – das lag doch offen auf dem Tisch. Es gelang ihm schon nicht, zwei ungebundene Jungs zu verkuppeln, da sollte er einen Mann seiner Freundin entreißen und ihn dann an einen anderen Mann binden, wenn möglich noch die große Liebe, damit für den frustrierten Elfen auch endlich mal wieder etwas dabei heraussprang, was er in seine Schachtel legen konnte.

„Mann“, murmelte Adalbert. Er war ungeduldig. Ging es denn da vorne gar nicht weiter? War es denn so schwer, den richtigen Code einzustellen und sich dann auf die Plattform zu stellen? Anscheinend schon, denn der Kerl da vorne löschte nun schon zum dritten Mal den Code und korrigierte, überlegte.

„Denk schneller, ich hab's eilig!“, rief der kleine Elf plötzlich nach vorn und als ihm bewusst wurde, was er getan hatte, senkte er schnell den Kopf. Zum Glück war Adalbert ziemlich klein und so war es kaum einem aufgefallen. Wie peinlich. Aber es war doch so. Die Zeit rannte und er steckte im Berufsverkehr fest. Das war doch pure Schikane. Er wäre sogar fast so weit gegangen zu behaupten, der dämliche Kerl da vorne war vom hohen Rat bezahlt, nur damit er Adalbert noch weiter hier behielt und der wieder seinen Stern nicht bekam.

Hatte er schon mal erwähnt, wie ungerecht diese Welt war? Vor allem, zu kleinen, blonden Elfen in schwerer Mission.

Nach und nach wurde die Schlange kürzer, die Folgenden waren in der Lage schnell zu tippen und Schwupp weg waren sie. Adalbert ebenfalls. Eben noch im Elfenland stand er plötzlich vor einem komischen Ding. Ein Löwe aus Plastik, der eine Lederhose trug. Wo war er denn hier gelandet? Kurz sah er sich um, nein, hier war er noch nicht gewesen und wie befürchtet war Jez freilich auch nicht da. War der sauer, weil Adalbert verpennt hatte? Oder besser, so in seinem Selbstmitleid versunken gewesen war, dass er nichts um sich herum mehr mitbekommen hatte. So war die Sachlage .

Also stapfte der kleine Elf durch den Schnee. Die Geschäfte, an denen er vorbei kam, waren alle noch geschlossen. Weil er sich heimlich darauf verlassen hatte, dass Jez ihn in Empfang nehmen und begrüßen würde, hatte sich Adalbert jetzt irgendwie nicht richtig mit der Adresse der beiden Männer befasst und ging nun lesend weiter.

Klinikum rechts der Isar, wo um alles in der Welt war das denn jetzt schon wieder? Konnten Elfen nicht einfach mal eine Adresse angeben? Vielleicht noch eine S-Bahn-Verbindung? War das zu viel verlangt? War er hier eigentlich auf einer Schnitzeljagd oder auf einer Rettungsmission? Ja, wer es noch nicht bemerkt haben sollte: Adalbert war angebrannt, er war wütend wie lange nicht. Heute ging aber auch alles schief!

Es gibt eben Tage, da verliert man und es gibt Tage, da gewinnen die anderen und an diesen Tagen sollte man einfach im Bett bleiben, sich Kannenweise Kakao intravenös eintrichtern und im Homeshopping Kanal für Elfen die neuste Zipfelmützenkollektion ansehen! Aber nicht mutter- und vaterelfenallein durch eine verschneite Stadt laufen, ohne Aussicht auf Erfolg!

Immer wieder sah sich Adalbert um, doch wer nicht auftauchte, war Jez. Noch ein bisschen angebrannter als vorher machte sich der kleine Elf also auf in die Luft, er hatte ein ganzes Stückchen Weg vor sich und so dauerte es eine gute Stunde, bis er endlich vor dem Portal der Klinik stand. Er war nass, er war durchgefroren, er hatte heute noch nichts zwischen die Zähne bekommen und geschlafen hatte er auch nicht viel, wenn das keine tödliche Kombination war, was dann?

Also nutzte er heute mal wieder seinen Vorrat an Magie, um an den Pförtnern vorbei zu kommen. Er hatte keine Lust, einen auf lieben kleinen Elfen zu machen und fröhlich, freundlich eine schöne Weihnachtszeit zu wünschen, lieber schlug er sich zu der angegebenen Station durch. Hier ein langer Flur, da ein beschrifteter Aufzug – dort abbiegen – da Treppe runter – und schon hatte sich der kleine Elf in dem riesigen Komplex aus Gebäuden heillos verlaufen. Nein, das war heute echt nicht sein Tag.

Close the world – open the next, aber mal ehrlich!

Nun stand er wieder vor einem der großen, schematischen Lagepläne, suchte seinen Standort und sein Ziel und stellte mal wieder knurrend fest, dass er seinem Ziel nicht ferner hätte sein können.

„Hey, Adi!“, rief es plötzlich hinter ihm und Jezeriel kam auf den kleinen Elfen zugelaufen. Der sah den treulosen Engel ziemlich grimmig an, doch dann konnte auch er nicht anders und lächelte. Er konnte Jez nicht böse sein, egal wie intensiv er das auch versuchte.

„Mensch Süßer, wo bleibst du denn so lange? Ich sitze seit einer Stunde vor dem OP, in dem die Beiden arbeiten. Wo bleibst du denn? Ich hab dir doch die Koordinaten vom Flur vor dem OP direkt ins Elf-o-phon geschickt. Hast du das nicht gelesen?“, fing Jez gleich an auf den Elfen einzureden, während er ihn in seine Arme schloss und die Flügel um sie beide legte, um sie für die Augen der Menschen unsichtbar zu machen.

„Nein, ich hab nichts gefunden“, sagte Adalbert etwas irritiert, doch dann fing er an leise zu gestehen, wie seine Nacht gelaufen war und wie er dann heute morgen über die Kartusche gestolpert war. Er musste auch zugeben, dass er den Kasten gar nicht mehr geleert hatte, sondern nur seine Unterlagen geschnappt hätte und dann auch schon aus dem Haus gelaufen wäre, wo dann hunderte anderer Elfen die gleiche Idee gehabt hätten. Er ließ auch den blöden Kerl nicht aus, der zu dämlich gewesen war, einen Code einzugeben und dann noch den beschwerlichen Flug bis hier her.

„Armer Schatz“, sagte Jez leise und rieb seinem durchgefrorenen Elf über die Arme. „Wir holen dir einen warmen Tee und warten auf die beiden, okay?“ Lächelnd sah Jez seinem kleinen Elfen in die Augen, legte seine Stirn an die von Adalbert und strich ihm über die nasse Mütze. „Na, komm.“

Langsam wurden sie wieder sichtbar und gingen durch die Flure, aber keiner störte sich an ihnen, denn der Engel täuschte die Augen der Menschen, damit diese ihre Flügel nicht sehen konnten. Es war nicht ganz legal, aber es war ein guter Weg, damit Adalbert erst einmal durchschnaufen konnte.

Mit einem Tee in der Hand, den Jez aus einem Automaten gezogen hatte, saßen sie also im Flur vor dem OP und warteten.



+++



„Absaugen“, sagte Hagen und korrigierte die Position des Saugers selber, weil er immer noch am besten wusste, wo er freie Sicht brauchte. Sein Assistent neben ihm hielt die Klemmen hoch, damit der Schnitt des zu entfernenden Darmstückes passte. Seit einiger Zeit herrschte in dem Operationssaal Eiszeit, denn die beiden Ärzte hatten sich ziemlich in die Haare bekommen, als Veit zu kurz ansetzen wollte, um so wenig wie möglich vom Gewebe zu entfernen und Hagen darauf bestand, etwas großräumiger um die befallene Tumorstelle zu schneiden, damit auch die beiden kleinen Metastasen mit raus kamen.

Im Endeffekt hatte sich Veit seinem Vorgesetzten ergeben, getan was der gesagt hatte und assistierte ihm jetzt dabei, die beiden offenen Endstücke zu vernähen und dafür zu sorgen, dass die Wunden rasch und komplikationsarm verheilten. Komplikationen gab es immer, da machte man sich nichts vor, aber man konnte immer noch sein bestes geben, die Beeinträchtigungen so gering wie nur möglich zu halten.

Nach einer halben Stunden war auch die Haut wieder vernäht, alle Instrumente gezählt, damit nichts im Bauchraum zurückblieb und der Patient konnte in den Aufwachraum geschoben werden. Die Schwestern und Ärzte verließen den Raum und kaum waren Veit und Hagen draußen, ging es auch schon los.

„Was sollte der Mist, Hagen, kannst du mir das mal sagen?“, giftete Veit. Von der OP heute hing eine Menge für ihn ab, er hatte sich nämlich auf eine Stelle als leitender Arzt beworben und seine Operationen wurden seit seiner Bewerbung beobachtet und bewertet. Da konnte er es gar nicht gebrauchen, dass Hagen alles besser wusste, nur weil er leitender Chirurg war.

Es hätte auch gereicht, weniger vom Darm wegzunehmen, da war sich Veit sicher, aber der Herr Oberarzt musste sich ja wieder aufspielen, wichtig machen und dann Veit als kleinen, dummen Assistenten, ohne den Blick für das Wesentliche, dastehen lassen.

„Was sollte was“, fragte der Arzt etwas irritiert und sah seinen Freund forschend an. Gerade streifte er sich die grünen Sachen aus dem OP ab und warf sie in den Beutel für die Wäsche.

„Die Tatsache, dass du mich gerade ziemlich blöd vor der Kommission hast aussehen lassen“, zischte Veit und riss sich ebenfalls die OP-Kleidung vom Leib. „Hast du nichts Besseres zu tun, als mich permanent zu berichtigen? Gefällst du dir in der Rolle des großen Chefarztes und ich dir in der Rolle des kleinen, dummen Handlangers, ja? Ist es das?“

„Veit, was soll das. Ich habe nie einen Unterschied zwischen uns gesehen, dass weißt du so gut wie ich“, verteidigte sich Hagen. Er mochte es nicht, wenn er sich mit seinem Freund stritt. Sie waren Freunde seit dem Abitur. Sie waren gemeinsam durchs Studium gegangen, waren durch die Prüfungen geschliddert und hatten ihre ersten Jahre auf dieser Station gemeinsam durch gestanden. Er selbst hatte einfach nur Glück, dass ein Gefäßspezialist als Assistenzarzt gesucht worden war und er nach ein paar Jahren auf die Stelle seines Mentors aufrücken konnte, als er bei diesem genug gelernt hatte. Veit hatte dieses Glück nicht gehabt, aber das hieß nicht, dass er kein guter Arzt war.

„Und ich dachte, du wärst mein Freund, aber du schmeißt mir Knüppel zwischen die Beine, wo es nur geht.“ Wütend wandte Veit sich um und wusch sich die Hände.

„Hey!“ Das konnte Hagen nun auch nicht auf sich sitzen lassen! Er war Veit immer ein guter Freund gewesen, da konnte der sich nun wirklich nicht beschweren. Außerdem mochte er den jungen Mann sehr gern. Die dunklen Haare, die dunklen Augen, die kleinen Fältchen um den Mund, wenn er lächelte.

„Das ist Blödsinn, was du erzählst, Veit, und das weißt du auch. Ich habe dich nicht als Freund kritisiert, sondern als Kollege und sei froh, dass ich dich nicht habe weiter machen lassen, denn...“

„Denn was!“, schoss Veit plötzlich herum. Wasser spritzte auf den Boden. „Denn was! Na komm, raus mit der Sprache. Ich war gerade dabei, einen Patienten zu killen oder was willst du mir damit sagen?“ Veits Augen funkelten wütend. Er war so sauer, dass mit ihm kein Reden war. Hagen spürte, dass es jetzt keinen Sinn hatte, den Kompromiss und eine klärende Antwort zu suchen, Veit wollte sie nicht hören. Er wollte sich beschweren, er wollte sich schlecht behandelt fühlen und Hagen die Schuld daran geben, wenn er die Stelle nicht bekam.

So sah es leider aus. Da nutzte es gar nichts, dass Hagen alles tun würde, nur damit Veit glücklich war, so glücklich, dass er endlich einmal aufhörte, überall Verschwörungen gegen sich zu sehen, sondern merkte, dass es Leute gab, die ihn mochten, mehr noch - die ihn liebten.

Hagen senkte den Kopf. Ja, diese Erkenntnis war leider ziemlich neu und er hatte sich an diesen Gedanken noch nicht gewöhnt. Auch nicht daran, dass er seit ein paar Tagen Single war, weil Sandra ihn verlassen hatte. Welche Frau mochte es schon, wenn mitten im Höhepunkt ihres Geliebten ein anderer Name fiel als ihr eigener? Wie erbost war eine Frau dann erst, wenn es der Name eines Mannes war? Das war echt peinlich gewesen, aber nun einmal nicht zu ändern. Deswegen schmerzte es umso mehr, Veit so feindselig zu sehen. So voller Wut und Missgunst.

Hagen war sich sicher, wenn Veit wüsste, wie er fühlte, er würde ihm unterstellen, ihn nur zu bremsen, damit Veit nicht die Abteilung verließ, aber so war es nicht. Hagen selbst war mit sich diesbezüglich auch schon ins Gericht gegangen, warum er Veit so hart ran nahm, warum er keine Fehler von ihm durchgehen lassen konnte.

Und er hatte sich offen ins Gesicht gefragt, ob es die Sorge war, dass er ihn gehen lassen musste, wenn Veit gut genug war. Doch das war es nicht. Er hatte einen Eid geschworen und an den war er gebunden. Er entschied nach bestem Wissen und Gewissen im Sinne seiner Patienten und manchmal brauchte Veit eben immer noch jemanden, der im auf die Finger sah.

Das entfernte Stück Darm ging jetzt runter in die Pathologie, die es untersuchen sollte, dann wollte er zusammen mit den Ergebnissen noch einmal mit Veit reden. Jetzt hatte das keinen Sinn. Selbst wenn Hagen gewollt hätte, ohne Gesprächspartner war das ziemlich schwer, denn Veit fegte gerade, immer noch mit einem völlig verkniffenen Gesicht, aus der Tür des OP-Bereiches und lief einen kleinen, ungeduldigen Elfen völlig über den Haufen. Adalbert strauchelte, schlug gegen die Wand und rutschte an ihr herunter.

Verwirrt blieb der Arzt stehen und sah zurück. „Oh, das tut mir leid.“ Gleich änderten sich sein Gesicht und seine Laune und er war mit zwei Schritten bei dem kleinen Jungen und sah ihn besorgt an. „Alles okay, das tut mir leid. Ich habe dich nicht gesehen“, sagte er leise und beschämt. So was durfte nicht passieren. Leute kamen in ein Krankenhaus, um gesund zu werden, nicht um verletzt und von Ärzten zu Krüppeln gemacht zu werden.

„Geht schon“, murmelte Adalbert noch etwas träge, das hatte ganz schön gerumst. Und alles nur, weil er mal wieder nicht auf Jez gehört hatte, der ihm gesagt hatte: setz dich hin, da kommt gleich jemand raus. Nein, Adalbert war neugierig und das hatte er nun von seiner Neugier. Aber immerhin hatte ihn der Richtige umgerannt. Keine Selbstverständlichkeit an einem Tag wie diesem, an dem sich die Schicksale der ganzen Welt gegen ihn verschworen hatten.

„Komm mal mit, ich guck mir das mal an“, sagte Veit, denn der Kleine hatte wohl jetzt eine Beule am Kopf. Kurz wechselte Adalbert einen Blick mit Jez und erst jetzt fiel Veit auch der junge blonde Mann auf, der noch auf einem der Stühle saß. „Sind sie ein Verwandter von dem Kleinen? Dann kommen sie bitte auch mit.“

Natürlich ließ sich Jez das nicht zweimal sagen und so stellte er sich schnell als Bruder vor, ehe er den beiden folgte.

„Setz dich mal da hin“, sagte der Arzt und Adalbert kroch auf eine Untersuchungsliege. Aufmerksam beobachtete er Veit. Sollte er ihm sagen, weswegen er hier war? Der würde ihm das ja sowieso nicht glauben. Jez hatte ihm erklärt, dass er schon eine Idee hatte, wie die Beiden doch noch zu einem vernünftigen Gespräch kämen, also ließ der Elf es bleiben.

„Ich kann mich nur immer wieder entschuldigen“, sagte Veit und untersuchte Adalbert, doch der Schreck war wohl größer gewesen als alles andere. Die Beule schwoll gar nicht an, es war nur eine leichte Rötung. Veit war erleichtert. „Wie heißt du eigentlich?“

„Ich bin Adalbert, der Weih...“, schnell biss sich der kleine Elf auf die Zunge, korrigierte sich hastig, „Adalbert Elfrich“, erklärte er und Jez musste sich das Grinsen verkneifen. Was für eine saudumme Idee. Auch Veit lächelte. „Na dann, Adalbert Elfrich, willst du vielleicht als Wiedergutmachung einen Lutscher?“, fragte er und sah Adalbert an.

‚Nee, lieber ’ne Antwort, warum du dich mit Hagen so angebrüllt hast’, dachte Adalbert bei sich, denn die Ärzte waren leider nicht zu überhören gewesen und hatten mit ihrer wabernden schlechten Laune Adalbert die Füße weggezogen. Aber der kleine Elf nickte nur. Er konnte Zucker jetzt wirklich gut gebrauchen. Diese beiden Streithähne sollte er dazu bringen, sich in Liebe zu küssen und aus ihrer Liebe einen Stern entstehen zu lassen?

Klar, nichts leichter als das! Und dann ging er los und hob Holland drei Meter aus dem Meer, damit es nicht unterging, wenn die Pole schmolzen.

Er griff sich den Lutscher, bedankte sich brav und ging mit Jez wieder auf den Flur, um zu beraten, was zu tun war, während Veit erst mal im Schwesternzimmer verschwand. Er brauchte jetzt einen Kaffee und ein offenes Ohr und beides fand er am kleinen Lesetisch in der Ecke am Fenster, wo das Licht am besten war. Markus hatte gerade Pause und sah lächelnd auf, als Veit den Raum betrat.

„Krach im Paradies?“, grinste der Pfleger, der nebenberuflich auch Veits Cousin war.

„Na klasse“, knurrte Veit, hatten die Schwestern also schon getratscht? Die Weiber waren doch wirklich schlimmer als jede Schar Hühner oder Enten! Wenn es irgendwo Tratsch zu erlauschen gab, da waren sie wie ein Schwamm und sie waren dann leider auch sehr freigiebig damit, ihn wieder von sich zu geben, emotional gefärbt, versteht sich. Und wie diese Färbung aussah, musste er nicht lange erraten, denn Hagen war ein Frauenschwarm, jede würde ihre linke Hand dafür geben, Hagen mal einen Gefallen tun zu dürfen.

„Du weißt doch, dass so was schnell die Runde macht. Was war denn los?“ Markus goss eine zweite Tasse Kaffee ein und lotste Veit für ein paar Minuten zu sich. Ärzte hatten selten freie Spitzen, wenn sie sich nicht ab und an ein paar Minuten nahmen, dann war gar nichts mit Pause.

„Hagen, der blöde Kerl, hat mich auflaufen lassen. Erst hieß es, ich leite die OP und dann mischt er sich doch ein und bringt es zu Ende. Ich hätte ihn würgen können. Was glaubst du, wie das aussieht, in meiner Bewertung? Wenn einer das Protokoll sieht“, schnaubte Veit und stürzte die lauwarme Brühe runter. Kaffee war das nicht, aber so lange er nicht wusste, was es war, wollte er dem Gesöff die Freude lassen, dass es sich so nennen durfte. „Und warum genau lachst du jetzt so doof, du Idiot?“

Markus biss sich auf die Lippen, doch er konnte nicht aufhören. „Ganz einfach, weil Hagen ein Leckerschmeckerschmackofatz ist, wenn du ihn ohne Hemd in den Umkleideräumen erwischst und weil er ein Arsch ist, wenn er dir in deine Arbeit pfuscht. So kann das mit euch doch nichts werden“, sagte Markus gut gelaunt und Veit kniff die Augen zu Schlitzen.

„Wenn ich nicht genau wüsste, wie Tante Inge an ihrem erstgeborenen Einzigen hängt, würde ich dich jetzt ganz galant in der Pathologie verschwinden lassen“, knurrte Veit, grinste aber. Na ja, es war ja auch nicht gelogen. Veit war seit dem Abitur hinter Hagen her, doch der hatte nur Augen für schmale Hüften und dicke Brüste. Dass der kein plastischer Chirurg geworden war, wunderte Veit ja heute noch.

„Na ist doch wahr, verdammt. Wenn ich so lange mit Zoltan rumgeeiert hätte wie du mit Hagen, ich wäre heute auch noch solo.“ Markus schenkte sich nach. Er war an diese Teerbrühe, die man hier Kaffee nannte, schon gewöhnt und trank sie mittlerweile ganz gerne.

„Darf ich dich mal an ein paar ganz kleine, unbedeutende Unterschiede hinweisen? Zoltan war nicht mit einer Frau verlobt, er war von Anfang an schwul und er hat keinen Chef-Arzt-Vater, der seinen Sohn verheiratet und mit einer Schar intelligenter, hübscher Kinderchen sehen will“, knurrte Veit sarkastisch. Er mochte es nicht, wenn er mit Markus verglichen wurde. Vielleicht hatte Veit von ihnen beiden die höhere Stellung in der Klinik, aber Markus hatte dafür sein Leben besser im Griff.

„Ja, und selbst wenn, hätte es dafür sicher auch irgendeinen Weg gegeben“, sagte Markus. „Es wäre doch schon mal ein Anfang, anstatt ihm aus dem Wege zu gehen und ihn zu seiner Verlobten zu schicken, mal ja zu sagen, wenn er abends mit dir weggehen will. Ich glaube, damit wäre schon viel gewonnen. Fehlt nur noch, dass du ihm erklärst, du kannst nicht, weil du dir die Haare waschen musst.“

Markus konnte es aber auch nicht lassen, seinen Cousin zu triezen. 35 Jahre, Single und unglücklich verliebt. Man sollte doch glauben, dass man in diesem Alter mal langsam den Arsch hochkriegen konnte, um seinen Weg zu gehen. Und wenn es sein musste, eben auch ohne Hagen. Es gab doch noch andere Mütter, die extrem hübsche Söhne hatten.

„Ja klar, schön, dass du alles besser weißt. Dann geh du doch mit ihm weg“, knurrte Veit. Er wusste selber, dass es dämlich war, Hagen immer wieder von sich zu schieben, nur weil der verlobt war. Vielleicht hätte sich ja an einem solchen Abend mal eine Möglichkeit geboten, wer wusste das denn schon so genau?

„Du wartest doch darauf, dass man dir den Mann deiner Träume auf einem Silbertablett serviert, Veit, aber so läuft das Leben nicht. Geh zu ihm, rede mit ihm noch mal über die OP und vor allen Dingen“, Markus machte eine dramatische Pause, damit Veit ihm auch ja zuhörte, „such dir was zum Poppen. Deine Unausgeglichenheit geht mir langsam auf die Nüsse.“

Veit schnaubte und knallte die Tasse auf den Tisch. So ein Idiot. Er hatte nicht vor, das noch mit einem anderen Kommentar als „Arsch“ zu belohnen. Lachend sah Markus ihm hinterher, als Veit den Raum verließ. Dass vor der Tür Zwei herumlungerten, die er schon kannte, hatte Veit noch nicht mal bemerkt.

Adalbert hatte gelauscht und wirkte nun schon wieder viel zufriedener. So, so – Veit mochte den lieben Hagen also recht gern. Das war doch schon mal wenigstens einseitig, besser als gar nichts. Jetzt musste man sich eigentlich nur noch Hagen greifen, ihm klar machen, was Veit für ein toller Hecht war und sie sich innig küssen lassen, dann war doch alles in Butter. Jez grinste, weil Adalbert ihn an seinen Gedanken hatte teilhaben lassen.

So gefiel ihm sein kleiner Elf noch viel besser.

Gestern, als sie sich getrennt hatten, war er sich nicht sicher gewesen, ob Adalbert nun nicht doch aufgab. Er hatte am Morgen schon Schwierigkeiten gehabt, den Kleinen wieder auf Linie zu bringen, aber der Reinfall, ausgerechnet mit Alec und Jack, an denen Adalbert so hing, hatte den Kleinen wieder ziemlich zurückgeworfen.

Sie hatten noch lange in einem Cafe gesessen und geredet, aber Jez war nicht sicher gewesen, ob er Adalbert wirklich erreicht hatte. So hatte er alles dafür getan, dass heut ein leichter Auftrag dran war, damit der Kleine endlich mal wieder einen glänzenden Stern in seine Schatulle tun konnte.

Strahlend hüpfte der Elf über den Gang, doch Jez zog ihn schnell zu sich, nicht dass der Kleine von einem Arzt, der es eilig hatte, wieder über den Haufen gerannt wurde und dann doch noch ein unschönes, ihn nicht kleidendes Horn davon trug und dann nicht mehr aussah wie ein Elf, sondern wie ein Troll. Natürlich sagte Jez ihm das nicht, sondern zog ihn nur an sich, als Hagen an ihnen vorbei schoss und in der Tür verschwand, aus der eben erst vor 5 Minuten Veit gestürzt kam.

„Mann, bin ich heute wichtig“, lachte Markus, der gerade seine Tasse abwusch und wieder zum Dienst wollte, weil seine Pause rum war.

„Hast du Veit gesehen?“, wollte Hagen wissen und Markus machte ein nachdenkliches Gesicht. „Komm schon, ich weiß, dass er grundsätzlich erst mal dich sucht, um sich über mich auszulassen, also: war er hier?“

„Ach so, DEN Veit meinst du“, lachte Markus, „der Quacksalber, der keine gescheite OP zustande kriegt.“

Hagen knurrte. Die beiden waren echt von einer Familie. Wenn sie sich auch nicht ähnlich sahen, so war es doch am Charakter nicht zu leugnen! „Also war er hier. Wo ist er hin? Ich muss mit ihm reden.“

„Na ja, er war ziemlich angepisst. Ich habe ihm zwar gesagt, er soll mal mit dir reden, aber so wie ich den Sturschädel kenne, wird er das nicht tun. Wenn du ihn suchst, dann such an dem Ort des Klinikums, der deinem Büro am weitesten entfernt liegt“, rief Markus.

„Oh Mann, du bist echt sein Cousin“, ranzte Hagen nur noch. Das war ihm hier echt zu blöd.

„Ja, du mich auch“, knurrte ihm Markus noch hinterher. Er war es wirklich langsam leid, dass er immer zwischen den Fronten stand. Die beiden waren doch nun wirklich alt genug, ihre Probleme selber in den Griff zu kriegen. Es wurde wirklich mal Zeit, dass die zueinander fanden und sich gegenseitig das Hirn raus vögelten. Vielleicht waren sie dann wieder zu gebrauchen!

Hagen rauschte wieder aus dem Raum auf den nun leeren Flur. Musste er Veit eben selber suchen. Kurz nur dachte er darüber nach, ihn anzupiepen, schließlich ging es nicht nur um einen privaten Zwist, sondern auch darum, dass die Ergebnisse aus der Pathologie schon da waren und Hagen Recht behalten hatte. Das wollte er Veit schwarz auf weiß zeigen, dass das gesamte Stück, was sie entfernt hatten, von Metastasen durchzogen gewesen war.

Also hastete er von einem Haus zum anderen, fragte sich durch, bis er die Nase voll hatte. Er machte sich auf den Weg zu seinem Büro und als er gerade am Fahrstuhl vorbei zur Treppe ging, öffneten sich die Türen und er sah sich dem Gesuchten gegenüber. Es war ein Reflex, Veit zu schubsen, damit er wieder in den Fahrstuhl taumelte und die eigene Angst vor engen Räumen zu vergessen. Es hatte schon seine Gründe, warum Hagen immer die Treppe nahm, doch das hier war wichtig, da musste die Angst jetzt einfach mal zurücktreten.

„Na prima, genau der Mann, den ich gesucht habe“, knurrte Hagen und versuchte sich wieder zu fassen.

„Was willst du, ich habe es eilig“, knurrte Veit zurück, als die Türen zugingen. Dass dies nicht stimmte, musste Hagen ja erst mal nicht wissen. Und dass er gerade von seinem Büro kam auch nicht. Sollte ja schließlich nicht so aussehen, als würde er ihm noch nachlaufen.

„Ich habe hier die Ergebnisse aus der Pathologie, der Gewebeschnitt hat ergeben, dass es gut war, dass wir so viel weggeschnitten...“

„Dass du so viel weggeschnitten und meinen Pfusch ausgebessert hast, wolltest du wohl sagen!“, zischte Veit und drückte auf den Knopf fürs Erdgeschoss, um überhaupt etwas zu tun. Immer wieder drückte er drauf, bis das passierte, vor dem Hagen die meiste Panik schob: Der Fahrstuhl blieb mit einem sanften Rucken stecken.

Erst herrschte ein paar Sekunden Ruhe, doch dann schien Hagen zu begreifen. „Was sollte das jetzt, Veit, was hast du getan? Hasst du mich so sehr, dass du mir das jetzt antun musstest?“, fragte er mit heiserer Stimme. Er spürte schon, wie die Panik ihm langsam den Nacken hoch kroch. Das war nicht gut – gar nicht gut – definitiv nicht gut!

Veit begriff nicht gleich, wollte zurückschießen, doch als er Hagen sah, fiel ihm wieder ein, warum der immer die Treppen nahm. „Tut mir leid, das war keine Absicht“, sagte er hastig und kam zu seinem Freund rüber. Vergessen war der Streit. Mittlerweile hatte ja Veit auch begriffen, dass Hagen ihm eigentlich nur geholfen hatte. Er hatte sich schon denken können, dass er das nicht aus purer Absicht sagte. „Aber ich war sauer vorhin. Du bist mein Freund, du...“

„Veit.“ Hagen atmete tief durch und versuchte zu verdrängen, dass der Raum hier eigentlich für seinen Geschmack viel zu eng war. Er hatte feuchte Hände und schwitzte leicht, konzentrierte sich aber. Wenn er als Arzt nicht wusste, wie man Panikattacken vorbeugen konnte, wer dann? „Veit, ich habe dich nicht als Freund vor den Kopf gestoßen, sondern als Kollege korrigiert. Wie oft noch, wir sollten das trennen können. Ich greife dich nicht persönlich an, wenn ich dich auf etwas hinweise.“

Veit nickte. Er hatte es ja mittlerweile begriffen, da musste Hagen nicht noch darauf herum treten. Allerdings hatte der momentan gar nicht die Zeit zu treten, er atmete tief ein und aus, konzentrierte sich auf seine Atmung, die ihm zeigte, dass er lebte und die Wände noch nicht auf ihn zukamen.

„Markus hat mich übrigens auch gerade an gesungen“, sagte Hagen, damit die Stimme seine Atmung etwas überlagerte und er sich ablenken konnte.

„Ja, mich auch“, murmelte Veit und sah Hagen forschend an. „Weswegen dich?“

„Weil ich dich wohl zum unqualifizierten Quacksalber gestempelt hätte“, murmelte Hagen und ließ sich auf den Boden sinken. Der Fahrstuhl dachte ja gar nicht daran, sich allein durch Gedankenkontrolle wieder in Bewegung setzen zu lassen.

„Ach so“, sagte Veit und ließ sich neben Hagen fallen.

„Und dich?“, fragte Hagen neugierig, sah dabei zu Veit rüber und grinste, doch dass der rot wurde, hätte er nicht erwartet. Was war denn an seiner Frage jetzt so verfänglich? Fragend hob er eine Braue.

„Kann ich nicht sagen“, murmelte Veit verlegen, doch Hagen ließ nicht locker und stichelte, ob's um Mädchen ging, mit denen er nicht spielen durfte.

„Du bist so ein Arsch“, maulte Veit und sah auf den Boden. Warum musste sich Hagen auch noch über ihn lustig machen? Er wusste doch, dass er auf Jungs stand, was sollte dann also dieser Seitenhieb?

„Ich weiß, das sagte Sandra auch, als sie mich letzte Woche verlassen hat. Langsam glaube ich auch, dass da was dran sein muss, hm?“ Hagen wirkte niedergeschlagen. So merkte er gar nicht, wie Veit ihn anstarrte, mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen. Hatte Hagen das gerade wirklich gesagt? Hatte er wirklich eben allen Ernstes erklärt, dass er solo war, dass seine Tussi endlich die Krallen von ihm genommen hatte? „Sag das noch mal?“, murmelte er leise, nicht wissend, wie das auf Hagen wirken musste.

Der sah etwas verwirrt nach oben. „Hä“, machte er wenig intelligent und legte den Kopf schief. Was war denn nun schon wieder los? Reichte es nicht, dass die Wände langsam näher kamen? Musste Veit ihn da auch noch verwirren? „Ich weiß, dass ich ein Arsch bin, weil Sandra mir das auch gesagt hat?“, wiederholte er auf gut Glück, er begriff nicht, auf was Veit hinaus wollte.

„Das andere“, sagte Veit heiser. Wie musste er nur auf Hagen wirken?

„Was hab ich denn noch gesagt?“ Hagen kratzte sich am Kopf. Solche Art Quizspiele gefielen ihm gar nicht.

„Hast du nicht eben gesagt, dass Sandra dich verlassen hat?“, hakte Veit etwas unsicher nach, weil er sich nun plötzlich nicht mehr sicher war, ob er das wirklich gehört hatte oder nur hatte hören wollen.

„Ach so, ja, hatte ich dir das noch nicht gesagt? Ich bin wieder Single.“ Hagen rollte den Bericht in seinen Händen. Er war nervös und er konnte nicht genau erkennen warum. Ob wegen der Enge und den Schweißausbrüchen oder wegen Veit, der ihn so komisch ansah. Sollte er es ihm sagen? Sollte er sagen: du, Veit, lass es uns versuchen? Ich liebe dich, ich will dich haben, ich denke beim Sex immer nur an dich? Wie klang das denn!

„Nein, hast du nicht“, sagte Veit, fügte aber im Kopf hinzu, dass er sonst nämlich bestimmt vorgestern nicht die Einladung abgelehnt hätte. Verdammt – verdammt – verdammt! „Warum hat sie dich verlassen?“

„Das willst du nicht wissen.“

„Würde ich sonst fragen?“

„Ich kann's dir nicht sagen.“

„Komm schon, wir sind doch Freunde.“

„Aber hinterher vielleicht nicht mehr.“

„Was soll das denn heißen?“

„Dass ich dir bestimmt nicht sage, warum sie gegangen ist.“

Es war ein atemberaubender Schlagabtausch, der wohl nur auf Instinkten beruhte, denn so schnell konnte keiner denken, wie diese beiden redeten.

Nun sahen sie sich an und die Zeit verging. Hagen hörte seinen eigenen Herzschlag, immer lauter. Babum – babum. Immer schneller, immer lauter hämmerte es in seinen Ohren. Sein Atem ging schneller. Warum sah Veit ihn so an?

„Sag's mir“, raunte der plötzlich und kam mit seinen Lippen langsam immer näher. Hagen stellten sich die Nackenhaare auf, so angespannt war er. Was würde passieren?

„Ich hab im Bett immer nur an dich gedacht“, flüsterte Hagen mit tonloser Stimme. Die letzten Worte trank Veit schon von seinen Lippen. Weich waren sie, genauso wie er sich das immer vorgestellt hatte. Und doch waren sie auch dominierend, als Veit sich langsam über ihn brachte. Seine Hände legten sich gegen die kalte Wand des Fahrstuhls rechts und links von Hagens Kopf, dann setzte er sich auf dessen Schoß. Immer tiefer wurde der anfangs noch schüchterne Kuss. Nun war er nicht mehr fragend oder bittend, sondern verlangend, forderte Leidenschaft, die schon viel zu lange schlummerte.

Wann hatte sich Hagen das letzte Mal so gefühlt? So zufrieden? So dem Himmel nahe? Veit ging es nicht anders. Zufrieden drängte er sich immer dichter, sie bemerkten nicht einmal, dass ein kleiner Elf den Stern an sich riss, der sich über ihnen bildete und zufrieden an sich drückte. Der Zehnte war erschienen und zwei weitere Menschen waren glücklich. Was wollte er mehr.

Jez ließ ihnen auch noch eine Weile ihre Ruhe, ehe er den Fahrstuhl weiter fahren ließ. Und so verschwanden Veit und Hagen, als der Aufzug - mit ein bisschen engelhafter Hilfe - in der obersten Etage angekommen war, in Hagens Büro, für eine ganze Weile.