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Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

17.12.2006



Idol oder Ideal

So zufrieden wie heute Morgen war Adalbert schon lange nicht mehr gewesen. Endlich hatte er einen weiteren Stern und wirklich viel tun hatte er dafür gar nicht müssen. Na ja, von dem Flug durch den Schnee und dem Zusammenstoß mit dem Arzt mal abgesehen. Das waren ja Dinge, die er mal wieder durch seine eigene Dummheit abgefangen hatte.

Wäre er gestern nicht so lethargisch gewesen und hätte, ehe er überstürzt aus dem Haus gelaufen war, noch mal in den Postkasten gesehen, hätte er die aktuellen Koordinaten gehabt und hätte die Reise durch den Schnee nicht antreten müssen. Aber nein, Adalbert musste ja gestern Morgen ein wütender Elf sein – da war diese Abkühlung dann wohl die gerechte Strafe. Aber selbst das konnte ihn heute nicht wirklich ärgern.

Motiviert lag er in seinem Bett und starrte an die Decke, auf seinem Bauch stand die Schachtel mit den Sternen und von jedem einzelnen wusste Adalbert noch, wo er ihn her hatte. Er nahm einen raus und grinste. Das war der aller erste gewesen. Aus Hamburg. Nur zu deutlich erinnerte er sich noch daran, wie er durch dieses komische Haus gelaufen war, wie er dort überall nackte Männer gesehen hatte und wie Maus schlussendlich doch noch den Geschäftsmann für sich hatte einnehmen können. Nicht zu vergessen, war ihm auf dem Dach das erste Mal Jez begegnet. Groß, schön, blond und so lieb.

Adalbert grinste blöd vor sich hin. Ja, Jez – das war der Grund, warum Adalbert, auch wenn ihm sein Hirn sagte, dass die Chance darauf gleich Null war, immer noch verzweifelt versuchte seinen Weg durchs Leben zu machen und endlich ein Engel zu werden. Er hatte sich damit abgefunden, dann das Elfenreich zu verlassen, doch viel hielt ihn hier auch nicht, von seinen Eltern einmal abgesehen. Seine Vorgesetzten hielten ihn sowieso für einfältig, seine Lehrer fanden ihn beklagenswert und seit Adalbert begriffen hatte, wie das Elfenvolk eigentlich tickte, wollte er nicht hier bleiben.

Zerfressen von Regeln und Pflichten hatten Elfen doch gar keine Chance, sich frei zu entfalten. Früher war ihm das nie aufgefallen. Adalbert konnte nicht leugnen, dass dieser Auftrag ihm das Leben gezeigt hatte, die guten – vor allem aber auch die schlechten Seiten – die Seiten, die man sonst nie zu sehen bekommen hätte. Auch wenn er also seinen Auftrag nicht beenden sollte, nicht zum Engel werden, wie er es sich so sehr wünschte, dann hatte er immer noch einen anderen Blick auf die heile, rosarote Welt der Elfen bekommen, der ihn vieles nun mit anderen Augen sehen ließ.

Gestern nach dem Job und als Adalbert endlich wieder einen Stern bekommen hatte, war Jez mit ihm noch einen Kakao trinken gewesen und sie hatten geredet. Adalbert hatte immer wieder versucht, Jez zu erklären, was er machen wollen würde, wenn er kein Engel würde, hatte ihm sagen wollen, dass er gern in der Menschenwelt wohnen würde, wenn auch ohne seine Elfenkräfte. Doch Jez hatte das alles nicht hören wollen. Immer wieder hatte er das Thema gewechselt, hatte gefragt, ob Adalbert aufgeben wollte. Das war doch Quatsch, er wollte doch nicht aufgeben! Aber war es denn so falsch, sich auch andere Wege zu überlegen? Egal ob man sie später ging oder nicht.

Na ja, wie auch immer. Adalbert hatte zehn Sterne, noch acht Tage, um noch mal genau so viele zu bekommen. Das hieß ja lediglich, dass er seine Erfolgsquote verdoppeln musste, nichts leichter als das, vor allen Dingen dann, wenn man ihm noch ein paar Mal Jack und Alec aufs Auge drückte. Wann begriffen die Elfen endlich, dass nicht alles zusammen findet, was ihrer Meinung nach auch zusammen gehört.

Ziemlich verbohrt.

Vielleicht sollte er den nächsten Auftrag mit den beiden einfach aus Prinzip ablehnen. Doch da fiel ihm etwas ein, was Jez mal so nebenbei gesagt hatte. Sie wären noch nicht reif, die Erkenntnis würde erst noch kommen – das hieß doch, dass Jez wusste, dass die beiden noch den Weg zueinander finden würden. Fragte sich nur – und das zu Recht – ob das noch vor Adalberts 16. Geburtstag passieren würde und ihm einen Stern bringen könnte oder ob das noch ein paar verbohrte Jahre in der Zukunft lag, einer Zukunft, die Adalbert dann weiter als Elf wie ein kleines Schräubchen in einem großen, eingeschliffenen Getriebe verbrachte.

Was für ein Schicksal.

Er stöhnte.

Hatte er nicht noch vor ein paar Minuten gedacht, ihn könnte nichts runter ziehen? War er nicht total motiviert gewesen? Gerade war von dieser Motivation nicht mehr viel zu sehen. Irgendwie hatte der kleine Elf die untrügliche Begabung, sich alles schlecht zu reden.

So sollten Weihnachtselfen aber nicht sein.

Sie sollten fröhlicher und lustiger Dinge sein, die jedem gute Laune brachten. Wie viel gute Laune hatte er denn gebracht? Ehrlich gesagt ja nicht viel. Die meisten seiner Klienten hatten ihn wieder loswerden wollen. Die wenigsten hatten ihn angelächelt, von einem Danke mal ganz zu schweigen, aber dafür tat ein Elf ja seine Arbeit bekanntlich nicht. Das Glück der Menschen war den Elfen Dank genug. Na schönen Dank auch – ziemlich bescheiden, dafür, dass man vorher durch die Hölle ging, mit denen!

Oh je – Adalbert hatte Stufe zwei in seinem Bemitleidungsprogramm erreicht, nach der Niedergeschlagenheit kam der Zynismus, gerichtet gegen alles und jeden, von dem der kleine Elf glaubte, er wäre an diesem Schicksal schuld. Heute waren mal die Elfen im Allgemeinen dran. Und ehe er sich jetzt noch tiefer in den Strudel zog, der sich dann mit Weltenschmerz fortsetzte und der Ausweglosigkeit, erhob er sich lieber.

Die Nachricht, die Jez gestern geschickt hatte, die mit den neuen Koordinaten für den Elf-Trans, hatte er nicht weggeworfen. Ganz im Gegenteil. Die klebte hinter dem Spiegel. Er kam sich selber etwas albern dabei vor. Wie so ein kleines Groupie, das jeden Schnipsel sammelte, dessen es von seinem Idol habhaft werden konnte.

Es war ja nicht so, als wäre dies nur eine Leidenschaft von Menschen, auch Elfen konnten fanatisch in Heulkrämpfen ausbrechen, wenn die angesagteste Band der Elfheit auf Tournee war. Adalbert kicherte, als er sich daran erinnerte, wie seine Mutter letztes Jahr fast durchgedreht war, weil sie keine Karte mehr bekommen hatte und sie alle dann dazu verdammt gewesen waren, das Konzert im Elfenfernsehen zu verfolgen – einmal und nie wieder. Einen Monat später war Adalbert ausgezogen und war nun Herr über seinen eigenen Fernseher. Jetzt entschied er, ob Effelbert ihm die Ohren voll heulte oder nicht.

Wie auch immer, motiviert wollte Adalbert ja sein, also machte er sich erst mal im Bad so weit fertig, dass er dann überhastet aus dem Haus stürzen konnte, ohne unangenehm aufzufallen. Und wenn er es recht bedachte, so bestand selbst ein Sonntag wie dieser nur aus dem Ziel, endlich Jezeriel in der Menschenwelt zu treffen, dem einzigen Ort, wo sie sich sehen durften.

Zwar wäre das jetzt ein guter Ansatzpunkt, sich mal wieder über die Ungerechtigkeit und die Verbohrtheit auszulassen, doch das brachte ja auch nichts. Also suchte er sich den Kuchen aus dem Kühlschrank, den seine Mutter gestern vorbei gebracht hatte und setzte sich wartend an den Tisch. Irgendwann würde der Auftrag schon kommen.

Das war auch eine Sache, die sich grundlegend geändert hatte. Adalbert war ein Langschläfer gewesen – schon immer und mit Hingabe und Leidenschaft, doch seit er diese Aufträge hatte, musste er früh raus und langsam störte es ihn gar nicht mehr. Er hatte sich ganz schön verändert. Vielleicht hätte er wirklich schon viel früher den Weg gehen sollen, doch er hatte ja keinen Schimmer davon gehabt, wie man ein Engel wurde. Und jetzt, wo er es wusste, rannte ihm die Zeit davon.

Zum Heulen, aber nicht zu ändern. Nachdenklich mümmelte Adalbert an seinem Stück Kuchen. Was wäre, wenn er diesen Weg wirklich früher gegangen wäre? Wäre er seinem Jez dann auch begegnet?

Das Klingeln des Elf-o-Phons riss Adalbert aus seinen Gedanken. Er sah auf und erhob sich. Schnell hatte er sich die Kapsel geholt und holte die Daten heraus – na herrlich. Mal was anderes und nicht wie befürchtet wieder Alec und sein Jack. Die mussten sich wohl erst mal beschnüffeln, ehe man einen weiteren, Adalbert-quälenden Versuch starten konnte.

Heute ging es um Atai, einen Abiturienten und ein bekennender Fan von Dick van Patten, einem Idol der Musik-Szene. Hoch gepuscht durch seine rauchige Stimme und sein traumhaftes Aussehen, war es für ihn leicht, in der oberen Welt Fuß zu fassen. Atai wiederum himmelte diesen Sänger wohl an.

Und genau diesen sollte er mit dem Sänger zusammenbringen? Das war doch ein schlechter Scherz, oder? Ein richtig schlechter Scherz. Wie sollte man es denn packen, dass sich ein Idol für einen unbedeutenden Fan interessierte?

Oh.

Beschämt hielt Adalbert inne, sich schon wieder zu ereifern, und las mit roten Wangen weiter. Atai war der beste Freund des Drummers Jacob und außerdem hatte Dick ihn schon zu einem Date eingeladen – alles was Adalbert tun sollte, war sie nicht zu stören und dafür zu sorgen, dass es auch kein anderer tat.

Na gut.

Milde gestimmt nickte Adalbert sich zu. Wenn das so einfach war, warum nicht? Er flog da hin, sah ihnen zu, bis sie sich küssten – was sollte da schon groß schief gehen? Er grinste ziemlich zufrieden und schlüpfte in seine Sachen. Heute hatte er es nicht eilig.



+++



„Atai!“ Jacob lief seinem Freund wütend hinterher. „Das kann doch nicht dein Ernst sein!“ Als er eben von der Probe kam, hatte ihn Dick, der Sänger seiner Band, noch mal beiseite genommen und ihm brühwarm aufs Brot geschmiert, dass er Atai endlich rum gekriegt hätte und er ihn heute ausführen würde. Dabei hatte er so verschlagen geguckt und mit seiner Zunge die Wange ausgebeult, so dass jeder begriffen hatte, was der Bastard eigentlich vorhatte. Und dafür war Atai einfach zu schade, warum begriff der Mann das nicht? Lieber lief er gerade singend – eines von Dicks Liedern, was auch sonst – durch den Flur von Jacobs Wohnung. Er hatte seinen Eltern erzählt, er ginge aufs Konzert und würde dann bei Obi schlafen und weil die den besten Freund ihres Sohnes schon seit über zehn Jahren kannten, hatten sie da auch nichts dagegen. Zumal der ja zu der Band gehörte, dessen Konzert Atai besuchen wollte, da konnte Obi ihn ja gleich mit heim nehmen.

Und da lag der springende Punkt. Atais Eltern vertrauten ihm und so konnte er nicht zulassen, dass sein bester Freund sich für einen windigen Hund wie Dick einfach weg warf. „Verdammt, Atai, jetzt bleib doch mal stehen und hör mir zu. Das war doch nur eine Wette von Cedric, ob Dick wirklich jeden ins Bett bekommt. Dick steht nicht auf Männer, hast du das immer noch nicht begriffen?“ Mit weitgreifenden Schritten folgte Jacob seinem Freund, doch als der unvermittelt stehen blieb, lief er voll in Atai hinein. Der wandte sich um und sah Jacob gekränkt an. „Das ist so typisch. Der große Drummer, der weltberühmte Jacob Seifert kann es wohl nicht ertragen, dass sich plötzlich auch mal jemand für mich interessiert und dann auch noch jemand wie Dick“, zischte er. Atai war sauer. Seit heute morgen ging ihm Obi schon auf den Nerv. Tu dies nicht, tu das nicht – lass das, lass jenes! Es war nicht zum Aushalten! Gönnte sein Freund ihm etwa gar nichts?

„Das ist doch Schwachsinn und bei jedem anderen Kerl würde ich mich für dich freuen und dich eigenhändig zum Date fahren, aber nicht bei Dick, verdammt. Du bist zu schade für diesen Bastard! Nur weil er gut aussieht, fallen ihm die Herzen zu und er hat nichts anderes zu tun, als darauf herum zu treten. Sieben Mädels, mit denen er gespielt hat, haben sich schon umgebracht – bist du dann der erste Kerl in der Riege, oder wie?“ Jacob konnte die Verbohrtheit seines Freundes nicht verstehen. Atai war schlau, er machte die Schule mit links, hatte bereits das Stipendium für eine Elite-Uni in der Tasche und jetzt fing er an, wie ein pubertierender Teenager einem Idol nachzulaufen.

„Halt endlich die Klappe, Obi!“, brüllte Atai. Er wollte das nicht hören. Dick war der perfekte Mann. Er war aufmerksam und liebevoll, ganz bestimmt war er das. Seine Lieder kündeten doch alle von Liebesleid, vom Wunden lecken, von Hoffnung schöpfen. Wie konnte jemand, der angeblich so mies war, wie Jacob das schilderte, solche Texte schreiben, die ans Herz gingen? „Du bist doch nur neidisch. Du willst ihn selber im Bett haben, aber ich werde ihn haben. Er wird nur mir gehören, verstehst du?“ Atai wandte sich wieder um und ging weiter. Doch noch ehe Jacob ihm folgen konnte, war er schon im Bad verschwunden und sein Freund hatte das Nachsehen, weil Atai einfach abschloss. Er wollte nichts mehr hören – Dick war perfekt und das würde Jacob auch einsehen, wenn er und Atai erst einmal ein Paar waren.

Doch Jacob wusste, dass dies nie passieren würde. Er kannte Dick schon zu lange. Viel zu lange! Er hatte ihn oft genug Backstage erwischt. Alles was willig und weiblich war, hatte der schon flachgelegt. Die Garderobiere, die Frisöse, die Kosmetikerin, die Choreographin - sie hatten einen Verschleiß an Personal, das ging auf keine grüne Kuhhaut. Denn Dick war da ja auch kein Feiner. Jeden Abschuss tat er kund, demütigte die Frauen hinterher noch damit und führte ihnen die neuste Eroberung vor. Jede war nur ein Stein auf seinem Weg nach oben. Jacob konnte doch nicht zulassen, dass Atai auch einer dieser Steine wurde – einer von vielen. Atai war nicht einer unter vielen, er war etwas Besonderes. Etwas ganz Besonderes. Und dass Dick sich für ihn interessierte, hatte nur einen einzigen Grund: Jacob hatte es ihm verboten. So einfach war das.

Ein Machtkampf auf Atais Rücken, das war einfach nicht fair und ihr Bassist, Cedric, hatte freilich nichts Besseres zu tun, als Dick auch noch anzustacheln. Oh Mann, die zwei waren echt eine Geißel Gottes! Nur sah das keiner, denn das Bild, das die Medien von ihnen bauschten und was sie selber in der Öffentlichkeit gaben, war so anders als ihr wirklicher Charakter. Aber sie waren nicht die ersten, wo die Gage den Charakter formte. Sie waren gute Schauspieler und deswegen auch so erfolgreich.

Er hatte immer noch das Grinsen vor Augen, als Dick ihm gestern erklärt hatte, er hätte Atai gefragt, ob er nicht mit ihm ausgehen würde und die süße, kleine Schwuchtel hätte ja gesagt. Nun wolle er doch mal gucken, ob männliche Jungfrauen ebenfalls so eng waren wie weibliche. Oder besser.

Jacob war fast schlecht geworden, doch als er Atai das erzählen wollte, hatte der ihn nur fies angesehen. „Ja“, hatte er gesagt, „Dick wusste, dass du so was sagen würdest. Er hat mir gesagt, was du mir erzählen wollen wirst, weil du ihm jedes Date aus Neid kaputt machst.“

Das waren Atais Worte gewesen und sie hatten wehgetan. Es war Dick wirklich gelungen, seinen besten Freund gegen Jacob aufzubringen und der Idiot sah noch nicht einmal, dass er nur benutzt wurde. Blind vor Liebe zu seinem Star lief Atai in eine betörende Venusfliegenfalle, in der er sein Ende finden würde, denn Atai war labil. Er war verträumt und romantisch und er würde aus den rosa Wolken fallen, wenn Dick mit ihm fertig war. Und was dann? Er hatte doch so eine glänzende Zukunft vor sich, das durfte doch nicht alles weggeworfen werden. Schon gar nicht wegen so einer miesen Ratte, solch einem Seelentrampel wie Dick van Patten.

Es hatte ihn ja nicht mal gestört, als die Abschiedbriefe der Mädchen, die sich umgebracht hatten, veröffentlicht wurden, als sie von Enttäuschungen sprachen, von missbrauchtem Vertrauen. Vor den Kameras war er fast zusammengebrochen, dass Jacob von dieser Show schlecht geworden war und hinter den Kulissen hatte er sich noch dafür gebrüstet, wie die Frauen für ihn in den Tod gehen konnten. Nein, gerecht war diese Welt nicht, wenn ein solcher Kerl noch mit Ruhm bekleckert wurde, obwohl er es nun wirklich nicht wert war.

Doch das war jetzt erst mal egal! Sein Problem war blond und zierlich und hockte im Bad!

Also klopfte Jacob wieder gegen die Tür, doch dahinter war es still. Er rief nach Atai, allerdings reagierte der gar nicht, wie auch – er war einfach ins Bad gelaufen, wo er schon seine Sachen versteckt hatte, hatte sich umgezogen und geschminkt und war aus dem Fenster getürmt. Jacob wohnte im ersten Stock, da war es nicht so schwer. Für einen Augenblick hatte sich Atai sogar geschämt, dass er sich vor seinem besten Freund davon schlich, aber aus der Tür hätte Jacob ihn niemals gelassen, also musste er sein Ziel eben anders erreichen. Dick hatte ihn doch förmlich angefleht und ihm auch gesagt, dass Jacob alles versuchen würde, ihn daran zu hindern, weil er selbst auch scharf auf Dick wäre. Er hätte es schon so oft probiert, dass Dick gar nicht mehr wüsste, wie er ihn noch abwehren sollte und er würde ihm sein Glück mit einem anderen nicht gönnen.

Erst hatte Atai das nicht glauben wollen, doch als er gesehen hatte, dass alles so gekommen war, wie Dick das gesagt hatte, da war ihm das eine oder andere aufgegangen. Dick hatte ja so recht gehabt. Obi war eifersüchtig wie nichts anderes und nun hatte er ihn daran hindern wollen, sich mit Dick zu treffen. Nein, bester Freund hin oder her, so benahm sich kein bester Freund, er machte einem nicht das einzige Glück kaputt, was man hatte. Hastig lief er über den Rasen, ignorierte Jacobs Rufe aus dem Fenster und stieg in den schwarzen Wagen, der für ihn bereit stand und ihn zu seinem Date mit Dick brachte.



+++



„Atai, du sturer Hund.“

Adalbert zuckte zusammen, als er zu sich kam und sich umsah. Wo war er denn hier? Sah aus wie eine Wohnung! Er folgte der Stimme, denn Atai hieß einer seiner Sorgenkinder von heute. Und dass es so viele junge Männer mit diesem Namen gab, war irgendwie ja ziemlich unwahrscheinlich. „Lass mich los, du Depp“, rief die Stimme wieder. Ob das dieser Sänger war? Das konnte sich Adalbert ja fast nicht vorstellen. Hieß es nicht, sie hätten ein Date und alles wäre schön? So klang das hier ja mal gar nicht!

Als Adalbert endlich am Ort des Geschehens angekommen war, guckte er nicht schlecht. Jez versuchte den Mann im Fenster daran zu hindern, raus zu springen. Was war denn hier los? „Jez“, rief er aufgebracht und voller Sorge, ob seinem Engel bei dem Geraufe etwas passiert war, doch der lächelte seinen Sonnenschein nur an. „Hi“, sagte er. „Pack mal mit an, mit dem ist ja nicht zu reden.“

„DU sollst mich loslassen, hab ich gesagt“, zeterte der Mann und funkelte Jez wütend an. Als der ausholte, um Jez von sich zu schlagen, ließ der plötzlich seine Flügel erscheinen und Jacob hielt mitten in der Bewegung inne. Was war das denn? Was war hier los? Die Sekunden der Verblüffung nutzte Jez, um Jacob vom Fensterbrett zu zerren und mit sich ins Wohnzimmer zu bringen, während Adalbert erst mal das Fenster schloss, denn ein paar Leute hatten doch gesehen, was hier gerade passiert war. Peinlich, peinlich.

Doch dann hastete er seinem Engel hinterher.

„Sag mal, geht’s noch?“, herrschte dort der Mensch gerade Jezeriel an und der ließ es geschehen. Schüchtern drückte sich Adalbert an die Wand und wurde nun auch von diesem Mann gemustert. „Was bildet ihr euch eigentlich ein? Was macht ihr in meiner Wohnung? Ich rufe die Polizei und lasse euch abholen!“

Jacob war außer sich vor Wut. Atai war einfach abgehauen und er konnte ihm nicht einmal nach, weil er nun nicht wusste, wo er war. Er kannte Dick zu gut. Der suchte sich Orte aus, von denen hatte Jacob noch nie gehört. Ihn zu finden war schier unmöglich. Und dann kamen da noch solche Spinner in Kostümen und hinderten ihn daran, Atai zu folgen! Egal wie ausweglos das gewesen wäre, er hätte es doch versuchen müssen – er war sein bester Freund.

„Ich bin Jezeriel, das dort ist Adalbert, ein Weihnachtself. Eigentlich sind wir hier wegen Atai. Aber der ist schon weg zu seinem Date, hm?“, sagte Jez und ließ die Flügel wieder verschwinden, sie hatten wohl nicht wirklich den Eindruck gemacht, den er erhofft hatte. Bei Leuten aus der Show-Branche zog so was wohl nicht.

„Ja, danke auch!“ Jacob knurrte. Hatte Dick die Spinner geschickt? „Könnt eurem Boss sagen, es hat geklappt, der unschuldige Atai ist ohne Verfolger auf dem Weg zu ihm!“

„Hö?“, fragte Adalbert etwas verwirrt. „Warum will der Junge zum Elfenrat?“

„Was?“ Jacob kam sich gerade ziemlich verarscht vor und Jezeriel beeilte sich, das Missverständnis aufzuklären.

„Ja, sicher“, lachte Jacob gehässig. „Ein Elfchen. Für wie blöd haltet ihr mich eigentlich?“ Eigentlich war das ja die berühmt berüchtigte, rhetorische Frage gewesen, auf die niemand wirklich eine Antwort wollte, doch das hielt Jezeril nicht davon ab.

„Für so blöd, dass du ihm nie gesagt hast, dass du ihn liebst. Das hier hätte alles nicht passieren müssen!“

Nun schnappe Jacob doch nach Luft, Adalbert übrigens auch, den hatte das mindest so überraschend getroffen wie Jacob, der nicht begriff, wie jemand davon wissen konnte. „Ist doch Quatsch“, brachte er heraus.

„Ist es nicht, das weißt du so gut wie ich. Dein Problem siehst du darin, dass er noch so jung ist und dass es Ärger geben könnte. Du bist 27 und er zehn Jahre jünger. Aber das heißt ja noch lange nicht, dass es nicht funktionieren kann! Lieber lässt du ihn diesen Dick anhimmeln.“

„Ich lasse?“, erboste sich nun Jacob. „Ich lasse? Ich lasse ihn gar nichts. Ich habe versucht, mit ihm zu reden, aber Dick hat ordentlich gegen mich intrigiert. Er hat Atai vorher gesagt, wie ich reagieren würde und das hat er als Beweis gesehen, dass ich ihm sein Glück nicht gönne. Was, außer Reden, hätte ich denn noch tun können?“, wollte Jacob wissen.

Wieder eine der rhetorischen Fragen, die Jez nicht davon abhielt, zu antworten. „Ihm alles sagen, ihn küssen, ihn einladen, mit dir wo anders hin zu gehen. Alles Möglichkeiten...“

„...die nichts gebracht hätten, verdammt noch mal. Er ist blind vor Liebe“, ging Jacob dazwischen.

„Nein, er liebt nicht, er fühlt sich begehrt, er fühlt sich wichtig, das ist etwas anderes und dieses Gefühl hättest du ihm auch geben können.“

Da verstummte Jacob plötzlich, gerade so, als hätte ihn eine Erkenntnis hart am Kopf getroffen. Etwas besorgt kam Adalbert näher. Zwar ging ihn dieser Mann hier nichts an, denn er stand nicht auf der Liste der Leute, um die er sich heute kümmern sollte, doch er tat ihm irgendwie leid. Um seine Schützlinge mussten sie sich keine Sorgen machen, er vertraute Jez da blind. Wären die beiden zu betreuen, wären sie nicht hier, sondern bei Atai. Also lief das sicher so, wie es sollte, sie sollten nur nicht versäumen, den Stern zu holen.

„Das weiß ich selber“, sagte Jacob irgendwann. Er hatte zusammengesunken auf der Couch gesessen und nachgedacht. Egal wie er es drehte oder wendete, der Mann mit den Flügeln hatte Recht. Es war ganz allein in seiner Hand gewesen, Atai das Gefühl zu geben, begehrt zu werden. Vielleicht hätte er ihm diesen Spleen mit Dick ausreden können, hätte ihn dazu gebracht, ihn mit realeren Augen zu sehen – doch er hatte es nicht getan. Warum?

Aus Angst, ihn gänzlich zu verlieren. Seine Feigheit hatte Atai doch erst dazu getrieben. Das war ja so armselig.

„Und jetzt?“, wollte er wissen. „Ich meine, muss ja ’nen tieferen Sinn haben, dass ihr Vögel hier auftaucht, mir den Kopf wascht. Also“, kurz sah er auf, „was passiert jetzt?“

„Gar nichts. Atai wird sein Date haben und du das Nachsehen“, sagte Jez und setzte sich nun auch endlich, während Adalbert ihn mit suppentellergroßen Augen ansah! Wie redete Jez denn? So machte man doch keinem Mut, so demoralisierte man die Leute doch nur. Ihnen sagen, dass sie das Nachsehen hätten und nichts tun könnten. „Jez.“

Doch der Engel sah ihn nur an. „Was ist denn, Adalbert. So ist es doch. Im Augenblick kann er nichts tun.“

„Aber wir können doch was tun, wir können ihn aufhalten“, widersprach Adalbert, doch Jez schüttelte nur den Kopf. „Nein“, erklärte er, „auch wir können nichts tun. Wir sind nur Weihnachtswesen. Wir können nur die Glücklich machen, für die wir auch einen Auftrag haben und der Auftrag für heute ist nun einmal Atai. Der soll glücklich werden und wenn er glaubt, sein Glück liegt darin begründet, dass er mit diesem furchtbaren Kerl ausgehen muss, dann haben wir nicht das Recht, ihn davon abzuhalten“, sagte er, doch da schoss Jacob hoch.

„Hab ich das gerade richtig verstanden“, donnerte er. Über die Weihnachtswesen wollte er mal hinweg sehen, viele Spinner waren ja auch harmlos. „Ihr lasst ihn da in sein Unglück rennen, der Kerl wird ihn brechen und ihr guckt da einfach so zu? Schämt ihr euch gar nicht? Sagt mir, wo er ist, ich hole ihn da raus!“ Fassungslos über das Gehörte machte sich Jacob daran, sich etwas anzuziehen und die Schuhe zu suchen, doch Jezeriel dachte ja gar nicht daran, diese Information zu geben.

„Nein“, erklärte er wieder und langsam machte sich Adalbert doch Sorgen. Was war denn heute los?

„Wie, nein? Ich soll ihn bei dem Arschloch lassen, der ihn zerbricht? Was seid ihr denn für Wichser?“, schrie Jacob und wollte auf Jez losgehen, doch der schloss nur die Flügel um sich und verschwand, tauchte hinter Jacob wieder auf und schubste den kopfüber auf die Couch, wo er ihn dann fest gegen die Lehne pinnte.

„Jetzt wirst du mir mal zuhören“, sagte der Engel dunkel, fast ein bisschen furchteinflößend, zumindest für einen kleinen, irritierten Elfen. „Wenn du dich jetzt einmischst, wird er dir sein Leben lang vorhalten, dass du ihm sein Glück nicht gegönnt hast. Den Mythos Dick kann nur Dick allein zerstören und er wird es heute tun, das weiß ich. Auch wenn es schwer für dich wird und hart, Atai muss diesen Weg gehen, denn sonst wird sein Kopf und sein Herz nie für einen anderen frei sein, verstehst du das denn nicht? Du kannst ihn nicht immer nur beschützen. Er muss Fehler machen, um zu lernen!“ Jezeriels Stimme war laut und eindringlich. Sie machte klar, dass es besser war, Jacob käme nicht auf die Idee, ihm zu widersprechen.

Und er war schlau, er tat es wirklich nicht, sondern sah den blonden Kerl, der viel mehr Kraft hatte als er, nur undeutbar an. „Ich soll zulassen, dass er ihn vergewaltigt.“

Adalbert schluckte. Was sollte das denn jetzt? Es hieß doch, alles würde gut laufen! „Jez?“, fragte er deswegen schüchtern. Am lieben wäre er jetzt Atai hinterher, doch der Engel schüttelte nur den Kopf.

„Er wird ihn nicht vergewaltigen müssen, weil Atai den Sex auch will“, erklärte er und ließ Jacob langsam los. „Und es wird wichtig sein, dass er diese Erfahrung macht, Jacob. Wenn alles vorbei ist, wirst du erfahren, wo er ist und dann wird es deine Aufgabe sein, bei ihm zu sein, ihm zuzuhören, so lange, wie er reden möchte und ihm zu zeigen, dass er dir wichtig ist. Aber dazu muss die Blase in seinem Kopf erst einmal platzen, hm?“

Er setzte sich neben Jacob und sah auf Adalbert, der immer noch an der Tür stand und sich nun an die Wand drückte. Man sah ihm deutlich an, was er dachte. Wenn Atai und dieser Dick... wenn die sich doch gar nicht liebten, dann... „Kein Stern für mich, oder?“, fragte er kleinlaut und Jez senkte den Kopf.

„Nein, kein Stern für dich, Süßer.“

„Verstehe“, sagte Adalbert, doch er war deprimiert. Wenn das so weiter ging, dann wurde das doch nie was! Mit jedem Tag sank die Chance, mit jedem verpatzten Auftrag. „Fies isses trotzdem“, murmelte der kleine Elf und sank in sich zusammen, während Jacob kein Wort verstand.

Also machten sich Jez und Adalbert daran zu erklären, warum Adalbert Sterne sammelte.



+++



„Wow.“ Atai sah sich immer noch in der schwarzen Limousine um. Er war – abgesehen vom Fahrer, ohne den sich der Wagen ja nicht fortbewegen würde – allein. Schon eine ganze Weile fuhr er durch die Stadt. Er war ja so aufgeregt. Jacob und seine Flucht waren gänzlich aus Atais Kopf gestrichen. Nur noch Dick – nichts anderes interessierte ihn noch. Er bekam das, worum ihn Tausende beneideten – ein Date, ganz allein mit ihm.

Es war ja nicht so, als wäre er Dick noch nie nahe gekommen. Obi hatte ihn oft mit hinter die Bühne genommen, gerade weil er wusste, wie verrückt er nach Dick war und dort hatten sie sich kennen gelernt: besser gesagt, hatte Atai ihn dort gesehen und sich verliebt. Er war privat ja noch anbetungswürdiger als auf der Bühne und das würde sich Atai von keinem kaputt machen lassen. Auch nicht – oder gerade nicht – von Obi.

„Wo geht es denn hin?“, fragte Atai, als er sich umsah und die Gegend langsam ländlicher wurde. Sie waren nicht mehr im Stadtzentrum, so viel stand mal fest.

„Das darf ich ihnen nicht sagen“, erklärte der Fahrer und konzentrierte sich wieder auf die Straße. Er hatte die Anweisung bekommen, den Jungen zu holen, mehr nicht. Also tat er das auch, schließlich wurde er dafür reichlich entlohnt.

Atai nahm es hin und lehnte sich wieder an. Dick würde sich bestimmt etwas Verstecktes ausgedacht haben, damit ihn die Presse nicht fand, war ja nur zu verständlich, wenn man bedachte, wie die Hotelzimmer der Jungs belagert wurden, wenn sie auf Tournee waren. Atai grinste. Er würde das nicht tun müssen, er würde nicht einer unter vielen sein, wie Jacob behauptet hatte. Ihn ließ Dick abholen und aufs Land bringen – wenn das nicht romantisch war!

Aus den kleinen Reihenhäuschen wurden nur noch vereinzelte Gehöfte und als der Wagen stoppte, standen sie vor einem alten Bauernhaus. Es sah aus, als wäre es zu einer Art Gasthaus umgebaut worden. Atai stieg aus und betrat mit wild klopfendem Herzen die Schänke. Überrascht stellte Atai fest, dass der Schankraum leer war, keine Gäste, nur hunderte Teelichter, die eine Gasse bildeten und langsam zu einer Treppe deuteten, der sie nach oben folgten. Also tat Atai auch das. Er war hin und weg von dieser Idee und er fühlte sich wichtig, so begehrt, wenn Dick sich diese Mühe machte.

Der Kopf wollte ihm zerspringen vor Glück. „Dick?“, rief er halblaut und ging die Treppe hoch. Auch da führte die Spur weiter und Atai folgte ihr hastig. Seine Finger kribbelten fürchterlich, so aufgeregt war er. Sein Herz schlug bis zum Hals. Er hatte sich in Dick nicht getäuscht. Er war so wie Atai sich das immer erträumt hatte und nicht so abgebrüht, wie Jacob ihn hatte glauben machen wollen. Dick liebte ihn.

Vor einer Tür endete die Spur der Lichter und Atai hob eine Hand, um zu klopfen. Er holte aus, ließ es bleiben, er fühlte sich noch nicht bereit für den nächsten Schritt. Also holte er noch einmal tief Luft.

Ein neuer Versuch, wieder hob er die Hand und versagte. Er war einfach zu aufgeregt. Er wollte den besten Eindruck hinterlassen den er noch machen konnte. Da konnte er doch nicht so aufgelöst vor der Tür stehen.

Um sich zu beruhigen lief er etwas den menschenleeren Gang auf und ab, ehe er sich erneut dazu durchrang und endlich klopfte. Dicks rauchige Stimme rief ihn herein und Atais Herz setzte für einen Schlag aus, nutzte die Pause aber, um zu beschleunigen, als es wieder einsetzte, hämmerte es einen ungesund schnellen Rhythmus gegen Atais Rippen. Er öffnete und ihm stockte der Atem.

Ein Meer von Lichtern schlug ihm flackernd entgegen und auf dem großen Himmelbett, in der Mitte des Raumes, lag Dick, lächelte ihm schüchtern zu und seine Finger lockten Atai wie an unsichtbaren Fäden zu sich. Es war wie in seinen Träumen. Dick lag nur mit einem Morgenmantel bekleidet aufreizend auf dem Bett und Atai hätte lügen müssen, hätte er behauptet, dieses Bild würde ihm nicht gefallen. Oh ja, es gefiel ihm, viel zu sehr! Er spürte genau, wie er reagierte. Das war ja so peinlich.

Doch er folgte seinem Idol, ging langsam zum Bett und setzte sich da hin, wo Dicks Hand hingeklopft hatte. Es dauerte nur einen Wimpernschlag, da hatten sich ihre Lippen schon gefunden. Erst sanft und zärtlich, dann immer wilder, so als hätten sie beide nur das gleiche Ziel. Atai fühlte sich wie in Watte, nichts, was um ihn herum geschah, bemerkte er noch. Nicht die flinken, geschickten Finger, die ihn weiter aufs Bett zogen, sich an seinen Kleidern zu schaffen machten, nicht die Utensilien, die plötzlich auf dem Bett lagen.

Atai war in seinem schönsten Traum gefangen und wollte ihn auskosten bis zur Neige.

Er konnte sich an keinen Augenblick in seinem Leben erinnern, an dem er je so glücklich gewesen war. Es war wie ein Rausch – er wollte immer mehr von diesem Glück. Seine Hände ruhten auf Dicks Schultern, als der sich auf ihn legte. Atai merkte nicht einmal, wie der ihm langsam die Beine spreizte und die Knie anwinkelte. Er genoss nur die aushungernden Küsse, die süchtig machten, von denen er nicht genug bekommen konnte.

„Darf ich“, waren die ersten Worte, die Atai wieder bewusst wahrnahm. Er verstand nicht gleich, doch als er bemerkte, dass sie beide nackt waren, zögerte er. Dick wollte ihn so sehr? Er begehrte ihn? Der Rausch wurde intensiver. Er begehrte ihn!

Nur ihn.

So liebevoll wie Dick ihn ansah, so zart wie er ihn streichelte!

Das konnte doch nur richtig sein – ganz richtig.

Dick sollte der erste sein, ja! Das war perfekt.

Er war sich nicht sicher, ob er das wirklich wollte. War er bereit dafür? Sein Herz schlug wie wild, doch Atai wusste nicht, ob es Angst war oder die Aufregung. Also wollte er sich glauben machen, es wäre die Aufregung und nickte. Er wollte Dick gehören, zärtlich von ihm in die höchsten Höhen getragen werden.

Doch er bereute seine romantische Vorstellung schnell. Nichts als Ekel und Schmerz blieb zurück, als Dick nach ein paar schnellen Minuten mit ihm fertig war. „Weißt du, Kleiner, es ist faszinierend, wie weit Macht einen anderen Menschen bringen kann. Er verleugnet sich selbst, nur um mir zu gefallen – geiles Gefühl, sag ich dir.“ Dick erhob sich rasch und zog sich an. Daheim würde er erst mal duschen. Nein, Kerle waren echt nicht sein Ding. Weiber waren ihm da um einiges lieber.

„Sag Jacob einen schönen Gruß, ich bekomme immer, was ich will, egal wie sehr er mir das verbietet“, lachte Dick und verschwand. Atai blieb allein zurück. Nur irgendwo im Dorf schlug die Kirchenuhr Mitternacht – in ihm aber war alles leer.

Nach und nach erloschen die Lichter um ihn herum, bis es dunkel war.