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Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

18.12.2006



Idol oder Ideal II

Wieder ging sein Blick zur Uhr. Über zwei Stunden hatte Jacob sich mit den zwei seltsamen Gestalten befasst, die ihm eingeredet hatten, es wäre notwendig, dass Atai von Dick so mies behandelt würde. Er solle hier sitzen und auf Zeichen warten. Aber sonst waren die beiden noch ganz dicht oder was? Aber Jacob konnte es nicht leugnen - er hatte es getan. Er hatte den ganzen Tag, seit die beiden weg waren, nichts anderes getan als zu warten.

Der, der behauptete ein Engel zu sein - was Jacob im Nachhinein schon ziemlich bescheuert fand, so was zu behaupten - hatte ihm erklärt, er würde Nachricht bekommen. Doch nichts war passiert. Nun stand die Uhr auf Mitternacht und Atai war noch immer nicht wieder zurück.

Unruhig lief er durch den Raum. Doch Jacob wusste, solange er nicht wusste, wo Dick ihn hingebracht hatte, solange musste er auch nicht suchen. Wenn Dick nicht gefunden werden wollte, dann fand man diesen Bastard auch nicht. Warum hatte es von allen Männern auf dieser Welt ausgerechnet dieses Arschloch sein müssen? Warum hatte sich Atai nicht einen ganz normalen, netten Jungen aussuchen können?

Vielleicht in seinem Alter?

Vielleicht in seiner Schule?

Ein netter Kerl, der Atai liebte und nicht nur einen weiteren Strich auf seiner Abschussliste gebraucht hatte! Jacob war wütend, wütend darüber, dass es Dick wirklich gelungen war, ausgerechnet Atai den Kopf zu verdrehen - der Bastard hatte den Deal doch gekannt! Dick wusste, welche Konsequenz seine Aktion haben würde. War ihm sein Gittarist wirklich so wenig wert? War Jacob so austauschbar? Wenn ja - umso besser. Er hatte schon mit seinem alten Chef gesprochen, der stellte ihn mit Kusshand wieder ein.

Vom Show-Biz zurück an die Trockenmauer war zwar nicht gerade der Karriere-Sprung, aber er konnte sich morgens dann wenigstens wieder ins Gesicht sehen, ohne zu kotzen. Wenn er den skrupellosen Bastard noch weiterhin mit seinem Talent unterstützte, dann würde Jacob genau dies nicht mehr tun können. Denn wenn er zu dem, was Dick tat, weiterhin schwieg, war er nicht besser als der Kerl auch.

Wieder wanderte sein Blick zur Uhr - fünf nach zwölf und Atai war noch nicht da. Länger wollte Jacob jetzt nicht mehr sitzen und warten. Vielleicht war doch etwas passiert. Es hielt ihn nichts mehr in seiner Wohnung. Schnell war Jacke und Handy gegriffen, der Autoschlüssel steckte sowieso in der Hosentasche. Dann war Jacob zur Tür raus.

Zurück blieben ein Engel und ein schlafender Elf, vor den Augen der Menschen verborgen.

Jacob wollte gerade den Motor seines BMW starten, da piepste das Handy. Er suchte also nach dem kleinen, technischen Wunderwerk und las die Nachricht, die eingegangen war. Von Dick! Jacob ahnte nichts Gutes.

>Der kleine Atai ist fertig mit Bällchenspielen und möchte aus dem Kinderparadies abgeholt werden!<

Dann folgte noch die Adresse und dann nichts mehr. Jacob wusste im ersten Augenblick gar nicht, was er noch sagen sollte. Er war wie vor den Kopf geschlagen. Er starrte nur auf die Nachricht, kam nicht einmal auf die Idee, Dick anzurufen und ihm den Marsch zu blasen - er starrte nur auf die Nachricht und die Adresse. Er kannte sie, es war ein Gasthof, in dem sie früher oft gewesen waren, denn er gehörte irgendeinem aus Dicks Familie.

Onkel oder so, Jacob wusste es nicht mehr und gelinde gesagt ging es ihm auch am verlängerten Rücken vorbei, wem in der verkommenen Familie das Ding gehörte.

Das einzige, was ihn interessierte, war die Tatsache, dass Atai wohl dort auf ihn wartete. Also startete er den Wagen und heizte durch die fast leeren Straßen. Rote Ampeln und unentschlossene Autofahrer wurden in der nächsten halben Stunde zu seinen persönlichen Feinden, die er gern standesrechtlich hingerichtet hätte, weil sie ihn daran hinderten, Atai nah zu sein.

Er spürte genau, dass der Junge ihn brauchte und diese blöden Dinger hielten ihn einfach auf. Kaum dass er das Ortsausgangsschild hinter sich gelassen hatte, ließ er dem starken Motor freien Lauf, egal was ihm noch entgegen kam, er hatte keine Sekunde zu verlieren. Wie ein Brett lag der Wagen auf der Straße, ging mit hohem Speed in die Kurven, beschleunigte raus und zischte über die Landstraße, bis er endlich den Gasthof sah, den er suchte.

Seine Wut war ein guter Fahrer, denn sie ließ ihn komischerweise fehlerlos fahren. Obwohl er schnell unterwegs war, funktionierte fast alles automatisch.

Er schoss zur Auffahrt rein und bremste, er hatte kaum den Motor ersterben lassen, da war er schon aus der Tür und im Schankraum. Er störte sich nicht an den Albernheiten wie Teelichtern, die nur noch vereinzelt brannten. Hatte Dick wirklich diesen romantischen Scheiß abgezogen, nur weil Atai darauf stand? Sie wussten doch beide, dass Dick für so was eigentlich nicht zu haben war. Aber er wusste, wie gut er bei seinen Fans ankam, wenn er Romantik heuchelte. Es war zum Kotzen - aber ehrlich!

Hastig folgte Jacob der Spur aus ausgebrannten Aluförmchen, die Treppe rauf und stürzte durch die Tür, die nur angelehnt am Ende der Spur lag. Er blieb abrupt stehen, als Atai aufsah. Es war dunkel im Raum, aber dass der Junge geweint hatte, dass er sich elend fühlte und die Augen rot und leer waren, das sah Jacob auch im Dunkeln.

“Atai”, flüsterte er leise und kam näher. Atai war noch immer nackt, hockte auf dem Bett und hatte sich nur notdürftig die Decke über den Schoß gezogen. Er starrte vor sich hin und als Jacob näher kam, hörte er ihn auch leise schluchzen.

“W-was w-willst du?”, fragte er fast tonlos und wandte sich ab. Er wollte nicht, dass Jacob ihn so sah. “Willst du mir erzählen, dass du Recht gehabt hast und ich ein blöder Idiot war? Ein tauber Narr, der nicht auf das hört, was andere ihm sagen? Lass es bleiben”, knurrte er und kroch unter die Decke, als er sich auf die Seite fallen ließ.

“Hatte ich nicht vor”, sagte Jacob leise. Eigentlich war das gelogen. Er wollte Atai gern genau das sagen, doch er spürte wohl instinktiv, dass er damit nichts erreicht hätte. Atai war verletzt, ihm jetzt noch mehr Wunden zuzufügen war sicher nicht der gescheiteste Weg. Also setzte sich Jacob nur und strich vorsichtig über den Knubbel unter der Decke.

“Ach, Kleiner”, sagte er leise und rutschte weiter auf das Bett, bis er sich am Kopfende anlehnen konnte. Das hier konnte noch dauern. Er kannte Atai schon viel zu gut. So strich er seinem kleinen Freund erst einmal nur immer wieder über den Arm, denn Atai hatte sich von ihm abgewandt. Er würde reden, wenn er so weit war und diese Zeit musste Jacob ihm geben.

Unter der Decke schluchzte Atai leise. Wie blind war er eigentlich gewesen? Warum hatte er sich denn allen Ernstes eingebildet, einer wie Dick, der jeden und jede haben konnte, würde sich für einen wie ihn interessieren? Klein, hager, unscheinbar? Der einzige Grund, warum er Dick aufgefallen war, war Jacob.

Sonst hätte ein Mann wie Dick doch niemals bemerkt, dass jemand wie Atai überhaupt existierte. Es war so beschämend, so peinlich!

Wie sicher er sich gewesen war - und dabei hatte ihn Dick nur manipuliert. Langsam war Atai dies klar geworden. Er hatte lange hier gesessen und nachgedacht. Langsam und nach und nach hatte alles einen Sinn ergeben und der hatte Atai nicht wirklich gefallen. Alles lief nämlich darauf hinaus, dass er sich selber etwas vorgemacht hatte.

“Ich bin so ein Idiot!”, sagte er leise, als er die Decke zurückschlug, es wurde warm darunter und das Atmen fiel ihm schwer. Doch er wandte sich nicht um, er wollte Obi nicht ins Gesicht sehen. Wie arrogant musste man denn sein, wenn man glaubte, man wäre was Besseres? Man wäre der einzige, für den jemand wie Dick etwas empfinden würde? Der hatte doch nur was fürs Bett gebraucht, um seine Liste zu ergänzen - genau das, was Jacob immer gesagt hatte.

“Ja, kann sein”, sagte Jacob leise, strich seinem kleinen Freund aber weiter über den Arm. “Aber Dick, diese miese Ratte, hat deine Schwäche ziemlich ausgenutzt.” Das konnte der Kerl ziemlich gut, das hatte er schon als Kind wunderbar gekonnt und im Laufe der Jahre perfektioniert. Klar, er hatte ein schönes Gesicht, war wohl proportioniert und ziemlich schnell hatte Dick rausgefunden, wie man sich benehmen musste, um Eindruck zu schinden. Atai hatte keine Chance gehabt.

“Du musst das nicht schön reden. Wenn ich mal meinen Kopf benutzt hätte, dann…”, murmelte Atai und strich sich mit dem Handrücken über die Augen. Zwar war der Raum noch immer dunkel, aber man gewöhnte sich an die Dunkelheit und begann Konturen zu sehen und die waren bei Atai ziemlich verschwommen. Heimlich wischte er die Tränen an das Kissen und atmete tief durch. Er kam sich so armselig vor!

“Ich rede gar nichts schön, Atai”, korrigierte Jacob mehr gleichgültig. “Ich kenne Dick einfach besser und wenn er dich nur halb so intensiv umgarnt hat wie die Weiber, die bei uns Backstage herum scharwenzelten, dann weiß ich, wie charmant er sein kann. Wie er einem das Gefühl gibt, der einzige zu sein, wie er gegen jeden intrigiert, der ihm in die Quere kommen könnte.

Bei den Mädels sind es die besten Freundinnen, von denen Dick überhaupt nichts weiß, aber über die er sagt, sie würden ihr alles neiden und auf die solle sie nicht hören. Bei dir war es eben ich, von dem er wusste, dass ich es dir ausreden würde. Und so ist es ja dann auch gekommen. Dick ist ein manipulatives Arschloch, mehr nicht.”

Das war nun einmal kein Geheimnis, aber keiner seiner Fans würde es je glauben, denn er ließ sie nur sehen, was sie sehen wollten, einen perfekten Schwiegersohn, einen perfekten Geliebten - doch das war er nicht.

“Das kann ja alles sein, aber warum habe ich das nicht selber gemerkt? Warum habe ich dem Misthund mehr geglaubt als dir, Jacob?”, fragte Atai leise und drehte sich nun doch um. Er wollte nicht mehr allein sein und so robbte er heimlich zu Jacob und kuschelte sich an ihn. Sein Freund zog ihn noch dichter zu sich, so dass er Atai wieder sanft halten und ihm über den Rücken streichen konnte.

“Weil du verliebt bist, weil Liebe blind macht und weil ich dir gegen diese Liebe geredet habe, das ist normal, Atai. Auch wenn dir das nicht passt”, lachte Jacob leise, weil Atai knurrte.

“Ich glaube, von diesem Trip bin ich echt geheilt, ich habe die Nase von diesem Arsch gestrichen voll. Alles was der wollte war... na ja, er hat es ja dann auch bekommen und ist dann gegangen... er…” Atai stammelte nur vor sich hin, er wusste nicht so recht, was er eigentlich sagen sollte. Er schämte sich in Grund und Boden. Es war immer sein Wunsch gewesen, sein erstes Mal mit jemanden zu machen, den er liebte, von Herzen und aus tiefster Seele, wie konnte er nur so dumm sein, zu glauben, jemand wie Dick wäre dafür der Richtige?

“Hat er dir weh getan?”, fragte Jacob leise. Er war in Sorge, doch als Atai nur den Kopf schüttelte, war er etwas beruhigter. Zwar wäre er gern derjenige gewesen, dem Atai sein erstes Mal geschenkt hätte, doch das war nun einmal nicht so vorgesehen gewesen. Egal wie weh es tat, egal wie sehr es ihm stank, dass ausgerechnet Dick derjenige gewesen war, doch der bekam noch seine Lektion, da war sich Jacob sicher.

“Lass uns nach Hause gehen, Atai. Ich pack dich ins Bett und pass auf dich auf, hm? Oder willst du noch hier bleiben?”, fragte Jacob leise und Atai hob den Kopf, sah sich kurz um. “Nein, lass uns von hier verschwinden, ich will keine Sekunde länger hier bleiben”, sagte er und erhob sich langsam. Suchend sah er sich um. Seine Kleider lagen immer noch überall um das Bett verstreut. Wie peinlich, was musste Jacob nur von ihm denken?

“Warte”, sagte der aber nur und erhob sich, suchte die Kleider zusammen und reichte sie Atai, damit der sie überstreifen konnte. Jacob verbot sich jeden einzelnen aufkeimenden Gedanken daran, wie sie sich hier geliebt hatten, wie in wilder Leidenschaft und Ekstase die Klamotten durch die Luft geflogen waren, die Luft zum Bersten gespannt, von Gier und Lust elektrisiert.

Hastig schüttelte Jacob den Kopf, allein die Vorstellung daran, dass Dick bekommen hatte, was er selber so begehrte, brachte ihn fast um den Verstand. Doch er hatte schon vor Jahren geschworen, wenn er von Atai nicht mehr bekommen konnte, so wollte er wenigstens sein Freund sein. Doch was war er für ein Freund, wenn er so was nicht verhindern konnte?

Was hätte er anders machen müssen?

Mehr auf Dick einwirken?

Intensiver auf Atai aufpassen?

Was hätte er tun können, um das hier zu verhindern? Auch wenn dieser blonde Kerl behauptet hatte, es hätte nicht verhindert werden können, weil Atai sonst nie begreifen würde, was Dick für einer war, war sich Jacob wirklich nicht sicher, ob es dafür nicht auch einen weniger schmerzlichen Weg für Atai hätte geben können.

Eilig zog der junge Mann sich seine Kleider wieder über und kroch vom Bett, sah nur beschämt zu Jacob rüber und griff dessen Hand. “Lass uns gehen”, sagte er leise und Jacob nickte. Das war ihm ganz recht. Wenn Atai dann schlief, würde er mal ein bisschen Aktion verbreiten, egal wie spät in der Nacht - beziehungsweise - wie früh am Morgen - es war. Es würde sein letztes Telefonat mit dem Management sein, da sollten sie ihn ruhig in guter Erinnerung behalten.



Der Weg zurück verlief eigentlich schweigend.

Atai saß beschämt in seinem Sitz und starrte aus dem Fenster und Jacob wusste auch nicht so recht, was er sagen sollte. Alles was er sich im Kopf zurecht gelegt hatte, klang plötzlich so deplaziert und schal. Also schwieg er.

Bei sich angekommen stellte er Atai unter die Dusche und machte ihm noch einen Tee, doch der Junge kam gar nicht mehr dazu, ihn zu trinken, denn kaum dass sein feuchtes Haupt das Kissen in Jacobs großem Bett berührt hatte, war er auch schon eingeschlafen.

Die Aufregungen des Tages hatten wohl mehr Energie gefordert, als Atai auch nur geahnt hatte. Eine Weile saß Jacob noch neben ihm, trank den Tee, den er gebrüht hatte, doch dann erhob er sich.

Mit dem Handy in der einen, dem Vertrag für die Band in der anderen Hand, setzte er sich auf den Balkon und ließ das Telefon seines Managers läuten. Es war nicht verwunderlich, dass erst mal nur der Anrufbeantworter antwortete, doch da war Jacob ja ziemlich schmerzbefreit. Er legte auf und wählte erneut. Er unterhielt sich doch nicht mit diesem Blechknecht!

Was er Peer zu sagen hatte, wollte er ihm selber sagen - keiner sollte ihm sagen, er wäre feige und würde einer Konfrontation aus dem Weg gehen. Ganz im Gegenteil. Er hoffte, dass Peer ihm jetzt im Halbschlaf richtig blöd kam und Jacob seine gestaute Wut auslassen konnte.

Er brauchte drei Flirtversuche mit dem Anrufbeantworter, ehe er Peer persönlich an der Strippe hatte, ziemlich verschlafen wollte er wissen, ob Jacob auch nur den Hauch einer Ahnung hätte, wie spät es wäre.

“Beim nächsten Signalton ist es zwei Uhr vierunddreißig - Piep!”, erklärte er - allerdings kein bisschen amüsiert. “Und ehe ich es vergesse, ich kündige. Dick ist zu weit gegangen. Schickt mir die Rechnung wegen der Konventionalstrafe, wenn ich den Vertrag breche, aber die zahle ich lieber, als dass ich mit diesem Bastard noch einmal unter einem Dach verweile!”

Und dann legte Jacob einfach auf.

Er wollte das sich erst mal setzen lassen - er warf gerade seine Karriere weg, doch das war ihm ziemlich egal. Auf diesen Lügenpalast hatte er keine Lust mehr. Anfangs hatte er sich nicht daran gestört, hatte den Rummel um sich selber einfach nur genossen und sich nicht daran gestört, wie Dick sich aufführte. Doch als der Prinz immer mehr abhob und anfing sich aufzuführen wie der Gott in Menschengestalt, war es zu viel gewesen. Doch Jacob hatte es ertragen, weil es ihn nichts anging.

Jetzt aber war Dick zu weit gegangen, er hatte nicht nur Jacobs Kreise gestört, er hatte sich an etwas vergriffen, von dem er seine Finger hätte lassen sollen!

Wie erwartet klingelte kurz darauf das Handy und Peer wollte wissen, ob er noch alle Tassen im Schrank hätte.

“Peer, ich war noch nie in meinem Leben so klar wie jetzt. Ich kann und ich werde mit Dick van Patten nicht mehr arbeiten, nicht mehr auftreten - ich möchte nie wieder, dass sein Name in einem Atemzug mit meinem genannt wird”, erklärte er ruhig und steckte sich eine Zigarette an. Kurz sah er durch die offene Tür in den Flur, doch die Tür zum Schlafzimmer war zu. Atai konnte ihn also nicht hören.

>Was hat Dick denn nun schon wieder gemacht? Hat er dir 'ne Tussi ausgespannt? Mein Gott, die kommt schon zu dir zurück.< Peer gähnte. Er hätte seine Nächte auch gern anders verbracht, als damit, seinen Gitaristen wieder milde zu stimmen, nur weil die Diva wieder mal der Meinung war, jemandem auf die Füße treten zu müssen.

Dabei kannte Dick doch den Deal!

“Lass mich mit den scheiß Tussen zufrieden, Peer, aber sich an meinem besten Freund zu vergehen, obwohl er von mir ausdrücklich das Verbot bekommen hat, ist das letzte”, erklärte Jacob leise und zog den Rauch tief in die Lunge. Er hatte lange nicht geraucht, aber das war wohl wie Fahrrad fahren, das verlernte man einfach nicht.

>Is' der nicht alt genug, um zu wissen, was er macht?<, fragte Peer ziemlich gelangweilt. Nur wegen solch einem Scheiß holte ihn Jacob nachts aus dem Bett?

“War mir klar, dass du das nicht begreifst. Leute wie du haben keine Freunde. Schick mir einfach die Rechnung über die Konventionalstrafe, ich werde sie begleichen - aber ich werde nicht mehr auftreten, ich hab von euch heuchlerischer Band die Nase gestrichen voll. Dick baut Scheiße und ihr beschwichtigt.

Ihr bezahlt Abtreibungen, Bestattungskosten, ihr schmiert die Presse. Wie lange soll das noch so weiter gehen? Ich jedenfalls möchte damit nichts mehr zu tun haben. So lange wie es mich nicht selber betraf, war mir das egal. Es war deine und Dicks Sache. Aber jetzt bin ich involviert, ich muss Atai wieder auf die Beine bringen, und darüber werde ich nicht so einfach hinweg sehen.”

>Kriegst du dich jetzt mal wieder ein? Man kann doch über alles reden?< Langsam begriff Peer wohl, dass mit Jacob nicht zu spaßen war. Was der dort sagte, war alles nicht gelogen und wenn es so gehäuft ausgesprochen wurde, klang das wirklich ziemlich heftig. Aber doch noch lange kein Grund, eine Karriere aufzugeben! Fans waren nun einmal fanatisch! Daher kam das Wort doch! Damit musste man als Idol eben leben!

>Du kannst nicht aussteigen<, sagte Peer nur und war sich sicher, dass das so leicht nicht ging. Doch da war ihm Jacob schon etwas voraus.

“Falsch, mein Lieber, völlig falsch. Doktor Stinner, mein Rechtsbeistand, hat den Vertrag durchgesehen und mir erklärt, ich zahle die Strafe und steige aus, mehr kann mir nicht passieren. Also, mach ich das doch glatt. Schickt mir die Rechnung, ich begleiche und wir sind quitt.” Jacob legte den Kopf in den Nacken und blies langsam den Rauch aus der Nase. Es war windstill, so stand er eine ganze Weile einfach so als kleine Wolke vor seinem Gesicht.

>Willst du mehr Kohle, ist es das, warum du mir was von Kündigen erzählst?<, fragte Peer gereizt und Jacob lachte ihn aus.

“Ja, Geld. Du glaubst mit Geld kann man alles regeln, hm? Damit bringt man Eltern zum Schweigen und Ärzte, damit kauft man sich die Wege frei. Aber vergiss es, ich brauche euer scheiß Geld nicht mehr. Ich werde mir wieder einen ehrlichen Job suchen. Findet einen anderen Dummen, der Dicks Eskapaden aushält. Ich bin es leid. Ich muss zusehen, dass ich mit heiler Haut und heilen Nerven da raus komme.”

Jacob war es leid, immer lief es auf das gleiche hinaus. Glaubten die Kerle wirklich, mit Geld konnte man alles in dieser Welt erreichen? Irgendwie war das ja ziemlich armselig.

>Jacob, denk da jetzt bitte noch mal drüber nach, wir reden morgen!<, sagte Peer, der langsam merkte, wie ihm das Gespräch aus den Händen glitt. Er hatte einfach keine Argumente, um einen cleveren Kopf wie Jacob bei der Stange zu halten. Das war nicht gut!

Er brauchte Zeit.

“Bilde dir ein, was immer du willst. Ich jedenfalls bin es leid. Dick kannte die Bedingung, unter der ich bei der Band geblieben bin und er hat sie gebrochen. Es mag für dich eine Kinderei sein, für mich ist es mehr. Ich werde mir ein neues Leben aufbauen, ohne diese Band. Also, gute Nacht und schlaf noch schön”, sagte er und legte auf, schaltete das Telefon aus und zog auch vom Festnetz den Stecker.

Peer sollte ihm nicht noch mal auf den Nerv gehen und gezwungen sein, über das, was Jacob gesagt hatte, nachzudenken. Er wusste zwar ziemlich genau, dass Peer dies nicht tun würde, aber Jacob konnte sich zumindest dann zu gute halten, dass er ihm die Zeit gegeben hatte.

Wenn er schon im Flur war, konnte er auch noch mal nach Atai sehen, doch der schlief fest und vor allen Dingen ruhig. Vielleicht kam er da ziemlich unbeschadet raus. Atai war nicht dumm, er würde schon begreifen, dass es nicht an ihm gelegen hatte, dass Dick so ein Ekel war und sich vielleicht endlich einen netten Freund suchen.

Dass er selber derjenige war, den Traum hatte er aufgegeben, aber das hieß ja noch lange nicht, dass er Atai deswegen nicht trotzdem alles Gute wünschen konnte. Ob er es ertragen würde, ihn mit einem anderen zu sehen und zu wissen, dass Atai glücklich war, das wusste er selber noch nicht, aber er konnte sich ja erst mal das Glück für seinen kleinen Freund wünschen und dann weitersehen.

Leise schloss Jacob die Tür wieder und suchte sich aus dem Kühlschrank noch ein Bier. Dass auf der Couch noch immer die beiden schrägen Vögel saßen, von denen er glaubte, sie wären am Nachmittag gegangen, ahnte er nicht, als er sich wieder auf den Balkon hinaus setzte. Er war noch nicht müde, im Gegenteil - er war hellwach und aufgekratzt.

“Was machen wir eigentlich noch hier”, murmelte Adalbert und gähnte verhalten. Er hatte sich fest in Jezeriels Arme gekuschelt und die Flügel, die sie umgaben und sie unsichtbar machten, wärmten und streichelten ihn sanft.

“Wir warten auf deinen nächsten Stern, Süßer. Wenn alles so läuft, wie ich das geplant habe”, sagte Jez leise und strich Adalbert über die Haare. Die Mütze hatte der Elf in der Tasche und er sah so niedlich verstrubbelt aus, dass Jez grinsen musste, als er den Kleinen ansah. “Und dann kannst du ins Bett, hm?”

“Ein Stern, wirklich? Aber Atai und Dick... das…”, murmelte Adalbert vor sich hin. Sein Hirn war nicht mehr wirklich aufnahmefähig. Er war völlig übermüdet.

“Schlaf, Kleiner, ich beobachte weiter und werde dich wecken, wenn es so weit ist, hm?” Sanft küsste er Adalbert auf den Pony, doch der war schon wieder eingeschlafen. Also sah Jez weiter auf Jacob, der wieder auf dem Balkon saß und in die Sterne sah.

Die Nacht war still.

Nur von weitem war der donnernde Sound einer schnellen Kawasaki zu hören, die eilig näher kam. Um diese Uhrzeit sollten eigentlich alle im Bett sein, deswegen machte es Jacob auch neugierig und er stand auf, um über die Brüstung zu sehen. Es dauerte keine zehn Sekunden, da donnerte die Maschine auch schon über den Rasen vor seinem Balkon und Jacob wusste, wer das war.

Auf den hatte er nun wirklich keinen Bock, also wandte er sich um. Doch Dick war schneller. Geschickt zog er sich am Geländer des Balkons hoch und versperrte Jacob so den Weg. “Was soll das?”, fragte er, als er den Helm abnahm und funkelte Jacob an.

“Was soll das?”, lachte Jacob bitter auf und wich an die Brüstung zurück, während Dick in der Tür zum Wohnzimmer stand.

“Ja, ganz genau - was soll das?”, fragte Dick wütend. “Peer hat mich eben angerufen und mich angeranzt, was ich gemacht hätte; du willst aussteigen. Geht’s noch?”

Jacob glaubte sich verhört zu haben. “Ob es noch geht? Dann erklär mir mal bitteschön, was das sollte? Habe ich dir nicht gesagt, Atai ist tabu? Ich mache so lange in deinem Affenzirkus mit, wie ich da rausgehalten werde, aber heute bist du zu weit gegangen, Dick. Du hast dich an jemandem vergriffen, der mir wichtig ist!” Jacob zischte nur leise, weil er weder die Nachbarn, noch Atai auf sie aufmerksam machen wollte und Dick schien das zu begreifen, denn auch er sprach leise, wenn auch eindringlich.

“Hey! Er hat es gewollt. Er hat mit mir ausgehen wollen und er hat auch den Sex gewollt. Es ist ja nicht so, als hätte ich ihn dazu lange überreden müssen!”, verteidigte sich Dick und legte den Helm auf den Stuhl, auf dem Jacob bis eben noch gesessen hatte. So konnte er sich rechts und links in der Tür festhalten - so als würde er sich in Pose stellen. Jacob sah ihn nur wütend an, ging es nie ohne Show? Nicht mal hier?

Die Straßenlaterne direkt vor dem Balkon zauberte ein eindrucksvolles Schattenspiel auf Dicks Gesicht und die hellen, kalten Augen wurden stark betont. Er war noch immer ein schöner Mann, das wusste Dick - doch wer seinen Charakter kannte, der sah etwas anderes in ihm.

Einen Dämon, einen Teufel.

Und nicht der Engel, als der er immer verkauft und vermarktet wurde.

“Klar hat er es gewollt, weil er in dich verliebt ist. Was du mit den dummen Schlampen machst, die dir nachhecheln, das ist mir egal. Was die dann hinterher mit ihrem Leben machen, könnte mir nicht gleichgültiger sein. Aber Atai ist mir nicht gleichgültig und deswegen hatten wir den Deal. Pfoten weg von Atai! Du hast ihn gebrochen und ich bin raus. So einfach ist das!”

Wenn Jacob es nicht besser gewusst hätte, wäre er fast versucht gewesen, zu behaupten, Dick wäre verletzt, zumindest sah er ihn so an. “Ich weiß ja, dass das Bild, was du von mir hast, nicht gerade das beste ist, aber dass es so schlecht ist, hätte ich nicht gedacht”, sagte er mit deutlicher Überraschung in der Stimme. “Dabei habe ich das doch nur für dich getan, verdammt noch mal. Das konnte doch keiner mehr ertragen!” Nun wurde er doch lauter, dämpfte seine Stimme zum Ende hin aber wieder und Jacob holte tief Luft.

“Aber sonst geht es dir noch so richtig gut, ja? Das hast du nur für mich getan? Was genau soll das denn heißen?”, zischte er wütend. So viel Selbstverliebtheit war ja wohl das letzte. Als ob Dick van Patten jemals für einen anderen etwas getan hätte. Für wie dumm hielt er Jacob eigentlich? Doch er stellte die Frage nicht laut, dann antwortete der Mistkerl vielleicht noch drauf!

“Ja, für dich Jack”, sagte Dick leise und plötzlich wirkte er gar nicht mehr wie der Kerl, der Herzen nur so zum Hobby brach. “Wie lange sollte ich denn noch zusehen, wie der kleine Spinner mir nachläuft? Wie er glaubt, mich betören zu müssen, während er das Wertvollste in Hände hielt, was man nur haben konnte? Der kleine Spinner hätte doch nie aufgehört mir nachzulaufen, wenn ich seine Blase nicht zum Platzen gebracht hätte, damit er endlich mal bemerkt, dass er das Herz des tollsten Mannes dies- und jenseits des Äquators in Händen hält. Wie lange sollte ich noch zusehen, wie der deine Liebe mit Füßen tritt, Jack, sag es mir!”

Stille.

Jacob musste erst einmal begreifen, was er eben gehört hatte. Doch es ergab, zusammen mit dem Gesicht, was er vor sich hatte, keinen Sinn. Diese Worte passten nicht zu Dick - das konnte nicht Dick sein!

“Wie bitte?”, fragte er und sein Hals war trocken. Wenn man zwischen den Zeilen las, dann hieß das ja, dass Dick... dass Dick ihn...

“Du hast mich schon ganz richtig verstanden, Jack”, sagte Dick und wandte sich ab. Er lehnte auf der Brüstung des Balkons und sah auf seine Maschine hinunter. “Egal wie viele Weiber ich flach gelegt habe, bei jeder habe ich nur daran gedacht, wie es mit dir wäre. Ich habe sie benutzt, das stimmt. Aber ich habe versucht etwas zu finden, was dich ersetzen kann. Immer und immer wieder wollte ich dir sagen, wie ich fühle, doch ich war viel zu stolz. Ich dachte, wenn schon, dann müsstest du begreifen und es mir sagen.”

Dick lachte und sah hinaus auf den Rasen, er wagte nicht, Jacob anzusehen. “Und du?”, fragte er dann leise, doch es war keine Frage, die einer Antwort bedurft hätte, denn er redete gleich weiter. “Du hast nur Augen für dieses Kind gehabt. Atai hier, Atai da. Ich war so eifersüchtig auf diese Hand voll Kerl. Er war so gar nichts Besonderes. Ich dachte immer, ein Mann, der dir gefallen könnte, für den du dich interessieren könntest, der müsste groß und schön und erfolgreich sein. Doch dann hast du diesen Schüler mit angeschleppt.”

Kurz sah Dick neben sich und lächelte schief.

“Er hat nie bemerkt, wie du ihn ansiehst, ich schon und es hat wehgetan. Ich wollte so angesehen werden, Jack - ich, nicht er. So eine Hand voll Kerl, vom Leben noch keinen Schimmer und ihm lagst du zu Füßen. Der Spinner hat es noch nicht einmal gemerkt. Er hat dich angeschrieen, wenn du ihn von mir weggezogen hast, er hat dich vor den Kopf geschlagen, nur um in meiner Nähe sein zu können. Du glaubst gar nicht, wie ich ihn hasse dafür, was er mit dir tut, Jack.”

Dick stieß sich von der Brüstung ab und wendete, lehnte sich nun mit dem Rücken dagegen und sah Jacob einfach nur an.

“Ich”, setzte Jacob an, etwas zu sagen, doch er konnte nicht. Seine Welt zerfiel gerade in Trümmer. Als hätte man aus einem Kartenhaus einfach eine Karte gezogen und die anderen hatten nun keinen Halt mehr. Eine nach der anderen fiel zu Boden.

“Ja, Jack, ich weiß. Du hattest ja keine Ahnung und eigentlich wollte ich dir das auch gar nicht sagen, weil ich wusste, dass ich nicht der Mann sein werde, dem dein Herz gehören wird. Aber dass du wegen dem Kleinen, der dich nicht einmal zu würdigen weiß, auch noch deine Karriere wegwirfst und wieder als Maurer auf den Bau gehst, das konnte ich nicht zulassen.

Du solltest wenigstens wissen, warum ich das getan habe und dass es keine Bosheit gewesen ist. Alles, was ich wollte, war, dass der Kleine endlich rafft, dass ich nicht das bin, von dem er träumt und dass er das, was er sucht, eigentlich schon lange vor der Nase hat”, erklärte sich der Sänger und legte den Kopf weit in den Nacken. Doch durch die hellen Laternen sah man keinen einzigen Stern - schade eigentlich.

“Irgendwie muss ich das jetzt erst mal raffen”, gestand Jacob und suchte mit zitternden Fingern nach einer Zigarette.

“Gib mir auch eine”, forderte Dick und streckte die Hand aus. Jacob tat ihm den Gefallen und stellte sich neben Dick, als er die Glimmstängel entzündete.

“Es war nicht ganz fair, ich weiß”, sagte Dick leise und legte den Kopf wieder tief in den Nacken. Er konnte Jacob nicht ansehen.

“Ja, das stimmt allerdings. Fair war das wirklich nicht, was du mit Atai gemacht hast”, stimmte Jacob zu, doch da kamen ihm wieder die Worte in den Kopf, die der Blonde heute Nachmittag von sich gegeben hatte. Die Blase müsse platzen, ehe Atai begreifen konnte. “Aber vielleicht war es wirklich notwendig gewesen. Jedenfalls will er dich jetzt nicht mehr sehen.”

“Wundert mich nicht, ich habe mir ja auch alle Mühe geben”, entgegnete Dick, doch Amüsement klang nicht aus seiner Stimme hervor.

“Du kanntest unseren Deal, Dick”, sagte Jacob leise. “Du riskierst lieber, dass ich aussteige, als weiter zuzusehen, wie Atai dich anhimmelt und ich nicht beachtet werde? Du bist echt schräg.” Langsam begriff er wohl und er konnte Dick irgendwie auch verstehen - nun, warum er sich in Jacob verliebt hatte, das konnte er nicht verstehen, aber warum er gehandelt hatte, wie er gehandelt hatte, das konnte er langsam verstehen. “Danke”, fügte er an, weil er irgendwie das Gefühl hatte, es sagen zu müssen.

“Nichts zu danken. Wenn der kleine Spinner nun endlich mal begreift, was für einen tollen Mann er an seiner Seite haben könnte, wenn er nur mal neben sich gucken würde, dann ist mir schon viel geholfen”, grinste Dick schief und zog wieder an seiner Zigarette.

“Wenn deine Fans dich so reden hören würden, dass... na ja...” Jacob wusste nicht wie er das sagen sollte.

“Dass ich einem Kerl verfallen bin, der mich nicht haben will?”, half Dick auf die Sprünge und erwischt nickte Jacob nur und senkte den Kopf. “Is' gerade 'ne scheiß Situation”, gestand er leise und schnipste die Asche über die Brüstung.

“Kümmere dich um deinen kleinen Spinner, ich muss los. Ich habe morgen noch Probeaufnahmen für einen Werbespot”, sagte Dick, als er die aufgerauchte Kippe im Ascher ausdrückte. Jacob sah ihn an.

“Hm”, machte er und stieß sich auch vom Geländer weg, beugte sich vor, um die Zigarette auszudrücken, da spürte er kurz nur Dicks Lippen auf seinen. “Sag ihm, wenn er dich nicht bald zu schätzen weiß, kriegt er es mit mir zu tun, hm?” Dann war er über die Brüstung gesprungen und hatte den Helm aufgesetzt. Jacob konnte ihm nur paralysiert hinterher gucken, als die Maschine startete und Dick sich wieder auf den Weg zur Straße machte. Nachdenklich sah er ihm nach. Was sollte er davon halten?

“Er wollte nicht mich, er wollte dich”, hörte er es leise hinter sich und schoss herum. Da stand Atai, in einem viel zu großen Shirt und sah ihn einfach nur an. Jacob konnte in dessen Blick nicht lesen, was Atai dachte. War er wütend? War er traurig?

“Wie lange hast du schon da gestanden?”, fragte er leise, als er zurück ins Wohnzimmer kam und die Tür hinter sich schloss.

“Ich habe seine Maschine gehört”, sagte Atai nur und ließ sich in den Sessel fallen, zog das Shirt über die angezogenen Knie und sah weiter zu Jacob hoch. Er musste nicht sagen, dass er alles gehört hatte und Jacob schluckte. Er hatte also auch gehört, dass Dick ihm nur die Augen hatte öffnen wollen, dass er ein Spinner war, der nicht zu schätzen wusste, was er hatte. Würde Atai sich jetzt von ihm abwenden? Angst machte sich in seiner Brust breit, zusammen mit der Verwirrung eine unangenehme Mischung.

“Du hast echt gekündigt, nur weil er mit mir...”, fragte Atai etwas irritiert und rutschte sich unangenehm auf seinem Sessel zurecht. “Warum, Obi? Du kannst doch nicht für einen wie mich deine Karriere in den Sand setzen? Na ja, ich hab 'n bisschen geheult und bin auf den Arsch gefallen, aber ich komm wieder hoch. Dafür wirft man doch nicht sein Leben als Star weg!”

“Doch das tut man”, sagte Jacob nur und ließ sich vor Atai auf den Boden fallen, um zu ihm aufzusehen. “Doch, ganz genau das tut man, wenn man...”

“Verliebt ist und ich hab es nicht mal gemerkt”, setzte Atai den Satz fort und er versetzte Jacob damit einen Stich in den Magen. So wie Atai das sagte, war er nicht gerade erbaut von der Idee.

“Das ist okay, Atai.” Jacob lächelte nur, doch er hatte nicht den Mut, Atai anzufassen, ihm so wie früher die Hand auf die Knie zu legen oder ihn an sich zu ziehen. Jetzt wusste Atai, wie er empfand, jetzt wusste er es. Irgendwie war es wie ein Keil, der sich langsam zwischen sie trieb. Warum hatte Atai auch lauschen müssen? Verdammt noch mal!

“Nein, es ist nicht okay. Dick hat Recht. Ich hab so was Wertvolles und anstatt mich damit zufrieden zu geben und mich zu freuen, da versuche ich etwas zu bekommen, was mir nicht zusteht. Wenn ich nicht da gewesen wäre, wärst du jetzt mit Dick zusammen”, sagte Atai leise. Auch wenn es gar nicht seine Absicht gewesen war, so klang es doch wie eine Anklage.

Aber Jacob schüttelte nur den Kopf. “Nein, das wäre ich nicht. Dick ist nicht mein Typ. Auch wenn du also nicht da gewesen wärst, wäre ich nicht mit ihm zusammen”, sagte Jacob, hatte allerdings wenig Hoffnung, dass Atai ihm glaubte.

“Dick hat echt Recht, ich bin ein totaler Spinner, zu glauben, jemand wie Dick van Patten würde sich für mich interessieren. Er wollte nur, dass ich ihn so sehe, wie er ist und nicht, wie ich ihn gern hätte. Nur deswegen war er mit mir weg.” Langsam redete sich Atai in eine tiefe Selbstmitleidskrise und Jacob seufzte.

“Das ist doch Schwachsinn und das weißt du. Du bist ein toller Mann.”

“Ich bin kein Mann!”, knurrte Atai und schlang die Arme um sich.

“Doch, für mich schon.” Jacob ließ sich nicht beirren. Er wollte noch nicht klein bei geben.

“Blödmann”, grinste Atai nur schief und Jacob lachte.

“Vielleicht.” Langsam kam er auf die Knie und legte seine Hände auf die Lehne neben Atais Kopf. So näherte er seine Lippen immer weiter Atais und der schloss einfach die Augen. Dieser ließ es geschehen und lächelte.

Sanft tauschten sie Zärtlichkeiten, bis Atai mutiger wurde und Jacob das gab, wonach der sich so lange gesehnt hatte. Atais Hände umfingen sein Gesicht und als sich langsam ein Stern über ihnen löste und ein kleiner Elf quietschend von der Couch sprang und danach griff, da verstand Jacob plötzlich - ein Stern, geboren aus einer Liebe, die auf Gegenliebe stieß. So egal war er Atai also auch nicht.

Langsam hob er seinen Freund auf die Arme und verschwand mit ihm wieder im Schlafzimmer. Er wusste genau, dass er morgen ein längeres Gespräch mit Peer führen musste, dafür musste er bei Atai Kraft tanken - viel!



Zur gleichen Zeit kam ein übermüdeter Elf nach Hause, schlüpfte aus seinen Kleidern und häutete sich quer durch das kleine Elfenhäuschen, wie eine Echse. Den Stern aber hielt er in der Hand und tat ihn gleich zu den anderen in die Kiste, die er wieder neben sein Kissen stellte.

Aus dem Augenwinkel sah er die Kartusche, die schon mit dem Auftrag für heute im Elf-O-Phon auf ihn wartete. Ein kurzer Blick auf Jacobs Gesicht und der kleine Elf grinste zufrieden. So schnell hatte er einen Auftrag wohl noch nie erfüllt. Zufrieden kroch er in sein Bett und kuschelte sich in die Kissen - mit ein paar netten Gedanken an Jez und den Sternen, die ihn seinem Engel näher bringen konnten.