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Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

22.12.2006



Eine neue Welt

Musste es denn ausgerechnet jetzt anfangen zu schneien? Hätte dieses verkorkste Wetter nicht noch ein paar Stunden warten können, ehe es den Weltuntergang einleitete? Chris hatte jetzt schon die Nase gestrichen voll. Er war noch keine Stunde unterwegs, da hatten die Scheibenwischer zu tun, die dicken, schweren Flocken von der Scheibe zu schieben, damit Chris überhaut sah, wo er seinen Z4 hin steuerte. Irgendwie war in diesem Tag der Wurm drin, er konnte das nicht anders sagen.

Na ja, wenn er ehrlich war, war schon seit zwei Wochen der Wurm drin. Seit dem Tag, als Peter, sein Lebensgefährte, ohne ein Wort, mitten in der Nacht, einfach seine Sachen gegriffen hatte und gegangen war. Seit dem kein Wort, kein Bild, keine Mail, keine SMS, kein Anruf - gar nichts.

Es herrschte Funkstille, die Chris hätte nahe gehen können, wenn er genügend Zeit gehabt hätte, zu bemerken, dass Peter nicht da war. Doch diese Zeit hatte er nicht. Er war Manager einer riesigen Anwaltskanzlei mit Vertretungen in sieben Ländern. Er lebte aus Koffern, schlief großteils in Flugzeugen und war die Hälfte des Tages damit beschäftigt, herauszufinden in welcher Zeitzone er lebte. Im Gegensatz zu Peter.

Peter war der Eigner dieser Kanzlei, er gab sein Geld und den Namen seines Vaters. Das war sein Beitrag. Da war es Chris durchaus auch klar, dass er sich den ganzen Tag langweilte und wenn sein Lebensgefährte heim kam, dass er dann erst richtig anfangen wollte, mit dem was zu unternehmen. Aber nach 10 bis 12 Stunden im Büro war Chris tot. Da wollte er nur noch seine Ruhe und umfallen, was Peter dann wohl irgendwie als Ablehnung seiner Person verstanden hatte und gegangen war.

Nicht dass Chris das nicht berührt hätte, doch irgendwie war es auch ganz angenehm gewesen, heim zu kommen, umzufallen und liegen zu bleiben und sich nicht erklären zu müssen, warum man keine Lust mehr auf ausgefallenen Sex hatte oder auf Shopping in Mailand. Dass er jetzt mit seinem Wagen auf dem Weg zu Peter war, lag eigentlich auch nur daran, dass er in Sorge war, wenn er Peter zu gleichgültig behandelte, würde der ihn feuern und sich einen neuen Manager suchen.

Das musste man ja nicht provozieren. Jeder hing an seinem Job, auch Chris, egal wie stressig er war. Es war ein Job, der eine Menge Geld brachte. So was ließ man sich nicht durch die Finger gleiten. Er hatte sich das Wochenende frei geschaufelt und deswegen wollte er Peter überraschen und gute Miene zum bösen Spiel machen.

Chris hatte sich auch schon ausgemalt wie es wäre, er käme dorthin und Peter hätte schon einen anderen Gespielen. Eigentlich sollte ihn dieser Gedanke verletzen, sollte ihm wehtun, ihm Entrüstung abverlangen, doch das tat er nicht. Beklemmenderweise hatte er etwas Befreiendes. Das war doch keine Basis mehr für eine Beziehung. Er musste mit Peter reden, sie mussten einen Weg finden und eine neue Basis schaffen. So konnte das nicht weitergehen.

Der Schnee wurde immer dichter. Chris schlich nur noch im Schritttempo die enge Straße hinauf, die ihn zur Autobahn bringen sollte, weil die Hauptstraße gesperrt gewesen war. Der junge Mann fluchte und knurrte, musste ausgerechnet heute alles im Schneechaos versinken? Konnte das Wetter nicht mal seinen Aussetzer haben, wenn er im Büro saß und ihm alles egal sein konnte? Nein, es musste heute sein, wo er mit dem Wagen unterwegs war. Das war so typisch für ihn - das Glück war wirklich nicht auf seiner Seite.

War es eigentlich noch nie gewesen, wenn er mal so darüber nachdachte. Es war klar gewesen, dass er Anwalt wurde. Als er bei Sudden und Partner einstieg, hatte sich schnell rausgestellt, wie gut sich Chris für die Koordination weltweit eignete. Er war zwar nur ein mittelmäßiger Anwalt, weil er zu viele Skrupel hatte, aber für das Management gab es keinen besseren als ihn. So hatte er den Posten angenommen und war schnell an Peter geraten, der an dem jungen Mann Gefallen gefunden hatte.

Dass Peter 15 Jahre älter war als Chris, hatte diesen anfangs zwar gestört, doch als er auch die andere Seite des Mannes kennen gelernt hatte, dass er umgänglich war, dass man sich stundenlang angeregt mit ihm unterhalten konnte, waren diese Bedenken über Bord gegangen. Ziemlich schnell hatten sie dann zueinander und den Weg ins Bett gefunden und dort spielte sich ihre Beziehung auch hauptsächlich ab.

Das war dann so lange gut gegangen, bis Chris vor Arbeit nicht mehr aus den Augen gucken konnte. Auf den Assistenten, den Peter ihm versprochen hatte, damit er wieder mehr Zeit hatte, wartete Chris heute noch. Und warum kam das ausgerechnet jetzt wieder hoch?

Chris seufzte. Er tat es schon wieder.

Die ganzen letzten 14 Tage hatte er nichts anderes zu tun gehabt, als die Nachteile an Peter zu suchen, seine Macken, seine Eigenheiten, Versprechen, die er nie gehalten hatte.

Warum das alles? Er hing doch an ihm.

Oder war es nur sein Job, der an Peter hing?

„Lass den Mist, ihr seid ein Paar und habt eine Krise", erklärte er sich selber und griff zum Telefon, was ihn schon wieder nervte. Nicht einmal an seinem freien Tag ließ man ihn in Ruhe! „Was", wollte er also gereizt wissen, denn er kam nur noch im Schneckentempo vorwärts.

„Was soll das heißen, ich hätte vergessen, dir die Daten zu geben. Die liegen auf dem Server!", knurrte er in den Hörer, weil eine der Geschäftstellen mal wieder nach einer Aufstellung der laufenden Fälle verlangte. Doch noch ehe er den Satz beendet hatte, ging es ihm auf wie Hefeteig! Er hatte es wirklich vergessen.

Na klasse.

Er war vorhin so gehetzt gewesen, endlich aus dem Büro zu kommen, dass er das wohl total verpennt hatte. „Ich bin gerade unterwegs. Kann ich es später schicken, wenn ich im Hotel bin?", fragte er. Musste ja nicht jeder wissen, wo er wirklich hin wollte. Doch die junge Frau ließ sich nicht abspeisen. Sie wollte auch nach Hause und nicht noch ewig auf die Abrechnung warten. Also musste Chris einwilligen und ihr zugestehen, dass er gleich ranfahren würde und die Daten von seinem Laptop über das Handy senden.

Wütend legte er auf. Das hatte ihm wirklich noch gefehlt. Wo sollte er denn hier bitteschön ran fahren? Er wusste doch noch nicht einmal, wo er hier überhaupt war! Doch es half nichts, es war sein Fehler gewesen, also musste er den jetzt auch ausbügeln. Er strengte seine Augen an und wirklich - als hätte der Himmel ein Einsehen mit ihm, sah er keine hundert Meter vor sich einen kleinen Parklatz. Nichts Besonderes, aber zumindest musste er nicht am Straßenrand stehen bleiben, wo ihm jeder aufs Heck auffahren konnte.

Also setzte er den Blinker, der so dick mit Schnee bedeckt war, dass ihn sowieso niemand leuchten sehen konnte und schlug ein. Wie ein Schneepflug machte sich der Z4 Bahn, die Räder rutschten ab und an weg, doch der Wagen suchte sich seinen Weg in die Bucht. Schnell war der PC hochgefahren und mit dem Handy verbunden, dann gingen die Daten auf Reisen.

Er ärgerte sich immer noch über sich selber, dass ihm das passiert war und er jetzt hier stand und nicht vorwärts kam. Er hatte so den ganz leisen Verdacht, dass ihn eigentlich etwas ganz anderes ärgerte, doch er wollte da nicht tiefer nachgraben. Was er gefunden hätte, hätte ihm nicht gefallen - so viel stand schon mal fest.

Müßig sah er dabei zu, wie sich der Balken für den Sendevorgang langsam Stück für Stück von grau nach blau färbte und feuerte ihn im Kopf noch etwas an. Konnte der sich nicht ein bisschen beeilen? Blink - blink - blink. Monoton schritt der Vorgang voran und Chris wurde ungeduldig. Er wollte hier nicht ewig stehen und einschneien, schließlich hatte er noch ein paar Kilometer vor sich. Wozu hatte er eigentlich einen schnellen Wagen, wenn er sowieso nur im Schneckentempo vorwärts kam? Das Leben kotzte ihn heute wirklich an!

Endlich hatte die Datei ein Einsehen mit ihm und war verschickt. Also konnte er den PC wieder zu klappen und sich auf den Weg machen, weiter durch die weiße Hölle. Also legte er den Gang ein und gab Gas, doch alles, was passierte, war, dass der Motor ausging. Ungläubig sah Chris auf das Lenkrad. Das war doch jetzt alles nicht wahr, oder? Also versuchte er den Wagen erneut zu starten, doch er Motor heulte nur und sprang nicht an. Der dachte gar nicht daran, jetzt noch mal was zu tun, egal wie oft und wie intensiv Chris versuchte den Zünder auszulösen. Das war doch jetzt alles nicht wahr. Das war doch nur ein schlechter Scherz!

Wütend schlug er immer wieder auf das Lenkrad ein. Er war am Ende. So was in der Art hatte ihm wirklich noch gefehlt! Verdammt noch mal!

Wieder und wieder und wieder versuchte er zu starten, schlug wütend und frustriert auf das Lenkrad und fluchte so laut wie er konnte. Er musste die gestaute Aggression jetzt irgendwie loswerden, sonst platzte er. Das war so bezeichnend für diesen Tag. Frustriert stieg er aus und konnte es sich dann doch nicht verkneifen, auch wenn er knietief im Schnee stand und er nasse Füße bekam, mal kräftig gegen das Rad seines Wagens zu treten, der ihn so schändlich im Stich ließ.

Und es schneite und schneite, man konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Was sollte er denn jetzt hier machen? Er war am Arsch der Welt, irgendwo mitten im Nirgendwo. Kein Haus, keine Stadt. Zumindest nicht, dass er wüsste. Er war in der letzten Zeit durch keine Ortschaft gekommen.

Na prima. Allein am Arsch der Welt. Das hatte er wirklich noch gebraucht. Ganz klasse.

Fluchend stapfte Chris durch den Schnee. Er musste sich ganz bestimmt nicht zurückhalten - hier hörte ihn keiner. Und warum das alles? Für nichts und wieder nichts. Er könnte jetzt in seinem warmen Büro sitzen und seine Akten fertig aufarbeiten. Aber nein, er hatte ja unbedingt seinem schmollenden Liebhaber hinterher laufen müssen. Das war jetzt die Strafe. Irgendwie war das wohl ein Zeichen des Himmels. Sie sollten nicht wieder zusammenfinden.

Wenn er jetzt den ADAC rief, würde das auch ein paar Stunden dauern, bis die hier waren. Chris saß also fest. Und weil ihm das langsam immer klarer wurde, fing er an, immer wieder gegen den Reifen zu treten. Er musste seinen Frust jetzt an irgendetwas auslassen und sein Wagen war dafür prädestiniert, denn er war gerade da.

„Hey, Automisshandlung ist strafbar!", brüllte es plötzlich zu Chris rüber und er schoss herum. Am Gatter, hinter dem kleinen Parkplatz, lehnte jemand und grinste ihn an. „Stecken geblieben?"

Chris, immer noch geladen wie eine Katze unter der Wolldecke, knurrte nur. „Nein, mein Auto spielt gern im Schnee. Da tu ich ihm den Gefallen."

„Ach so, na dann. Ich dachte, du brauchst Hilfe." Der andere wandte sich ab und ging. Chris traute seinen Augen nicht. Der Kerl ging wieder! Das konnte er durch das Schneegestöber noch sehen. „Hey!", brüllte er ihm hinterher und hüpfte wie ein Storch im Salatbeet durch den hohen Schnee dem Mann hinterher, dem einzigen Wesen, was hier zu leben schien. „Lauf nicht weg!"

Doch der Fremde drehte sich nur um, brüllte etwas, was Chris wegen dem Wind nicht verstehen konnte und dann hatte ihn das tobende Weiß aus Chris' Sicht ausradiert. Einfach ausgelöscht.

Chris war wieder allein.

Er schüttelte den Kopf. Was für ein Arschloch. Dabei fielen kleine Berge Schnee von seinem schwarzen Haar auf den Pullover. Er klopfte sich nachlässig ab, ehe er sich wieder in seinen Wagen fallen ließ. Hinterwäldler waren echt komisch! Ob die schon so auf die Welt kamen oder wurden die erst hier draußen so seltsam? Eigentlich war das Chris auch ziemlich egal.

Zu allem Übel hatte sein Handy auch gerade noch den Geist aufgegeben - war wohl nichts mit ADAC anrufen. Aber so richtig wunderte sich Chris darüber auch nicht mehr. Dieser Tag hatte ihm schon auf mehrere Arten zu verstehen gegeben, dass er ihn nicht mochte. Da war das doch nur noch ein kleines Tüpfelchen auf einem kleinen i, der dann aber das Fass zum Überlaufen brachte.

Doch was brachte es noch, sich aufzuregen?

Das kostete nur Energie.

Also ließ Chris den Liegesitz nach hinten sinken und machte es sich gemütlich. Ein paar Stunden - bis das Wetter nachließ - musste er wohl noch warten. Dann konnte er sich auf die Suche nach einem Haus machen, denn wenn hier einer herum lief, dann musste eine Siedlung in der Nähe sein. Nur bei dem Sturm und dem Schneetreiben, was da draußen herrschte, hatte es keinen tieferen Sinn, sich rauszuwagen. Chris hätte sich schon verlaufen, noch ehe er vom Parkplatz runter gewesen wäre.

Also schloss er die Augen und träumte ein bisschen von seinem warmen, trocknen Büro, von einem großen Kaffee mit Milch und Zucker und von einem Fußballspiel, was er nebenbei im Kabelfernsehen verfolgen konnte, während er sich durch einen Berg Strafakten wühlte und versuchte, die passenden Anwälte für die Mandanten zu finden.

Er musste wohl eingeschlafen sein, denn als es an die Scheibe klopfte, schreckte er auf. Ein unbekanntes Gesicht sah durch die vom Schnee befreite Seitenscheibe und Chris kam wieder in die Senkrechte und öffnete die Tür. Den Kerl hatte er doch schon mal gesehen. War das nicht der, der ihn und sein Auto weiter im Schnee spielen lassen wollte?

„Was 'n", fragte Chris und der Fremde grinste.

„Soll ich dich bis zu mir in die Scheune schleppen? Da steht deine Kiste erst mal trocken und du kannst dir was Trocknes anziehen", bot er an und Chris machte große Augen. Erst jetzt fiel ihm der große, schwere Traktor auf, der neben ihm parkte und freudig erregt nickte er natürlich.

„Gerne."

„Na los, setz dich schon mal in den Trecker. In deiner Kiste zu hocken hat keinen Sinn, ohne Scheibenwischer siehst du eh nicht, wo es hin geht. Mein Hof ist keine dreihundert Meter von hier. Das wird er ohne dich überstehen."

Bildete sich Chris das nur ein oder hatte dieser Kerl bei allem, was er sagte, einen freches Grinsen drauf, irgendwie spöttisch und irgendwie ziemlich... niedlich. Chris schüttelte den Kopf. Was sollte das denn jetzt? Kam jetzt der Schneekoller durch, oder was? Über sich selbst den Kopf schüttelnd raffte Chris sein Zeug zusammen, packte PC und Handy und Akten in seine Tasche und zog sich seine Jacke über, ehe er abschloss und in den Traktor kletterte, was nicht so leicht war, wie es sich anhörte.

Er keuchte überrascht, als sich große Hände auf seinen Hintern legten und ihn nach oben schubsten. „Mach die Tür zu, sonst schneit's rein", erklärte der Fremde und machte gerade das Abschleppseil an dem Z4 fest. So solide Fahrzeugbauer ihre Wagen auch bauen mochten, sie rechneten immer mit dem Ernstfall, jeder noch so teure Wagen hatte irgendwo - wenn auch versteckt - einen Abschlepphaken.

Der Fremde verschwand erst mal ziemlich tief im Schnee, um unter das Auto fassen zu können, doch schnell war gefunden, was gesucht wurde und das Seil hing. Also krabbelte er geschickt hinauf zu Chris, der sich auf dem Notsitz platziert hatte und startete den Wagen. Chris erschauerte. Das Vibrieren im ganzen Leib war irgendwie anregend. Das war definitiv nicht gesund.

Machte es sich jetzt bemerkbar, dass er seit Wochen für Sex viel zu fertig gewesen war?

Drehte seine Libido wegen Misshandlung und Vernachlässigung jetzt durch, oder was?

„Los geht’s", sagte der Fremde und fuhr langsam an. Die Scheibenwischer vorn und hinten machten die Sicht frei. „Kannst gucken, dass wir deinen Liebling nicht verlieren", grinste der Bauer und fuhr an. Chris wollte noch was sagen, aber irgendwie konnte er nicht. Also nickte er bloß und sah nach hinten, aber immer öfter korrigierte sich sein Blick nach vorn. Er konnte sich den Fremden nun aus der Nähe betrachten. Nein, so hatte er sich einen Bauer nicht vorgestellt. Ohne die Wollmütze und die alte Thermojacke, gestopft in einen maßgeschneiderten Anzug, wäre das ein richtig schöner Mann, was nicht hieß, dass ihm dieser Bauernlook nicht auch ungemein gut stand.

„Wie heißt du?", wollte Chris plötzlich wissen, weil er gern wusste, mit wem er es zu tun hatte.

„Gerald, und du?", antworte der Mann und sah kurz neben sich, doch er korrigierte schnell wieder auf die Straße, denn das Wetter hatte sich nicht gebessert.

„Chris, Christian", stellte Chris sich vor und Gerald nickte.

„Angenehm", sagte er. Dann herrschte wieder Schweigen. Nur der Motor des Traktors brüllte.

Eine Viertelstunde später kam wirklich ein Hof in Sicht. Für die paar Meter hatten sie ganz schön lange gebraucht. Gerald fuhr besonders vorsichtig, nicht dass dem Wagen, der gern im Schnee spielte, noch etwas passierte und sein Besitzer dann todunglücklich war. Er schleppte den Wagen bis in die große Scheune und sprang ab, machte Licht und schloss die riesigen Scheunentore.

„Da wären wir", rief er und griff sich einen Besen, um den Z4 von seinem Schneehäubchen zu befreien, während Chris vorsichtig vom Traktor kletterte. Nur für eine Sekunde wünschte er sich, Gerald hätte ihm auch dabei noch mal geholfen. Der Kerl war aber auch groß und kräftig!

„Danke", sagte er und Gerald sah ihn lachend an, nahm die Mütze ab und so hatte Chris das erste Mal Zeit, sich den Mann richtig anzusehen. Nein, so hatte er sich einen Bauer nicht vorgestellt. In seiner Welt waren Bauern komisch aussehende Männer mit Schlapphut und Halbglatze. Sie hatten weder türkisgefärbte Strubbelhaare, noch ein Piercing in der Braue. Sie hatten auch keine fein gezupften Brauen oder sieben Ringe im rechten Ohr!

„Ich feg ihn schnell ab. Geh schon mal da drüben durch die Tür. Durch den Stall kommst du auch rüber ins Haupthaus. Außer du magst keine Pferde. Dann geh über den Hof, aber dort schneit es", erklärte Gerald und lachte. Chris wirkte hier so fehl am Platz wie ein Klebestift in einer Maschinenfabrik. Doch er sagte nichts. Er kehrte weiter den Schnee runter und stellte dann den Besen weg, während sich Chris streckte, um an seine Tasche zu kommen, die er hatte stehen lassen.

„Warte", seufzte Gerald. Was war denn das für ein unbeholfener Vogel? Er trat hinter Chris und streckte sich ebenfalls. Weil er größer war, reichte er locker an die Tasche und klemmte ganz nebenbei Chris zwischen sich und dem Traktor ein, der nur noch den Atem anhalten konnte, um nicht zu hyperventilieren. Der Kerl fühlte sich aber auch gut an!

„Hier." Gerald riss Chris aus seinen Gedanken und reichte ihm die Tasche, während er schon zur gezeigten Tür vorging. „Hier lang", rief er über die Schulter zurück und Chris beeilte sich, ihm zu folgen. Langsam fing er in den nassen Klamotten an zu frieren.

Kaum hatte Gerald die Tür zu den Ställen geöffnete, fegte auch schon etwas Schwarzes an Chris vorbei und Gerald seufzte.

„Ach Mensch, Henry, nicht schon wieder!", brüllte er und lief dem schwarzen Schatten hinterher. Es dauerte eine Weile, bis Chris bemerkte, dass es ein kleines Fohlen war, das quietschend Kapriolen schlug und Gerald zum Narren hielt. „Komm ihm nicht zu nahe, er beißt jeden, den er nicht kennt!", warnte Gerald und lief weiter dem kleinen Pferd hinterher, das sichtlich seinen Spaß daran hatte, mit seinem Besitzer zu spielen. Chris lachte, er konnte nicht anders. Das war zu süß.

Als Henry auf ihn zu gelaufen kam, wollte Chris erst wegspringen, doch das kleine Pferd war so niedlich, er wollte es anfassen. Also ging er in die Knie und breitete die Arme aus. Henry schien nachzudenken, doch dann kam er langsam näher und ließ sich streicheln. Gleich fing Chris an, das kleine Pferd zu beschmusen. Er hatte vorher noch nie eines angefasst. Das kurze Fell war so weich und die struppig, stehende Mähne war auch ganz weich. „Na, du bist ja ein Süßes", lachte er leise und streichelte Henry, der das sichtlich genoss und sich an Chris rieb. „Und du beißt, hm?", fragte er ihn und Henry legte den Kopf schief, so als müsste er über diese Frage erst mal nachdenken.

„Na, normal beißt er. Der Tierarzt will an den Kleinen schon gar nicht mehr ran. Außerdem rückt er immer aus der Box aus, ich weiß nur noch nicht wie, denn durch die Gatter dürfte er eigentlich nicht durchpassen." Gerald kam näher und besah sich das Bild. Irgendwie konnte Chris gar nicht so schlecht sein, wie Gerald erst gedacht hatte. Tiere hatten gute Instinkte und ließen sich nicht täuschen. Sie sahen mehr als ein Mensch wahrnehmen konnte. Er griff den kleinen Hengst am Halsband und führte ihn wieder zurück in die Ställe. Chris folgte ihm lachend. „Der ist doch so süß, ich kann mir nicht vorstellen, dass der beißt."

„Wundert mich auch gerade, warum er dich verschont", gestand Gerald und schob den Kleinen wieder zu seiner Mutter in die Box. „Und du, meine Schöne, passt das nächste Mal ein bisschen besser auf den Kurzen auf, klar?" Er tätschelte die weiße Araberstute und sie schnaubte nur und ließ sich beschmusen.

Chris hingegen sah sich erst einmal um. Ein Stall voll Araber. Er wusste, was diese Pferde wert waren! „Züchtest du?", fragte er und Gerald kam nickend aus der Box, die er hinter sich wieder schloss, weil schon wieder ein kleiner, vorwitziger Kopf aus dem Gatter guckte.

„Ja."

„Verstehe." Also war Gerald doch kein richtiger Bauer, das rückte Chris' Weltbild wieder ein bisschen gerade. Vor einer Box blieb Chris noch einmal stehen. Das sah sogar er, dass das kein Araber war. „Wie passt das Pferd denn hier rein?", fragte er, als er vor dem großen, schweren Pferd stand und Gerald lachte.

„Durch die Tür, wie denn sonst."

Chris sah ihn knurrig an und Gerald lachte lauter. Er war hübsch, wenn er so lachte. „Den habe ich von einem Freund bekommen. Ludwig ist ein Friese. Er gehört in die Zucht eines Freundes, doch er hat sich mit dem Leithengst angelegt und wurde gebissen. Er steht hier, damit alles ausheilen kann", erklärte er und tätschelte das große Tier. „Wenn er wieder ganz auf dem Damm ist, dann geht er zurück zu seinen Stuten."

„Ah ja", machte Chris und sah sich das pachtvolle Tier noch mal an, das gleich zu ihm gelaufen kam und an ihm schnupperte.

Gerald sah ihn fragend an. „Du scheinst ein Händchen für Tiere zu haben. Hast du mit Tieren zu tun?", fragte er und Chris schüttelte den Kopf. Nein, mit Tieren nicht, nur ab und an mit Bestien. Doch das verschwieg er lieber. Was sollte Gerald denn von ihm denken? Und warum interessierte es ihn, was Gerald von ihm dachte? Chris schüttelte den Kopf. Langsam hatte er wirklich das Gefühl, er wurde notgeil!

„Was bist du denn?", fragte Gerald weiter, als sie durch einen kurzen Schleusenraum kamen. Hier warf Gerald die Schuhe und die Jacke von sich. Chris tat es ihm gleich. „Manager bei Sudden und Partner", erklärte Chris, als er durch die Tür folgte und endlich das Haupthaus betrat. Rustikal wie erwartet. Alles in Holz gehalten. Aber auf seine warme Art wirkte es heimelig. Richtig einladend.

„Was ist das?", fragte Gerald und sah Chris forschend an.

„Eine Anwaltsfirma, die weltweit Büros hat und ich koordiniere das alles", gab Chris erklärend preis und legte den Kopf etwas schief. Nun trug Gerald nur noch ein enges Shirt. Verdammt, war der gut gebaut. Selbst Gerald konnte das Glänzen in Chris' Augen nicht übersehen haben, doch er ließ es sich nicht anmerken.

„Da hinten, die Tür mit dem Herzchen, ist das Bad. Kannst duschen, wenn du willst, ich geb dir ein paar warme Klamotten. Mit deiner Kiste kommst du heute eh keinen Meter mehr", sagte er und Chris zuckte zusammen. Aber er musste doch! Es hing viel zu viel daran!

„Aber ich muss weiter", sagte er mit leicht panischer Stimme und Gerald hob die gepiercte Braue.

„Was ist denn so wichtig, dass du dein Leben riskieren willst, auf dieser Straße, bei diesem Wetter?" Städter waren echt seltsam!

„Na ja." Nun druckste Chris doch herum. Es war ja nicht so, als wäre es ihm peinlich schwul zu sein, aber irgendwie wollte er nicht, dass Gerald das wusste. Warum auch immer. Doch dann sagte er sich, sie sahen sich sowieso nie wieder, warum sollte er sich verstecken? „Ich hatte vor zwei Wochen Krach mit meinem Lebensgefährten und weil ich seit dem nichts von ihm gehört habe, als er gegangen war, da wollte ich eben zu ihm und sehen, was los ist."

So peng - es war raus.

Jetzt konnte Gerald anfangen das Gesicht zu verziehen, ihn zu schneiden und vor die Tür zu setzen - doch nichts dergleichen geschah.

„Ich weiß ja nicht, was passiert ist, aber wenn er sich zwei Wochen lang nicht meldet, ich weiß nicht, ob es jemand wert ist, dass man deswegen da draußen sein Leben riskiert", sagte er nur und wandte sich ab.

Chris machte große Augen. Keine Frage, ob er schwul war, keine peinliche Konversation. Gerald nahm es einfach so hin. Schlimmer noch! Er sprach aus, was Chris dachte und nie gewagt hatte, für sich selber auszusprechen.

„Du kennst ihn ja gar nicht", versuchte er Peters Ehre zu retten, vor einem Mann, der ihn gar nicht kannte, doch selbst Gerald bemerkte, dass es nur halbherzig war.

„Is' schon gut, zieh dich um, ich mach Tee und was zu Essen. Wärm dich auf. Mit deinem Wagen kommst du eh nicht weiter", sagte der Bauer nur und verschwand, während Chris alleine zurückblieb, mit einem seltsamen Gefühl im Bauch. Langsam ging er ins Bad und stellte sich wirklich unter die Dusche. War es krank, nicht abzuschließen und zu hoffen, dass Gerald rein kam, um noch etwas zu sagen?

Ja, es war krank, aber Chris konnte nicht anders. Der Kerl machte ihn verrückt. Er brachte ihn gänzlich um den Verstand. Das war Chris noch nie passiert! Er hatte immer geglaubt, er hätte sein Leben im Griff, aber im Augenblick hatte sein Leben ihn im Griff! Er duschte sich warm und schlüpfte in die Klamotten, die dort lagen, dann kam er langsam zurück. Auf dem Tisch standen schon Tee und Brote und Gerald hatte seine Arbeitshose gegen eine Jogginghose getauscht. Der Kerl konnte tragen, was er wollte, ihm stand einfach alles. Chris seufzte innerlich. Gerald war Versuchung pur.

„Hock dich hin", rief er rüber und stellte gerade Chris' Tasche auf den Tisch. „Kannst auch dein Handy laden, falls es nötig ist und du deinen Lebensgefährten anrufen willst, dass du nicht kommst."

Chris zuckte zusammen. Er analysierte den Satz bis auf die letzte Silbe. War Verachtung in der Stimme?

„Er weiß gar nicht, dass ich vorhatte, ihn zu besuchen. Wie gesagt, wir haben Funkstille", erklärte Chris und kam näher. „Stört es dich eigentlich nicht, dass ich schwul bin?", fragte er die Frage, die in ihm brannte und sah Gerald eindringlich an. Der lachte nur leise und legte den Kopf schief.

„Warum sollte es?"

Innerlich schlug sich Chris vor den Kopf. Was stellte der Kerl für Fragen? Warum sollte es? Na vielleicht, weil es abartig war, wie die Meisten ihm erklärten. Weil es nicht toleriert werden konnte? Weil Kirche und Staat ein Problem damit hatten? Vielleicht deswegen?

„Schon gut", sagte er resignierend und folgte dem Angebot, sein Handy an den Strom zu ketten, damit es wieder anfangen konnte, ihn zu nerven. Genauso den PC. Dann setzte er sich zu Gerald, der ihn nur beobachtet hatte.

„Ziemlich im Stress, hm? Scheinst ja richtig wichtig zu sein." Doch es lag kein Spott in der Stimme. Chris wollte gerade etwas erwidern, da riss ihn schon das Handy wieder an sich und er ging ran.

„Bärbel, was denn noch, du hast doch die Datei gekriegt", sagte er und sie erklärte ihm, dass da noch was fehlte. Die Datei würde auf etwas verweisen, was er vergessen hatte zu schicken. Chris knurrte. Langsam hatte er die Nase voll. Er brauchte Urlaub! Und zwar lange! Ohne Handy, ohne Büro. Keiner wusste, wo er war und wie man ihn erreichen konnte. Denn selbst im Urlaub suchten sich die Leute noch die Telefonnummern vom Hotel und gingen ihm auf den Nerv. Als wäre es kein dezenter Hinweis, dass er das eigene Handy ausgeschaltet hatte und für keinen erreichbar sein wollte.

Er verblieb mit Bärbel, dass er gleich den Rest noch schicken würde und legte auf. „Ja, richtig wichtig und ich hab langsam die Nase voll", sagte Chris leise und fuhr den PC wieder hoch, um die restlichen Daten noch zu suchen. „Aber sie zahlen gut", schob er gleich hinterher, denn Gerald sah ihn so komisch an.

„Du bist für diesen Job nicht geschaffen, Chris", sagte der junge Mann nur und trank von seinem Tee.

Chris sah ihn fragend an, als er wieder alles verband, um die Daten zu senden. „Was meinst du?", wollte er wissen.

„Du siehst nicht aus wie jemand, der Spaß an seinem Job hat", sagte Gerald nur und Chris seufzte. Da hatte der Mann schon Recht. Spaß machte das schon lange nicht mehr. „Eigentlich hat Peter versprochen, mir einen Assistenten zur Hand zu geben, aber auf den warte ich immer noch", sagte er und wusste selber nicht, warum er Peter jetzt ins Spiel brachte. Vielleicht, weil er endlich einmal reden wollte und wenn Gerald sich anbot und Peter eh nicht zuhören wollte, dann war das hier vielleicht die einzige Möglichkeit, die ihm blieb, einmal alles loszuwerden. Dann sah man sich sowieso nicht wieder.

„Ist Peter dein Chef?", fragte Gerald. Er war neugierig. Nebenbei nahm er sich eines der Brote und lehnte sich ein wenig zurück.

„Ja, Peter ist mein Chef und zu allem Übel auch noch mein... Lebensgefährte", sagte Chris und wollte das erst mal sacken lassen. Gerald nickte nur verstehend, als Zeichen, er solle weiter machen, also holte Chris noch mal tief Luft, dann fing er an zu erzählen. Von Peter und von der Firma, von dessen Freizeit und seinem eigenen Stress, von den Abenden und warum Peter gegangen war.

„Dann lass ihn schmollen. Wegen diesem Kerl setzt du dein Leben aufs Spiel? Liebst du ihn so sehr?", fragte Gerald unverständlich. Für ihn war das wirklich zu hoch. Wenn sich jemand so aufführte, hatte er es doch gar nicht verdient, dass man ihm noch nachlief. Mit fast 50 Jahren sich aufzuführen wie ein kleines Kind, das war doch nicht normal.

„Aber ich", fing Chris an und brach ab. Ja, was - aber ich! Liebe ihn? Das hatte er sagen wollen, doch die Worte wären hohl gewesen. Ohne tiefe Bedeutung. „Ich hänge an ihm und mein Job auch."

„Das ist alles?", fragte Gerald ziemlich überrascht. „Du fährst bei diesem Mistwetter zu ihm, nur weil du an ihm hängst und an einem Job, der dir keinen Spaß macht, weil er dich auffrisst? Chris, du hast ein Problem", sagte Gerald, doch es war kein Vorwurf. „Ich kenn dich nicht und es geht mich nichts an, aber für einen Job, der keinen Spaß macht, einem Kerl hinterher zu laufen, an den man sich gewöhnt hat, wo aber keine tieferen Gefühle im Spiel sind. Ist es das wert?"

Chris fuhr hoch, wollte erklären, dass Gerald doch gar keinen Schimmer hätte, wie das wäre, doch er musste sich schweigend wieder setzen. Ob es Chris passte oder nicht, Gerald hatte Recht. Der Job machte keinen Spaß. Schon lange nicht mehr, denn er konnte ihn nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren. Er senkte den Kopf. „Du hast mich vorhin gefragt, ob ich mit Tieren arbeiten würde. Ich wollte erst sagen: Nein, aber mit Bestien", gestand er leise und Gerald schluckte, würgte schmerzlich den Schluck Tee runter, den er gerade genüsslich schlürfen wollte.

„Bitte?"

„Na ja, Bestien nicht im Sinne von wilden Tiere, sondern von Menschen, die eigentlich hinter Gitter gehören. Unsere Anwälte sind gut. Sudden schart die Besten um sich, die es nur gibt, weltweit. Und über meinen Tisch gehen alle Fälle, alle Listen, alle Verbrechen. Mörder, Vergewaltiger, Kinderschänder. Klar, für die Kanzlei ist es ein Erfolg, wenn der Mandant auf freien Fuß kommt, aber für mein Gewissen ist es ein Schlag ins Gesicht, zu wissen, dass dieser Kerl wieder morden wird, wieder eine Frau missbrauchen wird oder ein Kind schänden. Ich kann nicht mehr", gestand er leise und sah auf. Gerald starrte ihn fassungslos an.

„An solch einem Job hängst du?", sprudelte die Frage aus seinem Mund, er konnte das nicht fassen. Chris war nicht solch ein gewissenloser Mensch. Eines Tages würde er in dieser Kanzlei, für die er sich aufrieb, vor die Hunde gehen und gelinde gesagt, wäre es um ihn ziemlich schade!

„Ich habe nun mal nur diesen Job!", knurrte Chris, denn Gerald tat genau das, was sein Gewissen seit Monaten tat. Er fing an, ihn zu piesacken, ihm grundsätzliche Fragen zu stellen, deren Antworten Chris nicht in den Kram passten, weil er sein Leben umstellen müsste. Es war doch gut, wie es war. Er hatte einen Job, er hatte einen Freund und er hatte genug Geld. Na ja, er hatte keine Zeit, es zu genießen und er konnte sich selbst nicht mehr im Spiegel ertragen, aber irgendwas war doch immer. Deswegen gab man doch solch einen Posten nicht auf.

„Chris, keiner zwingt dich!"

Erst wollte Chris aufspringen und doch sagen, aber er schwieg. Der einzige, der sich wirklich zwang, war er selber. Er kämpfte um etwas, was er nicht wollte!

„Such dir doch was anderes", schlug Gerald vor und legte seine Hand auf Chris', denn der zitterte. Warum sie plötzlich ein solches Gespräch führten, wussten wohl beide nicht, aber Gerald spürte, dass Chris das brauchte, deswegen brach er auch nicht ab. Chris stand an einem Punkt in seinem Leben, von dem er weg wollte, er suchte eine andere Richtung, auch wenn er selber das noch nicht begriffen hatte. Unbewusst suchte er eine Entscheidung.

„Ich habe nun mal nur so was gelernt. Ich würde wieder in einer Kanzlei landen. Ich habe da keine Lust drauf. Und auf die Gegenseite wechseln will ich auch nicht!" Chris ließ es zu, dass die große Hand seine eigene hielt. Es fühlte sich gut an. Das erste Mal seit langem, dass jemand ihn einfach nur berührte, um ihm nahe zu sein, nicht um ihn ins Bett zu locken. Das war schön.

Zumindest für Chris, nicht aber für den kleinen Elfen, der verborgen hinter Engelsschwingen zusehen musste, wie Chris mit Gerald dem Falschen verfiel! Das war doch ein Alptraum. Der sollte in sein Auto steigen und zu seinem Freund fahren, damit der kleine Elf seinen Stern bekam. Das war doch eine Katastrophe!

„Bleib doch hier. Ich suche einen Stallburschen, der mir mit den Pferden helfen kann. Ich kann sie nicht allein reiten und versorgen und du hast ein glückliches Händchen mit ihnen. Klar, solche Summen wie in der Kanzlei kann ich dir nicht bieten", schlug Gerald vor und weil Chris nicht gleich ablehnte, fiel Adalbert fast in Ohnmacht. Das lief aber gar nicht wie geplant. Jez hatte doch heute Morgen noch versprochen, der kleine Elf würde seinen Stern bekommen! Aber doch nicht so! Wenn der Kerl hier blieb, dann küsste der doch nie wieder Peter und dann?

Ade kleiner Stern! Ade Weihnachtsengel Adalbert!

„Stallbursche", sagte Chris überlegend. Allein die Vorstellung bei Gerald zu bleiben war verlockend. Geld brauchte er nicht. Er hatte genug, das konnte er in diesem Leben doch gar nicht vergeuden.

„Ich kann dich auch als Stallmanager einstellen, wenn dir das lieber wäre", lachte Gerald leise und sein Daumen strich intensiver über Chris' Handrücken. Der sah nur etwas ungläubig auf ihre verbundenen Hände, genauso wie der kleine Elf, der gerade in einer mittelschweren Krise steckte und am liebsten hervorgesprungen wäre, um Chris eigenhändig zum Auto zu zerren und ihn bis nach Freiburg zu schieben, wenn das nötig gewesen wäre! Doch Jez hielt ihn zurück und beruhigte ihn sanft.

Chris saß einfach nur auf seinem Stuhl und sah Gerald an. Das war doch zu schön um wahr zu sein. Gerald war also schwul, deswegen hatte er vorhin gefragt: Warum sollte ich! Langsam ergab alles einen Sinn. Chris griff die Hand seines Gegenübers fester und zog sie langsam zu sich. Er wollte wissen, ob er sich getäuscht hatte oder nicht. Er musste das jetzt wissen, ehe er sich mit Haut und Haaren verliebte. Noch immer trafen sich ihre Blicke in der Mitte des Tisches, vergingen in kleinen Explosionen, die die Luft um sie herum elektrisierten.

Kein Zweifel - sie fühlten das gleiche. Gerald lächelte, als seine andere Hand langsam über den Tisch langte und Chris im Nacken griff, ihn langsam zu sich zog. „Bleib bei mir. Lass dieses Leben hinter dir", flüsterte er leise und Chris lächelte.

Plötzlich war es gar nicht mehr so schwer, die Entscheidung, die er seit Monaten mit sich herum trug, zu fällen. Zu sagen: ich kündige, ich will nicht mehr.

Es war gar nicht so schwer wie gedacht. Nicht, wenn man in solch schöne Augen sah, auf solch schöne Lippen starrte.

„Als ich dich vorhin im Schnee hab wüten sehen, war es um mich geschehen. Ich musste dich haben, Chris", gestand Gerald leise und legte den Kopf schief. Noch immer näherten sie sich langsam einander an, spürten den heißen Atem des anderen auf den trocknen Lippen. „Das hatte ich noch nie. Meine Knie zittern, meine Fingerspitzen kribbeln. Ich muss dich nur ansehen und werd wahnsinnig!"

Chris lächelte nur, was sollte er dazu noch sagen? Er wäre dumm, diese Chance mit Füßen zu treten. Das erste Mal, dass er bei einem Mann etwas spürte, was nicht nur Begeisterung war. Er musste Gerald nur ansehen und hätte ihn anspringen können. Sein ganzer Körper war in Aufruhr!

„Okay, ich bleibe, aber nur, wenn du mich endlich küsst. Ich halte diese Anspannung nicht mehr aus", lachte Chris leise und Gerald lachte mit. Endlich trafen sich ihre Lippen. Erst schüchtern, aber schnell intensiver und verlangend. So wie Gerald an ihm zog, musste Chris sich erheben, ein Knie auf den Tisch gestellt beugte er sich immer weiter vor.

Das war Wahnsinn!

Nur Adalbert war kurz davor in Tränen auszubrechen. Das war doch jetzt alles nicht wahr, oder? Hatte Jez nicht gesagt, er würde seinen Stern bekommen? Er könnte alles Jez überlassen, der hätte schon dafür gesorgt, dass alles glatt ging? Von wegen glatt ging. Der Schützling steckte gerade dem Falschen die Zunge in den Hals. Adalbert war bedient. Er wollte nur noch nach Hause und schmollen, doch da drehte Jez ihn grinsend um und schubste ihn aus seiner Umarmung. „Na los!"

Ungläubig stolperte der kleine Elf auf den Stern zu und nahm ihn an sich, sah Jez nur fragend an.

„Ich hab dir doch schon mal erklärt, dass es nur wichtig ist, wenn dein Klient in Liebe küsst, nicht wer noch dabei ist." Adalbert murrte leise, war aber versöhnt. Klar, Jez hätte das auch eher sagen können! Aber warum? Dann hätte er sich um das niedliche Bild eines schmollenden Elfen gebracht. Wer wollte das schon?

Die weißen Flügel schlossen sich wieder und die beiden Gestalten verschwanden ungesehen. Nur Kater Mikesch schnappte nach einer Feder, die zu Boden fiel.

Chris und Gerald aber hatten sich in ihrer kleinen Welt verloren - eine Welt, die gerade erst im Entstehen war.