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Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

19.12.2006



Be beautyful II

Es war wohl das erste Mal seit langem, dass Adalbert am Morgen richtig ausgeruht gewesen war. Er hatte den ganzen Tag eigentlich nichts anderes getan als zu schlafen. Kaum dass er gestern Vormittag mit seinem neuen Stern in die Kissen gefallen war, war der kleine Elf auch schon eingeschlafen und hatte jede Menge ganz tolle Träume gehabt.

Ein paar davon waren ihm zwar etwas peinlich gewesen, aber er musste sie ja keinem erzählen und so konnte er sie ja für sich behalten. Seit wann hatte er nur solche Gedanken? Ob ihm sein erster Auftrag in diesem Bordell doch mehr geschadet hatte? Denn was er dort gesehen, was ihm damals noch die Schamesröte bis in die Haarspitzen getrieben hatte, genau das stellte er sich nun vor - er und sein Engel.

In weißen Laken, sich küssend, sich berührend - alles ohne Kleider, versteht sich.

Mit offenen Augen hatte Adalbert im Bett gelegen und an die Decke gestarrt, als er sich daran erinnert hatte. Noch schlimmer war es gewesen, dass sein Schwänzchen, wie er ja gelernt hatte, abgestanden hatte, so wie letztens. Aus Angst, es würde ein Loch in die aufgestellte Bettdecke pieksen, hatte sich der kleine Elf wieder auf die Seite gedreht. Ihm war heiß gewesen und er hatte den Drang nicht unterdrücken können, sich anzufassen.

Dass er früh keine Kraft mehr gehabt hatte, sich in sein Nachthemd zu stopfen, hatte es ihm dabei ziemlich leicht gemacht. Jedes Mal hatte sein Körper gezuckt, wenn er sich angefasst hatte. Es war komisch gewesen - aber irgendwie auch prickelnd. Er wusste ganz genau, dass er etwas Verbotenes getan hatte, doch er hatte nicht aufhören können. Es war wie ein Rausch gewesen, seine Hand über das Schwänzchen zu schieben.

Adalbert erinnerte sich noch deutlich, wie er gekeucht hatte, dabei war das ja eigentlich gar nicht so anstrengend gewesen. Seine Muskeln hatten geschmerzt, als wäre er einmal quer durch Wien gelaufen und sein ganzer Körper war wie elektrisiert gewesen. Die Decke auf seiner Haut hatte geschmerzt, doch aus Scham, dass er sich selber bei dem, was er da verbotenes tat, sah, hatte nicht zugelassen, dass er die schwere Decke von sich strampelte.

Hinterher - als alles vorbei und die Sauerei im Laken passiert war, da hatte sich der kleine Elf kaum im Spiegel ansehen können, sosehr hatte er sich geschämt. Aber eines musste er auch jetzt immer noch zugeben: Er hatte sich ausgeglichener gefühlt. Aber das musste ja nun wirklich keiner wissen. Nach einer ausgiebigen, rituellen Reinigung unter der Dusche, zur Strafe für sich und seine Haltlosigkeit mit kaltem Wasser, hatte sich Adalbert zum Aufwärmen mit einem großen, heißen Kakao auf der Couch zusammengerollt, in eine Decke gekuschelt und hatte vor sich hin gedöst.

Und dann war es passiert.

Das Elf-o-Phon hatte geklingelt und suchend war der Hörer durch die Wohnung geirrt, bis er Adalbert gefunden hatte, der auf der Couch unter einer Decke verschwunden war. In der Sorge, seine Mutter könnte mal wieder nerven, hatte der kleine Elf erst nicht rangehen wollen, aber er war froh darüber, es doch getan zu haben.

>Hey, kleiner Elf<, klang es in seinem Ohr und Adalbert hatte ganz rote Wangen bekommen.

„Jez!"

Auch jetzt, wo er auf dem Rücken in seinem Bett lag und sich nur erinnerte, war ihm kein einziges Wort ihres Gespräches entfallen, auch nicht das wunderbar warme Gefühl, was Adalbert dabei durchwandert hatte. Sie hatten lange geredet und sich kleine Nettigkeiten gesagt und Jez hatte ihm erzählt, was aus den Pärchen geworden war, um die Adalbert sich gekümmert hatte.

Auch die beiden Brüder, die endlich mit einander geredet hatten, waren nun wieder eine Familie. Vince und Josh waren in den Flitterwochen, Maus hatte eine Lehre angefangen und reiste mit seinem Geliebten durch die Gegend. Gary gab immer noch Seminare und sein Roberto besuchte sie, während sie die Abende alles andere als nur als Lehrer und Student verbrachten.

Nils studierte immer noch in London, aber er war noch mit Kay zusammen und am meisten hatte sich Adalbert darüber gefreut, dass die beiden, die sich im hohen Norden wieder gefunden hatten, deren Trennung eigentlich nur ein Missverständnis war, was eine eifersüchtige Schwester eingerührt hatte, wieder vertragen hatten. Craig und Joe hatten ja auch so gut zusammengepasst!

Außerdem hatten sie lachend festgestellt, dass es in Takutos Restaurant neuerdings wirklich Chicken-Sushi gab, allerdings nicht roh, sondern gegrillt und auch nur auf Wunsch eines ganz speziellen Gastes.

Jezeriels Plan war aufgegangen. Er hatte Adalbert von seinen trüben Gedanken über die Paare, die ihr Glück noch nicht gefunden hatten, völlig vergessen lassen und Adalbert freute sich endlich mit denen, denen er Glück gebracht hatte. Irgendwann musste doch auch Adalbert einsehen, dass man das, was gut gelaufen war, etwas mehr würdigen sollte und nicht das, was fehlgeschlagen war.

Aber so war das eben - Glück nahm man oft viel zu selbstverständlich hin und klammerte sich an das Schlechte, das blieb im Gedächtnis, weil es einprägsamer gewesen war, schmerzlicher und enttäuschender.

Aber zum Glück wusste er schon jetzt, dass Adalbert am Ende seiner Aufträge keinen Grund mehr haben dürfte, sich noch schlecht zu fühlen - vielleicht fanden sich nicht alle, vielleicht waren sie auch einfach nicht für einander bestimmt, aber das würde sie ja nicht daran hindern, trotzdem glücklich zu werden.

Den ganzen Tag hatten sie telefoniert. Zwischen drinnen hatte sich der kleine Elf auf einer anderen Leitung was zu Essen bestellt, doch Jez hatte er nicht auflegen lassen. Bis zum späten Abend - dann hatten sie auflegen müssen, weil Jez noch was zu tun gehabt hatte. Doch er hatte versprochen, auf Adalbert zu warten, sobald fest stand, was der nächste Auftrag war.

Als Adalbert endlich aufgelegt hatte, da war es draußen schon dunkel gewesen und eigentlich war er auch schon wieder müde geworden. So hatte der kleine Elf durchgeschlafen, aber nun war er hellwach und konnte es kaum erwarten.

Eigentlich waren ihm seine Aufträge langsam egal. Sie waren nicht mehr der Grund, warum Adalbert morgens so früh aus dem Bett hüpfte. Sie waren nur noch das Mittel zum Zweck und der Zweck war es, Jez zu treffen. Sich an ihn zu kuscheln, ihn anzusehen, sich mit ihm zu unterhalten - immer nur noch Jez, Jez, Jez. Es war krank, aber schön.

Adalbert lachte, als er sich auf die Seite drehte. Elf Sterne. Über die Hälfte hatte er jetzt also zusammen. Zwar hatte er noch keinen Schimmer, wie er in 6 Tagen noch neun Sterne bekommen sollte, aber er hatte - auch gestern wieder - versprochen, nicht aufzugeben. Jez würde schon einen Weg finden, damit sie sich nicht mehr trennen mussten.

Zwar schämte sich Adalbert schon ein bisschen dafür, dass er sich so sehr auf seinen Engel verließ, doch er war der einzige, der ihm wirklich zur Seite stand. Von seinen Eltern hatte er in den letzten Wochen kaum etwas gehört. Gerade mal, dass seine Mutter ihm ab und an etwas in den Kühlschrank gelegt hatte. Von seinem Vater war nicht einmal die Frage gekommen, wie es so lief.

Sicher erkundigte der sich lieber beim Elfenrat, wo dann über Adalbert Gericht gehalten wurde und sicher schämte sich Rüdiger dafür, dass sein Sohn so versagte. Doch das war Adalbert auch langsam egal. Er machte das nicht für seinen Vater und nicht für die hohen Elfen. Er machte das nur für sich und die Menschen, denen er half.

So.

Er hatte vorhin schon einmal diesen Gedanken gehabt, jetzt kam er zurück. Würde es ihm schwergefallen, der Elfenstadt den Rücken zu kehren und nie zurückzukommen? Vor ein paar Wochen hatte er noch gesagt: ja. Es würde ihm schwer fallen, Familie und Elfen zu verlassen, doch heute dachte er anders darüber. Was würde ihm denn groß fehlen? Elfen waren nicht die Guten, sie waren nicht die, die die Menschen in ihnen sehen wollten. Sie waren auch verbohrt und machtgierig, von sich selbst so extrem überzeugt, dass sie glaubten, sie wären unfehlbar. Doch das waren sie nicht. Keiner war perfekt.

Er wollte nur noch zu Jez - egal wo auch immer das sein würde.

Sich streckend erhob sich Adalbert langsam und tapste ins Bad. Schlafen würde und wollte er jetzt sowieso nicht mehr. Er wollte sich fertig machen und sobald der Auftrag da war, wollte er hier weg. Er wollte zurück in Jezeriels Arme, von den weichen, weißen, reinen Schwingen umschlossen werden und die Chance haben, alles andere auszusperren. Es war wie eine Flucht aus der Realität.

Ein wenig schämte sich Adalbert auch dafür, denn er fühlte sich undankbar. Aber dann schüttelte er den Kopf und verschwand unter der Dusche. Nein, das war sein Leben und er würde es bestimmen. Dass im Augenblick eigentlich wahrheitsgemäß nur die Gedanken um Jez sein Leben bestimmten, das überging Adalbert in dieser Sekunde einmal großzügig.

So dauerte es keine fünf Minuten, da stand der nasse Elf wieder vor der Dusche und verschwand in einem flauschigen Bademantel, föhnte sich die Haare, damit er nicht noch krank wurde und schlüpfte in seine Kleider. Kurze Hose und ein Elfen-Ringel-Shirt. Dazu lange Socken und die Elfen-Schuhe, eine lange Zipfelmütze, die lustig abknickte und Adalbert noch niedlicher aussehen ließ.

Dabei wollte er gar nicht niedlich aussehen. Er wollte so aussehen wie Jez, so erwachsen, so schön, so männlich. Jez war doch genauso alt wie er selber - aber er war zwei Köpfe größer, er war mindestens dreißig Kilo schwerer und seine Züge viel markanter, irgendwie makelloser. So wie man sich Engel eben vorstellte.

Vor dem Spiegel spreizte Adalbert seine dünnen Insektenflügel ab und flatterte ein bisschen damit. Er war schon neidisch auf Jezeriels weiche Federflügel, die so mächtig waren und so viel Ehrfurcht hervorriefen.

Seufzend zog sich Adalbert die Lederjacke drüber, zog die Mütze gerade und fing an zu warten - bis die Kartusche endlich eintraf und er mit seinen Daten im Elf-Trans verschwinden konnte. Unterwegs besah er sich die Bilder und blieb kurz stehen - mal wieder ein zweiter Versuch, hm? Phillip war er doch schon mal über den Weg gelaufen. Hatte da nicht der hohe Rat Mist gebaut und ihm den falschen von zwei Zwillingen auf den Hals gehetzt? Wie hatte der noch geheißen? Dylan? Heute war es allerdings der Richtige, Warren.

Also Klappe die Zweite für Phillip Goebel, der es abermals versuchen wollte, den blonden Kosmetiker an sich zu binden. Warren Patterson sah seinem Bruder aber auch wirklich zum Verwechseln ähnlich, das musste Adalbert zugeben. Er studierte noch einmal die Gegebenheiten, dann ließ er sich zurück nach Köln schicken, um es noch einmal zu versuchen.



Als er wieder zu sich kam, stand der kleine Elf vor einem Laden, offensichtlich – so wie die Werbung sagte - der Salon der beiden Brüder. Be Beautyful, stand in großen, feinen Lettern an der hübsch dekorierten Scheibe und Adalbert nickte sich zu. Hier war er definitiv richtig. Doch was er weit und breit nicht sah, war Jez.

Wo war der Engel?

Hatte er heute keine Zeit und der kleine Elf musste wieder den ganzen Tag allein verbringen?

Das war doch nicht fair. Wenn es schon kaum Sterne gab, so wollte Adalbert doch wenigstens viel Zeit mit Jez verbringen. Irgendwo musste der Engel doch sein oder war der Elf einfach nur zu früh? Oder stand er mal wieder am falschen Treffpunkt, weil er zu hastig das Haus verlassen hatte und ihm so wieder mal eine Information entfallen war?

Adalbert wurde nervös. Doch er beschloss, noch eine Weile zu warten. Vielleicht kam sein Engel ja noch. Also lehnte er neben der Tür und wartete. Immer wieder ging sein Kopf hin und her und her und hin, doch die Straße, auch wenn sie nicht menschenleer war, zeigte ihm nicht das, was er sehen wollte. Weder Jez noch Phillip war zu sehen und der Himmel hatte sich auch zugezogen. Adalbert fror.

Der Wind, der durch die Straßen pfiff, huschte ihm unter die kurze Hose. Warum mussten Elfen, die am Nordpol lebten, kurze Hosen tragen? Wer hatte sich diesen Blödsinn ausgedacht? Adalbert fluchte und zuckte zusammen, als er ein weiches, tiefes Lachen hinter sich hörte und schoss herum. Da stand Jez und grinste noch immer, als sein Elf ihn erkannte und ihn anstrahlte.

„Na, Süßer? Was ärgert dich schon wieder und warum lungerst du eigentlich vor der Tür herum, hm?“, wollte der Engel amüsiert wissen und hob eine Braue.

„Du bist gemein, Jez. Wie lange hast du schon da gestanden und mich beim Frieren beobachtet?“, wollte der kleine Elf wissen und verschränkte schmollend die Arme vor der Brust. Das war ja mal wieder fies. Da wurde er einfach hier stehen gelassen, wo es jeden Augenblick anfangen konnte zu schneien.

„Ach, Süßer“, sagte Jez leise und schloss die Arme um seinen kleinen Elfen. „Nicht schmollen. Auch wenn du geradezu unwiderstehlich wirkst, wenn du so schmollst. Dann bist du so süß“, lachte er, weil er wusste, dass Adalbert das nicht mochte. Er wollte nicht süß sein und deswegen versuchte der kleine Elf auch, sich halbherzig von Jez zu befreien. Doch der ließ das nicht zu.

„Jezzy, bring ihn rein und mach die Tür zu. Es wird kalt“, rief eine männliche Stimme von drinnen und Adalbert war plötzlich wieder neugierig und hatte vergessen, dass er schmollen wollte. Es war eine sehr angenehme Stimme und nun wollte der Elf auch wissen, wem sie gehörte.

„Mach ich“, rief Jez nur und sah Adalbert noch einmal an, dann zog er ihn mit sich. „Na komm, heute wirst du mal verwöhnt.“ Er schob den Elfen vor sich her in den angenehm warmen Raum und schloss endlich die Tür. Weil der Laden noch nicht geöffnet hatte, war Adalbert der einzige Gast. Jez schien mal wieder zur Belegschaft zu gehören. Wie machte der das nur immer? Da musste er nachher noch mal fragen. Schließlich durften Elfen ja nicht dumm sterben.

„Das ist also dein kleiner Bruder?“

Adalbert schoss herum und sah sich einer absoluten Kopie von Warren gegenüber. Das musste Warren sein. Der kleine Elf legte den Kopf schief und musterte ihn ein wenig.

„Ja, das ist Adalbert, mein kleiner Bruder, dem ich die Maassage geschenkt habe. Du hast ja gesagt, heute ist nicht viel los, da kann er kommen“, sagte Jez und Warren nickte nur, reichte lächelnd dem Jungen die Hand. Die beiden magischen Wesen vermieden es, ihm die Wahrheit zu sagen.

Wie hätte das auch ausgesehen, wenn sie ihm erklärt hätten, wer sie waren und was ihr Ziel war. Das hatten sie oft genug getan und selten hatte man ihnen geglaubt. So hatten Adalbert und Jezeriel beschlossen, sich nur noch zu offenbaren, wenn es nicht anders ging.

„Dann herzlich willkommen, Adalbert. Dein Bruder wird sich gleich um dich kümmern, hm?“ Warren selbst wirkte etwas angespannt, als er wieder ging, um sich noch einen Kaffee nachzuschenken. Adalbert sah ihm fragend nach.

„Na komm, Kleiner.“ Jez schob seinen Elfen vor sich her, ehe der noch was Unüberlegtes fragte. Man sah es dem Kleinen doch an der Nasenspitze an, dass der wissen wollte, was mit seinem Schützling los war.

Das wusste Jez nämlich ziemlich gut. Er wusste genau, warum Warren so aufgelöst war. Er hatte heute einen Termin mit Phillip und Dylan hatte lange mit ihm geredet. Es war ja nicht so, dass er selber nicht auch Gefallen an dem Mann fand, aber Phillip war so schüchtern. Es würde also an Warren hängen bleiben, den ersten Schritt zu machen, wenn etwas passieren sollte.

Und als würde das nicht reichen und als müsste die Peinlichkeit noch gesteigert werden, hatte Dylan Phillip für eine ausgedehnte Ganzkörpermassage eingetragen – wer solche Brüder hatte, der kam nicht nach dem Tod in die Hölle, denn er lebte schon in ihr.

Und damit Adalbert das jetzt nicht noch verschlimmerte, schob Jez den kleinen Elfen in einen angenehm warmen Raum mit einem steinernen Tisch, der mit weichen Handtüchern ausgelegt war und sagte: „Zieh dich fix aus und leg dich hin, ich hol das Zeug“, und war verschwunden.

So kam er nicht in den Genuss eines rotglühenden Elfen, der da stand, die Augen aufriss, dass sie fast von der Stirn bis zum Kinn reichten und an seiner Bommel herum zupfte. Er sollte bitte was? Sich ausziehen? Ganz bestimmt nicht! Er war ein anständiger Elf. Die zogen sich doch nicht vor allen Leuten aus! Auch nicht, wenn sie so nett wie Jez waren. Adalbert schluckte. Was sollte er denn jetzt machen? Was hatte der Engel mit ihm vor?

„Du stehst ja immer noch in voller Montur hier herum“, stellte Jez fest, als er wieder kam und die Flaschen mit den Ölen neben den vorgeheizten Tisch stellte.

„Jez!“, ereiferte sich Adalbert und wusste gar nicht, was er sagen sollte.

„Komm schon, Kleiner. Ich will nur deine Arme und den Rücken ein bisschen massieren. Du bist doch in den letzten Wochen kaum dazu gekommen, dich mal zu entspannen. Also. Ich dreh mich auch um und gucke nicht. Zieh dich aus und leg dich auf den Bauch“, sagte er und lächelte.

Adalbert zögerte, doch dann nickte er. „Aber nicht gucken!“

„Ja doch“, lachte der Engel und wandte sich zur Zimmerecke um. Warren würde nicht in den Raum kommen, wenn Kunden da waren, darum musste er sich nicht sorgen.

Adalbert hingegen beeilte sich aus der Jacke und den Schuhen zu hüpfen, doch je näher er seiner Unterhose kam, umso langsamer wurde er auch. Geheuer war ihm das alles nicht. Er hätte das nie gemacht, wenn es nicht Jez wäre, der ihn darum bat. Seine Finger zitterten. Sein Herz schlug wie wild. Und so blieb die Unterhose, wo sie war und schnell legte sich Adalbert auf den Bauch.

„Fertig“, erklärte er und etwas in seiner Stimme machte klar, dass er zu keinen weiteren Kompromissen bereit sein würde. Jez nickte nur, als er das sah und seufzte lautlos. Doch was sollte man machen? Elfen waren eben schamhafte Wesen – er hätte es besser wissen müssen. Doch er machte sich frohen Mutes an die Arbeit und fing an, das warme Öl auf dem zarten Körper zu verteilen.

Bei jeder Berührung zuckte der Elf zusammen. Was war das? Als stünde sein Körper unter Strom, er konnte gar nichts dagegen tun! Die großen Hände auf seinem Körper, wie sie über die Haut strichen, Adalbert fast kirre machten.

Er hielt den Atem an, um zu erspüren, was das war, doch er wurde nicht schlau daraus. Es machte ihn nervös und gleichzeitig fühlte er sich gut. Es verwirrte ihn und machte ihn ruhig – das passte doch alles gar nicht zusammen.

„Ganz ruhig“, sagte Jez leise und ließ seine Hände immer wieder über Adalberts Rücken streichen. Hauptsächlich über die Schultern und die Flügelansätze, die sicherlich auch total verspannt waren. Wenn es ihm gelang, Adalbert etwas zu entspannen, dann könnte er auch die nächsten Tage bis zum Ende der Aufträge noch davon zehren.

Es dauerte noch eine Weile, bis Adalbert wirklich langsam anfing, sich unter den geschickten Händen seines Engels zu entspannen. Er konnte einfach gar nicht anders, sein Körper verlangte es. Nur noch träge sah er sich um und ehe er noch einschlief und wieder das Wichtigste verpasste, versuchte er sich in Konversation.

„Wie kommt's, dass du dich immer irgendwie in die Belegschaft einschleichen kannst, ohne dass einer was merkt?“, fragte er also und sah Jezeriel forschend an, der gerade neben seinem Kopf stand und sich um den Arm kümmerte.

„Engel können das. Sie können den Geist der Menschen und deren Erinnerungen ein wenig verändern. Heute glaubt Warren, ich wäre schon immer hier gewesen und morgen wird er sich nicht mehr daran erinnern, dass wir je hier gewesen sind. Aber für dich und deinen Job ist es doch ganz nützlich, oder nicht?“, fragte er und grinste frech. Adalbert lachte leise.



Zwei Türen weiter war Warren gar nicht zum Lachen. Nervös tigerte er durch den Massage-Raum, kontrollierte immer wieder die Handtücher, Öle und anderen Mittelchen, die er brauchen würde.

Vor gut einer Woche war Dylan abends noch in den Laden gekommen, wo Warren gerade über der Tagesabrechnung gesessen hatte. Grinsend war er immer um den Schreibtisch herum gestrichen, wie ein Kater, der genascht hatte. Dabei hatte er diesen 'ich-weiß-etwas-was-du-nicht-weißt'-Blick drauf gehabt, den Warren so hasste!

Doch sein Bruder benutzte ihn gerade, weil Warren darauf immer ansprang. Er war viel zu neugierig, als dass er Dylan nicht gefragt hätte, egal wie sehr Warren sich auch schwor, nie wieder darauf zu reagieren. Dylan aber hatte etwas Provozierendes in seinem Schweigen und seinem Blick, dem Warren nicht widerstehen konnte. Er musste darauf anspringen – so wie letzte Woche auch.

„Was ist los?“, hatte er seinen Zwillingsbruder angeknurrt und der hatte sich kichernd auf den Schreibtisch gesetzt, Warren tief in die Augen gesehen und gesagt: „Sag ich nicht – sag ich nicht.“ Als wäre es gestern gewesen, wusste Warren noch wie intensiv der Drang gewesen war, Dylan zu würgen. Immer diese Spielchen!

Das ging eine geschlagene Viertelstunde so, bis Dylan plötzlich und ohne Vorwarnung gesagt hatte: „Heute war einer bei mir, der hat sich in dich verliebt.“

Warren hatte diesen Satz immer noch im Ohr. Es war zwar nicht verwunderlich, denn das passierte öfter, dass sich mal ein Mann in ihn verguckte, doch dass Dylan das mit einem Grinsen kund tat, während er sonst nur knurrte, was er sich da schon wieder eingetreten hätte, das hatte Warren neugierig gemacht.

So war das Gespräch auf Phillip gekommen – nicht dass Warren den Namen gekannt hätte, aber den Kerl dafür um so besser. Der blöde Kerl aus der Disco, der es nicht für nötig gehalten hatte, ihn mal anzusprechen, sondern nur zu glotzen, so dass Warren dann ziemlich frustriert mit einem Halb-Türken abgezogen war, der die absolute Oberniete im Bett gewesen war.

Und alles nur aus Frust wegen diesem Kerl, der es nicht für nötig hielt, seinen Blicken Taten folgen zu lassen.

Gut, nun kannte Warren seinen Namen, schon mal ein schöner Schritt in die richtige Richtung. Doch als Dylan ihm auch noch erklärte, der Mann würde hier anrufen und einen Termin machen, weil er Warren gern ausführen würde, da war es vorbei gewesen! Seit diesem Zeitpunkt war Warren nervlich ein Wrack. Er schlief schlecht, er war kaum noch bei der Sache.

Was sollte er mit Phillip denn anstellen?

Und als würde das nicht reichen, buchte Dylan, der ihn am Telefon gehabt hatte, für eine Ganzkörpermassage und machte sich aus dem Staub, als der Termin ran war.

Jetzt hatte Warren doch gar keine andere Chance, als Phillip zu massieren. Zu allem Übel machte man das ja meistens mit einem nackten Kunden! Und wenn der unter den Klamotten nur halb so gut aussah wie mit Klamotten, dann hatte Warren in ein paar Minuten ein Problem, denn der große Zeiger seiner Wanduhr fraß sich über das Ziffernblatt. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Noch vier Minuten – dann war es neun und Phillip sollte hier auftauchen.

Wer rechnete auch damit, dass der Kerl vier Minuten zu früh kam und die Ladenklingel ihn ankündigte, während Warren sich noch gar nicht bereit dafür fühlte? Doch das nutzte nichts. Er musste da jetzt durch. Jezzy kümmerte sich gerade um seinen kleinen Bruder, der konnte nicht einspringen – Augen zu und durch und sehen, was der Tag noch brachte!

Also lief Warren hastig durch den Gang zum Laden vor und atmete noch einmal tief durch. Und wirklich – da stand der Kerl aus dem Schulz und sah sich etwas nervös um. Na prima. Zwei nervöse Typen, die nicht wussten, was sie wollten – oder besser gesagt, die nicht wussten, wie sie erklären sollten, was sie wollten!

„Guten Tag“, grüßte er freundlich, als er den Laden betrat und Phillip schoss zu ihm herum. Er hatte sich erschrocken und nicht damit gerechnet, angesprochen zu werden – auch wenn er im Nachhinein selber zugeben musste, was für eine blödsinnige Spekulation das gewesen war. Er war hier in Warrens Laden. Hatte er wirklich geglaubt, das ginge ohne ein einziges gewechseltes Wort ab? „Guten Tag wünsch ich auch“, entgegnete Phil und holte noch mal tief Luft. Plötzlich war er sich gar nicht mehr so sicher, ob das wirklich eine gute Idee gewesen war!

Er war mit Warren allein, gleich würden die Kleider fallen. Wie sollte er denn da auch nur einen anständigen Gedanken fassen, um sich nicht gleich von seiner schlechtesten – weil triebgesteuerten – Seite zu zeigen?

„Kaffee, Tee?“, fragte Warren, weil schon zu lange Stille herrschte und er diese Atmosphäre nicht mochte.

„Hä? Was?“ Phil hatte nicht richtig zugehört, weil er viel zu intensiv mit seinen Gedanken beschäftigt war und schlug sich nun innerlich vor den Kopf. Er zeigte sich mal wieder von seiner intelligentesten Seite! Glaubte er wirklich, mit solchen Intelligenzausbrüchen könnte er einen Mann wie Warren beeindrucken? „Tut mir leid“, schob er also hinten an, um vielleicht noch etwas zu retten.

„Halb so wild. Ich wollte nur wissen, ob sie Tee oder einen Kaffee möchten“, sagte Warren und lächelte. Na ja, wenigstens war er nicht alleine so drauf.

Phillip lehnte ab, jetzt noch einen Kaffee und sein Puls wäre ein monotones Brummen, weil die einzelnen Töne ihn ihrem Tempo zu einem einzigen Ton verschmolzen. Das war keine gute Idee. Dass er so Warren seine heimlich erhoffte Verschnaufpause nahm, ahnte Phillip nicht.

„Gut, dann gehen wir gleich nach hinten. Machen sie sich frei und legen sich schon mal bequem hin? Ich hole nur fix ein paar Sachen“, log er. Seit einer Stunde war alles da, was er brauchte. Alles hundert Mal kontrolliert und in mindestens dreifacher Ausfertigung. Ein riesiger Stapel Handtücher, Unmengen von Öl, als wolle er Phillip darin baden. Er geleitete ihn zum Massageraum und ging dann weiter.

Sich jetzt noch hin zu stellen und ihm zuzusehen, wie er seinen Körper aus dem störenden Stoff schälte, das konnte sich Warren einfach nicht antun. Also wartete er vor der Tür und lauschte nur auf die Geräusche, die Phillip machte. Dass er sich dabei alles das, was er nicht sah, vorstellte, war nicht förderlich, aber leider auch nicht zu ändern.

Er war frustriert und wenn das heute auch schief ging, dann würde seine Schwägerin in spe morgen Witwe in spe sein. Dylan würde dafür bezahlen, ihn in eine solche Situation zu bringen.

Es war ein Geschenk an sich selber, dass er den Raum betrat, als Phillip sich gerade auf die Liege kniete und die Muskeln unter der blassen Haut massiv arbeiteten. Dass er auch noch seitlich einen Blick erhaschen konnte, als Phillip sich sinken ließ, ließ Warren fast erröten, doch er ließ es sich nicht anmerken.

Er ermahnte sich selbst nur immer wieder zur Professionalität. Nun kam es ganz auf ihn an. Er hatte sich in der letzten Woche hunderte Ideen zurecht gelegt, was er sagen und was er fragen könnte, was unverfänglich war und was nicht. Mehr noch hatte er verschiedene Antworten seitens Phillips durchgespielt und so sich ganze Gespräche ausgemalt. Stundenlang hatte er sich in seinem Kopf mit seinem Kunden unterhalten.

Doch wie würde es heute werden?

„Ich fang mit dem Öl an und check erst mal alles ab. Wenn es unangenehm wird, bitte sagen“, erklärte Warren und fing nun an, seine Finger über Phillips Rücken zu schieben, immer auf einer Ölspur, die es ihm erleichterte und er so jede noch so kleine Unebenheit spüren konnte. Jedes Zucken, jedes Beben, das er mit seinen Fingern durch den großen Körper jagen konnte. Irgendwie war es schön, zu sehen, dass er Phillip wohl nicht gerade kalt ließ.

Darauf konnte man doch aufbauen.

Gern hätte Warren jetzt eines seiner Gesprächsszenarien in Gang gebracht, doch er war sich unschlüssig. Sollte er Phillip sagen, dass er wusste, dass er bei Dylan im Römerbad gewesen war oder sollte er so tun, als wäre er dessen nicht kundig? Beides hatte Vor- und auch Nachteile und wenn mal rauskam, dass er Phillip belogen hatte? Aber wenn... dann... unentschlossen strichen seine Hände weiter über die Schultern und verteilten erst einmal das Öl auf der Haut, die es gierig aufnahm.

„Du solltest öfter mal zur Creme greifen, deine Haut ist völlig trocken“, sagte er und Phillip versteifte sich kurz.

Was hatte Phillip auch erwartet?

Er selber hatte noch nie viel für seinen Körper getan. Wasser und Seife mussten reichen. Gerade mal Rasierwasser und Duftwässerchen, aber Puderchen, Cremes und Lotionen waren noch nie sein Ding gewesen. Dass er sich ausgerechnet in einen Kosmetiker vergucken würde, der diese Raubzüge an seiner Haut bemerken würde, war ja damals auch noch nicht geplant gewesen.

„Hm“, machte er also, weil er nicht wusste, was er sagen sollte. Er war viel zu nervös etwas Dummes von sich zu geben. So merkte er gar nicht, wie er Warren blass werden ließ. War das die ganze Antwort? Mehr hatte Phillip nicht zu sagen? Da baute er nun Brücken und Phillip ging nicht mal bis zur Mitte?

Er sollte ja nicht gleich zum Alleinunterhalter werden, aber mal eine Antwort, die aus mehr als einem Wort bestand, wäre doch nicht schlecht. Oder war das zu viel verlangt? War Phillip nur noch hier, weil er den Termin gemacht hatte und nicht absagen wollte und das eigentliche Interesse an Warren schon verloren hatte? Warum ging er auf nichts ein? Das machte den Kosmetiker ziemlich nervös.

So vergingen die nächsten Minuten wieder schweigend. Die Luft im Raum war irgendwie ziemlich dick. Jeder wartete nun darauf, dass der andere etwas sagte, doch der schwieg sich aus.

Was sollte Phillip auch sagen. Er hatte keinen Schimmer, ob Warren wusste, warum er eigentlich hier war, dass die Massage nicht das war, was er von Warren gern gehabt hätte. Doch er kannte keinen diplomatischen Weg, der nicht verzweifelt gewirkt hätte.

Er lag nackt vor dem Kerl, den er gern beeindrucken wollte und der hatte nun alle Zeit der Welt, ihn genau zu betrachten. Je klarer Phillip dies wurde, umso schneller schlug sein Herz. Was, wenn er Warren überhaupt nicht gefiel. Wenn dieser Muhrat das war, was Warren suchte, dann hatte Phillip abgegessen.

„Sag mal“, fasste sich Phillip schlussendlich mit leicht belegter Stimme ein Herz. Er hatte nur diese eine Chance und es würde keine zweite kommen. Er musste sie nutzen oder sich diesen Mann ohne einen Versuch aus dem Kopf schlagen. Das würde er sich selber nie verzeihen. „Sag mal“, fing er also erneut an und merkte nicht einmal, wie er Warren wie selbstverständlich duzte. Doch der wehrte sich nicht dagegen, ganz im Gegenteil.

„Was denn?“, wollte er wissen und hielt inne. Er war immer noch angespannt.

„Na ja, hat dein Bruder dir erzählt, was im Römerbad passiert ist?“, fragte Phillip, froh darüber, dass er Warren nicht ins Gesicht sehen musste. So war das Reden doch noch etwas einfacher.

„Passiert?“, fragte Warren jetzt doch etwas irritiert nach. Dylan hatte ihm definitiv nicht erzählt, dass da was passiert war. Nur dass der Kunde ihn verwechselt und eingeladen hätte. Was hatte ihm sein Bruder denn verheimlicht?

„Na ja“, sagte Phil. Im Nachhinein kam er sich so albern vor. „Ich hatte ihn für dich gehalten und hatte ihn darum gebeten, mit mir auszugehen.“

Warren lachte leise und so sah sich Phillip doch etwas verstört um. Warum lachte der Typ denn jetzt? Er versuchte sich langsam zu ihm vorzutasten und der lachte? Doch da hatte sich Warren schon gefangen.

„Ja, das hat er mir erzählt und es sichtlich genossen“, sagte er und fing wieder an, über den kräftigen Rücken zu streichen. Phillip war genau das, was er suchte. Er war groß und kräftig. Man musste im Bett nicht die Angst haben, etwas kaputt zu machen, wenn man sich mal richtig gehen ließ. Nur dass er so schüchtern war, wie Warren auch, war im Augenblick eher hinderlich.

„Er hat es genossen? Wie soll ich das verstehen?“, fragte Phillip. Seine Stimme klang gepresst, weil er versuchte, so weit es nur ging, über seine Schulter zu sehen, um Warren nun doch ansehen zu können. Ihre Blicke trafen sich und Warren lächelte.

„Er genießt es immer, wenn er mich ärgern kann“, sagte Warren und versuchte, mit schonungsloser Ehrlichkeit, Phillip weiter heraus zu locken. Er hätte auch nichts dagegen gehabt, der würde seine unbequeme Kopfhaltung aufgeben und sich umdrehen, so dass Warren ihn etwas bewundern könnte. Doch er verbot sich diesen Gedanken, sondern ging um seinen Kunden herum, um ihn von der Qual eines verdrehten Halses zu erlösen.

„Wie kann er dich ärgern, wenn er dir sagt, dass ich ihn verwechselt habe?“, fragte Phillip. Er hatte die Arme wieder unter dem Kinn verschränkt, denn nun stand Warren direkt vor ihm, ging in die Hocke, damit Phillip sich nicht mehr verdrehen musste.

„Na ja“, lachte Warren und ließ sich nun in den Schneidersitz fallen, „er genießt es sichtlich, mir immer nur Informationshappen zuzuwerfen und mich nach mehr geifern zu lassen. Und mal ehrlich. Wenn man hört, dass jemand da war, der einen selber gern ausführen wollte, wer wäre da nicht neugierig“, sagte er und legte den Kopf schief.

Jetzt war es an Phillip, etwas dazu zu sagen. Okay, es war nicht fair, solch ein Gespräch zu führen, während einer von beiden nackt war und nicht einfach gehen konnte, wenn er wollte. Aber Warren musste das jetzt wissen. Es hatte ihm eine Woche lang schlaflose Nächte bereitet und er hatte alle Künste der Kosmetik aufbringen müssen, damit man das morgens nicht sah. Alles andere wäre ja rufschädigend gewesen.

Waren es diese Nächte nun wert oder waren sie verschwendet?

„Ach so“, war vorerst alles, was Phillip sagen konnte. Er wusste nicht, wie er Warrens Worte einordnen sollte. Er wusste selber, dass er gern in Stimmlagen, Wortwahl und Gesichtsausdruck viel zu viel hinein interpretierte, was gar nicht da war, aber so war er nun einmal. Er konnte da auch nicht aus seiner Haut.

Als er allerdings an Warrens Gesicht ablesen konnte, dass er gerade etwas ziemlich falsches gesagt haben musste, schob er nach: „Er sah dir so ähnlich, da habe ich ihn für dich gehalten. Das tut mir leid.“ Er kratzte sich verlegen hinter dem Ohr, was sollte er denn nur sagen?

Einfach mit der Tür ins Haus fallen und sagen: Lass die Pfoten von dem Türken, nimm mich, ich mach dich glücklich? Das wäre die Wahrheit, aber nicht gerade die diskrete Art, um jemanden zu umwerben. Er war in so was noch nie gut gewesen, verdammt noch mal! Warum konnte denn Warren nicht auch mal was sagen?

So sahen sie sich an.

„Warum hast du im Schulz nichts gesagt?“, fragte Warren plötzlich, denn diese Frage brannte ihm unter den Nägeln. Sie machte ihn so nervös, dass er angefangen hatte, an seiner Hose herum zu piddeln. Erwartungsvoll sah er Phillip an, der erst mal schluckte. Was sollte er denn jetzt sagen? Hastig schob er seine Gedanken hin und her. Er wollte nicht lügen. Wenn Warren so offen fragte, hatte er die Wahrheit verdient.

„Ich“, setzte er also an, brach aber wieder ab. Er wusste nicht, wie er seine Feigheit in Worte fassen sollte. „Ich“, versuchte er es also noch einmal. „Es lag nur daran, dass du aussiehst, wie du aussiehst“, sagte er und schloss kurz die Augen. So sah er nicht, wie Warren langsam die Gesichtszüge entgleisten. Was sagte Phil da? Er hatte ihn nicht angesprochen, weil er so aussah, wie er aussah? Was war das denn für ein oberflächliches Arschloch! Er war also nicht hübsch genug für ihn! Oder wie war das zu verstehen?

Als Phillip die Augen wieder öffnete und sah, wie sich Warrens Gesicht verschlossen hatte, resümierte er seinen Satz und begriff erst jetzt, wie man das auch hätte auffassen können.

„Nein!“, rief Phillip und stützte sich auf, kam mit dem Oberkörper weit nach oben. „Ich wollte doch nur sagen, dass die Kerle an dir kleben, als hättest du Würstchen in der Tasche. Jeder will dich haben und ich bin doch eh nicht auffällig genug, um in dem Pulk so viel Aufmerksamkeit zu erzeugen, dass ich dir auffalle unter all den Typen. Da dachte ich, ich seh mich an dir satt und geh dann heim“, gestand er.

Seine Stimme war zum Ende hin immer leiser geworden, denn er hörte selber nur zu deutlich, wie kläglich und armselig das eigentlich klang. Er machte indirekt doch Warren den Vorwurf, dass er zu begehrt war.

„Ach Mist, ich weiß doch auch nicht, wie ich das sagen soll. Ich bin eben zu feige, dich anzusprechen und habe es hingenommen, dass du mit diesem Arsch heimgehst“, knurrte er und ließ sich wieder sinken, während Warren leise grinste. Bildete er sich das nur ein oder war Phillip eifersüchtig gewesen?

„Ich hätte dir die Füße geküsst, wenn du mir diesen Spinner erspart hättest“, lachte Warren und kam langsam näher.

„Tut mir leid“, gestand Phillip leise, er wusste nicht, was er sagen sollte. Er fühlte sich unbehaglich, denn er konnte nicht verstehen, warum Warren ihn so ansah. Es ging ihm durch und durch. „Aber ich weiß, wo mein Platz ist und da bleibe ich auch“, murmelte er. Doch Warren hob mit einem Finger sein Kinn und zwang ihn, in die hellen Augen seines Gegenübers zu sehen.

„Oh nein, Phillip. Du hast keinen Schimmer, wo du hingehörst. Wenn du das gewusst hättest, wäre ich mit dir nach Hause gegangen und nicht mit ihm“, sagte Warren leise. Es schnürte ihm die Kehle zu, so nervös war er. Bitte sag was – bitte sag was!, dachte er immer wieder. Sag das richtige! Sag was ich hören will!

Doch Phillip sah ihn nur an.

Hinter seiner Stirn schossen Gedanken hin und her.

Hatte er Warren wieder falsch verstanden? Doch der nahm ihm resigniert die Entscheidung ab, als er die Augen schloss und seine Lippen auf Phillips presste. Bei dem Kerl hatte reden keinen Sinn, das war nicht Warrens Stärke. Vielleicht begriff er jetzt die subtilen Anspielungen.

Anfangs unsicher, ließ Phillip es nur zu, doch als er endlich begriff, was passierte, wurde er intensiver. Er küsste Warren ausgehungert und kam langsam nach oben, kniete nun auf der Liege, während Warren vor ihm stand. Sie umarmten sich eng, Hände strichen hastig über nackte Haut und ihre Lippen bewegten sich immer schneller.

Ihre Zungen spielten das alte Spiel und ehe das hier ausartete, griff eine Hand nach dem kleinen, goldenen Licht, das zwischen ihnen entstand und steckte es einem unsichtbaren, weil durch Engelsflügel verborgenen, Elfen zu.

Ein kleiner Schritt, näher an Adalberts Traum.